Der letzte Zug von Gun Hill (Last Train from Gun Hill, USA 1959) #Filmfest 463

Filmfest 463 Cinema

Der letzte Zug von Gun Hill ist ein Western von John Sturges aus dem Jahr 1959 mit Kirk Douglas und Anthony Quinn in den Hauptrollen. Er basiert auf der Erzählung Showdown von Les Crutchfield. Deutschland-Premiere hatte der Filmklassiker am 19. Februar 1960.

In der literarischen Vorlage wird also die Quintessenz, der Höhepunkt des Westerns, als Titel verwendet. Nun sind nicht alle diese Filme so aufgebaut, aber in der klassischen Phase, den 1950ern, in denen der Western seine zweite Blütezeit erlebte, war häufig das Schussduell der Moment, auf den alles hinauslief. Ob der Film wirklich ein Klassiker ist? Die Frage wird in der -> Rezension geklärt. Die Kritik in Deutschland war jedenfalls ungewöhnlich uneingeschränkt angetan.

„Hervorragend gespielter und inszenierter Star-Western mit beachtlicher Spannung, dessen wirkungsvolle Inszenierung besticht.“ – Lexikon des internationalen Films[1]

„Spannender Edelwestern, für Erwachsene sehenswert.“ – Evangelischer Filmbeobachter[2]

Handlung (1)

Matt Morgan ist US-Marshal in einer kleinen Stadt und mit einer Indianerin verheiratet, mit der er einen Sohn hat. Eines Tages werden Frau und Sohn unterwegs in einem Waldstück von zwei jungen Cowboys überfallen. Dem Jungen gelingt mit einem der Pferde der Männer die Flucht, um seinen Vater zur Hilfe zu holen, doch dieser findet seine Frau nur noch vergewaltigt und tot vor. Doch er hat eine Spur: Einer der Täter wurde nach Aussage seines Sohnes von seiner Mutter mit der Peitsche im Gesicht verletzt, und das von seinem Sohn genommene Pferd trägt einen seltenen und kostbaren Sattel mit den Initialen CB. Matt erkennt den Sattel: Er gehört seinem alten Freund Craig Belden, mit dem er einst in früheren Jahren zusammen geritten ist. Die beiden haben einander seit Jahren nicht mehr gesehen. Belden ist heute ein großer, reicher und mächtiger Rancher in der Stadt Gun Hill, welche er quasi beherrscht.

Matt macht sich mit dem Zug auf den Weg nach Gun Hill, um Belden auf seiner Ranch aufzusuchen. Dort findet nicht nur er, sondern auch der entsetzte Belden selbst heraus, dass Beldens Sohn Rick einer der Mörder ist.

Für beide Männer gibt es jetzt keine Freundschaft mehr. Durch seine Vaterliebe getrieben weigert Belden sich, seinen einzigen Sohn auszuliefern. Morgan wiederum will die Bestrafung der Mörder seiner Frau und die beiden Männer dem Gericht ausliefern. Er kehrt in die Stadt zurück, um dort Rick festzunehmen und ihn zum letzten Zug aus Gun Hill zu schaffen. Belden schickt einige Männer hinter Morgan her, die diesen töten und damit seinen Sohn vor einer Verurteilung wegen Mordes bewahren sollen. Morgan kann seine Verfolger besiegen und Rick festnehmen. Er droht, Rick zu töten, sollte Belden noch weitere Männer nach ihm ausschicken. Belden hält seine Männer auch zurück, will aber weiterhin seinen Sohn retten.

Mittlerweile ist Beldens frühere Geliebte Linda nach Gun Hill zurückgekehrt. Sie will Morgan helfen, aus der Stadt zu kommen, indem sie ein Gewehr in sein Hotelzimmer schmuggelt. Der betrunkene Lee legt im Hotel Feuer, sodass Matt mit Rick das Hotel verlassen muss. Auf dem Weg zum Bahnhof sichert Matt sich dadurch, indem er droht, Rick zu erschießen, sollte auf ihn geschossen werden. Am Bahnhof angekommen versucht Lee, der Mittäter, seinen Freund zu befreien. Es kommt zum Schusswechsel, bei dem Lee und Rick erschossen werden. Der verblendete Vater schießt sich mit Matt und wird ebenfalls erschossen. 

Rezension mit Anni und Tom

Tom: Ein Jahr, bevor Regisseur John Sturges den berühmten „Die glorreichen Sieben“ drehte, hat er also „Last Train from Gun Hill“ gemacht. Und wieder ein Jahr zuvor „Zwei rechnen ab“ (Gunfight At The O. K. Corral), auch zuvor hat Sturges schon viele Western gemacht, man kann sagen, er ist ein Spezialist des Genres.

Anni: Das merkt man dem Film auch an. Alles sehr straff erzählt, auch wenn die Szenen auf dem Hotelzimmer dadurch ausgedehnt werden, dass man in die aktuelle deutsche Version wieder ein paar Szenen eingefügt hat (mit Untertiteln), die zuvor herausgeschnitten wurden und die tatsächlich nur eine Art Geplänkel darstellen.

Tom: Ich finde es richtig, dass man sie wieder eingefügt hat, denn der Film wird dadurch um einen Nuance anders getaktet, die Sequenz auf dem Zimmer wird zentraler.

Anni: Es gibt aber keinen Fortschritt, in diesen Gesprächsteilen. Sinn hätten sie doch nur gehabt, wenn zwischen dem Marshall und seinem Gefangenen sowas wie ein Ansatz von persönlicher Beziehung aufgekommen wäre. Etwas, das den Film hätte differenzierter wirken lassen.

Tom: Dass das nicht sein konnte, wird aber gerade in diese wieder eingefügte Dialogpassagen klar.

Anni: Find ich nicht unbedingt, der Film hätte ohne sie lediglich knackiger gewirkt. Die Situation erinnert mich aber an „3:10 to Yuma“, den wir neulich geschaut haben. Nur, dass dort die negative Figur mehr im Mittelpunkt steht und da ist das psychologische Duell im Hotelzimmer viel ausgefuchster, oder etwa nicht?

Tom: Die Gegner sind in „3:10“ (deutscher Titel: „Zähl bis drei und bete“) einander ebenbürtiger, Van Heflin und Glenn Ford machten das klasse, während in „Last Train to Gun Hill“ Kirk Douglas klar dominiert. Sein eigentlicher Gegner ist ja auch sein ehemalige Kumpel Craig Belden (Anthony Quinn), die beiden sind einst, so wir es angedeutet, als Outlaws durch die Lande gezogen, bevor der eine sich mit dem ergaunerten Geld zum Rancher aufgeschwungen hat und der andere die Seiten wechselte. Sowas war damals in den USA möglich, von wegen Polizeiliches Führungszeugnis und so. Aber man musste gut schießen können, und das kann natürlich auch Marshall Morgan.

Anni: Aber wieso hat man Craig Belden mit Anthony Quinn besetzt? Weil er mit Douglas in „Lust for Life“  zusammen gespielt hat und die beiden da gut harmonierten? (Deutscher Titel: „Van Gogh – ein Leben in Leidenschaft). Irgendwie finde ich ihn hier fehlbesetzt. Er wirkt bei weitem nicht hart genug, um der Vater von diesem Vergewaltiger und Mörder zu ein. Und die Optik. Warum muss man Väter und Söhne so extrem unterschiedlich aussehend besetzen?

Tom: Stört mich auch immer, aber Earl Hollimann als missratenes Bürschchen, das aber auch gar nix drauf hat, wenn es gegen Gleichstarke oder Stärkere geht, spielt gut. Wir haben ihn zuletzt als Gangster in „The Big Combo“(„Geheimring 99“) aus 1955 gesehen. Tja, ich  mag Anthony Quinn wirklich sehr gerne, aber hier finde ich ihn auch ein wenig zu nachdenklich und weich im Ausdruck, um zum kantigen Douglas die richtige Gegenfigur zu bilden. Hätte Burt Lancaster machen können.

Anni: Wie in „Zwei rechnen ab“. Da waren sie allerdings keine Gegner.

Tom: Sieben Mal haben wurden die beiden geteamt, zum ersten Mal 1948 in „I Walk Alone“, einem Film noir, beide noch als Jungschauspieler, und da waren sie auch Gegner. Aber Lancaster hätte 1958 wohl nicht mehr den gescheiterten Vater gespielt, dafür war er schon zu sehr auf der positiven Seite und hat auch selbst produzierte Filme gemacht („Run Silent, Run Deep“).

Anni: Ich fand die Rolle für Quinn tragisch, aber so ist das Leben – im Film. Allerdings, wenn man wieder mit „3:10“ vergleicht, ist hier doch alles sehr simpel gestrickt. Um etwas Soziales reinzubringen, hat man die vergewaltigte und getötete Frau des Marshalls zu einer halben Native American gemacht und immer mal wieder wird im Film von irgendwelchen simplen Typen gesagt „Ach, war ja nur eine Indianerin“.

Tom: Und wenn das mal nicht realistisch war. Ich weiß nicht, ob Kirk Douglas die Idee hatte, aber es hätte seiner liberalen politischen Überzeugung entsprochen, einen antirassistischen Kommentar einzubringen. Er hat ja schon in „The Indian Fighter“ (1955) eine der ersten Liebesbeziehungen eines Weißen im US-Film zu einem Indianermädchen gehabt.

Anni: Jetzt müssen wir unbedingt „Zwei rechnen ab“ gucken, den haben wir ja auch aufgezeichnet.

Tom: In der IMDb kriegt „Last Train to Gun Hill“ übrigens 0,2 Punkte mehr (7,4/10) als „Gunfight at the O. K. Corral“. Das hat mich überrascht weil Letzterer doch der weitaus bekanntere Film ist. So, hier mein Zettel mit der Wertung.

Anni: 7,5/10. Mein lieber Schwan. Nee, dazu war mir der Film zu simpel gestrickt … so viele Versatzstücke aus Filmen, die man schon kannte, wie der Hotelbrand, die Art, wie die Schießduelle laufen und sowas alles. Und das mit dem Zug, das gibt’s spätestens seit „12 Uhr mittags“, über „3:10“ haben wir ja schon gesprochen. Der war übrigens super pünktlich, davon kann sich die Deutsche Bahn mal ne Scheibe abschneiden. Und ich bin eben der Meinung, die Besetzung nicht optimal. Ich geb nur 6. Damit stehen wir bei 6,75. So, und jetzt müssen wir auf 6,5 abrunden. Du hast nämlich neulich gesagt, bei solchen Viertel-Punktzahlen wird abgerundet. Ja, es kommt alles zurück.

Tom: Ich find, 7 wären das Mindeste. Die Dramaturgie ist sehr straff, Douglas spielt super, und natürlich sind diese Geschichten immer ähnlich, aber es kommt drauf an, wie sie ausgeführt sind.

Anni: Ich geh jetzt nicht nachträglich hoch. Für mich war das ein Knapp-über-Durchschnitt-Western, aber ich bin auch nicht so ein Fan des Genres wie du. Und noch was. Dafür, dass der Score von Dimitri Tiomkin ist, kommt er sehr unauffällig. Da hat der Russe unter den amerikanischen Filmkomponisten weit Besseres gemacht. Wie zum Beispiel die Musik zu „Zwei rechnen ab“. Also?

Tom: Alles gut.

Die IMDb-Nutzer*innen vergeben für den Film derzeit durchschnittlich 7,4/10, das wollen wir an der Stelle anlässlich der Veröffentlichung der Rezension auf dem Filmfest des neuen Wahlberliners nicht verschweigen.

65/100

© 2021 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke)

Regie John Sturges
Drehbuch James Poe
Produktion Hal B. Wallis für Paramount
Musik Dimitri Tiomkin
Kamera Charles Lang
Schnitt Warren Low
Besetzung

 

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