Schellekloppe – Polizeiruf 110 Fall 208 #Crimetime 973 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Grosche #Schlosser #Reeding #HR #Schelle

Crimetime 973 – Titelfoto © HR

In diesem ehrenwerten Wohnklotz

Schellekloppe ist ein Kriminalfilm des HR von Michael Knof aus dem Jahr 1999 und erschien als 208. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110. Es ist die zweite Folge mit dem Ermittlertrio Schlosser (Dieter Montag), Reeding (Chantal de Freitas) und Grosche (Oliver Stokowski).

Den ersten Grosche-Schlosser-Reeding-Polizeiruf „Kleiner Engel“ haben wir bereits rezensiert, „Schellekloppe“ ist der zweite Fall dieses Dreierteams. Vermutlich wird diese Rezension eine unserer bisher kürzesten im Rahmen von „Crimetime“. Warum? Das steht in ebenjener -> Rezension.

Handlung (1)

Ein Rollstuhlfahrer wird Ohrenzeuge eines Pistolenschusses und verständigt daraufhin die Polizei. Die Befragung der 315 (!) Hausbewohner bringt keinen Anhaltspunkt, von wo der Schuss gekommen sein kann, obwohl Kommissar Rene Schlosser selber in dem riesigen Mietshaus wohnt. Letztendlich meint Schlosser, dass möglicherweise nur irgendwo ein Luftballon geplatzt sei.

Doch schon bald werden Leichenteile gefunden, sodass tatsächlich ein Mord geschehen sein muss. Kommissar Robert Grosche lässt routinemäßig alle Besitzer von Waffen ermitteln, die in dem Mietshaus wohnen, sodass auch Schlosser’s Waffe überprüft werden muss. Inzwischen können die gefundenen Leichenteile dem Kleinkriminellen Marquardt zugeordnet werden. Grosche befragt dessen Bekannten und erfährt so, dass sich das Opfer tatsächlich in letzter Zeit in dem Mietshaus aufgehalten hatte. Damit rücken die waffenbesitzenden Mieter in den Focus der Ermittler.

Eine nähere Befragung ergibt, dass ihr Kollege Schlosser mit dem Mieter Kahl letztens eine lautstarke Auseinandersetzung gehabt hatte. Das widerspricht Schlossers Angaben, dass er gerade deshalb in diesem großen Haus wohnen, weil ihn so niemand kennen würde und er anonym bleiben könnte. Als Grosche und Reeding ihren Kollegen darauf ansprechen, regiert dieser über und lässt sich vom Dienst beurlauben. Zumal er vor Jahren Belastungszeuge gegen Marquardt war. Er ist aber nicht untätig, sondern geht in dem Mietshaus von Tür zu Tür Schellekloppe mit einem Foto von Marquardt, um herauszufinden wer ihn im Haus kennen könnte. So kommt er dahinter, dass Marquardt ein Verhältnis mit Regina Kahl hatte und das auch finanziell ausgenutzt hatte. Ihr Mann war dahintergekommen, hat seinen Nebenbuhler beseitigt und in „kleinen Stücken“ aus dem Haus geschafft.

Rezension

Im Grunde müsste man diesen Film sogar besonders ausführlich untersuchen, denn er hat einen ganz eigenständigen, ungewöhnlichen Ton, der aus dem Hessisch resultiert, das man z. B. in Frankfurt-Tatorten so schon lange nicht mehr hört. Man hat den Polizeiruf sozusagen genutzt, um von den etwas steril wirkenden damaligen Brinkmann-Tatorten wegzukommen und sehr volksnah zu werden. Das geht offensichtlich sogar in Frankfurt, hätten wir gar nicht gedacht. Beim Tatort-Format hat man sich ja anders entschieden, als die Chance bestand, nach dem Weggang von Brinkmann eine Neuausrichtung vorzunehmen. Man hat das wunderbare Duo Sänger-Dellwo erschaffen, das zwar oft in einfacheren Milieus ermittelte, aber dabei überwiegend ernst blieb und die sozialen Umstände und Missstände in den Fokus nahm. Dabei sind einige der intensivsten und modernsten Tatorte der 2000er entstanden, in denen der Gegensatz der Bankentürme-City und des mühevollen Normallebens der Vielen in stilprägende Bilder gefasst wurde.

Deswegen bleiben die wenigen Polizeirufe des Dreierteams Grosche, Schlosser und Reeding Ausnahmen, denn auch nach Charlotte Sänger und Fritz Dellwo wurde in Frankfurt auf eine eher neutrale Sprache gesetzt.

Die Beschreibung der vielen Hausbewohner, die in „Schellekloppe“ zu sehen sind, ist recht gut geworden, auch wenn man immer bedenken muss, dass die Charaktere überzeichnet sind. Der Film ist, wiewohl selbstverständlich mit (gruseligem) Mordfall ausgestattet, humorvoll und derb und wirkt von den Dialogen teilweise so frei, als ob man einen gewissen Improvisationsspielraum zugelassen hätte – besonders zwischen Grosche und Reeding und in deren Verhältnis zu Schlosser fällt das auf, weniger bei den Episodenfiguren. Allerdings geht dadurch auch die Linie ein wenig verloren. Der Film verfällt geradezu seinen Figuren und deswegen kommen wir an dieser Stelle bereits zu dem Grund, warum die Rezension vergleichsweise kurz ausfallen wird.

Das Anschauen des Films ist nun einige Tage her und wir hatten andere Spielfilme und Fernsehkrimis vorgezogen, später geschaut, aber leichter, darüber zu schreiben, so kann man es kurz fassen. Die Handlung mit ihren Verstrickungen, die „Schellekloppe“ zeigt, soll jeder für sich als schlüssig beurteilen oder nicht, wir hatten eine gewisse Mühe damit, konzentriert zu bleiben, weil zwischen uns und der Plotlogik immer das leicht ins Satirische gezogene Drama stand und wir den Film trotzdem irgendwann auch redundant und etwas nervig fanden. Dieser Stil, der zum Beispiel dann, wenn der Rohllstuhlfahrer an einer Szene beteiligt ist, ins Sketchartige driftet, war uns, über 90 Minuten gezogen, etwas zu anstrengend, wenngleich man sich immer um nette Variationen desselben Themas bemüht: Der Hausbewohner als solcher ist sehr individuell und diese kleine Welt ist eine ganze Welt. Beinahe schade, dass die Realität meist etwas mehr Stromlinie zeigt. Oder?

Wir haben ein Wohnhaus mit über 300 Parteien vor uns und es ist schon komisch, wie diese alle angeklingelt werden müssen, weil es ja nur einen Ohrenzeugen gab – passenderweise vor dem mächtigen Klingeltableau. Dadurch bekommen die Ermittlungen etwas sehr Rudimentäres und vielleicht beginnt es da schon: Wir hatten uns das im Alltag vorgestellt und welche eine Sisyphusarbeit hier ausgeführt wird, vielleicht haben wir uns zu sehr in die Polizisten hineinversetzt, die beinahe so häufig abgewiesen werden wie Staubsaugervertreter. Dabei ist es eigentlich großartig, wie der Kollege Schlosser hier versucht, seine Anonymität zu wahren, nicht aus der Masse der Mieter*innen hervorzutreten – was aber unweigerlich geschieht, weil er in der Sache ermittelt, die im eigenen Haus geschah und tatsächlich in diese verstrickt ist. In der Realität würde ein Kriminaler wohl kaum im eigenen Wohnumfeld eingesetzt werden, aber da die Ermittlungen nicht vorankommen, ist man darauf angewiesen, dass er die Menschen kennt, dass er über das Haus und dessen Bewohner mehr weiß als die Kollegen.  Die Qualen des Wackeren und mit Wissen Beladenen werden ein wenig übertrieben, aber recht sympathisch dargestellt.

Finale

Angesichts der vielen Personen und der vielen Strömungen zwischen Personen gerät der Krimi trotz der grausigen Leichenzerteilung doch in den Hintergrund. Dieser Fund muss natürlich mit dem Schussgeräusch in Verbindung gebracht werden, das in dem Haus zu hören war, das nahe dem Fundort steht. Nun ist uns ja doch noch ein bisschen was zum Film eingefallen, mit einem Lächeln, trotz – siehe die beiden Sätze zuvor. Ein Problem des HR-Teams war wohl auch die häufig wechselnde Besetzung. Aber man versucht von 2002 bis 2004 noch einmal einen Neuanfang mit Titus Selge als Ermittler Keller, während dessen Bruder Edgar Selge bereits in München als Kommissar Tauber unterwegs war – und dort wesentlich dazu beitrug, die Reihe auf ein bis heute Maßstäbe setzendes Niveau zu heben, von dem man sagen kann: Den Tatorten mindestens ebenbürtig. Ende der 1990er war der Polizeiruf auch dabei, sich neu zu sortieren und sicher hätte man das Team, das wir hier sehen, weiterentwickeln können. Aber das Episodische passt auch zum Leben der Vielen in der Großstadt – sie kamen, hinterließen die eine oder andere Spur und verschwanden, ohne dass es einen großen Nachhall gegeben hätte. Trotzdem haben sie ihr eigenes Leben und ihr Recht auf  ihre eigene Erzählung, genau wie jeder, der sich für besonders wichtig hält.

6,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Michael Knof
Drehbuch Rudolf Bergmann
Rolf Silber
Musik Rainer Böhm
Kamera Eckhard Lübke
Schnitt Elke Herbener
Besetzung

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