Wie gut ist die deutsche Impfkampagne jetzt wirklich? ++ Inzidenz sinkt langsam | #Frontpage | #Corona Lage | #Impfung #Vaccination #Covid19 #Covid–19 #Impfstoff #Biontech #Astrazeneca #Moderna

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Die Bundesregierung jubelt über gigantische Impfzahlen. Über eine Million pro Tag. Vorgestern schon zum zweiten Mal. Dank der Hausärzt*innen, die jetzt auch impfen. Deren Einbindung hat eine sehr deutliche Zunahme der täglichen Impfzahlen bewirkt. Unten einigermaßen aktuelle Werte als Grafik, der vorgestrige Jubeltag mit ca. 1.087.000 gespritzten Impfdosen ist aber darin noch nicht enthalten:

• Infografik: Impftempo steigt deutlich | Statista

Zur Erinnerung haben wir eine vorausgehende Grafik von derselben Quelle, aber Datum 8.4.2021 beigefügt, die den Beginn des Anstiegs dokumentiert und überschrieben ist „Kommt die deutsche Impfkampagne jetzt in Schwung?“.

Wir erinnern uns: Damals startete die Einbindung der Hausärzt*innen und sofort war ein deutlicher Aufschwung sichtbar.

Warum hat man das nicht früher so gehandhabt? Weil es einfach zu wenig Impfstoff gab und natürlich auch, weil man die Kontrolle über das Impfen nach Priorisierung behalten wolle. Es ist eine gute Idee, die Priorisierung jetzt aufzugeben, denn durch die „Privatverimpfung“ ist diese ohnehin nicht mehr zu überwachen. Die Ungerechtigkeiten nehmen zu, die Lockerungen für vollständig Geimpfte auch, und zwar schon ab morgen. Die Politik gefällt sich mittlerweile darin, alle paar Tage Aktionismus mit Änderungen vorzuführen, obwohl die Inzidenz in Deutschland immer noch bei 130 liegt. Da aber die großen Rahmenbedingungen (soziale Ungleichheit, überbordender Finanzkapitalismus) sich nicht ändern, glaubt man mit Aktivitäten punkten zu können, die in anderen Ländern längst passiert sind.

Um zu beurteilen, ob es wirklich Grund zum Jubeln gibt, hilft nur der Vergleich. Diese Tabelle haben wir dafür bereits mehrfach herangezogen und konstatiert, dass Deutschland nicht vom Fleck kommt und immer auf Plätzen zwischen 30 und 35 rangiert. Für das Land, in dem der erste zugelassene Impfstoff mitentwickelt wurde, ein desaströser Wert. Aktuell aber hat Deutschland sich tatsächlich auf Platz 23 vorgeschoben. Im Vergleich mit den USA oder Großbritannien ist die Kampagne immer noch schwach, reden wir gar nicht von Israel, erwähnen wir jedoch der Fairness halber, dass unter den Top-Impfländern viele reiche Kleinstaaten sind, bei denen die Beschaffung und Verteilung des Impfstoffs administrativ und bezüglich der benötigten Kapazitäten schlichtweg einfacher gewesen sein dürfte. Das trifft sicher nicht auf die USA oder Großbritannien zu, wenngleich dessen Tricks mit AstraZeneca in der EU zu Recht für Unmut gesorgt haben. Möglicherweise gleicht sich das noch aus, weil dadurch und durch die zwischenzeitliche Aussetzung oder Altersbegrenzung von AstraZeneca bei uns prozentual mehr mRNA-Impfstoffe zum Einsatz kommen, die einen höheren Wirkungsgrad erzielen.

Was aber bei den deutschen, der verlinkten Tabelle entnommenen Zahlen auffällt: Die sehr hohe Differenz zwischen Erst- und Zweitimpfungen. Ein Verhältnis von mehr als 7:2 (Erstimpfung mittlerweile bei 32,3 Prozent, Zweitimpfung bei 9,1 Prozent der Bevölkerung) ist in Staaten mit hohen Gesamt-Impfquoten unüblich und ich fühle mich davon persönlich betroffen. Ursprünglich lautete die Empfehlung, bei Biontech solle die zweite Impfung innerhalb von drei Wochen nach der ersten stattfinden, das hat man jetzt auf sechs Wochen gestreckt. Bei mir werden die nunmehr offenbar unproblematischen sechs Wochen exakt ausgenutzt, der Tag für I 2 wurde schon beim ersten Termin benannt. Bei AstraZeneca kann man sich mit I 2 hingegen bis zu zwölf Wochen Zeit lassen, heißt es, trotzdem liegen im AZ-Land Großbritannien die Zahlen von Erst- und Zeitimpfung relativ und absolut viel dichter beieinander als bei uns.

Ich möchte sehr hoffen, dass sich nicht der nächste deutsche Corona-Management-Fail in der Form anbahnt, dass die Termine für die Zweitimpfungen in Deutschland nicht gehalten werden können, weil nun mit mehr Schwung, aber offenbar nicht besonders kontrolliert erstgeimpft wird. Die Gefahr sehe ich darin, dass für die Zweitimpfungen dann nicht genug Impfstoff zur Verfügung steht, um in Abständen impfen zu können, die maximale Effizienz gewährleisten. Wenn der Fall verzögerter Zweitimpfungen einträte, würde er zudem die Zahl der Menschen verringern, die Lockerungen in Anspruch nehmen können, denn diese gelten nur für vollständig geimpfte Personen. Außerdem bräuchten dann manche Menschen evtl. sogar eine dritte Impfung, um einigermaßen „safe“ zu sein.

Man könnte nun abwiegeln und sagen, macht euch doch nicht immer solche Sorgen, aber die hiesige Politik hat schon so oft bewiesen, dass sie Corona-Pandemie schlechter als andere in den Griff bekommt und planlos bis kopflos agiert, dass mithin jede Sorge berechtigt ist. Das einzige, was sozusagen aus einem taktischen Grund als Trost und Gegenargument dienen kann: Bundestagswahlen voraus. Wenn kurz zuvor ein weiteres gravierendes Corona-Problem auftritt, das die Regierungen des Bundes und der Länder zu verantworten haben, könnten selbst die höchst vergesslichen Menschen in diesem Land auf die Idee kommen, für einen politischen Wechsel zu sorgen. Diese unbequeme Aussicht könnte bewirken, dass man besonders bei der Union und ausnahmsweise die grauen Zellen etwas mehr anstrengt und etwas solidarischer denkt als sonst.

Ich halte die gegenwärtige Inzidenz von durchschnittlich 130 in Deutschland für zu hoch und eine Quote von 9,1 an Zweitimpfungen für zu niedrig, um generell zu lockern. Ein paar Wochen länger hätten wir jetzt auch noch alle im Freiheiten-Wartestand verbleiben können. Es ist ja Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Darauf sollte man mit Zuversicht und angemessener Geschwindigkeit zufahren, aber nicht so rasen, dass wieder Unfälle passieren und Getötete und Gesundheitsschäden zu beklagen sind, die vermeidbar gewesen wären.

TH

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