Schlaf, Kindlein, schlaf – Tatort 502 #Crimetime 979 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Kind #schlaf

Crimetime 979 – Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Ritualmorde sind schwierig zu vermitteln

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: An einem heißen Sommertag finden Waldarbeiter die bereits von Füchsen angefressene Leiche einer jungen Frau, die möglicherweise von einem Ritualmörder umgebracht wurde, Max und Freddy ermitteln drauflos und in der Folge kommen allerlei seltsame Charaktere und Verbindungslinien zum Vorschein, inklusive einem Typ, der bereits zwei nach dem nämlichen Muster ausgeführte Morde auf dem Gewissen hat.

Plus

  • Ein typischer Schenk-Fall, in dem Dietmar Bär zeigen darf, dass er den mürrischen Fülligen mit großer Hingabe darstellen kann.
  • Freakige Rollen für Udo Samel und Catherine Flemming.
  • Humor trotz ernstem Thema, wenn auch auf Kosten der Seriosität.
  • Keine eindeutige bzw. nach Kölner Muster überdeutliche Botschaft, sondern ermöglicht differenziertes Nachdenken zum Bespiel über die Psychotherapeutenzunft.

Minus

  • Einer der logikschwächsten und unglaubwürdigsten Plots, die wir bisher zu rezensieren hatten, eingeschlossen diejenigen unter den neueren Tatorten, bei denen eine nachvollziehbare Handlung bewusst drangegeben wird, um eine spezielle Form von Skurrilität zu erzeugen.
  • Klischee-Italiener anstatt Wurstbraterei. Dann besser die Bude.

In ausgeschriebenen Sätzen findet sich mehr zum Tatort Nr. 502 in der -> Rezension.

Handlung

Die Hauptkommissare Max Ballauf und und Freddy Schenk müssen den Tod an einem Au-Pair-Mädchen aufklären, das offenbar einem Ritualmörder zum Opfer gefallen ist. Ungebetene Unterstützung bei den Ermittlungen erhalten sie von der Journalistin Barbara Stein. Sie soll über die Arbeit der Beamten berichten und so das Image der Mordkommission aufpolieren. Ausgerechnet die neue „Kollegin“ ist es, die die erste heiße Spur entdeckt:

Vor 15 Jahren hatte der Sexualtäter Willy Linnartz zwei Frauen auf die gleiche Art und Weise ermordet. Der Mann ist inzwischen aus der Haft entlassen worden und gilt nach einem psychologischen Gutachten als geheilt. Als die Kommissare den Verdächtigen vernehmen wollen, ergreift Linnartz die Flucht. Neben Ballauf und Schenk nimmt auch Barbara Stein die Verfolgung auf, doch sie hat ihre eigenen Gründe.

Die vermeintliche Journalistin entpuppt sich als das dritte Opfer von Linnartz. Damals konnte sie entkommen. Jetzt will sie sich an ihrem Peiniger rächen. In letzter Minute gelingt es den Kommissaren, Schlimmeres zu verhindern. Linnartz wird verhaftet. Doch er leugnet den Mord an dem Au-Pair-Mädchen hartnäckig. Und so stellt sich die Frage, ob jemand bewusst sein Mordritual benutzt hat, um die Polizei auf die falsche Fährte zu locken.

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Die angesprochenen Logikmängel und Fragwürdigkeiten im Plot lassen sich kaum einzeln aufzählen, aber wir versuchen, die wichtigsten herauszugreifen. Anlässlich der Wiederveröffentlichung im Jahr 2021 fiel mir auf, dass das Drehbuch zu dem Fall von Stefan Cantz und Jan Hinter stammt. Witzige Figuren, aber die Handlung, oh je. Erinnert mich das an etwas? Die beiden haben den Münster-Tatort erfunden, nebenbei bemerkt.

  • Die Rolle der Journalistin Stein alias Frau Lämmerhirt ist nicht durchdacht. Zum einen wirkt es mehr als kurios, dass sie den Ermittlern hinsichtlich alter Mordfälle mit frappierend ähnlichem Muster wie dem hier aufgedeckten erst auf die Sprünge helfen muss, Ballauf und Schenk hingegen nicht auf diesen Typ namens Linnartz kommen, der vor 15 Jahren weggesperrt wurde, nachdem er gleich zwei Frauen auf ähnliche Weise umgebracht hat. Eine dritte konnte ihm entkommen. Auch sonst ist die vorgebliche Journalistin viel fixer als die Ermittler – bis sie zu einem Nachahmungstäter ins Auto steigt und ab dort so panisch und unsinnig reagiert, dass man dies zwar anhand ihres Traumas nachvollziehen kann, vielleicht sogar, dass sie in eine verlassene Industrieruine mit unterirdischen Gängen und toten Enden rennt, in dem sie einmal gefangen war, anstatt in den naheliegenden Wald (denn sie ist in Wirklichkeit das dritte Opfer von Linnartz), aber im Abgleich damit wirkt ihr ziemlich cleveres Verhalten, das sie zuvor an den Tag gelegt hat, mehr als übertrieben. Die Rolle an sich ist gut gespielt.
  • Klar, wenn Ballauf und Schenk nicht auf Linnartz kommen, kann es passieren, dass sie nicht registrieren, dass er aus der Haft entlassen wurde. Wenn sie aber auf Linnartz von Stein / Lämmerhirt aufmerksam gemacht werden und selbst danach nicht herausfinden, dass dieser jetzt wieder frei ist und ihnen das die Frau auch wieder sagen muss, geht’s ins Lächerliche.
  • Woher wusste Frau Lämmerhirt, dass bei der Polizei gerade eine Imagekampagne läuft und sie daher als Journalistin aufkreuzen konnte? Die echte Journalistin hat man überdies auf ziemlich lässige Art rausgeschrieben.
  • Der Nachahmungstäter Dr. Seitz wird spätestens da, wo der „Schlaf, Kindlein, schlaf“ singt, zur Karikatur, denn er war ja wohl nicht live bei den vorherigen Morden dabei, auch wenn er sich aufgrund seiner Ehepartnerschaft zu der Psychologin, die das Gutachten für Linnartz erstellt hat, so gut auszukennen scheint, dass er den Originalmord nachbilden und auch wissen kann, dass Linnartz entlassen wurde und der Verdacht daher auf ihn fallen würde. Als Täter wirkt er sehr verschroben, aber das ist noch okay, weil die Figur an sich durchaus einen gruseligen, arachnophilen Charme hat. Von der Konfrontationstheorie bis zum nachgestellten Ritualmord ist es offenbar nicht weit. Nachvollziehbar ist mit Abstrichen auch das Motiv, nämlich dass er seine Patientin, ein Au-Pair-Mädchen, geschwängert hat und sie dann loswerden will, als seiner Frau untergeordneter Duckmäuser, anstatt zu dieser extremen Überschreitung seiner Therapeutenrolle zu stehen.
  • Das Verhältnis Frau Dr. Seitz / Herr Dr. Seitz wirkt ein wenig wie das des Unternehmers Schrott zu seiner Frau in „Es geschah am helllichten Tag“, wenn auch subtiler und moderner, weniger linear hergeleitet. Das kann also zu Morden im Wald führen, wenn man so unterdrückt wird. Allerdings: Der Clou ist der Umweg. Der Mann hält sich an einer jungen, weniger dominanten Frau sexuell schadlos und ist nicht etwa ein Triebtäter, sondern bringt sie ganz berechnend um die Ecke, indem er einen Triebtäter imitiert. Wenn das alles in diesem Fall steckt, ist es durchaus clever gemacht, enthebt aber nicht der Kritik an den oben genannten und anderen Logikschwächen.
  • Mit der Psychologie tut sich der Krimi nicht leicht. Einerseits ist Linnartz wirklich geheilt, das heißt, Frau Dr. Seitz hat ihn wirkungsvoll therapiert, sofern man seine Heilung ihrem Wirken zuschreibt. Andererseits ist der Mann von Frau Seitz ein typischer Klischee-Psychiater, der selbst nicht ganz koscher daherkommt. Heilung von Krankheit und Vernichtung von Leben gehen hier eine schräg Verbindung ein und es ist gut, dass der Film an der Stelle nicht einheitlich wertet und auch nicht Max und Freddy nach der im Verlauf ihrer Kumpelfreundschaft so beliebten Verfahrensweise These + Antithese, mithin dialektisch, über ein Thema diskutieren lässt, sondern einfach nur Momente zeigt und dabei Humor und Skurriles reinbringt.

Finale

Ein Tatort aus der Zeit, als Köln noch nicht ritualisiert war (wobei man das mittlerweile aufgebrochen hat und sich um frischen Schwung bemüht, nachträgliche Anmerkung des Verfassers zum Zeitpunkt der Publikation, der aber zum Zeitpunkt der Republikation, nachträgliche Anmerkung des Verfassers im Jahr 2021, wieder etwas verloren gegangen ist), andererseits waren die meisten Manierismen, die wir kennen, bereits sichtbar. Die Art, mit sozialen Themen oder gar mit Frauenmord umzugehen, ist allerdings vergleichsweise lässig, ebenso wie die Handlungsgestaltung. Dadurch wirkt der Film lebendig; manchmal, wenn Freddy agiert, auch ein wenig derb, insbesonder bei Betrachtungen zum Berufsstand der Psychotherapeuten. Da vermischt sich Hintergründiges mit Klischee-Onkelei.

Es gibt keinen Grund, warum man sich „Schlaf, Kindlein, schlaf“ nicht ansehen sollte, zumal, wenn man Fan von Max Ballauf und Freddy Schenk ist. Der Film ist ebensowenig perfekt wie langweilig und wir geben dafür 7/10.

Wir haben die Rezension dem neuesten Kölner Fall „Wahre Liebe“ beigestellt, der ebenfalls 7/10 erhielt.

© 2021, 2014 (Entwurf 2013) Der Wahlberliner, Alexander Platz

Besetzung der Tatort – Folge „Schlaf, Kindlein, schlaf“:
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Franziska – Tessa Mittelstaedt
Barbara Stein / Susanne Lämmerhirt – Catherine Flemming
Dr. Seitz – Udo Samel
Frau Dr. Grünwald-Seitz – Lena Stolze
Journalist Doerr – Hugo Egon Balder
Dr. Roth – Joe Bausch
Willy Linnartz – Ronni Janot
Architekt Fründt – Joachim Raaf

Regie Peter Fratzscher
Kamera Jörg Schneider
Buch Jan Hinter und Stefan Cantz
Musik Martin Todscharow

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