Wodka Bitter Lemon – Tatort 50 #Crimetime 975 #Tatort #Essen #Haferkamp #WDR #Wodka #Lemon

Crimetime 975 - Titelfoto © WDR

Die Perlenprinzessin und die Erleuchtung

Das waren Zeiten, als Jubiläen mit Wodka und nicht mit klebrigem Perlwein gefeiert wurden. Ob die Tatorte Mitte der 1970er schon durchgezählt wurden, wissen wir nicht. Heute jedenfalls ist „Wodka Bitter Lemon“ der erste Film, der ein wichtiges Jubiläum markiert. Wir sind inzwischen über 1100 Filme weiter. Die Reihe war damals ein Straßenfeger und hält sich auch im stark veränderten medialen Umfeld faset 50 Jahre später. Nicht nur das, sie ist zum „letzten Fernsehlagerfeuer“ geworden. Uns macht es großen Spaß, hin und wieder in die Anfangszeit der Reihe abzutauchen und mal einen Trimmel, Veigl oder eben Haferkamp auszukramen. Die Filme anderer Kommissare der Tatort-Frühzeit sind leider in der ARD-Mediathek (immer) noch nicht enthalten und bis ein Sender mal seine Schatzkiste öffnet und Wiederholungen ausstrahlt, das kann Jahre dauern. Wie war’s nun mit dem Jubiläums-Tatort? Darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung (1)

Ein Mann mittleren Alters ruft am späten Abend aus seinem Büro bei einer Adele an und erkundigt sich, ob sich Petra schon gemeldet habe. Dann versucht er es im Bayrischen Hof in München. Es handelt sich um den Fabrikanten Martin Koenen, dem auch ein nochmaliger Anruf im Hotel nicht weiterhilft.

Auf dem Nachhauseweg sieht er bei regnerischem Wetter eine junge Frau am Straßenrand vor einer Diskothek stehen. Da sie völlig durchnässt ist, nimmt er sie zu sich mit nach Hause. Er deutet ihr an, sich leise zu verhalten. Trotzdem wird seine Ankunft von einer Dame bemerkt, die aber nur ihn wahrnimmt. Er bietet der jungen Frau einen Drink an, und sie wünscht sich sehr bestimmt Wodka Bitter-Lemon. Bei der Zubereitung überrascht sie ihn damit, dass sie in seinem Werk angelernt werde. Sie sei Irene Lersch und ging davon aus, dass er sie kenne. Ganz verdattert versäumt er, auch in seinen Drink Eiswürfel zu geben und entschuldigt sich für einen Moment. Nach einem nächtlichen Duschbad findet er das Mädchen tot auf seinem Teppich. Er registriert das leere Glas und will sich bei der Notrufzentrale melden. Dann besinnt er sich anders, verwischt die Spuren und bringt die Leiche in einen Park.

Kommissar Haferkamp stellt sich bereits vor der Obduktion die Frage, wie so ein Mädchen an Zyankali komme. Unterdessen holt Koenen seine junge Frau Petra vom Flughafen ab, die damit nicht gerechnet hat. Die beiden haben sich auf der Fahrt nicht viel zu sagen. Im Anwesen setzt er kurz an, von den Ereignissen der vergangenen Nacht zu erzählen, unterlässt es dann aber.

Die Ermittlungen führen Haferkamp in Koenens Betrieb, der auch giftige Substanzen einsetzt. Koenen weiß nicht, dass Irene Lersch eine Jadefigur aus seinem Wohnzimmer an sich genommen hat, die auch seinen Schreibtisch im Büro ziert. Dies und die Zeugenaussage von Irenes Freundin machen ihn verdächtig. Koenen ist seiner Schwester Adele gegenüber völlig ratlos und geschockt, als er von seiner Frau Petra gefragt wird, wie er an das Gift gekommen sei. Bei der Vernehmung können die Kommissare kein Motiv für Koenen erkennen. Haferkamp lässt sich die Angaben von Petra Koenen zu ihrem Aufenthalt in München während der Tatnacht von Kommissar Veigl bestätigen. Er lässt nicht locker, besucht Petra Koenen nach einem Ausritt und fährt mit ihr nach Düsseldorf. Beim Kaffee gesteht sie Haferkamp einen Ehestreit kurz vor ihrer Reise nach München und weist auf das schwierige Verhältnis zu ihrer Schwägerin hin. Mit Genugtuung übernimmt diese unterdessen die Unternehmensführung.

Die Ermittlungen führen in die ehemalige Goldschmiedewerkstatt von Petra Koenen, wo eine größere Menge Zyankali fehlt. Haferkamp und seine Ex-Frau Ingrid reisen ihr nach Sylt hinterher. Ingrid besucht eine Vernissage und lernt Frau Koenens Schwarm Joschi kennen. Der hat große Geldprobleme. Ingrid erfährt von einer Methode, bei der man Gift in Eiswürfel einfriert, um diese in einen beliebigen Drink beizugeben. Haferkamp kann Koenens Frau des Mordes überführen, doch diese wollte in Wahrheit ihren Mann aus dem Weg räumen.

Rezension

„Wodka Bitter Lemon“ war der vierte Haferkamp-Fall, letztlich wurden es 20, und liegt auf Platz 9, nach der Ansicht der Fans, die auf der Plattform Tatort-Fundus ihre Bewertungen abgeben. Das sieht mittig aus, bedeutet jedoch Platz 195 von 1145 in der Gesamtrangliste. Daran kann man ersehen, wie hoch die Fälle aus Essen heute eingeschätzt werden. Viele von ihnen gelten als Klassiker der Reihe. Nur die Filme mit Kommissar Finke werden  von den Fundus-Nutzer*innen unter denen des ersten Tatort-Jahrzehnts als noch gelungener angesehen.

Nach dieser Einordnung nun zur Sache: Heinz Bennent als Herr Koenen ist ein großes Pfund dieses Films, er hat schon in der Startphase der Reihe die NDR-Tatorte „Exklusiv!“ und „AE 612 ohne Landeerlaubnis“ (Nr. 9 und 10) auf eine bemerkenswerte Weise an sich gezogen, bedingt natürlich auch durch die Plotanlage als Howcatchem bzw. Thriller. Der erste der beiden genannten Filme wurde noch gar nicht für die Reihe Tatort gedreht, sondern später in sie integriert, der flüchtige Banker war die eigentliche Hauptfigur, nicht Kommissar Trimmel.

Als „Wodka Bitter Lemon“ enstand, war das Tatort-Muster aber schon etabliert. Wenn auch nicht in einer so engen Form wie heute, dass der Film mit einer Leiche beinahe zwangsläufig startet. Hier ist noch ein wenig Zeit, um die Entwicklung bis zum Tod einer jungen Frau zu zeigen, die ihren Chef erkennt, er weiß aber nicht, dass sie bei ihm arbeitet. Der sozialkritische Humor des Films ist nicht gering, die Ironie, die der WDR mit Haferkamp erreicht hat, kam später nie wieder, die Münster-Filme kann man damit nicht vergleichen, weil sie eine ganz andere Grundstimmung haben. Das Haus Koenen ist jedoch beinahe als Parodie angelegt. Ein genialer Schachzug, Lil Dagover als Mutter der Dynastie einzusetzen. Die Tatort-Zuschauer werden wohl weniger an ihre frühen Filme in der Stummfilmzeit erinnert als an ihre Rolle als seltsame Gräfin im gleichnamigen Edgar-Wallace-Film, und das Haus Koenen hat auch etwas von einem dieser Gräber für Lebende, in denen die Tradition die aktuelle Generation niederdrückt. Es raunen die Geschichten und es murmelt die Geschichte sich zwischen steifen Essensritualen und dem bevorstehenden Niedergang hindurch, denn niemand im Haus hat Kinder.

Selbst die junge Frau, die das normale unkomplizierte Leben symbolisiert, wird alsbald in einem Spiegel mit zweigeteiltem Antlitz gezeigt, woraus man unweigerlich schließt, dass ihr Dasein bald beendet sein muss, denn für Ambivalenz bleibt keine Zeit, wen der Wodka Bitter Lemon schon darauf wartet, genossen zu werden und seine Wirkung zu tun. Auch das Gegenbild auf Sylt ist gelungen. Ein wenig sehr kräftig gepinselt, hat es sicher dazu beigetragen, Werbung für die deutsche Urlaubsinsel Nr. 1 zu machen und hier hat man den stylischen Sky Du Mont als Gegenstück gesetzt. Auf der einen Seite der letzte Firmenpatriarch, streng und arbeitsam und sinister, auf der anderen Seite ein Hippie-Galerist, dazwischen die Ehefrau des einen und Geliebte des anderen. Diese Gegenüberstellungen sind  am Reißbrett konstruiert, ohne Frage, aber sie funktionieren als Pole eines Sittenbildes der 1970er, man kann auch die Polizei und Figuren wie Haferkamp als in der Mitte angesiedelt sehen. Unwirsch ist er anfangs, indvidualistisch immer, eigentlich zu feinsinnig für diesen Job und doch schafft es seine flippige Ex, von der Sylter Strand-Society aufgenommen zu werden, als sie undercover ermittelt und kann so den Kommissar auf eine erstaunliche Weise an die Lösung des Falls heranführen.

Vielleicht ist diese Lösung gar nicht so exorbitant, denn Gift in Eis einschließen, damit jemand, der ein Gewohnheitstier ist, stirbt, während man selbst abwesend ist und der Verdacht auf die Schwester des Opfers fallen muss, darauf kann man kommen. Früh wird klar, wem der Anschlag tatsächlich gilt, aber welche der beiden Damen es ist, das bleibt lange gut versteckt. Wir haben auch das Erschrecken der Ehefrau auf dem Flughafen, als Koenen sie unerwartet abholt, nicht so gedeutet, dass sie denken musste, er sei bereits verblichen, sondern eher in der Richtung, dass sie nicht allein gelandet ist, sondern mit einem Typ zusammen, mit dem sie, wie man im Verlauf erfährt, ein halbes Schäferstündchen in München verbracht haben könnte. Andrerseits ist uns ein Flemming-Tatort aus den 1990ern im Kopf herumgespukt, in dem ebenfalls die Schwester eines Unternehmers als  psychisch nicht gesund gezeichnet wird, sodass sie den Bruder lieber umbringt, als ihn wegziehen zu lassen – nach München übrigens, weil er sich wieder mit seiner Ex versöhnen möchte, die dort lebt. Der Film  heißt „Tod eines Auktionators“, wir haben ihn kürzlich rezensiert.

Einen ähnlichen Konflikt gibt es im Hause Koenen. Dass es letztlich doch die Ehefrau war, ist durchaus schade, weil man inzwischen als Zuschauer, aufgrund ihrer Dialoge mit dem Kommissar, eine gewisse Identifikation mit ihr aufbauen konnte. diesem lebenslustigen Mensch, der in ein Mausoleum eingeheiratet hat.

Die Haferkamp-Filme sind farblich recht dezent gehalten, aber hier sind die dunkelbrauen Villenwelt, der schwarze Mercedes Koenens, dessen ebenfalls dunkle Kleidung wunderbar der Farbigkeit seiner Frau mit ihrem gelben Porsche 911 Targa und ihren ebenfalls häufig gelben Kleidungsstücken gegenübergestellt und natürlich der Strandwelt von Sylt. Es gibt einen weiteren Film, der das recht gut covert, „Strandgut“, ebenfalls ein Klassiker, darin ermittelt Kommissar Finke ebenfalls wegen des Todes einer jungen Frau. Die aber wirklich ein Verhältnis hatte – mit einem Arzt. Koenen wollte ja gar nichts von dem Lehrmädchen bzw. der Azubi. Sabine von Maydell, deren Darstellerin, war übrigens noch vor Nastassja Kinski in „Reifeprüfung“ barbusig in einem Tatort zu sehen, wenn auch nur kurz und leider über die Hälfte dieses kurzen Zeitraums hinweg als Leiche. Vielleicht ist das auch ein moralischer Kommentar.

Finale

Wegen des Milieus der Industriellen haben einige Fans den Film als an die Reihen „Derrick“ und „Der Kommissar“ agelehnt empfunden. Diese bekannten Formate haben wir noch nicht gesichtet, aber die Tatorte sind nicht umsonst länger und können mehr Details und Hintergründe zeigen. Mit 86 Minuten hat „Wodka Bitter Lemon“ knapp heutiges Tatortformat und füllt dieses in aller Ruhe aus. Die Plotpoints sind mit dem Tod des Mädchens und der Krise auf Sylt gut gesetzt, dazwischen fällt die Spannung ein wenig ab – gewollt, wie wir meinen. Gerne hätten wir Werner Kließ zu dem Film befragt, der viele Haferkamp-Tatorte produziert hat (diesen nicht, für ihn zeichnet Michael Bittins verantwortlich) und mit dem wir während unserer Arbeit an der TatortAnthologie des „ersten“ Wahlberliners Kontakt hatten, aber das ist leider nicht mehr möglich.

Persönlich hat uns dieser Film nicht so getriggert wie der Veigl-Tatort „Als gestohlen gemeldet“ (Nr. 48), der letzte aus den 1970ern, den wir angeschaut haben, das hat mit den gezeigten Milieus zu tun, aber dafür kommt Haferkamp unserer heutigen Liebe zum Jazz recht nahe und wir ärgern uns ein wenig, dass wir die Aufnahme nicht identifizieren konnten, die er zuhause hört und die aus den späten 1920ern stammen dürfte. Bei Ingrid bleibt es dann jazzig, wird aber etwas moderner, eingängiger – auch da hat man sehr genau hingeschaut und sich etwas dabei gedacht. Haferkamp war der erste Kommissar, der mit einem richtigen Privatleben gezeigt wurde, und dieses bot dem Zuschauer wesentlich mehr Möglichkeiten, den Kriminalisten als Mensch kennenzulernen, als das bei heutigen, oft stereotyp wirkenden Nebenschauplätzen der Fall ist.

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia

Regie Franz Peter Wirth
Drehbuch Henry Kolarz
Produktion Michael Bittins
Kamera Justus Pankau
Schnitt Margot von Oven
Besetzung

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