Auf Messers Schneide (The Razor’s Edge, USA 1946) #Filmfest 442

Filmfest 442 Cinema

Auf Messers Schneide (Originaltitel: The Razor’s Edge) ist ein US-amerikanisches Filmdrama von Edmund Goulding aus dem Jahr 1946. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von William Somerset Maugham. Im Jahr 1984 entstand unter gleichem Titel eine Neuverfilmung.

Schade wieder einmal, dass ich den Roman vor so langer Zeit gelesen habe, dass ich unmöglich die Umsetzung als Film beurteilen kann. Mit der Zeit eignet man sich jedoch eine gewisse Fähigkeit an, Vorzüge und Mängel des Films auf die Vorlagen zurückzuführen – oder darauf, dass es sich um Literaturverfilmungen oder die Adaption von Theaterstücken handelt, nicht um Originaldrehbücher. Wie sich das bei der Verfilmung von The Razor’s Edge ausnimmt, der ersten des erst zwei Jahre zuvor erschienen Romans von W. Somerset Maugham, darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung   

Zerrüttet von der Erfahrung des Ersten Weltkriegs löst der Amerikaner Larry Darrell seine Verlobung auf, um auf Reisen zu gehen und nach Antworten zu suchen. Schließlich gelangt er nach Indien, wo er zu sich selbst findet. Seine ehemalige Verlobte Isabel hat inzwischen einen anderen Mann geheiratet, liebt aber nach wie vor Larry. Als Larry nach seiner Rückkehr eine Beziehung zu einer gemeinsamen Freundin aus Kindertagen beginnt und sie heiraten will, vereitelt Isabel dies. Die Figur des Schriftstellers W. Somerset Maugham berichtet als Beobachter von diesen Beziehungswirren.

Der Roman wird in der Wikipedia wesentlich ausführlicher beschrieben. Unterschiede zum Film:

  • Die „deutsche Episode“ wurde nicht erwähnt,
  • Die Konversion zum Katholizismus bei Elliot wird nicht thematisiert.
  • Der Akzent liegt mehr auf Larry, Elliot und Isabel sind nahezu gleichberechtigte Figuren, Sophie wird deutlicher zurückgesetzt.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Für ihre Rolle als Larrys neue Liebe [Sophie, A. TH] erhielt Anne Baxter den Oscar in der Kategorie Beste Nebendarstellerin. Clifton Webb war für seine Rolle des weltmännischen Onkel Elliott als Bester Nebendarsteller nominiert. Außerdem waren der Film als bester Film und die Szenenbildner und Dekorateure Nathan Juran, Richard Day, Thomas Little und Paul S. Fox für das Beste Szenenbild nominiert.

Seine neue Liebe ist sie für mich nicht gewesen, ich teile eher die Ansicht Isabels, dass zumindest ein Anteil von Mitleid dabei war, als Larry sie heiraten wollte. Trotzdem spielt Anne Baxter ihre Szenen als etwas pummelige Alkoholikerin recht intensiv ich kann, wenn auch knapp, nachvollziehen, dass man sie dafür ausgezeichnet hat. Dass sie zu sporadisch auftaucht, weist auf ein Problem hin, das der gesamte Film nicht verbergen kann: Die Erzählstruktur des Romans war nicht so leicht in eine stringente Dramaturgie fürs Kino zu übertragen, zumindest hat man das 1946 noch nicht geschafft.

Möglicherweise hat der Respekt vor dem Autor der Vorlage dabei eine Rolle gespielt. Die Folge ist, dass man für einen Film aus dem Jahr 1946 zu viele Schwarzblenden sieht, mit denen verdeutlicht werden soll, dass die Handlung einen Sprung macht und dass man sich als Zuschauer*in bitte auf ein neues Szenario einstellen möge.

Über die Darstellung von Tyrone Power als Larry bin ich mir nicht ganz klar. Einerseits wirkt er präsent, andererseits ein wenig zu gutaussehend und äußerlich unbeschädigt, nach den einschneidenden Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, man darf annehmen, als Soldat im Schützengrabenkrieg an der Westfront. Die Sinnsuche beschäftigte nach der in jener „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ verlorengegangenen Sicherheit viele Menschen und viele von ihnen suchten interessanterweise in Paris nach ebenjenem Sinn des Lebens. Oder zumindest nach einem künstlerischen Ansatz, einem literarischen, einem solchen als bildender Künstler. In amerikanischen Filmen und Büchern ist diese Sinnsuche sehr häufig thematisiert worden. In französischen glücklicherweise weniger, zwischen den Kriegen, vor allem mit dem Beginn des poetischen Realismus in den frühen 1930ern, nahm man dort eher „Alltagsmenschen“ in den Blick. Ein wenig erinnerte mich „Auf Messers Schneide“ z. B. an „Schnee am Kilimandscharo“, für den Ernest Hemingway die Vorlage geliefert hatte.

Allerdings spielt dort der Krieg selbst eine wichtigere Rolle, mitten in ihm entsteht die große Liebe, und das lässt vieles plastischer hervortreten, was uns in „Auf Messers Schneide“ durch den Narrator, Somerset Maugham selbst, vermittelt werden muss. Maugham wirkt wie eine Tür durch die Vierte Wand, immer beobachtend, im Wesentlichen nur eingangs kommentierend, weil man das, was er sagt, danach in Dialoge fasst. Trotzdem ist er derjenige, aus dessen Perspektive erzählt wird – wenn auch nicht mit der Konsequenz, dass er immer anwesend ist, wenn sich etwas Entscheidendes ereignet.

Ein weiteres Problem neben den offensichtlichen Schwierigkeiten mit der Dramaturgie stellt die für ihre Zeit sehr literarische Sprache des Films dar, die dieses Urteil verständlich macht:

„Eine bemühte, aber etwas schwerfällige Verfilmung des ironisch philosophierenden Erziehungsromans von W.S. Maugham.“  – Lexikon des internationalen Films[1]

Ironie ist der Verfilmung eher fremd, wenn man von der Figur des Elliot absieht. Diese Sprache führt leider nicht dazu, dass die Sinnsuche so richtig – nun ja, einen Sinn erhält, sodass ich immer wieder geneigt war, die Ungeduld Isabels mit Larry nicht abwegig zu finden. So richtig zu quälen scheint er sich mit der Entscheidung „Geld und Liebe oder kein Geld und keine Liebe“ nicht, obwohl Tyrone Power bei 20th Century Fox den wunderbar sanften und zurückhaltenden Duktus des nachdenklichen Beaus fortsetzt, den Henry Fonda in den späten 1930ern begründet hatte und der sich deutlich von dem unterscheidet, wie in den meisten US-Filmen jener Jahre gesprochen wird. Freilich abhängig vom Genre und der sozalen Herkunft der Figuren. Weitere Charaktere in „Auf Messers Schneide“, besonders Elliot, sind etwas schneidiger in der Art, wie sie ihren Text darbieten – und oberflächlicher, auch  um den Kontrast zum tiefgründigen Larry zu verkörpern. Ich habe den Film im Original angeschaut, ungekürzt und schön restauriert, sodass das Bild ruhig, der Ton klar und das Meiste für mich verständlich war, was gesagt wurde. Deutsche Synchronisationen amerikanischer Filme aus den späten 1940ern und den 1950ern kommen interessanterweise dem sehr nah, was insbesondere Tyrone Power hier bietet. Trotz der literarischen Vorlage, die dazu verführt hat, ist der Film etwas zu dialoglastig und zu lang geraten, nimmt bereits die Gesellschaftsdramen der späten 1950er und frühen 1960er vorweg, in denen die Figuren sich sehr stark selbst erklären, in denen immer mehr gesprochen anstatt gezeigt wird. Den Knoten, der sogar Komödien ermüdend machte, hat erst New Hollywood durchschlagen, indem es zu den Wurzeln des knackigen visuell geprägten Kinos zurückkehrte und auch zu den kritischen Tönen, die Anfang der 1930er durchaus üblich waren.

Nicht eindeutig ist auch meine Haltung dazu, dass eben viel gesprochen wird und die Dialoge teilweise deutlich verraten, dass hier ein Autor mit großem Sprachvermögen der Vorlagengeber war, aber Szenen wie jene, in denen Maugham sich über die Schönheit von Isabel und speziell ihre Hände auslässt, wirken nicht vollständig integriert. Sie rekurrieren auf die äußeren Vorzüge einer Frau von schwierigem Charakter, die sehr willensstark ist, sich aber nicht von einem Mann lösen kann, der ganz fern von ihr ist und die sogar seine neue Verbindung zu einer anderen Person zerstört. Stellenweise ist der Film möglicherweise sogar zu beobachtend, obwohl ich es prinzipiell mag, wenn Figuren wie Isabel sich ambivalent verhalten und man nicht umhin kann, sie trotz einiger boshafter und materialistischer Züge als faszinierend zu empfinden. Larry hingegen wirkt mit seiner Skepsis den Werten von Geld und Macht gegenüber sehr sympathisch und man nimmt Tyrone Power diesen Typ insofern ab, als er nicht unbedingt in einer Heldenrolle brillieren muss. Trotzdem hätte ich mir seine Konversion packender und nicht so extrem passiv-reaktiv gewünscht. Die Geschichte im Ashram wird ziemlich ungelenk eingeleitet und man neigt heutzutage natürlich dazu, ein wenig darüber zu frotzeln, wie doch Erweckungserlebnisse im Himalaya zu den Menschen kommen wie die Jungfrau zum Kind. Man denkt unwillkürlich an die Hippie-Bewegung, die Indien ca. 20 Jahre nach dem Film als den Ort ihrer Wahl entdeckt hatte. Haben alle, die nach Goa gingen, „Auf Messers Schneide“ gesehen und waren beeindruckt in Relation zum übrigen Film vom auffallend wenig erklärten Eintreffen des Sinnes bei Larry? Vielleicht war dieser Unterschied auch so gedacht, aber auch der Guru sagt viel Philosophisches, unter anderem bringt er das Bild von des Messer Schneide, die schwer zu überqueren sei, dahinter liegt Erkenntnis und Güte, jedoch, ohne Larry wirklich weiterzubringen, da muss erst der Berg rufen und es muss der höchste denkbare Berg sein. Die Bergspitze als Schneide und Scheide zwischen dem unbewussten Leben der Masse und der eitlen Socialites und dem Sein als gütiger und weiser Philosoph? Schon möglich.

Danach wird Larry nicht etwa buddhistischer Priester, sondern kehrt zurück nach Paris und lebt sein Leben weiter, wenn er in die USA zurückgeht, dann als Automechaniker oder dergleichen und Isabel ist wieder einmal nicht amüsiert. Im Grunde ist der Unterschied zu dem, was er vorher schon bei den einfachen Menschen im Kohlebergbau sucht, nicht so groß, wenn man das Ganze etwas distanziert betrachtet. Vermutlich hat man die religiöse oder spirituelle Dimension des Films gegenüber dem Buch zurückgefahren, anders lässt sich die zu wenig prägnante, dafür redundant wirkende Sinnsuche nicht erklären, die zehn Jahre dauert, die andauert, während andere Vermögen gewinnen und verlieren, während entwurzelte echte und falsche Adelige das Leben in der High Society erst als das erscheinen lassen, was es im Grunde bis heute ist: Als Ansammlung von Parvenüs und unnützen Personen. Larry wird schon immer irgendwie durchkommen, das spürt man, und vielleicht sind es die Autos. Viele Männer haben in Autos, sogar in Taxis, als Einzelunternehmer, tatsächlich ihr Glück gefunden. Und wenn Geschäftsleute pleitegehen, dann wirkt das bei weitem nicht, als ob soziale Not herrscht, wie man am Leben von Isabel und Gray sieht, der vom Börsencrash des Jahres 1929 kalt erwischt wird, während der schlaue Elliot short gegangen ist und noch reicher wurde. Eine typische Händlerseele, trotz seiner Allüren, seines Snobismus, ausgestattet mit dem Sinn für die Schnäppchen und Occasionen dieser Welt. Er wiederum hat einen berührenden Abgang, der uns an die Vergänglichkeit jener Welt und besonders der Eitelkeit erinnert. Aber ist er deshalb weniger ein Mensch, der Spuren hinterlässt, als Larry? Larry wird von Maugham schon zu Beginn so eingeführt: Es sei durchaus möglich, dass aus ihm kein bedeutender Mensch werden wird. Der Sinn von allem muss auch nicht sein, dass man sich bedeutend fühlt und von anderen so wahrgenommen werden wird.

Erlesen ist stellenweise die Kombination von Bebilderung und Musik. Alfred Newman hat einen Score geschrieben, der Stellen aufweist, die ich als „Isabels“ oder „Isabels und Larrys Thema“ bezeichnen möchte. Die berührendsten Stellen des Kinostücks verknüpften sich bei mir mit den Szenen, in denen dieses Thema gespielt wurde, besonders mit jener, in der Isabel in ihrem schwarzen Abendkleid die Treppe hinabschreitet. Die Filme der 1940er haben eine Atmosphäre, die es nie zuvor und danach nie wieder gab. In wenigen Sekunden kann auch ein Film wie „Auf Messers Schneide“ zumindest bei mir das Gefühl auslösen, mittendrin zu sein und ich würde am liebsten durch den Bildschirm hindurch in den Raum treten und mich von der Stimmung mitnehmen lassen. Es ist magisch. Besonders im Film noir natürlich, und als solcher wird „Auf Messers Schneide“ in der Wiki-Biografie von Tyrone Power bezeichnet. Allerdings waren viele Noirs sehr erfolgreich, waren von der Anlage her Krimis bzw. Thriller und trotz des Mordes an Sophie fehlt dieses Element in „Auf Messers Schneide“, daher ist er für mich ein Drama und vielleicht eine Tragödie, was Sophie angeht und wenn man sich davon löst, dass sie eine Nebenfigur ist, außerdem ist er für einen guten Noir eben zu lang, zu episch, zu literarisch.

Finale

Die IMDb-Nutzer erkennen das „Bemühte“ des Films heute an, indem sie ihn mit guten 7,4/10 bewerten. Er wird offensichtlich doch als gehaltvoll, stilvoll und im Ganzen schlüssig betrachtet, ohne dass man ihn als herausragend apostrophieren würde. In kritischen Rezensionen wird das geechot, was ich oben beschrieben habe, der literarische und überbordende Dialog als prätentiös bezeichnet, aber auch die Schaupieler*innen kommen teilweise nicht gut weg. Ich sehe die Darbietungen nicht so negativ und es fällt mir schwer, diesen stylischen und atmosphärisch dichten Filmen aus den 1940ern eine schwache Bewertung zu geben, auch wenn sie erkennbar Schwierigkeiten mit der Umsetzung eines interessanten Buches haben und trotz der Tatsache, dass ich Larry nicht als „zerrüttet“ wahrgenommen habe. Aber diese Formulierung ist ja auch die Sicht jender, welche die Wiki-Handlungsbeschreibung erstellt haben. Sicher übersteigen die Ambitionen hin und wieder das Können der Beteiligten, aber es kommt darauf an, wie sehr. Es gibt übrigens eine Neuverfilmung aus dem Jahr 1984. Wissen Sie, wer darin die Hauptrolle des Larry spielt? Bill Murray! Das hätte nun auch niemand vermutet, im Jahr darauf war er als Geisterjäger sehr erfolgreich. Man kann auch sagen, da hat jemand den Sinn von allem und seine Bestimmung gefunden.

Der berühmteste Film von Regisseur Edmund Goulding ist übrigens „Menschen im Hotel“ (1932), der von Beginn an Klassikerstatus hatte und mit seinem theatralischen Stil den Tonfilm erst zum großen Drama machte („Leave me alone!“). Wir lassen Sie jetzt damit allein, ob Sie sich zweieinhalb Stunden lang eine gemächliche, aber nicht unambitionierte Maugham-Umsetzung anschauen möchten.

68/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Edmund Goulding
Drehbuch Lamar Trotti
Produktion Darryl F. Zanuck
Musik Alfred Newman
Kamera Arthur C. Miller
Schnitt J. Watson Webb Jr.
Besetzung

 

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