Letzte Fahrt nach Memphis (Thunder Road, USA 1958) #Filmfest 462

Filmfest 462 Cinema

Vorbilder für Fast & Furious

Thunder Road ist ein Schwarz-WeißDrama und Kriminalfilm aus dem Jahr 1958 unter der Regie von Arthur Ripley und mit Robert Mitchum, der auch den Film und produzierte und Co-Autor als Verfasser des Drehbuch war. Mit Don Raye war Mitchum ebenfalls Co-Autor des Titelsongs „The Ballad of Thunder Road„. Der Film zeigt Gene Barry und Jacques Aubuchon . Die Handlung des Films handelt von Mondschein in den Bergen von Kentucky und Tennessee in den späten 1950er Jahren. Thunder Road wurde zum Kultfilm und wurden in Autokinos in einigen südöstlichen Staaten bis in die 1970er und 1980er Jahre hinein gespielt.

In welchem James Bond-Film wurde die küntlich erzeugte Ölspur erstmalig eingesetzt, um verfolgende Autos ins Rutschen zu bringen? „Goldfinger?“ (1964). Das wäre logisch, weil dies der erste Film mit einem Agenten-Dienstwagen ist, der über zahlreiche Gadgets zur Abwehr von Gegnern verfügt. E

Und doch war die Idee damals schon sechs Jahre alt, wie wir feststellen, wenn wir „Letzte Fahrt nach Memphis“ sehen. Das Röhren der aufgebohrten Motoren von Ford-Coupés, die als Nacht-Transporter verwendet für illegal gebrannten Whisky verwendet werden, ist grandios und auch in der synchronisierten Fassung gut vernehmbar, wie überhaupt der fantastische Sound der Automobile jener Fullsize-Dekade, in denen alles in großen Schritten stärker, schneller, schöner wurde – auch die Filme nahmen an Aufwand und Länge rapide zu. Eine Ausnahme bilden die Films noirs, die in einem Umfeld sich durchsetzender Breitwand- und Technicolor-Kinowelten kurz und zweifarbig bleiben. Sicher ist „Thunder Road“ ein „kleiner“ Film, wenn auch im engeren Sinne kein B-Movie, aber ist er auch schwarz-weiß? Darüber schreiben wir mehr in der -> Rezension

Handlung (1)

Korean War veteran Lucas Doolin (Robert Mitchum) works in the family moonshine business— delivering the illegal liquor his father distills to clandestine distribution points throughout the south in his souped-up hot rod. However, Lucas has more problems than evading the U.S. Treasury agents („revenooers“), led by determined newcomer Troy Barrett (Gene Barry). Lucas is concerned that his younger brother Robin (James Mitchum), who is also his mechanic, will be tempted into following in his footsteps and becoming a moonshine runner.

A well-funded outside gangster, Carl Kogan (Jacques Aubuchon), tries to gain control of the independent local moonshine producers and their distribution points, and is willing to kill anyone who stands in his way. The stakes rise when an attempt by Kogan to kill Lucas results in the death of a government agent as well as another moonshine driver.

In a romantic subplot, Lucas becomes involved with nightclub singer Francie Wymore (Keely Smith). He is unaware one of the neighbor girls, Roxanna Ledbetter (Sandra Knight), has a crush on him and fears for his life.

When a series of government raids destroy their hidden stills, Lucas‘ father and the other local moonshines shut down production „for a spell“ to let the government deal with Kogan in its own time, but Lucas is forced by circumstances and his own code of honor to make a final run.

Handlung (2)

Im ländlichen Tennessee liefert Lucas „Luke“ Doolin den Whiskey aus der Schwarzbrennerei seiner Familie an die Abnehmer. Wie viele andere Familien sind auch die Doolins finanziell auf das illegale Geschäft angewiesen. Auf seinen Fahrten entkommt Luke der Polizei immer wieder durch waghalsige Fahrmanöver. Sein Partner Niles Penland jedoch wird auf einer Tour ermordet. Verantwortlich dafür ist der Chicagoer Gangsterboss Carl Kogan, der die Brennereien des ganzen Tals unter seine Kontrolle bringen will und die armen Leute unter Druck setzt. Kogan bietet Luke an, sich mit ihm zu verbünden, doch der Einzelgänger lehnt ab.

Als daraufhin auch der junge Jed bei einem Anschlag ums Leben kommt, der eigentlich Luke galt, erklärt dieser Kogan den Krieg. Damit gerät er zwischen alle Fronten, denn auch der Sonderermittler Troy Barrett von der Alkohol-Steuerbehörde ist ihm dicht auf den Fersen.

Rezension

Nicht Schwarz-Weiß, sondern in Grautönen gehalten ist „Thunder Road“. Die Dramaturgie ist schnörkellos, die Schauspielleistungen schlicht und damit viel näher an der Wirklichkeit als in den großen Epen und Melodramen jener Jahre. Wir können gut verstehen, dass „Thunder Road“ in den ländlichen Autokinos ein Kultfilm wurde. Dieses Ding vom letzten der freien Schmuggler gucken und dann mit dem Mädchen auf dem Beifahrersitz in diesem Stil nach Hause brausen, das war’s doch, für die Teenager jener Zeit, die gerade den Führerschein gemacht hatten und sich ein romantisches und dem jugendlichen Feuer angemessenes Rollenspiel ausdachten.

Hoffentlich ist bei der Imitation von Freiheit in Gefahr niemand ums Leben gekommen. Wir sind uns nämlich nicht einmal sicher, ob das auf Luke zutrifft, denn wer geht am Ende mit Roxanna Hand in Hand? Nein, er kann den Crash nicht überlebt haben, von dem nicht ganz klar ist, ob ihn Kogans Helfer oder die Steuerbehörde verursacht haben. Letzteres wäre ziemlich krass, weil diese bis  zu dem Zeitpunkt nur legale Methoden eingesetzt hatte, um den besten Schwarzfahrer von Harlan County zu erwischen.

Es gibt ein paar kleine Logikklemmen wie das Duell mit Kogans Mann fürs Grobe, das irgendwie unsinnnig sportlich orientiert wirkt, aber es dient natürlich der Action, die ausschließlich auf dem nächtlichen Dahinrasen auf kurvigen Straßen in bergigem Waldland basiert. Nein, an einer Tankstelle fliegt auch ein Auto in die Luft, zwei weitere rasen Berghänge hinunter und wo das Einhämmern auf illegale Whisky-Destillerien zu langwierig und schnöde ist, werden diese von den Besitzern selbst oder von der Steuerbehörde zur Explosion gebracht, die genaue Ermittlung der Täter ist mangels ins Bild setzen derselben nicht möglich.

Wenn es einen Schauspieler gibt, der noch 1958, als es langsam zu Ende ging mit der Freiheit, auf dem eigenen Land tun zu dürfen, was man will, einen Typ darstellen konnte, der nach der Heimkehr aus dem Koreakrieg genau das tut, nämlich die absolute Freiheit aufrecht erhalten, dann sicher Robert Mitchum. Wir erinnern uns an seine Rolle in „Out oft he Past“ (1947), in welcher er schon einen Wagen mehr oder weniger schicksalsergeben in den Untergang steuerte und wissen, er war eher ein solch  melancholischer good bad Guy als ein Triebmörder, wie in „Die Nacht des Jägers“, dem atemberaubenden Film aus 1955, in dem wir Mitchum zuletzt rezensier haben.

Etwas Getriebenes hat seine Figur auch in „Thunder Road“ und der mentale Hintergrund der Hinterwäldlergemeinde in den Bergen von Tennessee, welcher er angehört, ist nicht so leicht zu entschlüsseln, wenn man nicht ein irischer Dickschädel ist und sich der Neuzeit partout widersetzt, weil der Glaube an die Freiheit das Zahlen von Steuern nicht einschließt. Dass heute noch viele Amerikaner die Steuern als das eigentliche Verbrechen ansehen, ist mehr als ein augenzwinkernder Blick ins Hier und Jetzt, wenn man bedenkt, dass der Staat, wenn man schon soziale Ausgaben für nicht notwendig hält und seit den 1950ern die Steuern immer wieder herabgesetzt hat, der riesige Verteidigungsetat irgendwie bezahlt werden muss. Nur, weil es dadurch möglich war, konnte ein Typ wie Luke in den Krieg in Südostasien ziehen. Dieses Denken in größeren Zusammenhängen ist aber gerade dem Hinterwäldler nicht eigen, und die Familie und deren Zusammenhalt, Gott, der vor jedem Essen angerufen wird, im Notfall noch die Gemeinschaft der Schwarzbrenner, die einer Art lokalem Unternehmerverband ähnelt, der sich in Scheunen zu seinen Sitzungen trifft, das ist das Leben und dort endet der Horizont. Die Steuerfahndung, das sind Gegner, mit denen man sich abzufinden hat. Und wenn ein Konsortium aus der nächsten Großstadt sich einmischen will, dann ist die Mehrheit der Einzelunternehmer dagegen, dem Druck nachzugeben, auch wenn klar ist, dass der Widerstand Menschenleben kosten wird.

Der Film überträgt die großen Freiheitskämpfe ins Kleine und obwohl die Steuerbehörde für Spirituosen den Film unterstützt hat, erscheinen die Fahnder zwar als vernünftige Kerle, die nur ihren Job tun, deren Eingriff in die Freiheit der Bergler aber wirkt genau als das, was Mitchums Film ausdrücken soll: Als das eigentlich Unerlaubte, das mit allen Tricks unterminiert werden darf. Ja, das Heartland-America wird diesen Film gemocht haben. Damit es aber noch die richtig Bösen gibt, wird dieser Kogan ins Spiel gebracht, und sein Einwirken macht aus einem spannenden Duell zwischen Whisky-Desperados und dem Staat ein Dreieckspiel, das überhaupt erst einen Film noir hervorbringt.

Vielleicht ist „Thunder Road“ zu unbedeutend, um zum Kanon gezählt zu werden, aber er hat bis auf die femme fatale (hier gibt es nur gute Mädchen) alle Zutaten, die einen Genrefilm ausmachen: Das Werk der Vorherbestimmung wird nicht zum Motor der Handlung, aber die Art, wie Luke seinen Untergang in Kauf nimmt, ist schon auf die Art fatalistisch, die Film noir-Helden bzw. Antihelden auszeichnet. Und das schlimme Ende passt genau ins Schema. Eine Läuterung wäre hingegen zu unspektakulär gewesen, eine Zusammenarbeit mit den Steuerfahndern, um Kogan zur Strecke zu bringen. Ein solcher Vorschlag ergeht an Luke, jener sieht ihn abre als Verrat an den Idealen der Freiheit in den Bergen an.

Budgetseitig ist „Thunder Road“ gewiss ein B-Film, und B-Filme haben oft viel mehr Aussagekraft über die Wirklichkeit, in welcher sie entstanden ist, als die aufwendigen, hochartifiziellen Produktionen der großen Studios, die gerade in den 1950ern ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. Die Verfolgunsjagden wirken frappierend echt und sind wohl das Beste, was zu jener Zeit auf die Leinwand kam, auch wenn die Nahaufnahmen noch mit Rückprojektion vorgenommen wurden und Robert Mitchum wohl kaum nicht seinen aufgemotzten Ford 1951 bzw. den späteren 1957er Wagen selbst gefahren hat. Letzteres wäre heute auch undenkbar, das Echtheitsfeeling könnte man hingegen mit CGI unterstützen und man könnte kaum ermitteln, was echt ist und auf der Straße gefilmt, und was am Computer entstand. Solche Mätzchen waren in den 1950ern nicht möglich, ehrlich wirkendes Filmen bei Independent-Produktionen auch deshalb nicht nur ein Stilmittel.

Und ein Star, auf den man sich verlassen konnte. Nicht die Autorenfilmer, sondern Stars, die ihre eigenen Projekte verwirklichten, waren die ersten Unabhängigen, die in größerem Stil Filme machten, und man darf getrost davon ausgehen, dass „Thunder Road“ auch eine Allegorie auf Hollywood einerseits und die Staatszensur, die Filminhalte rigide prüfte, andererseits war. Schön verbrämt, dies alles, aber ein weiterer Aspekt von Freiheitskampf, den einige Spitzenschauspieler damals gegen das übermächtige Studiosystem führten und gleichermaßen ein Rückgriff auf die Schrecken der McCarthy-Ära, die gerade zu Ende gegangen war. Ob all der Subtext so gewollt war, können wir nicht ermitteln, aber die Parallelen des Geschehens im Film und in der Filmwelt jener Zeit sind deutlich wahrnehmbar.

Robert Mitchum hat keine Mühe, Luke Doolin die Leinwandpräsenz zu verleihen, die es braucht, um diesem sturen und schnellen Typ auf Schritt und Tritt und durch die Nacht zu folgen. Sein Sohn hingegen, der hier den jüngeren Bruder spielt, hat trotz großer Ähnlichkeit mit seinem Vater nicht diese flirrende Ausstrahlung, sondern spielt eher statisch – und man kann nachvollziehen, warum ihm keine große Karriere beschieden war. Was beim Vater lässig-lakonisch daherkommt, besonders dieser Blick hinter den immer etwas herabhängenden Lidern, wirkt beim Sohn eher irritierend und unattraktiv, weil die Mimik und Gestik es nicht gleichermaßen unterstützen. Die Frauenrollen sind okay, aber nicht so, dass sie ewig im Gedächtnis des Zuschauers bleiben würden; am meisten vielleicht noch die Familienmutter, das häusliche Zentrum, die loyal zum illegalen Treiben von Mann und Sohn steht und doch erleichtert ist, dass der jüngere Spross des Hauses auf jeden Fall davor bewahrt werden soll, ebenfalls als Whisky-Nachttransporter zu arbeiten. Dass es einen Typ wie Luke mehr zu einer Nachtclubsängerin in Memphis hinzieht als zum netten Mädel aus der Nachbarschaft, versteht sich im Sinn des Film noir beinahe von selbst.

Finale

„Thunder Road“ ist nie langweilig und bis auf das erwähnte Duell mit Kogans ausführendem Organ stimmt die innere Logik des Films, was bedeutet, dass Mitchum sich als Autor der Idee zum Film auch bewusst war, wie jene Stoffe funktionieren, die ihn zum Star gemacht haben. Quellen behaupten auch, er habe dem Regisseur Arthur Ripley ziemlich eng assistiert, um den Film zu dem zu machen, was er ist. Die Philosophie ist allerdings tückisch, wie häufig in US-Filmen, als der Hays Code noch in Kraft war (bis 1964). Einerseits sind die Outlaws die Leute, mit denen wir uns identifizieren (sollen), andererseits ist klar, dass sie nicht gewinnen können. Im Übertragenen heißt das u. a., dass die Freiheit auch in den USA nicht unendlich ist, dass die Gemeinschaft den Einzelnen nicht entkommen lässt, und dass Verbrechen sich eben nicht lohnt. Nicht langfristig, auch wenn die Schwarzbrenner schon seit 250 Jahren in den Bergen sitzen und ihr eigenes Ding machen.

73/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Alexander Platz

(1) Wikipedia
(2) Letzte Fahrt nach Memphis | film.at

Unter der Regie von Arthur Ripley
Produziert von Robert Mitchum
Geschrieben von Robert Mitchum (Geschichte)
James Atlee Phillips
Walter Wise
Mit Robert Mitchum
Musik von Jack Marshall
Robert Mitchum (Lied)
Don Raye (Lied)

 

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