Fehlschuss – Polizeiruf 110 Episode 300 #Crimetime 978 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Schuss #fehlt

Crimetime 978 – Titelfoto © MDR / Wünschirs

Der Hehler ist schlimmer als der Stehler – wie aber bei Mord?

Auch der 250. Polizeiruf war ein Schmücke-Schneider-Fall, und wieder stellt sich die Frage – hat man den Hallensern absichtlich das Jubiläum oder die runde Zahl zukommen lassen, als Anerkennung für ihre langjährigen, treuen Dienste? Immerhin gab es 2008 schon das Buch von Peter Hoff, auf dem die Zählung fußt, die in der Wikipedia verwendet wird und der auch wir folgen. Wir werden wohl die 400 noch erleben, dann sehen wir, ob diese Episode groß herausgestellt wird. Bei den Tatorten gibt es ja diese sozuagen offizielle Politik, eindeutig sichtbar war das beim Tatort Nr. 1000, der den gleichen Titel trug wie die Nr. 1, „Taxi nach Leipzig„. Aber was hat sich bei Schmücke und Schneider zwischen 250 und 300 verändert? Darüber schreiben wir in der -> Rezension

Handlung

Seit sechs Wochen halten dreiste Einbrecher die Polizei zum Narren. Dieses Mal ist bei einem der Einbrüche eine alte Frau zu Tode gekommen, die die Diebe überrascht hatte. Die Kommissare Schmücke und Schneider übernehmen die Ermittlungen und sind davon überzeugt, dass es sich hierbei nicht um professionelle Einbrecher handelt.

Als die Kommissare abends gemeinsam unterwegs sind erhalten sie den Notruf eines Kollegen, der bei einem erneuten Einbruch um Hilfe bittet. Da sie sich in unmittelbarer Nähe befinden, fahren sie zum Einsatzort und überraschen so die Diebesbande. Nachdem einer der Einbrecher eine Waffe zieht und abdrückt, schießt Schmücke auf den Mann in Notwehr. Erschrocken stellt er fest, dass es sich dabei um einen Minderjährigen handelt. Auch der Rest der Bande, der fliehen konnte, dürfte aus Jugendlichen bestanden haben. Schwer verletzt wird der 14-jährige Sascha Löbner in die Klinik gebracht, wo er einige Tage später verstirbt.

Schmücke ist fest entschlossen die Hintermänner dieser „Kinder“ zu finden. Zu Saschas Freundeskreis gehören Mario Beiner, Kevin Mühlmann, Nicole Wieland und Pavel Schenk, die in ihrem Wohngebiet als unbequeme Randalierer bekannt sind. Nachdem der Fluchtwagen gefunden wird, können Spuren darin den Jugendlichen zugeordnet werden. Nach Hausdurchsuchungen kann allerdings kein Diebesgut sichergestellt werden und die Jugendlichen hüllen sich in Schweigen, decken ihren Auftraggeber. Eine Spur führt zum Jugendhof, deren Leiter der vorbestrafte Michael Rossberg ist. Er geht sehr hart mit den Kindern um und geht davon aus, dass dies die beste Schule für das Leben wäre.

Als Kevin Mühlmann sich den sensiblen Mario Beiner vorknöpft, damit dieser nichts verrät, kann Schmücke dazwischen gehen, doch die Jugendlichen drehen den Spieß um und bedrohen nun den Kommissar. Als dieser sich verteidigt, stellen die Kinder das Ganze so dar, als hätte Schmücke sie bedroht. Dieser ärgert sich in diese Falle gelockt worden zu sein und verdächtigt den Hausmeister des Wohngebietes, von dem er den Hinweis erhalten hatte, dass Mario Beiner in Gefahr wäre.

Schmücke gelingt es Mario Beiner zum Reden zu bringen, der eingesehen hat, dass die Hintermänner am Tod von seinem Freund Sascha schuld sind. Er verrät den einschlägig bekannten Hehler Rudolf Bröcker und seinen Freund Peter Färber, die daraufhin verhaftet werden. Mario gibt auch zu, die alte Dame aus Angst gestoßen zu haben, was zu ihrem Tode führte.

Rezension

Das Außen der Plattenbaugebiete ist rotgelb, es scheint eine soziale Verfärbung vorzuliegen. Dieser Verdacht erhärtet sich im Laufe des Films und wir sehen das triste Leben einiger Jugendlicher, die miteinander abhängen, miteinander Sozialstunden abreißen und miteinander klauen gehen, was wiederum den Leiter des Sozialhofs, in dem sie arbeiten, in Schwierigkeiten bringt. Wir dachten aber: Nein, das ist nicht der Hehler. E-Knacki hin oder her. Und es wäre zu politisch unkorrekt gewesen und hätte – zu Recht! – soziale Träger auf die Palme gebracht, denn schon die Besetzung der Leitungsstelle mit einem früheren Sträfling, nicht mit einem Sozialarbeiter, ist eine gewagte Konstruktion, Milieu-Authentizität des Typs und Autorität des Typs („Ich weiß Bescheid, macht nicht die gleichen Fehler wie ich, außerdem bin ich genug ein harter Hund, um euch Disziplin zu lehren“) hin oder her.

Die Ghettokids werden dem Zuschauer wahrlich nicht angedient, keiner von ihnen ermöglicht ohne Weiteres die Identifikation. Wer die sozialen Hintergründe nicht als Grund für ihre Verfehlungen akzeptiert, der kann im Grunde nur über Marios alleinerziehende Mutter einsteigen, die einzige positive Elternfigur im Film – oder über den Hausmeister und Vielgelegenheits-Handwerker, der von Henning Peker so verkörpert wird, dass man die Figur gut im Gedächtnis behält – aber auch für fähig, der Hehler zu sein. Zumal das Diebesgut in seiner Datsche gefunden wird. Damit wird übrigens ein typisches Motiv der DDR-Polizeirufe wieder aufgegriffen: Die Sore als Kuckucksei-Sammlung in fremden Behausungen, die nicht ganzjährig bewohnt werden. Im Frühjahr wird’s dann allerdings umständlich, wenn alles woandershin verbracht werden muss.

Auch in anderer Hinsicht ist „Fehlschuss“ ein Film, der an die Tradition der Polizeirufe bis zur Wende anknüpft, wobei dies kein Alleinstellungsmerkmal ist, das geschieht bis heute immer wieder – und trotzdem ist es auch ein Film, der perfekt ins Tatort-Schema passen würde. Es gilt, ganz am Anfang schon eine Leiche zu besichtigen bzw. den Tod der Person zu ermitteln  (Tatort-Muster) und doch liegt der Fokus auf den Episodenfiguren, man weiß als Zuschauer früh, dass die Jugendgang die Diebstähle begangen hat – aber wer hat die alte Frau auf dem Gewissen? Sind die Hehler tatsächlich mittelbare Täter, wie Schmücke uns immer wieder erklären will, weil er die Jugendlichen eher als Opfer sieht? Besonders natürlich, nachdem er selbst einen von ihnen erschossen hat. Unseres Wissens das erste Mal, dass Schmücke oder Schneider einen Menschen im Dienst erschießen. Wir würden mittelbare Täterschaft bezüglich der alten Frau verneinen, aber moralisch sieht es anders aus. Natürlich ist die Anstiftung zum fortgesetzten Einspruchsdiebstahl letztlich für den Tod der Frau verantwortlich, übrigens auch kausal, denn ohne die „Organisation“ wäre es nicht zu den Delikten gekommen.

Damit der Tod der Frau nicht wie ein Unfall aussehen kann, ermittelt man in der Rechtsmedizin ein Hämatom, das auf eine körperliche Auseinandersetzung schließen lässt, in deren Folge die Frau auf mit dem Hinterkopf auf eine Figur aus hartem Material aufschlug und verstarb. Nun ist es bei älteren Menschen leichter, ein Hämatom zu erzeugen als bei jungen, aber dass Mario die Frau nur einmalig weggeschubst hat, reicht das aus? Nun ja, diese Fragwürdigkeit wollen wir nicht zu sehr in den Vordergrund rücken.

Auch, dass man die beiden Männder, die alles angerichtet haben, den Besitzer des W-123-T-Modells von Mercedes und den Ladeninhaber jeweils nur ein einziges Mal auftreten lässt, bevor sie sich als Drahtzieher herausstellen, wollen wir mal nicht überbewerten, obwohl man sowas mit kapablen Verdächtigen nicht tut, sondern sie etwas mehr in den Fokus rückt. Immerhin sind sie vor der Aufklärung gezeigt worden. Schwerwiegender ist, dass man bei allen beschlagnahmten Gegenständen der Jugendlichen keine Hinweise auf ihre Nebentätigkeit fand, nicht einmal bei der Auswertung der Computer, die übrigens nicht einmal erwähnt, also möglicherweise nicht vorgenommen wird. Und natürlich, dass man den Laden des „Informanten“ nicht hat filzen lassen, spätestens, nachdem andere Verdächtige aus dem Rennen waren. Ein bisschen tricky, aber nicht exakt Zuschauerverarsche ist es, dass die Jugendlichen auf dem Gang zum Werkhof über die Hehlerperson unterhalten, sodass es wirkt, als sei der Mann, den sie gleich treffen werden, der Drahtzieher.

Und wie sieht es ethisch aus? Dadurch, dass Schmücke auf einen der Jugendlichen geschossen hat, kommt ein besonderes Problem hinzu, obwohl wir erfahren und von Kollege Schneider versichert bekommen, Schmücke ist nicht schuld gewesen, sondern – sic! – der Hehler. Auch hier dehnt man die Kausalität ziemlich aus, denn bezüglich Tötungshandlungen hätten wir auch einen Eventualvorsatz verneinen – oder? Mussten die Hintermänner nicht damit rechnen, dass irgendwann bei den Raubzügen ihrer „Schützlinge“ auch Menschen zu Schaden kommen würden, zumal die Jungs und das Mädchen eben noch keine Profis sind. Dass es bei so vielen Täter*innen keinerlei Spuren gibt, die schnell zum Ergebnis führen, nun ja. Wäre auch witzlos, denn es wird Spielzeit für das Porträt ebenjener Tätergruppe benötigt.

Trotzdem hebt Schmücke etwas zu oft darauf ab, dass die Hintergründe, die jemand hat, nicht dazu berechtigen, bei den Reichen einzubrechen. Einmal sagt er das quasi wörtlich. Die Hallenser Krimis sind konservativ, das darf man bei aller klugen Ausleuchtung der Milieus und der Charaktere der jungen Menschen nicht vergessen. Zwar wird zwei Erwachsenen die Hauptschuld gegeben, nebst einigen lieblosen, überforderten, gleichgültigen Eltern in der Plattenbausiedlung, zwar engagiert sich Schmücke wirklich sehr, insbesondere für Mario, an dem er wohl einen Narren gefressen hat, aber letztlich werden die Systemprobleme, die zu solchem Verhalten führen, nicht erwähnt und wird die Eigentumsideologie vorsichtshalber direkt bestätigt. Sicher trifft es mit einer einigermaßen situierten alten Frau möglicherweise die Falsche, aber richtig interessant wäre es geworden, wenn man einen wirklich reichen typischen Steuervermeider als Gegenfigur zu den Jugendlichen aufgestellt hätte. Das wäre auch weniger abstrakt gewesen als „die Versicherungen“, die von einem der Drahtzieher, aber auch von dem unglücklich im Prekariat gestrandeten Hausmeister auf negative Weise in Bezug genommen werden. Allerdings häte eine solche Gegenüberstellung wohl dafür gesorgt, dass man sich den „Fehlschuss“ hätte sparen müssen.

Finale

Dieser Fehlschuss, der einen Jugendlichen tötet, ist psychologisch sehr interessant, weil er möglicheweise darauf beruht, dass Schmücke sich nicht nur vor dem Psychologen drückt, sondern auch zu oft vor dem Schießtrainung und aher übermotivier ist, als er Schneider dazu antreibt, in ein Haus einzudringen, in dem die Täter noch zugange sind. Einer von ihnen könnte ja eine schusssichere Weste tragen. Was wir meinen, ist in der Kürze nicht so leicht zu beschreiben, man muss es gesehen haben – und der Polizeiruf 300 ist durchaus sehenswert. Auch, wenn er nonchalant Fragwürdigkeiten aufbaut, siehe oben, oder: Dass Schmücke so selten zum Schießtraining geht, sich einfach weigert, den Psychologen aufzusuchen und trotzdem weier in einem Fall ermitteln darf, der ihm ein routinemäßiges Dienstaufsichtsverfahren eingebracht hat – der Kriminalrat, der das laufen lässt, steht immer sebst mit einem Bein in dem Abgrund, in dem die internen Ermittlungen lauern.

Bereits vor dem Teamzuwachs durch Nora Winkler hat man versucht, die Schmücke-Schneider Filme weniger konventionell und moderner wirken zulassen, gerne unter Rückgriff auf traditonelle Stärken der Reihe Polizeiruf 110. Das ist in „Fehlschuss“ recht gut gelungen, er ist eindringlich und die Handlung geht flott voran. Eine wuchtige Sozialanklage ist er in unseren Augen nicht, dazu wird zu sehr relativiert. Wer will, kann aber vieles sehen, was immer mehr junge Menschen und auch manche älteren aus dem Mittelstand fallen lässt oder ihnen gar nicht erst eine Überwindung der Ausgrenzung erlaubt. Sie Ersatzfamilie, die Gang, ist auch keine Lösung, denn sie funktioniert nach den Mustern, welche die jungen Menschen von zuhause kennen nebst einem Zwang, dichthalten zu müssen, der alle unter Druck setzt. Die Polizei ihrerseits versucht, individuelle Unterschiede zu nutzen, um diese Zwangssolidarität zu sprengen. Am Ende kommt es zu Jagdszenen auf dem Spielplatz, die sehr aussagekräftig sind.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thorsten Näter
Drehbuch Thorsten Näter
Produktion Peter Gust
Musik Andreas Koslik
Kamera Vladimir Subotic
Schnitt Julia von Frihling
 
Jaecki Schwarz: Herbert Schmücke, Kriminalhauptkommissar
Wolfgang Winkler: Herbert Schneider, Kriminalhauptkommissar
Florian Martens: Michael Rossberg
Dieter Montag: Kriminaloberrat Leipolt
Henning Peker: Walter Koschinski
Christina Große: Marios Mutter
Robin Walter: Mario Beiner
Vincent Krüger: Kevin Mühlmann
Nina Heinke: Nicole Wieland
Paul Preuss: Pavel Schenk
Marie Gruber: Rosamunde Weigand, Kriminaltechnikerin
Jochen Schropp: Dr. Stabroth, Rechtsmediziner
Nadja Engel: Frau Löbner
Robert Gallinowski: Herr Löbner
Wolfgang Häntsch: Peter Färber
Waldemar Kobus: Rudolf Bröcker
Sven Lehmann: Herr Mühlmann
Lutz Jeskulke: Lutz, Kriminaltechniker

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