Trotz Corona klettern Wohnungspreise weiter – in Berlin zwz. Dämpfung durch Mietendeckel | #Frontpage #Mietenwahnsinn ++ Kommentar ++ Wahlen im Herbst | Statista #btw21 #btw2021 #Wahlen #b2609

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Heute hat Statista auf Basis von Immowelt-Auswertungen eine Grafik erstellt, die wir Ihnen, liebe Leser*innen, nicht vorenthalten möchten. Sie zeigt, dass der Immobilienmarkt sich mittlerweile vollkommen vom Rest der Realwirtschaft abgekoppelt hat. Er ist nicht überwiegend nachfrageorientiert, sondern durch die Kapitalschwemme befeuert, die gerade während der Krise weiter anstieg.

Fragen Sie sich bitte, bevor Sie die Grafik, den Begleittest und unsere anschließenden Anmerkungen studieren bitte, welche politischen Kräfte Sie als Normalbürger*innen davon abhalten, dass Sie sich noch eine Eigentumswohnung leisten können, warum der Berliner Mietendeckel gekippt wurde (dazu auch unser erster Beitrag des heutigen Tages) und was das für Ihre Wahlentscheidung im Herbst bedeuten könnte.

• Infografik: Wohnungspreise steigen trotz Corona | Statista

Begleittext von Statista:

Trotz Corona-Krise und Dauer-Lockdown sind Eigentumswohnungen in den großen Städten nach wie vor gefragt. Laut einer aktuellen Studie von Immowelt sind die Kaufpreise für Bestandswohnungen innerhalb des letzten Jahres um bis zu 28 Prozent gestiegen. Verglichen wurde das erste Quartal 2020 mit dem ersten Quartal 2021.

Während die Kaufpreise für Wohnungen im ohnehin schon teuren München nur noch vergleichsweise geringfügig um acht Prozent zunahmen, schossen im Ruhrpott und im Osten die Preise deutlich in die Höhe: In Dortmund verteuerten sich Bestandswohnungen um 18 Prozent, in Essen sogar um 28 Prozent. In Dresden stiegen die Kaufpreise um 20 Prozent an und in Leipzig um 12 Prozent, wie die Statista-Grafik zeigt. Auch in Hannover (23 Prozent) und Hamburg (15 Prozent) wurden Wohnungen während der Pandemie noch einmal deutlich teurer.

Mit durchschnittlich über 8.000 Euro pro Quadratmeter ist München Spitzenreiter bei den Kaufpreisen für Wohnungen. In Hamburg liegt der Quadratmeterpreis bei über 5.000 Euro und in Berlin bereits fast bei 4.000 Euro pro Quadratmeter.

Gerade bei diesem Thema mussten wir selbstverständlich ein wenig weiter recherchieren. Berlin ist im obigen Begleittext nur mit „fast 4.000 Euro pro m²“ erwähnt, weil die Preissteigerung von 7 Prozent im dort beschriebenen Umfeld geradezu unauffällig wirkt, aber Immowelt schreibt in seinem Report etwas mehr dazu.

Die Daten zur obigen Grafik und zu unseren weiteren Textteilen finden Sie hier (auf Seite 5): 2021_04_28_immowelt_Preiskompass_Q1_2021.pdf.

Während sich in den vergangenen 10 Jahren die Kaufpreise in Berlin mehr als verdoppelt haben, hat sich die Preiskurve im letzten Jahr spürbar abgeflacht. Ein Anstieg von 7 Prozent steht bei den Bestandswohnungen zu Buche. Aktuell kostet der Quadratmeter 3.856 Euro und damit deutlich weniger als in anderen deutschen Großstädten. In der Hauptstadt galt gut ein Jahr der Mietendeckel, der sich auch auf die Preisentwicklung
von Eigentumswohnungen auswirkte.

Deutlich weniger als in absoluten Topstädten, aber der Preisunterschied hat sich in den letzten Jahren sukzessive verringert, eben aufgrund der erwähnten Verdoppelung innerhalb von zehn Jahren, die es sonst an Spitzenstandorten in Deutschland nicht mehr geben konnte. Nicht mehr geben konnte, weil das Ende der Fahnenstange irgendwann erreicht ist. Deutschland gilt mittlerweile nicht mehr als „billig“, hat aber für Investoren den Vorzug, dass die stabilen politischen Verhältnisse in einem volatilen internationalen Umfeld gut eingepreist werden können.

Stabil? Ja, man kann sich hierzulande darauf verlassen, dass dem Kapital keine Grenzen gesetzt werden, wie auch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Berliner Mietendeckel gerade gezeigt hat.

Immowelt hat schon eine Einschätzung abgegeben, wie es nun weiterlaufen wird: Berlin wird einen Nachholeffekt erzielen und die Wohnungspreise werden nun hier besonders stark steigen. Aber schauen Sie sich mal die Argumentation genau an: Wem wird das helfen. Ihnen, wenn Sie Normalverdiener*in sind oder den „Investoren“, die jeden Preis bezahlen können? Die Einschätzung zur Situation des Vermietens vonseiten des Portals Immowelt läuft übrigens exakt darauf hinaus, dass nun wieder ungehemmt an der Preisschraube gedreht werden kann und das findet ein Immobilienportal natürlich gut, man kann auch sagen, die Befriedigung darüber, dass die Mieter*innen im Stich gelassen wurden, ist kaum zu übersehen.

Was bedeutet dies politisch?

Glauben Sie den Wortakrobaten von der CDU, die behaupten, der Mietendeckel oder ein Umwandlungsverbot in Milieuschutzgebieten von Städten wie Berlin würde Ihnen, den Normalverdiener*innen sogar schaden, wenn es um den Erwerb einer Eigentumswohnung geht oder, noch gruseliger, die Mieter*innen würden mit dem Mietendeckel in Unsicherheit leben? Oder ist das eher so, wenn die Preise ungehemmt davon schießen können? Oder ist man in dieser Partei doch eher daran interessiert, dass die Preise genau das tun, nämlich ungehindert steigen können, sodass nur noch der Merz-Mittelstand und mehr oder weniger dubiose Investoren zugreifen können, die ihre Erträge irgendwo in einem Steuervermeidungsterritorium verbuddeln? Oder dass man mit Share Deals weiterhin grandiose Geschäfte zulasten der Allgemeinheit machen kann? Haben Sie dieses Jahr 8, 10, 20 Prozent mehr verdient und sind dadurch zumindest nicht weiter zurückgefallen bezüglich der Verwirklichung Ihres Immobilientraums?

Glauben Sie lieber der FDP. Die FDP ist ehrlich: Freiheit bedeutet für die FDP ausschließlich, dass das große Kapital ungehindert frei drehen kann, die sozialen und ökologischen Folgekosten sind für diese Partei nicht interessant, daher haben auch 100 Prozent ihrer Abgeordneten im Deutschen Bundestag bei der Klage gegen den Berliner Mietendeckel mitgemacht. Bei der CDU/CSU waren es 80 Prozent, ein paar Ethiker*innen gibt es dort offenbar noch, zumindest in diesem Punkt. Aber bleiben wir kurz bei der FDP. Bei einer kürzlich gestarteten Civey-Umfrage zeichnet sich ab, dass außer den AfD-Anhänger*innen nur bei den FDP-Sympathisant*innen eine Mehrheit die Kandidatur des CDU-Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen für den Bundestag in einem Wahlkreis Südthüringens befürwortet. Nicht einmal die Unions-Anhänger*innen sind mehrheitlich dafür.

Was hat das mit den Immobilienpreisen zu tun?

Die Rechten und das Kapital sind eben unzertrennlich. Das war immer so und wird immer so bleiben.

Die FDP ist eine Kapitalistenpartei, heute mehr als je zuvor, und ihre Anhänger*innen ticken überwiegend rechts. Das belegt u. a. diese Umfrage. Sind Sie also rechtslastig eingestellt und sind Sie Kapitalist*in? Dann wählen Sie halt die scheinheilige Union, die dem hart arbeitenden Mittelstand in Wirklichkeit das Heck zeigt, wie man auch in der Corona-Krise wieder gesehen hat, oder, wenn Sie zu den Großkapitalisten zählen und eine Partei brauchen, die Sie dabei unterstützt, möglichst wenig Steuern zu zahlen und jede Kapitalblase, wie den gegenwärtigen Immobilienhype, nutzen zu dürfen, wählen Sie die offen klassistische FDP. Die AfD kriegen Sie dann gratis dazu, wie sich letztes Jahr in Thüringen schon gezeigt hat und. In Berlin wird dieses demokratiefeindliche Modell auf Bezirksebene auch gerne schon mal geprobt.

Alle anderen sollten das bei der Bundestagswahl 2021 und bei der Berlinwahl am selben Tag bitte nicht tun, sondern mit uns allen daran arbeiten, dass es zu einer bundesweiten echten Wohnungsmarkt-Regulierung kommt, damit die Eigentumspreise für die so gerne zitierten, aber von der Union nicht wirklich in den Blick genommenen Normalbürger*innen in den Städten leistbar bleiben und die Mieten für die überwiegende Mehrheit der Einwohner*innen in Berlin, die zur Miete wohnt, ebenfalls.

Politisch geht es nicht nur um das Beschriebene, nämlich die Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Die über Jahre recht passablen Zuwächse beim BIP in Deutschland, mit denen die Bundesregierung immer gerne hausieren geht, verdanken sich u. a. steigenden Immobilienpreisen, kommen nicht vorwiegend dadurch zustande, dass in der Industrie die Wertschöpfung steigt. Dor gehen seit vielen Jahren per Saldo Arbeitsplätze verloren, hingegen nimmt der Anteil an Bullshit-Dienstleistungen immer mehr zu. Außerdem muss das großzügig gestreute Kapital irgendwo untergebracht werden, und das ist am besten auf dem Immobilienmarkt möglich. Das alles müssen die Mieter*innen letztlich bezahlen und auch diejenigen, die glauben, sie könnten heute als Normalverdiener in den Großstädten noch Eigentum erwerben (sofern sie nicht geerbt haben und dadurch einen überdurchschnittlich großen Kapitalstock mitbringen) sind die Dummen. Aber gehen wir noch ein Stück weiter im Report von Immowelt:

Beim Blick in die einzelnen Regionen zeigt sich, dass selbst in den teuersten Großstädten die Preiskurve weiter nach oben zeigt, wenngleich der prozentuale Zuwachs verglichen mit anderen Städten niedriger ist. Besonders hier hatte es vor Beginn der Corona-Krise erste Anzeichen für eine Beruhigung der Preisrallye gegeben. Grund waren vor allem die langsamer steigenden Neuvermietungspreise, die sich über den Anlegermarkt für gewöhnlich mit einiger Verzögerung auf die Kaufpreise auswirken. Statt Preisstabilisation verteuerten sich Top-Städte im vergangenen Jahr weiter (…).

Es fällt in der Tat auf, dass in Regionen, in denen weder die Nachfragesituation vonseiten der Mieter*innen oder derer, die zum Selbstwohnen kaufen möchten, noch die soziale Situation dafür sprechen, die Preissteigerungsraten besonders hoch waren. Wir kennen diesen Effekt auch innerhalb von Berlin: Früher benachteiligte Lagen und bevorzugte Lagen haben sich aneinander angeglichen, weil immer genug Kapital unterwegs ist, um auch in einst günstigen Lagen die Preise zu liften, während teure Lagen mehr oder weniger enger bezüglich des Angebots sind. Aber nicht, weil zu wenig gebaut wird, es handelt sich ja hier um einen Report für Bestandsimmobilien, sondern wegen des erwähnten Kapitalüberschusses, der gemäß dem Bild von einer Flut dafür sorgt, dass alles nach oben geschwemmt wird, auch das, was zuvor nicht so beliebt war, rapide Gentrifizierung in bisher einfachen Vierteln inklusive.

Auch dass Menschen wegen Homeschooling und Homeoffice plötzlich alle nach größeren Wohnungen fragen, wie im Report erwähnt, wird nirgends belegt. Es wäre auch widersinnig, wenn die Einkommenssituation sich nicht nach oben anpasst. Das tut sie aber bei vielen nicht, sondern die ebenfalls erwähnte Unsicherheit ist das dominierende Gefühl außerhalb des Clusters der Staatsbediensteten. Hingegen fällt auf, wie viele große Immobiliendeals mit „internationalen Investoren“ weiterhin abgewickelt werden. Dieses Geschehen findet allerdings im Report von Immowelt keinerlei Erwähnung. Vielmehr wird so getan, als spiele sich alles zwischen einzelnen Privaten ab.

Demnach ist auch die Suggestion innerhalb der Darstellung anzuzweifeln, dass die Mietpreise überwiegend das Geschehen bestimmen, denn sie sind schon lange nicht mehr so stark steigerbar, dass sie mit den Kaufpreisen im Maßstab 1:1 mitgeführt werden können. Die Folge sind sinkende Renditen. Warum das die Kapitalblase dennoch nicht stoppt? Schauen Sie mal auf andere Anlagenklassen. Von den sehr volatilen Märkten für Aktien, Kryptowährungen u. Ä. abgesehen gibt es keine nennenswerten Renditen mehr. Bestimmte Investoren dürfen aber nicht alles in starken Schwankungen unterliegende Wertpapiere, wieder andere haben keine Ideen mehr. Sogar ehemalige Tech-Unternehmer finden nur noch im Immobilienmarkt etwas zum Investieren, weil ihnen die Möglichkeiten, US-Modelle der Plattformökonomie zu kopieren, offenbar ausgegangen sind. Sie pusten somit ebenfalls kräftig in die Immobilienblase hinein und die Umsätze mit Bestandsimmobilien (damit wird keine einzige Wohnung gebaut!) sind in Berlin weiterhin sehr hoch.

Ein paar Worte zur Methodik:

Basis des Berichts bilden mehrere hunderttausend Objektanzeigen, inklusive sämtlich zur Verfügung
stehender Objektmerkmale, auf immowelt.de.

Die verglichenen Preise sind alle bezogen auf Q1-2021 gegenüber Q1-2020. In Berlin ist nicht Immowelt, sondern Immoscout24 das führende Immobilienportal und was Immowelt als Grundlage nimmt, sind nicht beurkundete Preise, sondern Angebotspreise. Weiterhin steht da, dass in besonderem Maße nachgefragte Immobilien berücksichtigt werden, um eine nachhaltige Marktübersicht zu generieren. Wie das methodisch funktionieren soll, wüssten wir gerne, denn es ist z. B. nicht ohne größeren Aufwand feststellbar, welche Angebote echt sind, welche aus taktischen Gründen (wegen der Darstellung des eigenen Unternehmens oder um die Preise in Reports wie dem vorliegenden zu beeinflussen) eingestellt werden, welche unter neuer ID zum wiederholten Male eingegeben werden etc.

Hingegen werden viele Angebote, die speziell für ein dem Bauträger oder Makler bekanntes Klientel konzipiert werden, nicht auf Immobilienportalen sichtbar. Ebenso bei Mietwohnungen, die „unter der Hand“ weitervermittelt werden oder von Genossenschaften innerhalb ihrer Mitgliederschaft vergeben werden: Deshalb sind diese Daten, auch der Rückgang beim Mietwohnungsangebot in Berlin, der immer wieder gerne als Beleg für Fehlwirkungen des Mietendeckels angeführt wird, für weitergehende Überlegungen mit Vorsicht zu verwenden. Auch auf die Bevölkerungsentwicklung wird nicht eingegangen. Der Zuzug in die Topstädte, auch nach Berlin, hat im Zuge der abflauenden Realwirtschaft spätestens 2019 stark nachgelassen, sodass von Zuzüglern weniger Wohnungen zur Miete und zum Kauf nachgefragt wurden. Wenn man etwas genauer hinschaut, wird man bemerken, dass schon vor dem Mietendeckel eine Veränderung des Geschehens am Vermietungsmarkt an diese Richtung stattgefunden hat. Dass der Mietendeckel trotzdem notwendig war, liegt eben daran, dass nicht Angebot und Nachfrage, sondern andere Faktoren das Geschehen sehr stark mitbestimmen und dass doch eigentlich sehr viel gebaut wird (bauen, bauen, bauen!) aber auch weiterhin zu viel Falsches (nicht für die Mehrheit, sondern im Luxussegment für sogenannte Investoren).

So, nun wissen Sie hoffentlich etwas mehr und was ergibt sich daraus politisch? Es steht relativ weit oben. Das haben wir so gemacht, damit diejenigen, die beim Lesen generell nach zwei Minuten die Geduld verlieren, auch einen Mehrwert aus diesem Beitrag mitnehmen können. Für diejenigen, die wissen, dass es sich lohnt, weiterzulesen: Nur die Vergesellschaftung wird uns vor diesem rüden Zusammenwirken aus Kapital und Politik bewahren, das sich aus wieder einmal exorbitanten Preissteigerungen am Immobilienmarkt ergibt. Welche politischen Kräfte stehen hinter dieser Notwendigkeit? So viele sind es nicht.

TH

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