Corona und die Seele: Höchststand bei Fehltagen wegen psychischer Erkrankungen im Jahr 2020 +++ allgemeine Betrachtung +++ | #Newsroom #Corona Lage | #Covid19 #Fehltag #Krankheit #Krankschreibung

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Im Begleittext zur unten veröffentlichten Statistia-Grafik heißt es: Rund 265 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Versicherte aufgrund psychischer Erkrankungen zählt der DAK-Psychreport 2021. Damit hat die Fehltagestatistik der Krankenkasse im Corona-Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Zumindest teilweise dürfte die Pandemie für diese Entwicklung verantwortlich sein. Die Pressemitteilung weißt etwa drauf hin, dass Anpassungsstörungen (64 Tage je 100 Versicherte (+8 Prozent)) zugenommen haben. Der Begriff beschreibt eine „Reaktion auf ein belastendes Lebensereignis, zum Beispiel einen Trauerfall“. Die meisten Fehltage entfallen auf Depressionen (106 Tage je 100 Versicherte).

• Infografik: Kranke Psyche: Höchststand bei Fehltagen im Jahr 2020 | Statista

Vor allem bei Frauen haben die Fehlzeiten demnach zugenommen, heißt es weiter in der Erklärung zur Grafik.

Allerdings gibt es, wie sich aus der Grafik gut ersehen lässt, seit vielen Jahren einen Anstieg von Krankheitstagen aus psychischen Gründen, bekannt ist auch, dass die Zahl der Ausstiege aus dem Job wegen Berufsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen mittlerweile die klassischen Gründe (Allergie, Rückenprobleme etc.) als Grund überholt hat. Während des ersten Corona-Jahres wurde diese Entwicklung lediglich fortgeschrieben, die nur im Jahr 2018 einen auffälligen „Knick“ erfuhr.

Andererseits ist während der Corona-Pandemie zu berücksichtigen, dass die Zahl der abgeleisteten Arbeitsstunden insgesamt, ähnlich wie während der Bankenkrise 2009, stark abgenommen haben dürfte. Insgesamt geht die Zeit der geleisteten Arbeitsstunden pro Person und Jahr seit vielen Jahren zurück, wie sich aus dieser Grafik ersehen lässt. Dieser Rückgang ist auch der hauptsächliche Hintergrund des sogenannten Jobwunders, die vorhandene Arbeitszeit wird zwischen immer mehr Personen aufgeteilt. Die Statistik weist auf elf Steigerungen des Gesamtarbeitsvolumens in 14 Jahren hin, doch diese Formulierung ist verzerrend, denn der starke Einbruch von 2009 musste sukzessive aufgeholt werden und seit dem Jahr 2000 hat sich die Gesamtarbeitsstundenzahl lediglich von ca. 60 Milliarden auf 62,6 Milliarden erhöht, hauptsächlich durch Zunahme im Sozialen und des Gesundheitswesens ab 2015. Zu Corona heißt es:

Die Corona-Pandemie hat erheblichen Einfluss auf die Arbeitszeit und das Arbeitsvolumen in Deutschland. Im zweiten Quartal 2020 sank die von allen Erwerbstätigen geleistete Arbeitszeit im Vergleich zum Vorjahr um 8,8 Prozent und das Arbeitsvolumen um 10,0 Prozent.

Ob Corona nun bezüglich der Fehltage aus psychischen Gründen im Jahr 2021 zu einem Rückgang führen wird, lässt sich noch nicht einschätzen. Einerseits können viele Menschen derzeit ihren Job gar nicht ausüben oder bekommen Kurzarbeitergeld, andererseits sind viele, die im Beruf ohnehin überhohe Belastungen zu klagen haben, nun besonders gefordert. Von der obigen Statistik sind nur DAK-Versicherte umfasst. Wie es bei gesetzlichen und privaten Kassen aussieht, deren Versicherte ein abweichendes Job- oder Sozialprofil haben, wäre also gesondert zu untersuchen, wenn man einen Gesamtüberblick haben möchte.

„Ein psychischer Krankheitsfall dauerte 2020 durchschnittlich 39 Tage – so lange wie noch nie.„, heißt es im DAK-Report.

Das klingt enorm, ist es aber nicht. Wenn Depressionen die Grundlage sind und im Volksmund „Burnout“ deklariert wird, sind 39 Tage sehr kurz und weisen darauf hin, dass viele Beschäftigte, deren Arbeitgeber, aber auch die Kassen, noch keinen profunden Umgang mit der Krankheit gefunden haben und es besteht der Verdacht, dass es durch mangelhafte Versorgung, durch immer noch vorhandene soziale Stigmatisierung, einhergehend mit Schamgefühl bei psychischer Erkrankung, zu Wiederholungsfällen kommt, weil die Krankheit nicht konsequent genug behandelt wird und Menschen zu früh wieder ins Arbeitsleben eintreten. Von „Ausheilen“ wie bei einem Knochenbruch kann man in vielen Fällen sowieso nicht sprechen. Weiterhin sind Heilungs- und Reintegrationsmethoden regelmäßig so ausgerichtet, dass systembedingte Verschleißerscheinungen individualisiert werden – es wird auf den Einzelnen und auf die Wiedererlangung von dessen Funktionalität abgestellt, nicht auf nachhaltige und allen Werktätigen zugute kommende Vermeidung der Arbeitssituationen, die zu solchen Krankheiten führen.

Das Grundproblem hat sich durch Corona noch einmal offener gezeigt, ist aber weder neu, vielmehr ist eine seit Langem negative Entwicklung zu beobachten: Die Arbeitswelt und der Druck, der dort auf Menschen ausgeübt wird, macht immer häufiger krank und die Folgekosten werden von jenen, die den Druck verursachen, auf die Gemeinschaft der Versicherten abgewälzt. Ein typisches Beispiel von „Gewinne privatisieren und Kosten sozialisieren“, das einmal mehr die Systemfrage aufwirft und klarstellt, dass die Ausbeuter mit Zitronen handeln, wenn es um die Auswirkungen ihrer Methoden auf die Arbeitenden geht, ähnlich wie bei den Umweltsünden, die nicht in betriebswirtschaftliche Berechnungen einfließen. Dadurch entsteht gesamtgesellschaftlich eine Schieflage, die immer noch weitgehend ignoriert wird, wenn die Wirtschaft ihre eigenen (Be-) Rechnungen erstellt.

TH

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