Markt ist Macht, ist politisch +++ E-Commerce, Startups, Online-Marktplätze +++ China | #Frontpage | Statista | #Marketplace #ECommerce #Amazon #Alibaba #China #USA #ebay #Taobao #TMall #JD #EU

Frontpage | Wirtschaft | E-Commerce und politische Macht

Es ist nicht zu übersehen: Online kaufen ist das Größte. Die Online-Plattformen haben zwar in Europa noch nicht mehr Marktanteile am Konsum als der Präsenzhandel, aber der Trend ist eindeutig und er beschleunigt sich durch Corona. Wir wagen eine Prognose: Überleben werden Geschäfte, bei denen Kaufen Eventcharakter hat, vor allem im hochpreisigen Segment, kleine, sehr individuelle Nischenanbieter, möglichst mit eigener Manufaktur, mindestens eigenen Marken, der Billigsektor mit niedrigen technischen Zugangsvoraussetzungen. Und Branchen, in denen es darum geht, Kunden im Wortsinn passgenau zu bedienen.

Wer es gewöhnt ist, alles maßgeschneidert zu bekommen, wird nicht einfach aufs Internet umsteigen, auch wenn es Versuche in diese Richtung gibt, die natürlich wieder eine Preisersparnis versprechen möchten. Alle anderen werden Schwierigkeiten bekommen, vor allem, wenn die in Diskussion stehende begründungslose Rückgabemöglichikeit innerhalb von 14 Tagen erhalten bleibt. Vielleicht wird der Präsenzhandel sich damit durchsetzen, dass dies nicht mehr so uneingeschränkt möglich ist. Aber auch dies wird den Trend nicht umkehren. Die einzigen, die das können, sind wir als Verbraucher, indem wir uns eine ähnliche Mentalität zulegen wie beim Kaufen regionaler Lebensmittel: Sind uns unsere Innenstädte und deren Vielfalt wichtig? Gefragt sind dabei weniger Menschen, die auf dem Land wohnen, bei denen es auch ökologisch Sinn ergibt, sich Gebrauchsgegenstände schicken zu lassen, anstatt mit dem eigenen Auto zig Kilometer zu fahren, sondern wir Großstädter*innen, die (fast) alles, was das Konsumentenherz begehrt, in nächster Nähe haben.

In den Zeiten von Corona ist das alles nicht einfach, aber danach sollten wir noch einmal neu nachdenken. Die führenden E-Commerce-Konzerne haben außerdem eine Größenordnung erreicht, mit der sie politische Macht gewinnen. Nicht nur in Form ihrer Lobbyverbände, wie die Automobilindustrie, sondern auch einzeln. Wir werden das im Folgenden vor allem anhand der zweiten Grafik erläutern. Die erste zeigt hingegen, dass 2020 die Gründung neuer Online-Handelsplattformen erstmals seit Langem zurückgegangen ist. Vielleicht hätte man in den Zeiten von Corona darauf tippen können, dass das Gegenteil der Fall ist, aber es ist mittlerweile auch eine gewisse Sättigung erreicht und die Großen schlucken gerne mal wieder die Kleinen. Einfach mal ein aus den USA abgegucktes E-Business als Startup und schon kann man es in ein paar Jahren für viele Millionen Euro verkaufen, diese Goldgräberphase geht langsam zu Ende. Das sieht man auch daran, dass sich „Pioniere“ (in Deutschland immer in Anführungszeichen zu setzen) mittlerweile in solchermaßen konservativen Branchen wie der Immobilienwirtschaft nach Anlagemöglichkeiten umschauen und dort die Blase weiter vergrößern helfen, wie etwa die Samwer-Brüder (Zalando u. a.).  

 

Seit 1995 gibt es eBay. Das Unternehmen ist gewissermaßen die Mutter aller Online-Marktplätze. Und es zählt auch ein Vierteljahrhundert später noch zu den fünf weltweit führenden elektronischen Marktplätzen zum Verkauf von Produkten, wie die Analyst_innen der ecommerceDB in ihrer Studie die „Top 100 online marketplaces in 2020“ zeigen. Der zufolge sind die führenden Marktplätze der Welt zu fast 60 Prozent Generalisten. Lediglich in den Segmenten Mode sowie Elektronik & Medien hat sich eine nennenswerte Zahl erfolgreicher Plattformen etabliert (…). Richtig Fahrt aufgenommen hat das Geschäftsmodell erst ein Jahrzehnt nach der eBay-Gründung: 85 Prozent der Top 100-Marktplätze sind ab 2006 gestartet. (Hier zur Statista-Grafik, zum vorstehenden Begleittext und zu weiteren Infos).

Als ich 2002 erstmals bei E-Bay gekauft hatte, konnte man schon erahnen, wie die Entwicklung sein wird, obwohl die Online-Auktionen etwas wirklich Innovatives waren, was man in der Präsenz-Realität nicht in dieser umfassenden Form nachbilden konnte. Das allererste Produkt, das ich dort erworben hatte, war ein „refurbishter“ Laptop. Zu einem Preis, der heute üblicherweise für Mittelklasse-Neugeräte verlangt wird, und dann gab es auch noch Probleme mit dem CD-Laufwerk. Allerdings wurde das Gerät schon zum Festpreis angeboten, ersteigert habe ich erst später das eine oder andere Teil. Eigenes verkauft bzw. versteigert bis heute nicht.

Klar, es macht Spaß, man kann es auch professionalisieren, aber bei Festpreisen für Neuware entfällt dieser Witz doch und das Schnäppchen jagen verlagert sich auf den Preisvergleich verschiedener Anbieter. Bei diesem Vergleich stellt sich oft heraus, dass Amazon zu den günstigen zählt, und wenn man sowieso dort ein Konto hat … Sie kennen diesen Effekt vermutlich. Es spielt sich ein, wird vertraut, die Ethik tritt in den Hintergrund. Tut sie bei mir jetzt aber nicht vollständig. Wenn ich online kaufe, dann meist woanders, sofern die Preisunterschiede nicht exorbitant sind. So könnten wir ja alle mal denken: regional und in Präsenz kaufen und für den guten Zweck ein paar Euro drauflegen. Dann würde nicht passieren, was sich in der nächsten Grafik zeigt:

eBay gibt es bereits seit 1995. Das US-Unternehmen dürfte bis in die 10er-Jahre hinein der größte Online-Marktplatz der Welt gewesen sein. Mittlerweile reicht es aber nur noch für den fünften Rang, wie eine eCommerceDB-Analyse der Top 100 Marktplätze zeigt. Mehr noch: Der Bruttowarenwert (GMV) war 2019 bei eBay im Gegensatz zu allen anderen der Top 5-Plattformen rückläufig. Klarer Gewinner ist Alibaba, dass mit seinen Plattformen Taobao und Tmall 2019 auf fast eine Billion US-Dollar GMV kommt. Amazons Marktplatz schafft es mit fast 400 Milliarden US-Dollar auf den dritten Platz vor JD.com (301,9 Milliarden US-Dollar). (Hier zur Statista-Grafik, zum Begleittext und zu weiteren Infos).

Wie sich die Handelswelt innerhalb von 20 Jahren verändert hat, das sieht man hier sehr deutlich. Was mich wirklich überrascht hat: Amazon nur auf Platz 3. Und die beiden ersten Anbieter gehören zum selben Konzern. Was an der Nr. 4 auffällt: Auch JD.com ist ein chinesisches Unternehmen. Was wir hier sehen, ist eine chinesische Marktdominanz von ca. 70 Prozent auf den ersten fünf Plätzen. Mein heimischer Lieblingsanbieter steht selbstverständlich nicht auf dieser Liste der Giganten, denn allein in Deutschland verkauft er nicht einmal ein Drittel so viel wie Amazon. Gäbe es nicht eine noch halbwegs funktionierende globale Marktaufteilung zwischen den Gigastores des Internets, wären Alibaba & Co. auch bei uns bald uneinholbar führend. Die chinesischen Unternehmen haben den unschlagbaren Vorteil, dass sie direkten Zugriff auf die heimischen, immer noch günstigen Werkbänke haben und natürlich auch auf andere im südostasiatischen Raum und überall spricht man in mehrfache Hinsicht eine ähnliche Sprache. Außerdem ist Südostasien ein riesiger Markt von ca, 2 Milliarden Menschen, allein die Skaleneffekte bei den dort erzielten Umsätzen sind für uns beinahe unvvorstellbar.

Und damit wird es politisch. Es versteht sich angesichts solcher Zahlen von selbst, dass Amazon einen höheren Börsenwert hat als irgendein Industrieunternehmen, obwohl es rein gar nichts herstellt (außer Filme und ein paar eigene Waren, die aber Mee-Too-Produkte sind, wenn man es genau nimmt). Mit ihren gewaltigen Börsenwerten nehmen diese Unternehmen natürlich auch ein Einfluss und sie sprengen die Solidarität der Staaten untereinander: Wenn Amazon in Irland Jobs durch seine Europa-Zentrale schafft, ist es den Iren relativ egal, ob sie das mit Steuerdumping erreicht haben und ob andere Volkswirtschaften darunter leiden, dass Amazon den Präsenzhandel an die Wand drückt und nur am (minimale) Steuern zahlt, nicht aber dort, wo die großen Umsätze gemacht werden. Solche Konzerne anzulocken, haben einige Länder richtiggehend zum Geschäftsmodell gemacht und das ist ebenso kritisch zu betrachten wie die Kapitalsammelstellen in aller Welt. Den Nachteil haben die Staaten und vor allem die Menschen in den Staaten, in denen versucht wird, noch etwas wie eine industrielle Wertschöpfung zu erzielen. Allein der Preisdruck durch die Gigakonzerne ist eine massive Form von Ausbeutung und ihre politische Einflussnahme dient nicht etwa der Demokratieförderung, davon dürfen wir nicht ausgehen, denn das würde den Profit von Konzernlernkern wie Jeff Bezos ein wenig schmälern, dass alle etwas mehr von allem haben, was sie selbst erarbeiteen.

Nun hat man also Amazon vor Augen, deswegen haben wir Jeff Bezos, dessen Gründer, erwähnt. Man stelle sich aber diese Power verfielfacht vor, dann kommt man auf das, was chinesische Konzerne mittlrweile darstellen, zumal es mehrere davon gibt und Amazon in der westlichen Welt bezüglich seiner Größenordnung eine herausragende Sonderstellung hat.

Kürzlich war der Gründer von Alibaba, Jack Ma, abgetaucht. Dann kam er wieder. Die chinesische Regierung zankt sich mit ihm. Angeblich wegen der Praktiken seiner Unternehmen, die nicht alle regelkonform sind. Nun ist es nicht so enorm schwierig, chinesische Handelsregeln und Arbeitsnormen einzuhalten wie etwa europäische, aber trotzdem ist Jack Ma in Ungnade gefallen. Geht es dabei wirklich um Regeln? In der Wirtschaft werden andauernd Regeln verletzt und wenn nicht irgendwelche lästigen Investigativjournalisten das offenlegen und ein bisschen skandalisieren (Dieselgate, Cum Ex), dann läuft das ohne größeres Aufhebens durch, inklusive die Politik schmieren. In China also ganz ohne Aufhebens, denn kritischen Journalismus gibt es nicht. Außerdem ist zu bewzeifeln, dass die sehr strategisch operierende chinesische Regierung aus ethischen Gründen die heimischen Konzerne mit Strafen belegt. Der Grund ist ein anderer: Die größten unter ihnen sind mittlerweile so riesig, dass die Regierung eine Gefahr erkannt hat: Nämlich, dass die Wirtschaft anfängt, das Zepter zu schwingen, nicht die Bevölkerung (das tut sie in China ohnehin nicht) oder die KPCh.

Wehrt jenen Anfängen, dürfte das Motto hinter dem Ma-Bashing sein. Und dabei hat die chinesische Regierung ein riesiges Faustpfand: 1,4 Milliarden Konsument*innen und natürlich den gesamten, oben erwähnten südostasiatischen „Hinterhof“. Wer aus diesem Markt rausgekegelt wird, ist erledigt und kann sich nicht einmal in den USA schadlos halten bzw. den Schaden durch mehr Geschäft dort begrenzen, weil eben bestimmte Zonen noch nicht für die totale Konkurrenz geöffnet sind. Vor dem totalen Handelskrieg scheut sich China gegenwärtig noch, wegen der mitlitärisch-geopolitischen Bedeutung der USA und der NATO. Die Größe, alle anderen sofort zu überrollen, haben die chinesischen Gigakonzerne längst. Ein branchenübergreifender Vegleich macht das ebenfalls deutlich: Die größten Autokonzerne der Wel erwirtschaften jeweils höchstens ein Viertel des Umsatzes wie der Dachkonzern Alibaba. Weieres Beispiel: Allein die beiden oben genannten Alibaba-Plattformen erzielen beinahe einen doppelt so hohen Umsatz, wie der deutsche Bundeshaushalt an Ausgaben umfasst.

Oder ist es noch einfacher? Hat Jack Ma die einfachste, wirkungsvollste und informellste aller Regeln verletzt, indem er sich als Chef des einzigen weltweiten Billionen-Umsatz-Konzerns zu stark fühlte, aufmüpfig wurde und ein paar Kader nicht entsprechend den Erwartungen „mit freundschaftserhaltenden Geschenken“ bedacht hat? Vielleicht ist sind es alle genannten Faktoren, deren Zusammentreffen zu einer kleineren Explosion geführt hat, die andere, die sich für wichtiger halten als die KPCh, auch ausländische Manager, gerne als Warnung verstehen dürfen. Ein bisschen Geld kommt dadurch auch noch in die Staatskasse, denn auch Chinas Verschuldung wächst, weil das enorme Wachstum aufrechtzuerhalten  immer aufwendiger wird. Da kommt es sehr gelegen, dass Corona die Kräfteverhältnisse ruckzuck weiter zugunsten des Reichs der Mitte verschoben hat, das gemäß offiziellen Zahlen als einziges ohne Rezession durch die Krise kam und derzeit wieder boomt wie eh und je, während der Westen die Pandemie noch immer nicht geregelt bekommt.

Wir warnen seit zehn Jahren davor, die Chinesen einfach machen zu lassen, aber es gibt ohne Systemwandel keine realistischen Möglichkeiten, sie aufzuhalten. Das Gesetz des herrschenden Kapitalismus ist bloß, Geschäft zu machen, wo immer es geht, gleich, ob die Bedingungen fair sind und welche Folgen für die Demokratie daraus erwachsen können. Weil der chinesische Markt so groß ist, dass er Konzerne wie die oben in der Grafik benannten hervorbringen kann, obwohl das BIP pro Kopf der Bevölkerung immer noch weitaus niedriger liegt als im Westen, weiß man, wie die expansive Wirtschaftsstrategie dieses Landes zu deuten ist, die im Wesentlichen auf „Kooperation durch Abhängigkeiten schaffen und / oder Aufsaugen“ hinausläuft. Die aufgezeigte Kette von Zusammenhängen macht das E-Commerce in hohem Maße politisch und in der Form, wie es sich gerade entickelt, gefährdet es nicht nur den Handel vor Ort, sondern auch die Demokratien, die sich, wenn auch angeschlagen, noch halbwegs über Wasser halten. Das Menetekel steht an der Wand: Corona hat die Verhältnisse noch schneller verändert, als es ohne die Krise der Fall gewesen wäre. Zwar hat Amazon im Jahr 2019 größten Zuwachs aller oben gezeigten Konzerne erzielt, aber E-Bay hat sogar verloren und nun eine Frage für Menschen, die kombinieren können: Warum ist Amazon zuletzt schneller gewachsen und kann das möglicherweise auch während der Corona-Krise fortführen?

Weil die chinesischen Konzerne sich derzeit noch weitgehend an regionale Aufteilungen halten, weil dort auch der Präsenzhandel weiter wächst, weil Amazon im Westen immer mehr Marktanteile erobert und sein gemeinschaftsschädigendes Geschäftsmodell immer weiter optimieren darf, ohne dass z. B. die EU ernsthaft etwas dagegen tut, denn einzelne Mitglieder profitieren davon und wer will schon, dass die Bevölkerung in jenen Ländern unzufrieden wird und der nächste Exit kommt? Gerade steht das Unternehmen wieder in den Schlagzeilen, weil es in die USA eine Gewerkschaftsgründung im Haus verhindert hat. Die Strafen für Alibaba und Jack Ma hingegen waren eine Kraftprobe. Diese hat die chinesische Staatsführung erst einmal gewonnen. Das zeigt, wie auch überlegen sie westlichen Regierungen und wie unvergleichbar die Power Chinas ist. Wir müssen uns hier langsam etwas überlegen, wie wir darauf reagieren, falls uns die Demokratie etwas wert ist. Bisher sieht man keinerlei Ansätze zu strategischer Wirtschaftspolitik oder dass Konsumenten sich bewusst sind, welchen entfesselten Drachen sie füttern, wenn sie bei einem chinesischen Online-Händler ein Huawei-Smartphone kaufen oder eine von den vielen anderen chinesischen Marken, die zusammen auch diesen Markt schon zu über 40 Prozent im Griff haben.

TH

 

 

 

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