Kurzschluss – Tatort 58 #Crimetime 972 #Tatort #Kiel #Finke #NDR #Kurzschluss

Crimetime 972 – Titelfoto © NDR

Mehr als nur ein Kurzschluss

Der fünfte Tatort mit dem Kieler Kommissar Finke trägt insgesamt die Nummer 58 und stammt aus 1975. Wenn man so will, war er der Aufgalopp für den großen Wurf „Reifeprüfung“. Die Drehbücher aller sieben Finke-Tatorte stammen von Herbert Lichtenfeld, sechs Mal hat Wolfgang Petersen Regie geführt – so auch bei „Kurzschluss“.

Da draußen, in der Provinz, da sind die Banken klein und können leicht erobert werden, und die Menschen haben einfache Probleme, für die es anscheinend keine einfachen Lösungen gibt. Dafür aber können Zufälle viel realitätsnäher inszeniert werden als in einer Großstadt, und von denen gibt es in „Kurzschluss“ eine gehörige Anzahl. Mehr über all dies steht in der -> Rezension. Wir zeigen die Rezension erstmalig im Wahlberliner am 24.04.2021 anlässlich der Wiederaufführung von „Kurzschluss“ am  heutigen Abend. Den Film genau 51 Jahre nach dem Einsetzen der Handlung am 25.04.1975 zu zeigen, haben sie nicht ganz geschafft, denn der morgige Sonntagabend gehört in der Regel, so auch morgen, einem neuen Tatort (Nr. 1165, „Was wir erben“).

Handlung

Am 25. April 1975, kurz nach neun Uhr, kreuzen sich die Wege dreier Männer. Für zwei von ihnen wird diese zufällige Begegnung tödlich enden. Piet Kallweit, 32 Jahre alt, Gelegenheitsganove, hat eine kleine Filiale der „Nordbank“ beraubt. Nun streikt das Fluchtauto. Karl Höllbrock, 52 Jahre alt, Vertreter, versucht seine Ware an den Mann zu bringen, obwohl ihm der Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer abgenommen wurde.

Als er losfahren will, hält ihm jemand eine Waffe an die Schläfe. Es ist Piet Kallweit. Holger Freidahl, 34 Jahre alt, Polizeiobermeister, ist mit dem Streifenwagen unterwegs zur Reparatur. Ein Kurzschluss in der Funkanlage. Als Kallweit hinter sich den Streifenwagen bemerkt, zwingt er Höllbrock zu halsbrecherischen Manövern, die dem Polizisten natürlich auffallen. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt.

Rezension

Mit einer Schauspielleistung wie der in „Kurzschluss“ war es klar, dass Günter Lamprecht nach seinem Filmtod wiederauferstehen und als Kommissar Markowitz in Berlin auftauchen würde, selbstverständlich dauert eine solche Reinkarnation einige Jahre. Es hat sich aber gelohnt, etwas zu warten, denn der Chefermittler ist dann doch um ein Vielfaches reifer als der Dorfpolizist. Man kann über „Kurzschluss“ viel Positives schreiben, denn nicht nur Lamprecht, auch die übrigen Schauspieler geben unter der kundigen Regie von Wolfgang Petersen ihr Bestes, zudem sind Atmosphäre und Psychologie wieder zu einem kleinen Gesamtkunstwerk verschmolzen, das die 1970er haargenau, wenn auch nicht repräsentativ dokumentiert.

Aber wer behauptet, der Plot sei logisch, weil eben alle alten Tatorte angeblich viel logischer waren als die heutigen, der muss sich entgegenhalten lassen, dass er die Nostalgiebrille bei der Analyse nicht abgenommen hat. Bei kaum einem anderen Film der Reihe, den wir in den letzten Monaten gesehen haben, gilt so sehr wie bei diesem: Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Wendungen sind teilweise abstrus, und schon deswegen haben die Schauspieler eine Sonderaufgabe, die sie unter der – siehe oben, Regie! – so gut erfüllen, dass man bei einem inneren Kompromiss herauskommt. Der sieht aus: Wenn man alle Fehler, die Menschen in einer bedrängten Lage nur machen können, zusammen in einen Sack tut und sie in 90 Minuten Tatort auskippt, dann kommt „Kurzschluss“ dabei heraus. Und das ist ja auch der Sinn der Sache. Es geht beim Titel sicher nicht um den kurzgeschlossenen VW Käfer, sondern darum, dass sowohl der Polizist Holger Freidahl als auch der Bankräuber Piet Kallweit ständig innere Kurzschlüsse produzieren, weil sie mit der Situation überfordert sind. Wenn man bedenkt, wie drängend Kallweit dennoch wirkt, muss man sagen, Ausdrucksfähigkeit suggeriert mehr Intelligenz, als vorhanden ist. Bei Freidahl hingegen ist alles harmonisch. Die Gelegenheit, die Gewissensbisse, die Panik, die Fehler. Der Glaubwürdigkeitsfaktor ist also weitaus höher als der Logikfaktor dieser Story, weil die Figuren gut gezeichnet sind. Dabei haben wir Finke noch gar nicht einbezogen, der immer das Seine dazu beiträgt, dass die Schleswig-Holstein-Tatorte der ersten Epoche so stimmig erscheinen.

Die frühen Tatortmacher, nicht nur beim NDR, sind erkennbar von den Duellsituationen abgerückt, die etwa in den Stahlnetz-Filmen verwegene Gegner in kompromissloser Art zusammenbrachten und ihre Spannung aus dieser Ebenbürtigkeit bezogen. Im Grunde ist das die angloamerikanische Krimitradition mit ihren Figuren, die oftmals eine sehr hohe Handlungskapazität haben und ganz gewiss nicht an ihren inneren Zweifeln scheitern. In guten Films noirs gibt es allerdings auch schon Vorläufer der gebrochenen Figuren, die über ihre eigenen Unzulänglichkeiten stolpern, wie wir sie auch in „Kurzschluss“ sehen, der schon deshalb ein Film noir ist, weil hier einer der Guten ins Stolpern gerät, weil er in der Klemme das Falsche tut, nicht, und weil man von Beginn an sehr deutlich spürt, die Sache wird für ihn böse ausgehen. Eine Festnahme durch den Kollegen Finke wird nicht ausreichen, zu unspektakulär.  Auch um das Drama dieses Mannes in seiner Unabwendbarkeit zu  zeigen, wird eine Kausalkette in Gang gesetzt, die alles andere als zwingend ist, wird – sic! – die Logik zugunsten dieser Kausalkette in jenem Waldboden vergraben, in dem zwischenzeitlich die Beute versteckt ist.

Jedoch, alle Stolpersteine auszugraben, kann nicht die Hauptaufgabe sein. Es reicht, dass es uns seltsam vorkommt, wie zum Beispiel Freidahl und Kallweit miteinander agieren, ohne dass dies auch nur ansatzweise nötig wäre. Verständlich wohl, dass der Gauner sich den Polizisten zum Komplizen machen will, aber allein die Tatsache, dass dieser zwischenzeitlich die Beute unterschlagen hat, reicht vollkommen aus, um ihn schweigen zu lassen, weiterer Rückversicherungen, Bestechungen hätte es nicht bedurft, und schon gar nicht die Einbindung von Freidahl in den Mord an dem Vertreter Höllbrock, der ebenfalls eine interessante Figur darstellt, aber an dem sich umso mehr erweist, dass der Fall mustergültig verkompliziert wird, aber nicht mustergültig zu Ende gedacht. Damit meinen wir nicht die verrückte Verfolgungsjagd kurz nach dem Bankraub, in welcher der führerscheinlose und alkoholabhängige Handlungsreisende mit seinem rostigen Ford Taunus Kombi eine regelrechte Querfeldeinrallye zuwege bringt, immer mit Freidahl und seinem Polizeikäfer dicht hintendran.

Oberflächlich ist in „Kurzschluss“ auch der Umstand, dass gerade die Funksprechanlage in Freidahls Auto streikt. Merke, schon damals musste man die Technik außer Kraft setzen, die es längst gab, um die Handlung nicht gar zu abstrus wirken zu lassen. Später waren es die allfälligen Funknetz-Löcher, die den Betrieb von Mobiltelefonen immer genau im entscheidenden Moment verunmöglichten, wahlweise Akkus, die genau im entscheidenden Moment in die Knie gingen.

Angesichts der Fallumstände wirkt Kommissar Finkes Kombinatorik geradezu niedlich, und wir verstehen, dass er zwischenzeitlich mal vor Wut auf den Tisch haut, als er nicht weiterkommt. Wo er doch sonst in diesem Fall so gewitzt-sympathisch gezeichnet ist. Doch dass die Leiche von Höllbrock dann doch wieder auftaucht und dass Freidahl unsinnigerweise den Fluchtwagen-Käfer von Kallweit repariert, obwohl ihn der Schaden an dem Auto gar nicht per se belastet, bringt alles in die Spur. Und das Finale darf folgen, in dem sich Freidahl einmal mehr als jemand erweist, der im Grunde keinen Bock mehr auf sein kleines Leben hat, sonst wäre er ja doch vielleicht in Deckung gegangen, als Kallweit auf ihn schießt. Die erste Schussszene zwischen den beiden auf der Verfolgung nach dem Bankraub, als Freidahl noch nicht vom rechten Weg abgekommen ist, sondern mutig querfeldein dem Räuber folgt und dennoch etwas vorsichtiger handelt, ist ein optisches Highlight: Kallweit schießt, Freidahl wird genau in dem Moment von einem Birkenbaumstamm verdeckt, der vor der Kamera herumsteht – dann tritt er aus dem verdeckten Bereich hervor und rennt weiter.

Finale

Kurzschluss ist konsequent als Howcatchem angelegt und hat Thriller-Qualitäten, die nicht zuletzt aus genau dem Mangel an Logik resultieren, den wir angerissen haben:  Weil die Charaktere so unberechenbar sind, bleibt der Tatort immer spannend, und nebenbei wird eine kleine, soziale Geschichte von einem Polizisten und Familienvater erzählt, dessen Leben früh und tragisch endet. Ein schöner Tatort aus der Frühzeit der Reihe, aber auf eine Stufe mit „Reifezeugnis“, der witzigerweise auch die zunehmende Reife seiner Macher bei der Kinowerdung des Fernsehkrimis belegt, würden wir ihn nicht stellen wollen. Dazu fehlt ihm dann doch das besondere Flair und – notabene – die hohe Qualität der Handlungsführung, die „Reifezeugnis“ aufweist.

8/10

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Finke – Klaus Schwarzkopf
Ella Freidahl – Ingeburg Kanstein
Kommissar Beck – Henry Kielmann
Herr Schönau – Fritz Hollenbeck
Piet Kallweit – Dieter Laser
Dagmar – Johanna Liebeneiner
Holger Freidahl – Günter Lamprecht
Assistent Franke – Wolf Roth
Karl Höllbrock – Georg Lehn
u.a.

Regie – Wolfgang Petersen
Kamera – Hans-Joachim Theuerkauf
Drehbuch – Herbert Lichtenfeld
Musik – Nils Sustrate

 

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