Schützlinge – Tatort 493 #Crimetime 977 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Schützling

Crimetime 977 – Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Polizist Bauch und Polizist Brüssel versuchen, sich im Milieu der nicht stummen Gehörlosen zurechtzufinden

Der Plot in einem Satz, ohne Auflösung: Schenk wird mit dem Mord an einem Hausmeister konfrontiert, Ballauf kommt von einer Schulung in Brüssel, beide werden mit dem Mord an einem Immobilienbesitzer konfrontiert, welcher auch Chef des nunmehr toten Hausmeisters ist und schnell wird eine Gang von Kleingangstern verdächtig, welcher auch ein Gehörloser angehört, wodurch die beiden Kölner Ermittler mit Menschen konfrontiert werden, die sich nur öffnen, wenn sie Vertrauen zu den Hörenden haben.

Wir haben nun die Mehrzahl der „frühen“ Köln-Tatorte rezensiert, wobei wir die Frühphase von Ballauf und Schenk mit dem hier besprochenen Tatort 493 enden lassen wollen. Dass sich die beiden beim Lösen des 18. gemeinsamen Falles und nach fast fünf Jahren immer noch bzw. wieder angiften, nervt etwas und wirkt überflüssig, gerade in den Sozialtatorten, zu deren Genese als Sub-Subgenre die beiden so viel beigetragen haben; zuletzt haen wir darüber in der Kritik zu „Kindstod“ geschrieben. Dieses Problem ist in neueren Filmen kaum noch zu beobachten, wird aber von neueren Teams exzessiv wiederholt. Was es sonst zum 493. Tatort zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Andy steht unter Mordverdacht. Doch die Fragen, die Hauptkommissar Freddy Schenk im Verhör an ihn richtet, bleiben unbeantwortet. Der Jugendliche ist gehörlos. Schenk zeigt keine Geduld..

Weil kurzfristig kein Dolmetscher für Gebärdensprache verfügbar ist, vertagt der genervte und übermüdete Kommissar den Fall auf den nächsten Morgen. Was er nicht bedenkt: Andy kann sich nur mit seinen Händen mitteilen, beim Anblick der Handschellen, die ihm angelegt werden sollen, gerät der Junge in Panik: Vollkommen außer sich rennt er davon und springt aus dem nächsten Fenster direkt in den Tod. Tief geplagt von Schuldgefühlen nimmt Freddy Schenk mit seinem Kollegen Max Ballauf nur widerwillig weitere Ermittlungen in dem Fall auf.

Doch dann geschieht ein zweiter Mord. Eine heiße Spur führt in das „Exil“, ein Kulturzentrum für Gehörlose. Erst als sich die Ermittler auf die für sie fremde Welt wirklich einlassen, kommen sie der Lösung des Falls näher.

Rezension

Die alte Platte wieder aufzulegen, dass Freddy, der Gemütsmensch, sich benachteiligt fühlt, in einer Abwandlung, ist dem Fall und dem Thema nicht angemessen: Weil der Kumpel und Vorgesetzte Max zur Schulung darf und Freddy dafür Doppeldienste schieben muss, mosert er, von den später im Film auftretenden Gehörlosen „Polizist Bauch“ genannt, mit dem Kollegen rum, als habe dieser ihm nicht einst in „Willkommen in Köln“ den Arsch bzw. den Verbleib im Dienst gerettet. Auch da gibt es in jüngerer Zeit eine Tendenzwende, immer öfter muss Freddy seinen Chef aus der Patsche ziehen.

Gute Momente und schwache Dialoge liegen im Tatort 493 dicht beieinander. Manchmal ist der Humor bezaubernd, manchmal flach wie ein Waschbrett. Zudem kann das Drehbuch sich nicht entscheiden, welcher der beiden Ermittler nun die Rolle des Elefanten im Porzellanladen übernehmen soll und welcher der Einfühlsame ist. Offenbar funktioniert das These-Antitithese-Schema, das die Kölner über lange Jahre so gerne gespielt haben, beim Thema „Handicap“ nicht richtig und die Autoren kommen ins Schwimmen.

Dass die Hörenden nicht gut sehen, vor allem nicht in die Seele anderer Menschen, zeigt sich hingegen eindeutig, wenn auch gemäß obiger Darstellung abwechselnd an Freddy, an Max, an den Immobilienmenschen und an der ganzen ignoranten Gesellschaft. Ein Mundwerk macht noch keine Kommunikationsfähigkeit, und es ist richtig, dass Angehörige von Minderheiten untereinander solidarischer sind und dass Menschen, die ein Handicap haben, aus den verbliebenen Möglichkeiten oft weitaus mehr machen als diejenigen, die sich gar nicht bewusst sind, welch eine Gnade es ist, unversehrt durch die Welt zu wandern, und wie wenig dies ein individuelles Verdienst darstellt.

Kleiner Exkurs: Genau aus dem Grund, dass es unmenschlich ist, Menschen eine Generalschuld aus dem Jetzt, aus der Vergangenheit, den Taten der Vorfahren oder woher auch immer zuzurechnen, lehnen wir spinnerte Pseudophilsophien ab, die quasi jeden Tatbestand einer solchen Herleitung unterwerfen wollen. Wenn das Prinzip, es gebe und läge in allem ein Sinn, sich ad absurdum führt, dann darin, dass es Menschen gibt, die mit einem Handicap klarkommen müssen oder in miserable Verhältnisse hineingeboren wurden.

Gehörlose aber können rocken, das sieht man an der Party im „Exil“, und die Gefühle zwischen ihnen sind absoluter als unter den offenbar zu vielen Reizeinflüssen ausgesetzten „Hörenden“. Dass Gehörlose dermaßen ausgegrenzt und diskriminiert werden, war uns nicht bewusst. Vielleicht fanden wir es deshalb übertrieben, dass der Immobilienmensch Merz, dessen Namen einem zu Beginn der 2000er recht bekannten Unionspolitiker nachgebildet scheint, neben den allfälligen und glaubhaften, zudem ausreichenden wirtschaftlichen Überlegungen auch noch dieses Motiv „die Behinderten nicht seinen übrigen Mietern zumuten zu wollen“ haben muss, um das „Exil“ zu kündigen und diese Institution aus einem seiner Häuser vertreiben zu wollen. In Häusern, die im Ganzen durch Mietervertreibung entleert und dann saniert werden sollen, wirkt es unsinnig, auch noch ein persönliches Fass aufzumachen und das Hören von Musik als eine Art Demütigungsinstrument gegen Gehörlose einzusetzen.

In Köln wird dieses Mal eher mit demHammer gearbeitet, nicht mit dem sozialpolitischen Florett. Leider beschädigt das grobe Werkzeug ein wenig die Wirkung der Kritik, weil unter anderem demonstriert, warum wir „Hörenden“ manchmal so platt und wenig feinfühlig sind.

Den Plot an sich hat man mit einiger Not im Griff behalten und wäre nicht das unsinnige Gezicke zwischen Ballauf und Schenk gewesen, hätte man die Figuren der Gehörlosen noch differenzierter darstellen, den Handlungsablauf etwas präziser gestalten können und hätte damit jene Konzentration an den Tag gelegt, die dem Thema angemessen gewesen wäre.

Dass letztlich aber kein Gehörloser, entgegen der zwischenzeitlichen Vermutung der Ermittler, den Merz umgebracht hat und auch kein Gehörloser dessen Hausmeister auf dem Gewissen hat, ist PC und versteht sich von selbst. Dieser Part aber ist gut gelungen und sichert uns außerdem mit der Vernehmung des Mieters Balzer bzw. dessen verbaler Tour de Force das Highlight des Films. Wie erwähnt, wirklich gute und weniger gelungene Szenen liegen dicht beieinander.

Schön, wenn auch etwas kitischig, wird die Romantik zwischen jungen Gehörlosen dargestellt. Die große Liebe ist möglich, wenn man sie nicht durch verbale Diskussionen zerstören kann, so will es scheinen.

Filmisch ist „Schützlinge“ auf dem hohen Niveau, das die Kölner bei Dienstantritt 1997 aus dem Stand erreicht hatten und das einige Jahre als Maßstab für die gesamte Serie dienen konnte. Kameraarbeit, Musik und Schnitt sind gut, ohne dass man der Versuchung erlegen ist, sich Gimmicks zu erlauben, etwa, um die Welt der Gehörlosen „von innen“ darzustellen, oder was immer bei diesem Tatort die Fantasie bei der formalen Gestaltung  hätte beflügeln können.

Finale

Ein interessanter, zuweilen einfühlsamer Tatort, der sich seiner Eindringlichkeit durch einige falsche Töne und viel überflüssiges Getue leider stellenweise beraubt. Das ist wirklich schade, denn die Idee des Films ist tragfähig und die Darsteller der Nebenfiguren können überzeugen.

Interessanterweise sind es aber die ersten Kölner Tatort-Jahre, in denen die Ermittler manchmal pubertär wirken, wie in „Schützlinge“ der Freddy, in denen auch die meisten Highlights des aktuellen Teams entstanden. Vielleicht war das Rauere, das Urige, deshalb gut, weil es mehr Diskussionsstoff bot und immer hübsch engagiert oder involviert wirkte. Wir meinen aber, nach so langer Zusammenarbeit sollte sich das mal legen und durch neue Impulse im Kumpel-Leben von Feddy und Max verdrängt werden.

Die Rezension erscheint als Köln-Double Feature im Zusammenhang mit dem neuesten Fall „Ohnmacht“ (Tatort 910) vom 11.05.2014.

„Schützlinge“ ist kein schlechter Tatort, aber auch kein Topfilm aus der Domstadt. 

7/10

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Kommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Franziska – Tessa Mittelstaedt
Jennifer Hoffmann – Naomi Krauss
Oktay Kutlucan – Erhan Emre
Gladbach – André Meyer
Erwin Balzer – Thierry van Werveke
Bär Andy – Andreas Unruh
Horst Merz – Karl Kranzkowski
Svenja – Jana Pallaske
Michael Hoffmann – Marco Lipski

Drehbuch – Sönke Lars Neuwöhner, Sven S. Poser
Regie – Martin Eigler
Kamera – Benjamin Dernbecher
Ausstattung – Jochen Schumacher
Musik – Wolfgang Böhmer

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