Freunde bis in den Tod – Tatort 882 #Crimetime 968 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Freunde #Tod

Crimetime 968 – Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

Worauf weist das Kfz-Kennzeichen LU-SR hin?

Die Handlung in einem Satz ohne Auflösung: Ein Schüler wird ermordet und die übliche Suche nach dem Täter beginnt, dabei geraten nacheinander in Verdacht: Niemand wirklich, ein wenig ein Mädchen von gegenüber, ein wenig der beste Freund, ein wenig der Lehrer, ein wenig der Waffenverkäufer, doch einer muss es gewesen sein und außerdem wird etwas von einem geplanten Amoklauf des späteren Opfers gemunkelt.

Wer einen älteren VW Passat, vermutlich von den Eltern ausgeliehen und Sinnbild für spießiges Dasein  fährt, welcher im Kennzeichen die Buchstaben LU-SR hat, der ist was? Ein Loser oder Looser natürlich. LU-FO heißt hingegen Ludwigshafen, (Ulrike) Folkerts = Lena Odenthal, und dies nicht erst seit dem Tatort 882. Bei so viel Symbolik oder Bezüglichkeit bietet sich eine Vertiefung an. Sie findet sich in der -> Rezension.

Handlung

Der 19-jährige Roland Klaas wird erschossen auf einem Feldweg bei Ludwigshafen gefunden. Was wollte der Junge an diesem einsamen Ort? Lena und Kopper finden in der Nähe eine Kiesgrube, in der Schießübungen stattgefunden haben. Sicher ist, dass die Schießübungen geheim bleiben sollten, da alle Patronenhülsen aufgesammelt wurden. Ein Computerspiel, das Roland selbst programmiert hat, zieht Kopper ganz in seinen Bann und Lena machen eine erschreckende Entdeckung: Ein Level des Spiels ist dem Grundriss von Rolands Schule nachempfunden.

Hatte Roland einen Amoklauf in seiner Schule geplant? Was wusste sein Freund Manu davon? Lena und Kopper können zwar herausfinden, wer Roland das Gewehr und die Munition verkauft hat, und auch wer Roland getötet hat, aber damit ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Manu will die Tat von Roland beenden und ist bereits auf dem Weg zur Schule.

Rezension / Hinweis: Der Text enthält Angaben zur Auflösung

Schade, dass der 57. Lena-Krimi nicht mehr Gimmicks hat. Eines zeichnet sich bereits ab: Die zuletzt abfallende Odenthal-Kurve (Erklärung in der Vorschau) wird er nicht zur Umkehr bewegen. Es ist leider alles auch relativ und es gibt viele Unterströmungen. Wir waren schon von den schwachen Tatorten etwas genervt, die sich im ersten Halbjahr 2013 die Klinke in die Hand gaben – bis es nach der Sommerpause plötzlich, ja entgegen der bereits geringen Erwartungen so richtig interessant wurde, mit Berlin und Wien. Und jetzt dieser schnelle Rückfall. Das schmerzt. Es ist wie eine betrogene Hoffnung auf generelle Zustandsbesserung.

Dabei haben sie sich doch bei diesem Schülerdrama immerhin auf den Fall konzentriert. Das ist im Moment eine Tendenz, die wir im Grunde gut finden. Kein überflüssiger Schnickschnack, sondern am Ball bleiben, wenn es ums Ermitteln geht.

Aber es wirkt, als seien sie in Ludwigshafen verunsichert. Die Inszenierung dieser Teenagerstory wirkt uninspiriert, ja mutlos. Dafür können die Darsteller nichts, vor allem nicht die Ulrike Folkerts und nicht der Andreas Hoppe, der den Mario Kopper spielt. Bei Jungschauspielern sind wir mit Kritik ohnehin vorsichtig. Damit wollen wir nicht andeuten, dass ein starker Kritik-Gegenwind seitens einer Kleinpublikation wie unserer die zarten Karrierepflanzen entwurzeln könnte, sondern unsere generelle Sympathie gegenüber jungen Menschen, die sich den Herausforderungen im Fernseh-Drehtürbusiness stellen.

Wir wollen aber nicht verhehlen, dass wir vom Nachwuchs schon prägendere Leistungen gesehen haben als die heute Abend. Auch das trägt dazu bei, dass wir den Eindruck einer nicht sehr sorgfältigen und geduldigen Inszenierung hatten, bei der auch ein paar Szenen vielleicht so lange wiederholt werden könnten, bis die ausgedrückten Sellenzustände variantenreicher und präzsier rüberkommen.

Der Fall ist ein klassischer Whodunnit, in dem der wirkliche Täter natürlich nicht zu deutlich hervortreten darf und im Gegensatz zu dem, was in einer frühen Reaktion auf den Film im Tatort-Fundus zu lesen war, konnte dieser Täter nicht nach fünf Minuten klar sein, weil er da noch gar nicht aufgetreten war. Wir fanden’s nicht so vorhersehbar, und zwar deshalb, weil mal wieder ein schwaches Drehbuch den Weg des schwachen oder kaum nachvollziehbaren Tätermotivs nahm, um sich aus der Klemme ebendieser Vorhersehbarkeit zu befreien.

Und es funktioniert, wir sind drauf reingefallen, weil wir dachten, ach nee, wo soll denn da der Grund sein für einen Mord, bei diesem komischen Typ, der Zeitungsberichte dem Wind übergibt. Irgendwie ist die Tötungshandlung mal wieder einfach passiert, wohl in einer Art Handgemenge, das dadurch entstand, dass man sich nicht einig über Besitz und Bezahlung von Munition war.

Das wird dem Gesamtthema Amoklauf nicht gerecht, wie auch die Aufbereitung des Themas als solches. Gerade, weil der Amokplaner atypisch war. Ein Hochbegabter, der sich als über den anderen stehend empfindet, entwickelt doch selten den Gesamtfrust, der eine solche Tat auslösen kann, auch wenn er keine Werte hat oder irgendwie nicht so den richtigen Zugriff auf das banale Leben bekommt. Wir dachten zwischenzeitlich, der Freund, dieser Stille, dieser Außenseiter, das wäre ein guter Kandidat für eine plötzliche Tat, welche in der Welt Entsetzen hervorruft und damit Aufmerksamkeit erzielt.

Natürlich ist es klischeehaft, so zu denken, aber man hat natürlich die Berichte über reale Taten dieser Art im Kopf und da waren es meist nicht Überflieger, die sich durch einen Gewaltexzess Luft verschafften. Das Klischee vom Computer-Ballermann erfüllt der Junge allerdings dann wieder, als sei er alles andere als hochbegabt. Wegen dieser vielen unstimmigen Komponenten einer offenbar gestörten Persönlichkeit hätte uns das Psychogramm von Ron, dem Opfer und passionierten Filmer von „Lügen“ anderer, sehr interessiert.

Aber auch dieses liefert der Film nicht wirklich. Lügen zu enttarnen und eine Schulgemeinschaft ausmerzen zu wollen, sind gewiss keine logischen Schritte auf demselben Weg. Außerdem passt diese Art, sich etwa durch Veröffentlichungen von Videos zu produzieren oder gar Menschen damit unter Druck zu setzen, wiederum nicht sehr gut zur arroganten Abgeschlossenheit. Natürlich, reale Menschen sind zuweilen ambivalent, aber es ist eine Herausforderung, das in einem 90 Minuten-Krimi gut darzustellen und die Figuren nicht linear zu zeichnen.

Besser aber, Letzteres zu tun, als so schwammig zu bleiben, wie es hier der Fall ist. Da wirken die Kids nur seltsam und unverständlich, wir sind vom deutschen, von 40 Jahren Sozialpädagogik durchwirkten Krimi mehr Einsichtnahme gewöhnt und mehr Hinweise auf das Warum, auch wenn sie in einem guten Film nicht explizit sein müssen.

Dafür lassen uns die Ermittler nicht im Stich. Sie erklären einander alles so, dass wir keine Mühe haben, dem Verlauf zu folgen. Dieser etwas dröge und traditionell wirkenden Masche stehen wir mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits ist es in einem Film, der sich mehr mit den Figuren befassen will als mit einem allzu ausgefuchsten Plot, nicht so schlecht, wen man sich als Zuschauer auch wirklich auf diese Figuren konzentrieren kann, andererseits – wir haben ja dieses Übermacht des Psychologischen in „Freunde bis in den Tod“ nicht, die uns so zu bannen in der Lage wäre, dass wir den Faden des Plots ob dieser Faszination für scharf gezeichnete Figuren verlieren könnten.

Finale

Die Botschaft des Films? Selten war sie bei einem Tatort so schwierig zu ermitteln wie dieses Mal, der Zuschauer hat’s diesbezüglich viel schwerer als Lena und Mario mit der Aufklärung, denn ihnen läuft im entscheidenden Moment eine Zeugin vor die Füße. Es wird nicht wirklich erklärt, wie es zu Amokläufen kommen kann, es wird auch kein gültiges Statement über den Zustand der heutigen Jugend oder der vorgeblich sanften, aber hintergründig aggressiven Lehrer abgegeben.

Der Fall wirkt bausatzmäßig, aber der Baukasten hat wohl nicht die genau passenden Steine enthalten, weder künstlerisch noch inhaltlich kann man von Stimmigkeit oder Geschlossenheit sprechen. Einen überragenden Tatort, das müssen wir leider hier auch konstatieren, erwarten wir aus Ludwigshafen sowieso nicht mehr. Dazu müsste schon ein Ruck durch das Konzept gehen. Vielleicht wäre der wirklich nur durch einen Team- und evtl. auch durch einen Stadtwechsel zu erzielen. Vielleicht wäre Mainz ganz gut als neue Rheinland-Pfalz-Tatortstadt geeignet.

Da zeigen sie immerhin im Fußball, dass es spannend sein kann, dass es rauf und runter geht und das Unerwartete täglich stattfindet und dass psychisches Grenzgängertum, etwa bei Trainerpersönlichkeiten, wunderbar echt und authentisch darstellbar ist. Aber Ludwigshafen? Immer wieder mal werden die BASF-Werke gezeigt, als Beweis, dass sie in der Nacht noch beleuchtet sind und dort echte Industrie-Arbeitsplätze vorhanden sein müssen. Wir haben Bedenken, dass auch diese Lichter der deutschen Industrie eines Tages erlöschen könnten, also ist es okay, sie hin und wieder zur Beruhigung und Beweissicherung einzublenden. Auch dieses Werk wirkt auf den ersten Blick und von Weistem so seltsam statisch und unveränderlich und wird seit mindestens 20 Jahren so gezeigt, im Tatort aus dieser Chemie-Stadt.

Wir haben aber auch Bedenken, dass, wenn es so weiter läuft, Ulrike Folkerts die einzige ist, die noch Spaß an den Krimis mit ihrer Figur Lena Odenthal hat. Das wäre wirklich schade. Außerdem: Welcher 18jährige heißt heutzutage Roland? Wir ziehen und drücken und kommen doch über eine Bewertung von 5,5/10 nicht hinaus.

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Lena Odenthal Ulrike Folkerts
Mario Kopper Andreas Hoppe
Frau Keller Annalena Schmidt
Becker Peter Espeloer
Manu Joel Basman
Julia Leonie Benesch
Ron Rick Okon
Haller Anian Zollner
Frank Ösner Simon Schwarz
Franks Freundin Barbara Behrendt
Manus Stiefvater Wolfram Koch
Manus Mutter Ilona Christina Schulz
Rons Mutter Nina Kronjäger
Rons Vater Rainer Jatzke
Musik: Johannes Kobilke
Kamera: Jürgen Carle
Buch: Harald Göckeritz
Regie: Nicolai Rohde

 

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