Kindstod – Tatort 472 #Crimetime 974 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Kind #tot

Crimetime 974 – Titelfoto © WDR, Michael Böhm

Trauer und die Frage nach dem Warum

Zwei Fälle von Gewalt verschmelzen in „Kindstod“ zu einem und mittendrin ein Max Ballauf mit akutem Blinddarm und ein Freddy Schenk mit Mercedes-Coupé. „Kindstod“ gilt zu Recht als einer der besten Fälle des Kölner Ermittlerduos. Atmosphäre, Thema, Schauspiel  gehören zum Besten, was wir aus über 250 Rezensionen herausfiltern konnten. Einzig die manchmal etwas ruckartige und zu knappe Ermittlungsarbeit stört, aber in diesem recht kurzen Tatort (83 Minuten) hat man sie bewusst hinter das Sozialthema zurücktreten lassen. Der Titel des Films ist verräterisch – trotzdem, und obwohl es nicht plötzlich kommt, sondern sich abzeichnet, ist man entsetzt.

Anmerkung 2021

Anlässlich der Wiederveröffentlichung der Rezension in der Rubrik „Crimetime“ des neuen Wahlberliners ca. 20 Jahre nach der Premiere des Films blicken wir auf so viele Tatorte mit Max und Freddy zurück, dass wir festhalten können: „Kindstod“ ist die Essenz des Kölner Sozialtatorts. Selten wurde so deutlich wie in diesem Film, was die beiden Kumpels vom Rhein besonders gut können, nämlich mitgehen, anstatt (nur) Fälle lösen. Dafür lieben wir sie und werden demnächst auch Glückwünsche für ihr 25. Dienstjubiläum aussprechen dürfen. Viel mehr zum Film und noch einige weitere Anmerkungen gibt’s in der-> Rezension.

Handlung

Hauptkommissar Max Ballauf hat einen akuten Fall: Blinddarmentzündung! Während der Kölner Fahnder in der Notaufnahme eines Krankenhauses auf den Anästhesisten wartet, wird neben ihm ein verstörtes Kind behandelt – der Körper übersät mit Hämatomen. Behutsam nimmt Ballauf Kontakt zu dem kleinen Mädchen auf.

Ballaufs Kollege Freddy Schenk kümmert sich inzwischen um seinen neuen Fall – eine männliche Leiche aus dem Rhein. Die ersten Ermittlungen ergeben: Der Tote heißt Manfred Knoche. Er wurde bewusstlos geschlagen und ins Wasser geworfen. Knoches Freundin Gaby Berg ist seitdem verschwunden.

Schenk findet schnell einen Tatverdächtigen: Axel Wuttke, der Ex-Freund von Gaby Berg.

Im Krankenhaus kümmert sich der frisch operierte Ballauf inzwischen liebevoll um das kleine Mädchen Nathalie. Es scheint schwer misshandelt worden zu sein und niemand weiß, wer seine Eltern sind. Was ist mit Nathalie geschehen? Ballauf recherchiert – und gerät bald in Konflikt mit der behandelnden Ärztin.

Rezension

Vorwort anlässlich der Erstveröffentlichung der Kritik im Jahr 2014

Die Rezension eines Tatortes von gestern steht noch aus („Der Eskimo“), aber da wir im Moment nicht die Kapazität haben, ihn noch einmal anzuschauen, ist dies ein guter Zeitpunkt, wieder etwas aus Köln zu bringen, was wir zunächst fürs Archiv geschrieben hatten. Es bietet sich vor allem deshalb an, „Kindstod“ als 272. Beitrag für die TatortAnthologie des Wahlberliners jetzt zu bringen, weil die 271. Rezension ebenfalls den Kölner Ermittlern gewidmet war – dem aktuellen Tatort „Franziska„. Von diesem waren wir sehr angetan, aber man kann es auch am Rhein noch ein wenig besser machen und das beweist für uns „Kindstod“, der noch der Frühphase von Ballauf und Schenk zuzurechnen ist. Der späten Frühphase allerdings, denn hier hat nicht mehr Anna Loos als Lissy Pütz, sondern bereits Tessa Mittelstaedt als die gestern ermordete Franziska den beiden Kommmissaren Ballauf und Schenk mit Rat und Tat zur Seite gestanden.

Als wir nachgeschaut haben, wer Regie bei diesem ergreifenden Kinderdrama führte, stießen wir wieder einmal auf Claudia Garde. Wir werden jetzt langsam Fans von ihr (-> Kiel-Tatorte). Nein, während des Anschauens haben wir keine „Handschrift“ herauslesen können, weil sie ihr Können in den Dienst der Sache stellt. Das heißt, sie kann ganz verschiedene Stimmungen sehr konsequent inszenieren, wie wir mittlerweile wissen, auch die Art des Filmens ist unterschiedlich. Aber gleich, ob es ein mystisch-sozialdramatischer Borowski ist („Das Mädchen im Moor“) oder ein realistisch-sozialdramatischer Ballauf, die jeweilige Dichte ist sehr hoch. Der zweite Kritikpunkt neben der etwas nonchalanten Art der Ermittlungen ist die Grabszene, die dann doch zu melodramatisch geriet, aber Butter bei die Fisch zu tun kann auch heißen an die emotionale Schmerzgrenze zu gehen und vielleicht auch darüber hinaus in Richtung Kitsch.

Die Kölner wandern ja nicht selten auf dem schmalen Grat zwischen zu routiniert und zu involviert, aber besonders unter den frühen Folgen (ab 1997 bis etwa 2002) gibt es einige, die den Spagat sehr gut hinbekommen und dazu zählt im Ganzen auch „Kindstod“. Wir hatten über ein ähnliches Thema in „Der frühe Abschied“ aus Hessen zu schreiben. Meistens mögen wir die eher wenig kommentierende Art, wie Dellwo und Sänger ihre Fälle gelöst haben, die Interpretationsfähigkeit und die Abwesenheit allzu stark ausgeprägten Sozialsprechs. Film ist Film und dann erst Lehrauftrag.

Aber beim Thema Gewalt gegen Kinder zeigt sich, dass es richtig war, die immer zu Aussagen bereiten Kölner mit den Ermittlungen zu betrauen. Klaus J. Behrendt als Max Ballauf liefert hier eine großartige Leistung ab, wie er mit dem Mädchen Nathalie umgeht und mit der Ärztin schimpft, wie er selbst leidet und sich so gut einfühlen kann – und uns emotional so dicht an dieses verstörte Kind heranführt, dass wir mehr als nur betroffen sind, als sie an den Folgen ihrer Misshandlungen verstirbt. Schon während des Films Tränen und dann noch eine Nachwirkung, als wir vor dem Einschlafen noch einmal darüber nachgedacht haben, das hatten wir, zuletzt müde geworden von vielen eher mäßigen Premieren des Jahres 2013, schon lange nicht mehr. Man kann auch sagen, dieser Film ist der emotionale Höhepunkt aus bisher 272 Tatort-Rezensionen.

Es gibt dieses Mal nicht das rituelle Arbeiten mit These und Antithese zu einem sozialen Thema, für dessen Aufführung Ballauf und Schenk so gut geeignet sind, es ist alles ganz eindeutig, denn wer würde für Kindesmisshandlung Verständnis haben, wie auch immer die sozialen Ursachen dafür sind? Es kann nicht das schwache Umfeld sein, nicht allein die abstumpfenden Jobs und die allgemeine Trostlosigkeit sind verantwortlich, sondern es ist immer eine individuelle Verfehlung dabei, die eine Anklage rechtfertigt:  Eine Anklage wegen  § 227 StGB (Körperverletzung mit Todesfolge) und nicht etwa nur eine solche nach § 222 StGB  (fahrlässige Tötung), die mit wesentlich geringerer Sanktionierung belegt ist. Der Vorsatz hinsichtlich der Körperverletzung  seitens der Mutter (§ 223 StGB)  ist bezüglich der kleinen Natalie evident und den tatbestandsspezifischen Zusammenhang, nicht nur die Kausalität, zwischen Körperverletzung und Todesfolge halten wir ebenfalls für unstreitig gegeben.

Wir haben uns zwischendurch die Frage gestellt, ob die Figur der Mutter realistisch ist, so gut sie von Anna Thalbach auch rübergebracht wird; ob der aus dem Freigang nicht zurückgekehrte Vater und dessen Kumpel Figuren aus dem wirklichen Leben sind und warum Gaby Bergmann (Thalbach) ihren jetzigen Lover denn genau umgebracht hat. Und wie wird jemand so abgestumpft, dass er sich nur noch durch Gewalt an einem wehrlosen Kind äußert? Ein guter Twist, dass es die Mutter war, nachdem man lange Zeit die Männer im Verdacht hatte, das Mädchen misshandelt zu haben – weil innerfamiliäre Gewalt zumindest nie ohne Zustimmung der Mütter ablaufen kann. Dass sie selbst diese Gewalt ausüben, ist zumindest möglich, wie auch ein Drittel aller häuslichen Gewalt zwischen Partnern von Frauen ausgeht.

Letztlich, meinen wir, sind auch die Charaktere als solche denkbar. Zwar schon aus einer ziemlich weit unten angesiedelten  Schublade der Verrohung geholt, aber die Wirklichkeit ist so vielfältig, die optischen und ausdruckseitigen Ähnlichen mit dem, was wir auch in Berlin beobachten können, so deutlich, dass wir meinen, so etwas gibt es. Auch gleichgültige Menschen wird es hier geben, wie die Nachbarin, die selbstredend nie die Polizei geholt hat, wiewohl sie etwas mitbekommen haben muss  vom Next-Door-Drama (im Gegensatz zur Oma von Natalie, die sich immerhin ans Jugendamt gewendet hat).

Wir sehen durchaus Mütter, die viel zu jung sind, die Kinderwagen mit blassen, kleinen Würmchen drin mit einer Apathie und einem Gesichtsausdruck durch die Gegend schieben, dass einem Angst werden kann und man sich ebenjene Verhältnisse wie in „Kindstod“ dahinter ausmalen könnte, wenn man – ja, wenn man es könnte. Wenn man zum Beispiel Sozialarbeiter wäre und täglich in den Brennpunkten tätig. Gegenüber den eher abgeschotteten Milieus und Verhältnissen, in denen wir zuvor gelebt haben, hat uns Berlin die ganze, nicht immer ästhetische oder gutbürgerliche Wirklichkeit sehr viel näher gebracht, schon haben wir unsere Wahlstadt zu danken, wenngleich uns bessere Verhältnisse lieber wären als die vorhandenen.

Aber ein Tatort wie „Kindstod“ schärft auch wieder die Sinne, lässt den Abstand zu den eigenen Belangen und dem eigenen Ego wieder etwas anwachsen, und mehr kann man von einem Film nicht verlangen. Vielfach haben wir gäußert, dass es richtig ist, das Kriminalistische manchmal etwas an den Rand zu stellen, um dem sehr großen Publikum, das sich keine Sozialstudien anschauen würde, kurz vor dem Start der neuen Woche eine Lektion zu erteilen. Nicht allen gefällt dies, doch die sehr gute Rezeption von „Kindstod“ belegt, dass die überwiegende Mehrzahl der Menschen zumindest ein theoretisches soziales Gewissen hat. Dieses so zu schulen, die Achtsamkeit und die Einsatzbereitschaft gleichermaßen auf eine Weise zu stärken, dass die Gleichgültigkeit und die Bequemlichkeit enden und Handeln zugunsten Wehrloser möglich wird,  ist eine sehr ehrenvolle Aufgabe gerade für den deutschen Premiumkrimi.

Finale

Denn es ist ja die Lebenswirklichkeit und jeder weiß, dass es misshandelte Kinder, überlastete Jugendämter, gleichgültige Sachbearbeiter, technokratische Mediziner und viel Müll gibt, der sich in dieser Gesellschaft angesammelt hat. Die Müllkippenszene ist daher, nicht zum ersten Mal sehen wir das in einem Tatort, auch ein Symbol für unseren Umgang mit der Welt und mit uns selbst.  Da werden sie dann doch mal zu Thesensammlern, Ballauf und Schenk, mit ihren Rückständen von der Würstchenbude, die ja auch zum Müll der Welt beitragen und wie schön Ballauf das seinem Kumpel darlegt, der widerspricht, aber letztlich klein beigeben muss.

In diesem Film ist kaum eine Szene nicht mit Hintergrund versehen. Zum Beispiel, als Freddy kurz anhält, damit Max in ein Geschäft springen kann und gleich das Hupkonzert von hinten kommt – und ein Spießer aus seinem Auto steigt, um sich die Nummer von Freddys Mercedes zu notieren. Natürlich hätte er das auch machen können , ohne auszusteigen, aber dann hätte man nicht sehen können, wie untertänig er gleich reagiert, als Freddy sein Blaulicht aufs Dach des Coupés setzt. Da gibt es doch mal eine Szene, die sogar etwas Interpretationsspielraum zulässt und einen der angesichts des Themas zu Recht sparsam eingestreuten Humorpartikel in „Kindstod“ darstellt.

Wir mussten ein wenig überlegen, wie wir im Detail bewerten, aber letztlich ist es uns doch leicht gefallen, die 9/10 auszupacken und „Kindstod“ damit in die Spitzenriege zu stellen. Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung der Rezension gab es noch keinen Tatort, den wir mit 9,5 oder 10 bewertet hatten.

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Kommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Renate Bergmann – Tina Engel
Axel Wuttke – Thomas Lawinky
Dr. Hildebrandt – Ute Lubosch
Franziska – Tessa Mittelstaedt
Gerichtsmediziner – Joseph Bausch
Andrea – Nina Vorbrodt
Gefängnisdirektor – Wolff Lindner
Platzwart – Martin Bruhn
Nathalie – Anna Sophie Claus
Sozialarbeiter – Udo Thies
Jürgen – Frank Vockroth
Horst Tarkowsky – Robert Viktor Minich
Gaby Bergmann – Anna Thalbach

Regie – Claudia Garde
Buch – Edgar von Cossart und Irene Martin
Kamera – Oliver Bokelbert und Johann Feindt

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