Indiskret (Indiscreet, USA 1958) #Filmfest 465

Filmfest 465 Cinema

Indiskretionen verändern das Verhalten

Indiskret (Originaltitel: Indiscreet) ist eine britische Filmkomödie des US-amerikanischen Regisseurs Stanley Donen nach dem Stück „Kind Sir“ von Norman Krasna aus dem Jahr 1958. Die Hauptrollen sind mit Cary Grant und Ingrid Bergman besetzt.

Cary Grant als Diplomat und Ingrid Bergman als Schauspielerin in einem verfilmten Bühnenstück, das sich darum dreht, ob es besser ist, als Ehemann den Single zu geben oder als Single den Ehemann, um das flotte Leben genießen zu können. What about it? Es steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Anna Kalman, eine berühmte Bühnenschauspielerin, kehrt früher als erwartet aus einem Urlaub in ihr Londoner Apartment zurück. Ihre Schwester Margaret und ihr Schwager Alfred wollten die freie Wohnung nutzen, um einem Gast die Möglichkeit zu geben, sich nach dem langen Flug von den USA ungestört umziehen zu können; schließlich soll er auf einem Dinner der NATO der Hauptredner sein. Anna, die von Margaret aufgefordert wird, zum Dinner mitzukommen, lehnt zunächst ab, doch als sie sieht, wer in der Tür ihres Apartments steht, ändert sie sofort ihre Meinung.

Philip Adams ist nicht nur ein gut aussehender Mann, er ist zudem unverheiratet, wie es auf den ersten Blick scheint. Er gesteht ihr später am Abend, dass es eine Mrs. Adams gibt; man lebe zwar getrennt, aber eine Scheidung käme für sie nicht in Frage. Anna und Philip, beide bisher ebenso beruflich erfolgreich wie privat ungebunden, verlieben sich ineinander. Er nimmt eine Stellung bei der NATO in Paris an, sie verbringen die Wochenenden in London. Alfred, der selbst bei der NATO arbeitet, findet durch eine Personalakte heraus, dass Philip Adams nie verheiratet war. Er stellt den Liebhaber seiner Schwägerin zur Rede und dieser erklärt ihm, dass es nur eine Schutzbehauptung von ihm ist, um nicht die Verpflichtungen eines Ehemannes eingehen zu müssen. Dennoch liebe er Anna.

Nach einigen Monaten Liebesglück soll Philip für fünf Monate nach New York versetzt werden und bereits am nächsten Tag mit seinen Kollegen per Schiff nach New York fahren. Anna bittet ihn um eine Heirat, doch Philip verweist auf seine Ehefrau. Zufällig hat Anna am Tag der Abreise Geburtstag und sie kommt auf die Idee, ihn am Abend seiner Ankunft in New York zu erwarten. Nun bleibt dem Schwager nichts anderes übrig, als ihr von Philips Plan zu erzählen, dass Philip es so arrangiert hat, dass er am nächsten Abend Punkt Mitternacht zum Geburtstag in ihrer Wohnung auftauchen und er sich erst drei Tage später auf die Reise machen möchte. Unterdessen hat Margaret aus den Unterlagen des Ehemannes erfahren, dass Philip unverheiratet ist, und berichtet dies Anna.

Anna ist nun so wütend, dass sie einen Racheplan schmiedet: Sie plant es so, dass ihr früherer Liebhaber David um Mitternacht in ihrer Wohnung ist, um Philip eifersüchtig zu machen. Philip hatte bereits am Vorabend von Davids Existenz erfahren und darauf eifersüchtig reagiert. Wegen einer Erkrankung kann David allerdings nicht kommen und so muss der ältliche Hausmeister Carl in die Rolle des Liebhabers schlüpfen. Doch für Anna völlig unerwartet macht Philip, der durch seine Eifersucht zum Nachdenken angeregt wurde, ihr einen Heiratsantrag. Carls Auftreten als Liebhaber sorgt für kurzzeitige Verwirrung, die allerdings aufgeklärt werden kann. Anna erklärt ihm, dass sich herausgestellt habe, dass sie beide für eine Ehe untauglich seien, und sie weiter ihre Beziehung wie bisher führen sollten. Nun pocht allerdings Philip nachdrücklich auf die Heirat, woraufhin Anna seinen Antrag glücklich annimmt.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Zunächst lässt sich feststellen, dass der Film deutlich in zwei Teile zerfällt – die Zeit, bevor Anna (Ingrid Bergman) weiß, dass Philip (Grant) nicht verheiratet ist und die Zeit danach.

Logisch ist, dass Anna beginnt, ironisch und schmalzig zu werden und dass Philip sogar erkennt, dass etwas im Liebesglück in Schieflage geraten ist. Was uns aber seltsam erscheint ist, dass die stärkere Verhaltensveränderung bei diesem spürbar ist, nämlich hin zu einem aalglatten Filou, obwohl er ja bis fast zum Ende nicht weiß, dass sie es weiß.

Aber wenigstens ist der Film ab diesem Zeitpunkt witzig und wirklich eine Komödie, zuvor fragt man sich immer, where’s the beef? Der Film kann doch nicht darauf hinauslaufen, dass der Zuschauer schwelgend im Kinosessel sitzt und sich daran erinnert, dass Cary Grant und Ingrid Bergman zwölf Jahr vor „Indiskret“ in einem der besten Hitchock-Filme („Berüchtigt“, 1946) ein Paar wurden.

Keine Frage, dass die Besetzung der Hauptrollen großes Kino ist. Cary Grant auf dem zweiten Höhepunkt seiner Karriere und die von Hollywood einst wegen ihres Verhältnisses zu Roberto Rosselini verstoßene Ingrid Bergman als Rückkehrerin (nach ihrem ersten Comeback-Erfolg „Anastasia“, 1956).

Diese Besetzung, schön unterstützt von Cecil Parker und Phyllis Calvert als Diplomaten-Ehepaar, muss es allerdings lange Zeit zu sehr richten, dass nichts passiert als die Anbahnung eines Liebesverhältnisses zwischen einer erfolgreichen Frau und einem spendablen Wirtschaftsmagnaten und NATO-Diplomaten. Gerade die verschwenderische Art, der Angebeteten teuren Schmuck zu kaufen und eine Jacht und andere schöne Dinge, wirkte auf das Nachkriegspublikum besonders in Europa sicher anders als heute. Klar gibt es das immer noch, dass verwöhnte Frauen auf diese Weise am besten zu erobern sind.

Als Ingrid Bergman nach der Jacht-Angelegenheit in einem romantischen Anfall sagt, sie hätte sich auch in Grant verliebt, wenn er arm wäre – dann aber anhängt, „ob ich das auch gesagt hätte, wenn du nicht gerade die Jacht gekauft hättest?“, legt sehr deutlich offen, dass entweder der Schreiber des zugrundeliegenden Stückes „Kind Sir“ von 1954 oder die Regie sich durchaus bewusst sind, dass die Anziehung auf physischen und materiellen Werten fußt, nicht auf den ebenfalls hin und wieder zur Sprache kommenden intellektuellen Hintergründen, wie etwa der rührenden Geschichte vom jugendlichen, linkshändigen Geiger, die Cary Grant zum Besten gibt – die wir qua eigener Biografie ganz gut nachvollziehen können, Lampenfieber inbegriffen.

Einerseits waren die 1950er recht unbekümmert, wobei wir nicht sagen wollen, dass es ähnlich flache Geschichte nicht heute auch noch gibt – andererseits basieren die Gags des Films auf gesellschaftlichen Konventionen, die heute verstaubt wirken. Dabei geht es weniger um die Tatsache, dass ein Junggeselle tatsächlich Frauen von Heiratsplänen abwehren kann, wenn er vorgibt, schon verheiratet zu sein, sondern um die Diskretion und die Art, wie alle auf Zehenspitzen versuchen, die sozialen Regeln einzuhalten, wozu man sogar eine Treppe benutzen muss, damit der Liftboy nichts von den nächtlichen Aktivitäten im noblen Haus mitbekommt. Heute gibt es keine Fahrstuhlführer mehr, daran merkt man schon, wie die Dinge sich verändert haben. Und das ist der wirkliche Luxus jener Zeit: Dass Dienstleistungen so erschwinglich waren, dass man Leute beschäftigen konnte, die nichts anderes taten, als den richtigen Knopf in einem Lift zu drücken (und Tankstellen ebenfalls Angestellte hatten, die den Herrenfahrern jener Zeit das Auffüllen des Treibstoffreservoirs und den damit verbundenen Benzingestank abnahmen).

Das übliche Spiel umzudrehen, dass ein Ehemann sich als unverheiratet ausgibt, um an eine Frau zu kommen, ist nur dann eine witzige Idee und war es auch 1958, wenn der Mann so attraktiv ist, dass er ansonsten ständig mit unerwünschten Heiratsabsichten der Damen überflutet würde. Kann man sich heute kaum vorstellen – oder? Die Rosamunde Pilcher-Welt suggeriert nicht einmal das, weil dort die Männer für die Anträge zuständig sind, aber mit Cary Grant in Bestform geht es einigermaßen, es sich andersherum zu denken. Und damit, genau genommen, gegen die Konventionen gerichtet.

„Indiskret“ soll Cary Grants Lieblingsfilm sein. Vielleicht wegen Ingrid Bergmann. Sein Schauspiel ist hingegen ambivalent und bei weitem nicht auf der Höhe wie in „Charade“, der fünf Jahre später mit Audrey Hepburn entstand und in dem – auch auf Wunsch von Grant – bewusst auf dem Altersunterschied zwischen den Schauspielern herumgeritten wird.

Der ist zwischen der Bergman und Grant nicht so ausgeprägt (sie war 11 Jahre jünger), aber im ersten Teil des Films wirkt Grant zurückgenommen und ein wenig statisch, dafür fängt er an, ab dem Moment, in dem Anna weiß, dass er Single ist, zu chargieren. Höhepunkt dessen ist sicher der schottische Tanz, den er auf einem Ball aufführt. Einerseits toll, der Mann war immerhin schon 54 Jahre alt und beweist, dass Hollywoodstars jener Zeit oft vielfach ausgebildet waren (Grant hat in jüngeren Jahren auch in Musicals mitgewirkt) und natürlich ein Beleg darfür, dass Regisseur Stanley Donnen vom Musical kommt und das vielleicht schönste Filmmusical aller Zeiten inszeniert hat („Singin‘ in The Rain, 1952).

1958 waren Musicals nicht mehr so gefragt, aber wir verstehen, dass Donen diese Tanzszene als Reminiszenz an seine eigenen Top-Filme drin haben wollte – wir verstehen aber auch, dass Cary Grant sich dabei so lächerlich vorkam, dass er wohl dachte, dann kommt’s auf ein paar Grimassen auch  nicht mehr an. Und dieses mimisch sehr aktive Spiel seiner frühen Jahre passt nicht zu dem distinguierten Weltmann, den er bis dahin verkörpert. Es ist ein Stilbruch, auch wenn dadurch mehr Komik in einen bis zu dem Zeitpunkt gemütlichen und lauwarmen Film kommt.

Aufgrund der Diskrepanz in seinem Verhalten in verschiedenen Szenen von „Indisrkret“ wundern wir  uns schon darüber, dass Grant diesen Film so sehr mochte, wo er doch gerade Ende der 1950er in ganz anderen Kalibern wie „Der Unsichtbare Dritte“ von Alfred Hitchcock brillierte. Wie geschrieben, es könnte an Ingrid Bergman gelegen haben.

Dass sie weniger zeitlos ist als Grant, sieht man allerdings auch – während dieser auf magische Weise mit zunehmendem Alter immer attraktiver wurde, ist die Bergman aus „Indiskret“ nicht mehr die aus „Casablanca“ – sie wirkt wie eine Vierzigerin, die sie ja auch war und was ihrer Rolle als langjährig erfolgreicher Bühnenschauspielerin entspricht und kommt etwas breithüftig daher. Trotzdem wirkt sie charmant und ist die passende Besetzung in diesem Film.

Finale

Das kleine Ensemble in dieser sehr bühnenhaften Verfilmung eines Bühnenstücks funktioniert also, die Handlung ist keine Offenbarung und die Inszenierung sehr klassisch, mit dem irritierenden Moment, dass Cary Grant so uneinheitlich spielt. Wir kennen aus den Filmen dieser Zeit durchaus die Verbindung seines neuen, saturierten Images, wie es spätestens mit der wundervollen Hitchcock-Krimikomödie „Über den Dächern von Nizza“ (1955) eingeführt wurde, in welcher er kaum grimassiert, mit Elementen, die exemplarisch im übermütig-bösen Filmen wie „Arsen und Spitzenhäubchen“ (1944) zu betrachten sind – den er übrigens nicht mochte, weil er fand, er habe darin überagiert.

Doch diese Verknüpfung kommt normalerweise so daher, dass ab und zu ein extremes Weiten der Augen zu einem übermäßig erstaunten Gesichtsausdruck gerinnt und das Spiel dann wieder von der Slapstick-Mimik ins „Normale“ wechselt, dass es also Vaudeville-Momente gibt, die aus der Zeit von Grants Schauspielerwerdung als Archie Leach bei einer englischen Komikertruppe liegen, aber nicht so, dass in einer Hälfte des Films die Gentleman-Seite extrem herausgekehrt wird und im Anschluss das genaue Gegenteil vorkommt. Schade, dass die Glaubwürdigkeit von Grants Rolle darunter leidet.

Zudem missachtet Donen die Plotpoint-Theorie. Es gibt zwar zwei Twists, nämlich den ersten, als Anna erfährt, dass Adams verheiratet ist, der ist auch richtig getimt (kommt bei etwa 20 % der Spielzeit), aber er ist zu schwach ausgeprägt, sodass man die Tatsache, dass Adams eben doch Single ist, als die eigentliche Wendung wahrnimmt, und die kommt ungünstigerweise erst nach 50 % der Spielzeit. Die letzte Wendung, nämlich, dass der Ersatzliebhaber, mit dem Anna Philip konfrontieren will, wegen Krankheit ausfällt und Philip ihr dann doch einen Antrag macht, ist zwar der Höhepunkt des Films, kommt aber sehr spät und wirkt eher wie ein Situationsgag denn wie der zweite Plotpoint.

Norman Krasnas Komödie Kind Sir war 1953 am Broadway unter Regie von Joshua Logan mit Charles Boyer und Mary Martin in den Hauptrollen aufgeführt worden. Das Stück erhielt schlechte Kritiken und war auch beim Publikum mit insgesamt 166 Vorstellungen nur mäßig erfolgreich, in Hollywood interessierte sich daher zunächst kein Filmstudio für eine Adaption.[1] Dennoch bemühte sich der langjährige Hollywood-Drehbuchautor Krasna in den folgenden Jahren intensiv um eine Verfilmung seines Stückes, während er zugleich einige inhaltliche Verbesserungen vornahm. Schließlich sprach er den mit ihm befreundeten Regisseur Stanley Donen, der zu diesem Zeitpunkt die Komödie Kiss Them for Me (1957) mit Cary Grant drehte. Donen und Grant gründeten gemeinsam eine Produktionsfirma namens Grandon Productions, mit der sie Indiskret schließlich realisierten.[2][3]

Den kursiven Absatz aus der Wikipedia kannte ich nicht, als ich den Entwurf dieser Rezension im Jahr 2014 schrieb. Aber dass das als Vorlage dienende Stück am Broadway kein Kracher war, überrascht mich nicht maximal. Mit meiner eher reservierten Ansicht über den Film bin ich offenbar in der Minderheit, aber das ändert jetzt auch nichts mehr.

Die Schauspieler reißen es einigermaßen heraus und daher noch 65/100 für eines der schwächeren Werke von Stanley Donen.

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Stanley Donen
Drehbuch Norman Krasna
Produktion Stanley Donen für
Grandon Productions Ltd.
Musik Richard Rodney Bennett
Kamera Freddie Young
Schnitt Jack Harris
Besetzung

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