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Am heutigen Morgen hat Statista diese Umfrage in eine Grafik gepackt: Sollen vollständig gegen Corona geimpfte Menschen mehr Freiheiten erhalten?

Kommentar im Anschluss an die Grafik.

Infografik: Mehrheit befürwortet Lockerungen für Geimpfte | Statista
• Infografik: Mehrheit befürwortet Lockerungen für Geimpfte | Statista

Es wird wohl aus rein praktischen Erwägungen so laufen, dass Geimpfte mehr Freiheiten erhalten werden. Von „zurückerhalten“ sollte man eher sprechen. Viele Menschen, die ich kenne, sind geimpft. Aber erst einmal. Das trifft auch auf mich selbst zu. Ich könnte nun auch meinem zweiten Termin im Mai entgegenfiebern und sagen, danach geht das schöne Leben wieder los. Tue ich aber nicht. Ich tue es so lange nicht, wie die Impfpriorisierung nicht aufgehoben wird und nicht alle die Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen. Das ist für mich eine Frage der Solidarität. Wäre die Priorisierung mangels genug Impfstoff bis im Herbst aufrechterhalten worden, dann hätten sich in der Tat mehr und mehr schwierige Fragen gestellt, aber wer noch nicht die Möglichkeit hatte, sich impfen zu lassen, darf dadurch keine Nachteile erleiden. Wenn die Impfpriorisierung erst im Juli aufgehoben wird, dann ist das für alle so. Vorteil: Herdenimmunität wird ohnehin in den nächsten Monaten nicht erreicht sein und auch die Geimpften tun gut daran, vorsichtig zu bleiben. In eigenem Interesse und in dem anderer.

Derzeit wird davon gesprochen, dass das Risiko für die Selbst- und Fremdansteckung durch Impfung stark zurückgehen, ebenso das Risiko eines schweren Verlaufs. Wäre das nicht so, wären die Impfungen ja auch sinnlos. Trotzdem ist es nicht zu viel verlangt, für ein paar Wochen, nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, noch ein wenig solidarisch zu sein. Ich bin ungern in Sachen Corona gegen die Mehrheit eingestellt, weil ich glaube, dass die Mehrheit bisher während der Pandemie vernünftige Ansichten hatte. Ich war aber auch gegen die Ausgangssperren in ihrer ursprünglich vorgesehenen Form, weil ich deren Sinn anzweifle und hatte deshalb Diskussionen zu führen, in denen mir durchaus etwas wie eine andere Sicht erklärt wurde. Vollständig überzeugt bin ich deshalb noch nicht, aber das gilt auch für die „Entfesselung“ der Geimpften, zu denen ich mit Glück bzw. bei Termintreue (mein erster Termin wurde wegen Engpässen bei der Impfstoffversorgung zweimal verschoben) in einem Monat zählen sollte.

Eine andere Frage ist der Umgang mit jenen, die sich nicht impfen lassen wollen. Sie müssen sich dann eben weiterhin, möglicherweise sogar recht häufig, testen lassen. Daran führt nichts vorbei. Einen Impfzwang darf es nach meiner Ansicht nicht geben, auch keinen faktischen in der Form, dass der Unterschied in den täglichen Gestaltungsmöglichkeiten zwischen Geimpften und freiwillig nicht Geimpften immer weiter anwächst. Aber ein paar kleinere Unnahmlichkeiten für die Verweigerer möchte ich doch empfehlen.

Natürlich grummelt da etwas in mir: Die große Mehrheit wird die Impfrisiken eingehen, um dabei zu helfen, dass die Pandemie endlich beendet wird, einige Schlaumeier*innen werden sich einen schlanken Fuß machen und sich denken, wenn es vorbei ist und ich habe es geschafft, ohne jene Risiken und ohne Infektion durchzukommen, hab ich doch für mich selbst alles richtig gemacht. Es ist keine freiheitskämpferische, sondern eine egoistische Arschlochhaltung, die sich darin ausdrückt, aber im Sinne ebenjenes Eigennutzes, der in unserer Verfassung, wenn es nach den „Liberalen“ geht, so eine enorm wichtige, ja unangreifbare und alles andere überragende Stellung hat, ist es erlaubt, so zu denken.

Die langfristigen Nebenwirkungen der Impfungen werden hoffentlich nicht wesentlich andere sein als bei allem, wogegen bisher geimpft wurde. Ja, es existiert die Möglichkeit von Komplikationen, aber die Zahl der Betroffenen wird nach allem, was sich bisher zeigt, überschaubar bleiben und über mehr zu spekulieren, ergibt leider keinen Sinn. Wie bei jeder Medikation, möchte ich hinzufügen. Jedes wirksame Medikament kann auch Nebenwirkungen entfalten, daher die großen Beipackzettel, auf denen auch statistisch eher unwahrscheinliche Fälle aufgeführt sein müssen.

Bei den meisten Medikamenten ist es aber die Verantwortung des einzelnen, was er tut oder lässt, allenfalls kann man sagen, wer eine sinnvolle Medikation verweigert, schadet sich selbst und im Weiteren der Gemeinschaft durch evtl. höhere Krankheitskosten, es kann allerdings auch umgekehrt kommen. Aber die Impfung ist nicht vorrangig dem Selbstschutz gewidmet, daher kann die Abwägung, wie hoch das statistische Risiko ist, selbst zu erkranken und einen schweren Verlauf zu haben, nur eine untergeordnete Rolle spielen, sondern es handelt sich um eine originäre Gemeinschaftsaufgabe, bei der alle für alle denken sollten.

Deshalb ist es für mich einerseits kritisch, Geimpfte sehr frühzeitig besserzustellen. Es ist ebenso kritisch, absichtlich Ungeimpfte ganz ohne Konsequenzen von dannen ziehen zu lassen, die sich dieser Aufgabe verweigert haben, deren Solidaritätstest also negativ oder deren Egozentriker-Test positiv war. Für mich ist diese Haltung in einer Kategorie mangelnder Solidarität angesiedelt wie die ausufernde Steuervermeidung, nur, dass es beim Impfen um die am höchsten einzuschätzenden Güter Gesundheit und Leben geht. Ich werde mich übrigens ein drittes und viertes Mal impfen lassen, wenn es aus Gründen weiterer Mutationen notwendig werden sollte.

Es gäbe aber eine andere Möglichkeit: Impfbereitschaft zu prämieren, und zwar finanziell, wie es jetzt in den USA vorgesehen ist. Okay, 100 US-Dollar sind etwas wenig, um sich dafür die Verweigerungshaltung abkaufen zu lassen, aber ich könnte wetten, dass schon bei wenigen hundert Euro Impfprämie das Lager der Verweigerer in Deutschland erheblich schrumpfen würde. So viel zu den heiligen Prinzipien und der Käuflichkeit.

Derzeit bin ich nicht für eine unterschiedliche Behandlung (vollständig) Geimpfter und nicht (vollständig) geimpfter Personen, vielleicht doch mit einer Ausnahme: Ältere Menschen, die in Heimen leben, die ohnehin eine Form von Ausgangssperre aushalten müssen und keine Angehörigen empfangen durften.

Bei ihnen könnte man alsbald erleichternde Änderungen herbeiführen, ohne dass das Solidaritätsprinzip zu stark verletzt würde. Nachdem besonders vulnerable Gruppen aber geimpft sind, sollte man wirklich auf die Priorisierung verzichten und vor allem dafür sorgen, dass die Impflogistik funktioniert. Gleich waren wir in Corona oder im Angesicht der Bedrohung durch das Virus nie, das ist ein Märchen, das uns die Kapitalisten auftischen wollen, aber danach haben wir dann alle die Möglichkeit, wieder gemeinsam und öffentlich sichtbar auf die Fragen der Zeit zu antworten.

Dann dürfen auch gerne die Corona-Leugner*innen mitmachen, damit sie endlich lernen, sich für etwas Werthaltiges einzusetzen. Ihre verschrobene und offenbar überschüssige Form von Energie kann die erschöpfte Mehrheitsgesellschaft vielleicht ganz gut gebrauchen und für mehr Solidarität ist es nie zu spät. Leider jedoch: Ich könnte schon wieder wetten. Darauf, dass die meisten von ihnen dann wieder in ihren verschwörungstheoretischen Generalverweigererzirkeln untertauchen werden, anstatt konstruktiv an irgendetwas mitzuarbeiten – und wenn es nur der Ausgleich dafür wäre, dass sie eine Mitschuld daran tragen, dass Menschen mit Longcovid zu kämpfen haben, dass wir alle im Longcovid-Dreiviertellockdown herumkrebsen und dass viele von uns geliebte Menschen durch Corona verloren haben.

TH

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