Die Brücke am Kwai (Bridge on the River Kwai, GB / USA 1957) #Filmfest 443 #Top250

Filmfest 443 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (53)

Circumstances without Pomp

Die Brücke am Kwai ist ein Abenteuerfilm von David Lean aus dem Jahr 1957, der auf dem gleichnamigen Roman von Pierre Boulle basiert. Zum Teil weichen Roman und Film jedoch voneinander ab. Die titelgebende Brücke ist historisch; sie überquert in der Nähe der thailändischen Stadt Kanchanaburi den Mae Nam Khwae Yai (Khwae-Yai-Fluss).

1957 war ein sehr gutes Filmjahr. Gemäß der Ausbeute an Academy Awards war „Die Brücke am Kwai“ der beste Film dieses sehr guten Jahres. Er gewann sieben Oscars und stach in allen wesentlichen Kategorien das Gerichtsdrama „Die zwölf Geschworenen aus“. Ein weiterer großer Film wie „Wege zum Ruhm“ wurde nicht einmal nominiert. Alle diese Filme sind Klassiker unter Klassikern geworden, mit einer Präferenz für „Die zwölf Geschworenen“, wenn man nach dem Ranking der IMDb-Nutzer geht (Rang 7 gegenüber Rang 130 für „Die Brücke am Kwai“ auf der Top250-Liste aller Zeiten und Länder), ebenso gibt die Kritikersammlung Rotten Tomatoes den zwölf Geschworenen 100 % Zustimmung (Nutzer 97 %) und kommt bei „Die Brücke am Kwai auf 94 % / 93 %. Ob wir den Film ebenso herausragend fanden, steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der Film handelt von einer Gruppe britischer Kriegsgefangener in einem japanischen Lager in Burma. Die Gefangenen sollen eine hölzerne Eisenbahnbrücke über den Mae Nam Khwae Yai (Khwae-Yai-Fluss – „Kwai“) errichten. Damit die Brücke termingericht fertiggestellt wird, teilt der japanische Lagerkommandant (Oberst) Saito auch die britischen Offiziere zur Arbeit ein. Der Kommandeur des gefangengenommenen Bataillons, der Offizier Lieutenant Colonel (Oberstleutnant) Nicholson, widersetzt sich diesem Befehl. Er beruft sich dabei auf die zweite Genfer Konvention von 1929, die Japan allerdings nicht unterschrieben hat. Saito reagiert mit drastischen Strafen. Nicholson lenkt schließlich ein.[1]

Nicholson bemüht sich darum, dass seine Soldaten ihren Stolz und ihre Würde behalten und sich nicht wie einfache Sklavenarbeiter von den japanischen Bewachern erniedrigen lassen. Er will Saito die Überlegenheit der britischen Soldaten beweisen, indem er eine technisch aufwendigere Brücke in kürzerer Zeit errichtet, obwohl er sich bewusst sein muss, damit dem Feind zu helfen. Nicholson setzt sich schließlich durch; die Offiziere werden von der körperlichen Arbeit befreit und erhalten Führungstätigkeiten.[1] Die Aufgabe treibt die Soldaten zu Höchstleistungen, und die Brücke wird rechtzeitig fertiggestellt. Saito muss nach der Fertigstellung indirekt die Überlegenheit der Gefangenen eingestehen.

Während dieser Zeit ist Commander Shears aus dem Gefangenenlager geflohen. Total erschöpft, wird er zuerst von Einheimischen und dann in einem englischen Lazarett gepflegt. Als er sich erholt hat, wird er sofort wieder rekrutiert, um als Ortskundiger bei der Sprengung der Brücke mitzuhelfen.

Die Handlung des Films endet (anders als im Buch) mit der Zerstörung der erbauten Holzbrücke durch das alliierte Kommandounternehmen. Nicholson stirbt bei dem Versuch, die Sprengung zu verhindern. Für ihn war die Brücke mehr geworden als ein Bauwerk für den Feind – ein Symbol des Widerstandes und des Überlebenswillens seiner Soldaten. Sterbend fällt er auf die Zündvorrichtung und löst dadurch selbst die Explosion aus. 

Rezension

Es ist keine leichte Entscheidung, weil die Filme so unterschiedlich und beide so brillant sind. Aber wir neigen ebenfalls zu der Meinung, dass „Die zwölf Geschworenen“ noch einmal höher steht. Vermutlich wegen seiner eindeutigen, hochgradig humanistischen Aussage, wegen seiner Vorbildstellung für die einsetzende Ära der Sozialdramen, deren bestes er auch gleichzeitig war – denn er ist ja beinahe mehr ein Sozialdrama als ein „Courtroom-Dram“. Und dass er viel sparsamer, in Schwarz-Weiß, wie es damals für ernste Filme noch üblich war und kammerspielartig gefilmt ist, dass Sidney Lumets Menschenstudie an formaler Pracht nicht mit David Leans Kriegsepos heranreichen kann, versteht sich von selbst. Dafür ist „Die zwölf Geschworenen“ von so ungeheurer Präzision und Schlüssigkeit, dass man spürt, das gibt es nicht alle Tage und nicht alle Jahre.

„Die Brücke am Kwai“ hingegen ist bezüglich seiner Botschaft höchst ambivalent, wie die meisten Kriegsfilme – auch diejenigen, die gerne „Anti-Kriegsfilme“ genannt werden, aber dennoch nicht frei von Gewaltverherrlichung sind. Auch da bildet Stanley Kubricks „Wege zum Ruhm“ aus demselben Jahr eine der wenigen Nachkriegs-Ausnahme. In der Zwischenkriegsphase entstanden mit Filmen wie „Im Westen nichts Neues“ oder „Westfront 1918“ durchaus Filme, die man tatsächlich als überwiegend pazifistisch ansehen kann, die berühmten Vietnam-Filme der 1980er allerdings, die gerne als negativ tendierend gegenüber dem Thema Krieg angesehen werden, haben oft den Beigeschmack, dass sie bestimmte handelnde Figuren in der Hölle des Dschungels sehr heben, um vor allem die Politik sehr herabsetzen zu können, und dass sie zur Gewalt selbst ein, sagen wir mal, gespaltenes Verhältnis haben.

Aber schon die Namen der Regisseure, die 1957 die Top-Filme gemacht haben, lassen erahnen, wie gut dieser Jahrgang war: Lumet, Lean, Kubrick.

Außerdem sind sie allesamt Schauspielerfilme ersten Ranges. Hier ist die Entscheidung noch schwieriger: Hat Alec Guiness als Colonel Nicholson, Henry Fonda als Geschworener Nr. 8, hat vielleicht sogar Lee J. Cobb als Geschworener Nr. 3 die beste Performance in diesen Filmen abgeliefert. Oder doch Kirk Douglas als Colonel Dax in „Wege zum Ruhm“, obwohl er nicht einmal nominiert wurde? Bei Douglas ist es recht einfach, man kann auf andere Leistungen verweisen, die mindestens ebenso gut waren, das relativiert alles ein wenig. Henry Fonda aber war sicher kaum je besser als honoriger Amerikaner mit tiefdemokratischer Gesinnung als in „Die zwölf Geschworenen“. Dafür ist Alec Guiness der britische Offizier, wie man ihn sich vorstellt. Absolut und ohne Schnitt. Wir sind ohnehin Fans von Guiness, und das schreiben wir nicht über viele Schauspieler, weil der Kritiker im Grunde nicht Fan sein sollte.

Aber was dieses Chamäleon unter den Filmdarstellern geleistet hat, ist in seiner Art einmalig, während die Fonda-Rolle zum Beispiel auch von einem Gary Cooper hätte gespielt werden können, ohne dass er darin unecht gewirkt hätte – noch besser: von James Stewart. Aber für Guiness‘ Paradedarstellung fällt uns kein andere Schauspieler ein, der so viel Sympathie für einen im Grunde hochnäsigen und bornierten Kommisskopf hätte wachrufen können.

Und das ist eben das Ambivalente an dem Film. Außerdem ist er zwar nicht auf ganz übel diffamierende, aber doch klare Weise antijapanisch. Natürlich, viele andere Kriegsfilme der Alliierten sind antideutsch, aber da ist auch ein westliches Überlegenheitsdenken drin, nicht nur die übliche Verherrlichung, dass wenige alliierte Spitzensoldaten ganze Bataillone des Gegners hinmetzeln können, ohne selbst dabei einen Kratzer abzubekommen. Nicht nur die Brückenkonstruktion selbst, sondern auch die des Films basiert darauf, dass die britischen Kriegsgefangenen weitaus fähiger sind, ein vernünftiges Brückenbauwerk auf die hölzernen Beine zu stellen als japanische Spezialisten, die eigens dafür vor Ort kommen.

Vielleicht waren Filme wie dieser mit daran schuld, dass die Japaner es vor allem ab den 1960ern dem Westen mal so richtig gezeigt haben, wie man gute Produkte macht, auch wenn man sie zunächst einfach von denen anderer Länder, vorzugsweise Deutschland, kopiert und jedwedes Urheberrecht dabei verletzt hat – so, wie es heute China immer häufiger tut. Sicher ist das aus unserer Sicht nicht sympathisch und man muss aufpassen, dass man die Botschaft nicht deshalb als angenehm empfindet. Denn sie bietet ja noch mehr Aspekte. Selbst die Ehre und die Disziplin sind bei den Briten eindeutig allen anderen überlegen und David Lean, der britische Regisseur, musste für die einzige amerikanische Figur im Film einen US-Spezialisten zu Rate ziehen, weil er sich selbst nicht sicher war, ob er wenigstens einen Amerikaner gut inszenieren kann. Ein gewisser britisch-amerikanischer Gegensatz wird dann auch auf eine etwas klischeehafte Weise in den Film hineinkonstruiert und man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, dass der Film schon verdammt stolz aufs Britentum ist und lässt den Zynismus, der ihm innewohnt, komplett raus. Sicher rührt das in Kriegsangelegenheiten auch daher, dass das dortige Militär mehr von Berufsoffizieren mit einem Leben in der Armee und der damit einhergehenden starken Verinnerlichung militärischer Prinzipien geleitet war als in den USA, wo fast alle Ränge auch mit Männern besetzt waren, die zuvor zivile Berufe hatten. So ist auch der am Weiterleben sehr interessierte Commander Shears, er in Wirklichkeit einfacher Soldat ist, ein trickreicher Typ, der keinerlei echte soldatische Eigenschaften hat – und nur widerwillig bei dem Brückensprengkommando mitmacht, das gegen seinen früheren Mitgefangenen, Colonel Nicholson in Marsch gesetzt wird.

Als weiteres Klischee hält der Film noch die niedlichen und sehr zugänglichen Thailänderinnen bereit, die bei allem Liebreiz, den sie ausstrahlen, doch sehr aus einer gewissen, dezidiert männlichen Perspektive betrachtet werden. Allerdings ist der Film aus 1957 und er ist nun einmal eurozentrisch, gleich, wie man das Scheitern des Brückenbaus aufgrund der Sprengung interpretiert; ob man darin eine Infragestellung des Militarismus sieht oder vielleicht doch das Gegenteil.

Wenn dies ein Werk minderer Qualität wäre, würden wir Manches nicht so stark in den Vordergrund rücken, aber gerade bei diesem fantastisch gefilmten und überragend gespielten ersten epischen Kriegsfilm des Jahrzehnts sind die Strömungen darin das, woran man letztlich festmachen muss, ob dies nur ein sehr gutes, vor allem gut gemachtes, oder ein wirklich epochales Werk ist. „Die Brücke am Kwai“ wird für seine vielen formalen und darstellerischen Qualitäten von uns auf jeden Fall eine hohe Bewertung bekommen, und welcher andere Film hat schon einen Colonel Bogey-Marsch, der gepfiffen wird, zu bieten? Interessanterweise war dieser, mit dem echten River Kwai-Marsch auf der Rückseite, als Philips-Vinyl-Single ein Nr. 1-Hit gerade in Deutschland.  Und in meinem Elternhaus gab es diese Single, wie so viele Hits aus den 1950ern, und wir erinnern uns gut, wie wir sie auf unserem kleinen Plattenspieler, den wir etwa mit 7 Jahren geschenkt bekamen, immer wieder gespielt haben.

Damals gab es keine Großbildfernseher und kein HD und kein tolles Stereo, in dem der Film jetzt von ARTE ausgestrahlt wurde, aber die Einbettung der Musik in eine ganz besondere Szene von Ehre und Stolz hat sehr hohes Suggestivpotenzial, gerade, wenn man schon als Kind diese Musik erstmalig gehört hat. Und gewiss beeinflusst das doch unsere Wertung, denn eines kann man nicht sagen: Dass der Film schlecht gealtert ist und wie ein Relikt aus vergangen Tagen wirkt. Wenn man Werke wie „Eine Frage der Ehre“ aus den 1990ern damit vergleicht, kann man sogar mehr Sinn und weniger Selbstzweck im Handeln von Colonel Nicholson erkennen als in der modernen, sehr gewollt wirkenden Tradition des US-Militärs. Nicholson gibt seinen Mitgefangenen Würde und eine Aufgabe, und das ist ein weiterer Teil der Botschaft, gegen den wir kaum anschreiben können oder wollen.

Lästernd kann man sagen: Briten sind eben keine Sklaven, das weiß jeder, der „Rule Britannia“ kennt, aber niemand bringt den ganzen Pomp auch nur annähernd so stylisch dar wie die manchmal etwas skurril wirkenden Nordsee-Insulaner, die weder gute Europäer noch überhaupt etwas anderem als ihrem eigenen Ding verpflichtet sind (2). Selbst die Amerikaner werden unter der richtigen Führung eher Globaldenker als die Briten.  Darin liegt etwas Imperiales, aber als 1957 „Die Brücke am Kwai“ entstand, begann auch gerade erst die Unabhängigkeitswelle in Afrika, die das British Empire endgültig Geschichte werden ließ.

Selbstverständlich hat „Die Brücke am Kwai“ große Qualitäten als Abenteuerfilm. Die Umsetzung dieses stets gefährdeten Projekts, die Rückschläge, die erhebenden Momente, das Vor und Zurück und der zweite Strang, der ab dem zweiten Drittel des Films aufgebaut wird, um die Spannung hochzutreiben, das ist schon alles sehr gut gemacht – wenn auch besonders die Momente, in denen Shears bei der britischen Station in Burma landet und dort über den Einsatz gegen die Brücke diskutiert wird, etwas gedehnt erscheint und viele der besagten Klischees enthält. Insgesamt hätten wir uns eine leicht verschobene Zentrierung gewünscht: Mehr vom Bautrupp und Colonel Nicholson, weniger von den, sagen wir mal, ziemlich kriegsfilm-üblichen und abenteuerfilm-üblichen Wegen des Sprengkommandos. Aber William Holden, der den Amerikaner Shears spielt, war damals ein Superstar, erkennbar daran, dass er „Top Billing“ über Alec Guiness hat, und da der Film von einer amerikanischen Firma, der Columbia, auch für den US-Markt konzipiert war, merkt man ihm diesen Kompromiss natürlich an.

Finale

David Lean hatte mit „Die Brücke am Kwai“ jedenfalls einen Weg gefunden, großes Kino zu machen und diesen Stil in „Lawrence von Arabien“ (1962) und „Doktor Schiwago“ (1965) perfektioniert, die dann wirklich einen perfekten Rhythmus aufweisen und daher trotz ihrer Länge nie langatmig wirken. Solche Filme waren wohl nur alle paar Jahre möglich, inklusive ihrer aufwendigen Vorbereitung, sodass Lean in der Hochphase seiner epischen Kinostücke tatsächlich nur die beiden oben genannten und den hier besprochenen Film gemacht hat. Meisterliches Großkino, das immer auch diskussionswürdige Aspekte beinhaltet.

89/100

(1) Man beachte die Prophetik bezügilch des Brexits, die an dieser Stelle zum Vorschein kommt.
(2) und kursiv: Wikipedia

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie David Lean
Drehbuch Michael Wilson
Carl Foreman
Produktion Sam Spiegel
Musik Malcolm Arnold
Kamera Jack Hildyard
Schnitt Peter Taylor
Besetzung

 

 

 

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