In Erinnerung an … – Polizeiruf 110 Episode 156 #Crimetime 976 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Merseburg #Raabe #Erinnerung #Trauma #Vergewaltigung

Crimetime 976 – Titelfoto © MDR

Dieser lange Schatten

In Erinnerung an … wurde im Kreis Merseburg gedreht, vor allem in Bad Lauchstädt. So führt Beates Jogging-Tour sie unter anderem am Rathaus von Bad Lauchstädt vorbei; das Vergewaltigungsopfer findet sie in den Kolonnaden der historischen Kuranlagen der Stadt (…). Es war die 156. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110. Kriminaloberkommissar Joachim Raabe ermittelte in seinem zweiten Fall; es war zudem der einzige der drei Raabe-Fälle, in dem er nicht mit Jürgen Hübner im Team arbeitete.

Erstmals wurde hier ein neuer Vorspann mit der Musik von Peter Gotthardt verwendet, der (mit Ausnahme des nächsten Films Polizeiruf 110: Blue Dream – Tod im Regen) bis 1998 zu sehen war. (Infos aus der Wikipedia).

Soweit zu den Fakten. Mehr steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die junge Beate findet beim Joggen unweit eines Parks eine unter Schock stehende Frau. Es handelt sich um das zweite Vergewaltigungsopfer innerhalb von 14 Tagen. Kriminaloberkommissar Joachim Raabe und Kriminalkommissar Fred Waschinsky nehmen die Ermittlungen auf. Sie können zwar Reifenspuren sicherstellen, doch weisen schon die Messerspuren am Hals des Opfers keine Besonderheiten auf, die eine Suche möglich machen würden. Das erste Opfer liegt noch im Koma, während das zweite später aussagen wird, sich an die Tat nicht erinnern zu können. Beate erfährt von ihrer Mutter, dass ihr „Freund“ aus Kindertagen, Andi Garz, aus Leipzig in ihre Kleinstadt zurückgekehrt ist. Sie reagiert unruhig, durchsucht alte Fotoalben nach einem Bild von Andi und liest ihr Tagebuch, das sie zu Kinderzeiten führte. Damals beschrieb sie, wie unheimlich ihr Andi vorkam und wie er sie schließlich missbrauchte und vergewaltigte. Damals war sie neun Jahre alt, nun kann sie das Geschehene einordnen und erkennt auch, warum sie an Essstörungen litt und nie eine Beziehung zu einem Jungen aufbauen konnte. Neben beklemmenden Erinnerungen an die Momente, in denen sie sich vor Andi in das Badezimmer flüchtete und er drohend vor der Tür wartete, erkennt sie nun auch, dass ihre Eltern von den Übergriffen wussten, aber nichts taten. Einmal trat ihr Vater ins Zimmer, als Andi sie gerade vergewaltigen wollte, und schloss einfach kommentarlos die Tür.

Beate konfrontiert ihre Eltern mit ihrem Wissen und lässt sich von ihrem Vater die Adresse Andis geben. Sie beobachtet in den nächsten Tagen jeden seiner Schritte, zumal sie von Raabe erfahren hat, dass der Täter vermutlich ein schwarzes Auto fährt und auch Andis Wagen schwarz ist. Immer wieder läuft sie Raabe über den Weg, der in der Kleinstadt den Vergewaltiger sucht. Nach einigen Tagen zieht Beate zu ihrer Freundin Sandra Jensen. Diese wird das nächste Opfer des Vergewaltigers. Auch sie schweigt über die Tat. Beate steigt in Andis Wohnung ein, wo sie zahlreiche Pornofilme vorfindet. Sie wendet sich an Raabe und behauptet, Andi sei der gesuchte Vergewaltiger. Der durchsucht die Wohnung und befragt Andi auf dem Revier, doch hat er für die letzte Tatnacht ein Alibi. Auch die Reifenspuren passen nicht zu denen, die an den Tatorten gefunden wurden. Raabe macht Beate klar, dass nur Sandras Aussage eine erneute Vergewaltigung verhindern kann. Beate begibt sich zu Sandra ins Krankenhaus. Sie berichtet ihr, wie sie damals vergewaltigt wurde. Sandra gibt nun den Hinweis, dass der Wagen des Vergewaltigers oft auf dem Supermarkt-Parkplatz der Stadt stehe; in einer Scheibe hänge ein Garfield-Kuscheltier. Als Beate aufbricht, informiert Sandra die Polizei. Beate findet den Wagen und will im Supermarkt telefonieren. An der Reaktion des Supermarktleiters, bei dem sie sich nach dem Inhaber des Wagens erkundigt, erkennt sie, dass er der Täter sein muss. Der Supermarktleiter verfolgt sie in das Supermarktlager, wohin sie sich geflüchtet hat. Hier bedroht er sie mit einem Messer, das sie ihm entreißen kann. Sie folgt ihm zur Laderampe und sticht auf ihn ein. Die Polizei ist unterdessen eingetroffen. Der verdächtige Supermarktleiter wird festgenommen und ins Krankenhaus gebracht, während Beate in Raabes Polizeiwagen Platz nimmt.

Rezension

Mit diesem Film kam also der hässlichste Vorspann in die Welt, der jemals für eine Serie entwickelt wurde, womit er natürlich auch den Gipfel der Hässlichkeit aller Polizeiruf-Vorspanne erklimmt. Aber irgendwie passt er zu diesem Film. Diese schrecklichen, posterisierten Fotos von Menschen, die erkennunngsdienstlich erfasst werden, das seltsame pinkfarbene Labyrinth, das sich in 3D bewegt, am Ende die drei Tasten tüt-tüt-döööööt, die digitale Tonfolge von 1-1-0 auf dem Tastentelefon. Ein Wunder beinahe, dass es die Reihe Polizeiruf 110 geschafft hat, diesen Vorspann zu übrerleben.

Aber auf eine Weise passt er zum Film. Man sieht das Sexualdelikt und was es an Traumata auslöst, in seiner ganzen Grässlichkeit. „In Erinnerung an …“ knüpft in der Tat an, und zwar an die große Tradition der Polizeirufe in Sachen Darstellung von Sexualdelikten, die schon sehr früh begann – mit dem Film „Blutgruppe AB“, dem sechsten Polizeiruf aus dem Jahr 1971. Die intensive Auseinandersetzung mit der Gruppe der Sexualtraftaten gab es in den Tatorten nicht und die Sicherheit bei der Darstellung von Tätern hat sich der Polizeiruf sozusagen stufenweise erarbeitet – und nun sehen wir das Porträt eines Opfers, einer jungen Frau, die schon als neunjähriges Mädchen von einem damals Halbwüchsigen vergewaltigt wurde und nie zu einem freien Verhältnis zu Männern und überhaupt zu anderen Menschen fand. Sie lebt sogar weiterhin bei ihren Eltern. Im Verlauf des Films erfahren wir, dass diese alles wussten und einfach weggeschaut haben.

Ein ganzes Buch müsste man nun darüber schreiben, warum Eltern sich so verhalten. Sie sind beide eher defensive, sanfte Menschen, aber wenn es um die einzige Tochter geht? Diese Charaktere zu analysieren, wäre also Stoff für einen weiteren Film, aber eines ist klar: Da auch sexueller Missbrauch regelmäßig im engeren Umefeld stattfindet und eben nicht im Wald, wie in den meisten Krimis gezeigt, auch im Polizeiruf Nr. 156 spielt diese Variante eine Rolle, muss es Mitwisser geben und wer sollte das bei Minderjährigen anders sein als die Eltern – sofern diese nicht sogar daran beteiligt bzw. Täter sind.

Die junge Frau, die ausgerechnet Beate heißt („die Glückliche“), zieht dann aus, als die Erinnerung aufgrund der aktuellen Vergewaltigungsserie zurückkehrt, das Verdrängte hochgespült wird und wie es geschehen konnte, dass Andy im wörtlichen Sinn freie Hand hatte. Sie zieht zu einer Arbeitskollegin, mit der sie privat befreundet ist, zu der sie auch ein lesbisches Verhältnis aufbauen könnte – dann wird diese Freundin selbst Opfer. Sie überlebt. Vielleicht wird noch alles gut. Alles natürlich nicht, aber es könnte zu einer schrittweisen Befreiung kommen. Die intensiv-leise, zurückgenommene Art, wie Dagmar Sitte das Opfer spielt, dieses Ernste und Verschlossene, das wirkte auf uns sehr, sehr glaubwürdig und natürlich.

Dadurch wird auch eine Plotschwäche weitgehend überdeckt: Andy ist nicht der Täter, aber wir bekommen nur dann, wenn wir sehr aufmerksam sind, einen anderen angeboten: Den Filialleiter des Supermarktes, der Beates Freundin so auffällig hinterher starrt. Das reicht aber nicht, um ihn als ernsthaften Alternativ-Verdächtigen zu Andy zu installieren, denn er taucht erst ganz zum Schluss wieder auf, während Andy mit seiner unangenehmen Art, seinem Single-Dasein, seiner Porno-Leidenschaft so ausgemalt wird, wie man sich eben einen Sexualstraftäter vorstellt. Der Film hat aber nicht das Anliegen, hier ein Klischee zu durchbrechen, sondern die Persönlichkeit und das Leid des Opfers sichtbar zu machen, aus dessen Perspektive alles gefilmt ist. Beate ist fast in jeder Szene anwesend, bis auf die wenigen Momente, die den Ermittlern alleine gewidmet sind.

Wir mögen ja dieses gewitzte Gesicht, dieses Anspitzen der Lippen, das Michael Kind draufhat, aber wenn er als Kommissar in einem Fall wie diesem ermittelt und dann noch seine Bewegungen, besonder in dem Club, hin zum Opfer so wirken, als könne er selbst ganz gut einen sexuell übergriffigen Typ darstellen, wird es doch etwas spooky. Da würde man heute sicher etwas mehr auf die professionelle Distanz achten – nicht im fachtechnischen Sinne gemeint, sondern die rein physische Entfernung der jungen Frau gegenüber betreffend. Wir haben ja nun während Corona viel über physische Distanz gelernt, vielleicht nehmen nun die sexuellen Belästigungen ab. Wahrscheinlich bleibt das aber auch, wie alle Träume von mehr Empathie und Solidarität, genau das: Eine Träumerei.

Der 156. Polizeiruf prunkt also nicht mit einem formidablen Krimiplot, sondern verlässt sich ganz auf eine einzige Figur, die ihn tragen muss – und das tut sie. Hans-Werner Honert inszeniert diese Frau und ihre Situation mit Fingerspitzengefühl. Honert zählt ohnedies zu jenen Filmschaffenden, die den Übergang in die neue Zeit sehr gut hinbekommen haben, er gründete alsbald die Saxonia Media, die noch heute für die MDR-Tatorte und -polizeirufe verantwortlich ist.

Der traurige Ton des Films hingegen ist typisch für die damalige Zeit und man hat beinahe das Gefühl, die Rückblenden, Beates Erinnerungen, die schrittweise zurückkommen, illustrieren die Suche nach einer Kindheit, die als Kindheit schon verloren war. Ein wenig surrealistisch wirken diese Szenen, weil man aus Kostengründen die Setdekoration nicht verändert hat. Aber auch das passt, denn das Gestern wirkt stark ins Heute hinein, verhindert bei Beate eine normale Persönlichkeitsentwicklung, die in der Regel darin mündet, dass ein junger Mensch die Freiheit außerhalb des Elternhauses sucht, mag er’s dort noch so gut gehabt haben. Oder: Gerade dann, mit dem Urvertrauen, das durch ein liebevolles Miteinander generiert wird. Nesthocker gelten u. E. zu Recht als ein wenig retardiert, besonders junge Männer, die über die natürliche Zeitspanne hinaus im Hotel Mama wohnen bleiben, ohne dass es dafür zwingende ökonomische Gründe gibt. Wenn dann jene Mutter noch als dominant und schlecht über andere Frauen redend gezeichnet wird, weil sie ihren Sohn nicht loslassen will, haben wir das perfekte kollusive Verhältnis, das – genau, Sexualstraftäter hervorbringt oder (andere) sadistisch veranlagte Typen. Ein solcher wurde z. B. zwei Jahre vor „In Erinnerung an …“ im Polizeiruf „Mit dem Anruf kommt der Tod“ gezeigt, in dem ein ohne Liebe aufgewachsener junger Mann Kinder so manipuliert, dass sie sich selbst etwas antun.

Finale

Intensive, kammerspielartige Filme wurden im Laufe der Jahre eine Spezialität der Polizeirufe und in dieser Tradition steht der 156. Film der Reihe. Später hat man das weitgehend aufgegeben und beim MDR mit der Inthronisierung von Schmücke und Schneider im  Jahr 1996 einen Weg einschlagen, der für die Zuschauer gewiss in weniger gedrückter Stimmung zurückließ als ein Fall wie „In Erinnerung an …“, und das war damals sicher auch wichtig: Die Verwerfungen der Nachwendezeit mit zwei so gutgelaunten Typen abzufedern. Aber schade ist es doch, dass man nicht mehr so dicht an die Opfer und Täter heranging, weil die Ermittler, wie in den Tatoren, mehr in den Mittelpunkt gerückt wurden und die Handlungsanlage konventioneller wurde. Ein Whodunit ist „In Erinnerung an …“ zwar auch, aber es ist erkennbar zweitrangig, ob es nun der blondierte Andy war oder jemand anderes. Andy wird von Henning Peker verkörpert, der zuletzt in dem großen Ensemble von „Babylon Berlin“ erneut eine Außenseiterrolle – als drogensüchtiger Kleinganove-Informant – innehatte. Für uns ist „In Erinnerung an …“ ein überdurchschnittlicher Film, der sich traut, ein immer noch heikles und für immer hochemotionales Thema ohne Scheu darzustellen. Der richtige Ton wird dabei weitgehend getroffen.

8/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans-Werner Honert
Drehbuch Michaela Bach
Jörg Schade
Produktion Milena Maitz
Musik Jürgen Wilbrandt
Kamera Jürgen Heimlich
Schnitt Margrit Schulz
Besetzung

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