Verschwörung – Tatort 1167 #Crimetime Vorschau #Tatort #Wien #Eisner #Fellner #ORF #Verschwörung

Crimetime Vorschau Das Erste 09.05.2021, 20:15 Uhr

Nach dem Jubiläum die Enttäuschung des Polizeibeamten

„Verschwörung“ heißt der neue österreichische Tatort mit den Wiener Ermittlern Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser), der erst vor wenigen Wochen seinen 50. Einsatz hatte (in „Die Amme“ (Tatort-Folge 1161). Beim Joggen kippt der durchtrainierte Referatsleiter des Innenministeriums einfach um; Herzinfarkt lautet die Diagnose des Gerichtsmediziners. Oberstleutnant Eisner, der für ein Jahr beruflich nach Den Haag gehen will, kniet sich äußerst engagiert in den Fall rein, denn sein Bauchgefühl sagt ihm: Es war Mord. (Redaktion Tatort-Fans)

In der Tat haben einige Teams im Moment sehr viele Auftritte in kurzen Abständen, zumindest wirkt es so oder fühlt man es so. Sicher hat das auch mit einem aufgrund der Corona-Pandemie durcheinandergewirbelten Drehplan zu tun, der wiederum die Abfolge der Erstausstrahlungen beeinflusst. Aber da man den beiden lieben Wienern immer zuschauen kann und wir eh einige Neuerscheinungsrezensionen im Rückstand sind, ist uns das allemal lieber, als wenn es einen solchen Wirbel gibt wie um den vorausgehenden „Rhythm and Love“ aus Münster. Der hat mit nämlich ein ganzes Wochenende lang aufgehalten, obwohl ich ihn noch gar nicht angeschaut habe. Der Hype um „allesdichtmachen“ war sehr wirkungsvoll oder auch ein bisschen blöd eine Woche vor der Ausstrahlung dieses Films aufgepoppt und wer spielte darin die Hauptrolle? Dr. Boerne, also Jan Josef Liefers, also dieselbe Person wie im Münster-Tatort. Wir wollen das hier nicht vertiefen, aber irgendwie steht es nicht dafür, das zumindest lässt sich im Nachhinein sagen. Wir werden zu „Rhythm and Love“ mehr Quellen einbauen als sonst, wenn die Rezension kommt, aber jetzt sind wir wieder in Wien.

Und was passiert dort? Es wird nicht irgendwer umgebracht, sondern ein hoher Beamter und es riecht wieder mal nach Politik, wie sie häufig im ORF-Tatort. Mit der Art, wie mit den Großkopferten umgegangen wird, sind sie dort ein Stück weiter oder waren es mal, weil man sich bei uns lange nicht getraut hat, auch die höhere Politik ins Visier zu nehmen. Oft stellten sich dann vorgebliche Politthriller doch als Morde mit Privatmotiven dar oder man brach irgendwo auf der Referatsleiter ab, obwohl doch der Herr Minister auch eigentlich in die Sache verwickelt gewesen sein müsste, der Logik nach. So ungefähr jedenfalls. Aber in einem Land, in dem sogar die Logos von Autos abgeklebt werden und in dem einzelne Sender demnächst eine Art Bevölkerungsdurchschnittsquotelung für die Darsteller*innen eines jeden Tatorts vornehmen wollen, während  Idioten aller Art immer mehr durchdrehen, ohne dass das mal zu Konsequenzen führen würde, also, in so einem Land muss man schon bissl vorsichtig sein und in aller Ernsthaftigkeit an der weiteren Perfektionierung der formalen Korrektheit arbeiten. Wenn Ihnen dann in einem Tatort auffällt, dass zum Beispiel der linke kleine Finger einer Transfrau vorkommt, hoffentlich nicht als abgeschnittenes Artefakt, dann wissen Sie, für eine ganze Person hat der Quotenanteil von Transfrauen an der Bevölkerung in dem Land, das laut neuesten Parteiprogrammen nicht mehr Deutschland heißt, sich aber irgendwie mit seinem exzentrischen Mindset  verdammt so anfühlt, nicht ausgereicht. Auf diese Weise lernt man aber immer was dazu, das lässt sich nicht abstreiten. Zumindest, wenn man den Gegenstand Mathematik eh gut beherrscht.

Aber deshalb haben die Filme hier auch nicht mehr so einfallslose Titel wie „Verschwörung“, weil jeder sofort denkt, es geht endlich um etwas aus unserer Zeit und darum, dass die „Great-Reset-Verschwörungstheoretiker“ auch mal einen Tatort nach ihrem Geschmack bekommen.

In Wien hingegen hat, besonders seit Bibi Fellner dabei ist, das Politische schon etwas Rituelles angenommen, gefühlt (es geht ums Gefühl, wie schon weiter oben) ist in jedem zweiten Fall der gemeinsamen Ära, die 2010 begonnen hat, eine solche Verstrickung zu vermelden. Und was sagen die richtigen Kritiker*innen dazu? Die bereits erwähnte Redaktion von Tatort Fans ist positiv gestimmt, in einem Fall wegen der stimmungsvollen Bilder (auch) und weil die Wiener*innen eh gut und sympathisch sind. Das habe ich nicht nachgelesen, sondern bin schon weiter oben selbst drauf gekommen. Dass sie sympathisch sind, meine ich, die gute Kameraarbeit konnte ich noch nicht bewundern.

Einen SWR3-Tatortcheck habe ich für „Verschwörung“ nicht gefunden und bin etwas geknickt. Nie ist mal was sicher. Im Südwesten gibt es aber noch Zeitungen wie die Südwestpresse und die schreibt:

„Der neue „Tatort“ aus Österreich punktet nicht mit Action, sondern entfaltet nach und nach ein psychologisch hochinteressantes Verwirrspiel mit tollen Darstellern und einem überraschenden Schluss. Das Ganze ist ziemlich spannend, sehr atmosphärisch und mit einem guten Schuss Schmäh inszeniert: Der neue „Tatort“ aus Wien ist ein Hingucker und überzeugt mit amüsanten Details wie dem vom „Übersiedlungskarton“, wie in Österreich ein schnöder Umzugskarton genannt wird. Das alles bringt dem Wiener „Tatort“ drei von vier Pistolen ein. Einschalten lohnt sich also am Sonntagabend.“

Dass Umzug „Übersiedlung“ heißt, wusste ich schon, also ist es irgendwie logisch, dass ein Umzugskarton Übersiedlungskarton heißt. Die meisten abweichenden Begriffe der Österreicher*innen sind aber nicht länger, sondern kürzer als unsere und ich lerne schon wieder was: Es gibt Publikationen, die vergeben Pistolen. Das ist nicht ganz so originell für einen Krimi wie die Elche von SWR3, die ich wirklich gerade vermisse, aber für die Bewertung eines Krimis ergibt es Sinn, in Schusswaffen zu denken.

Tittelbach-TV hat aber in Person von Volker Bergmeister zuverlässig eine Kritik geliefert und die fasst sich selbste so zusammen: „Moritz Eisner will beruflich ins Land der Windmühlen übersiedeln, doch zuvor kämpft er im „Tatort – Verschwörung (ORF / Cult Film) vor den Toren Wiens gemeinsam mit Kollegin Bibi Fellner gegen Windmühlen. Und nicht nur in dem mysteriösen Fall um einen toten Beamten aus dem Innenministerium kommt es anders als man denkt, auch in puncto Job läuft beim Wien-Cop alles aus dem Ruder. Neuland betreten Autor Ivo Schneider und Regisseurin Claudia Jüptner-Jonstorff – es ist ihr erster „Tatort“. Verlassen können sie sich auf die alten Hasen: Harald Krassnitzer & Adele Neuhauser wuppen den thematisch überfrachteten Krimi, bei dem man sich gelegentlich fragt: Wo ist der herrliche Schmäh vergangener Tage hin?“

Vielleicht sollte man bei der Südwestpresse nachfragen, die hat den Schmäh gefunden. 3,5/6 vergibt Tittelbach-TV, das ist die niedrigste Wertung, die ich bei dieser Publikation bisher für einen Tatort gesehen habe, auch wenn das schon mehrfach vorkam, jedenfalls kann ich mich nicht an 3/6 oder weniger erinnern. Deren Schema funktioniert ähnlich wie unseres oder umgekehrt: Wir gehen bei Tatorten selten unter 5/10, weil wir immer sagen, es gibt in Relation zu anderen Fernsehproduktionen keine so miserablen Tatorte oder Polizeirufe. Wer sich ganz auf diese beiden Reihen konzentriert und nur „intern“ bewertet, wird das freilich anders sehen (wie etwa die Nutzer*innen des Tatort-Fundus). Nach Tittelbach-Schema wäre es bei uns knappe 6/10, für Wiener Verhältnisse recht wenig (vor einiger Zeit kam es tatsächlich zu 5,5 für „Krank“, aber ich hoffe, das bleibt eine Ausnahme). Und was sagt Christian Buß im Spiegel? Ich liebe seine Titel, so viel steht fest.

„Jogger des Grauens. Korruption ist ein Konditionssport: Fellner und Eisner untersuchen einen Todesfall unter sportfixierten Spitzenbeamten. Ein »Tatort«, in dem die Bösartigkeit aus atmungsaktiver Kleidung tropft. (…) Ambivalenzen sucht man in diesem Krimi vergeblich. Moralisch sind alle Figuren übereindeutig verortet, der Plot hält wenig Überraschungen parat. Die Bösartigkeit tropft den Beamtenstenzen förmlich aus der atmungsaktiven Kleidung.“ Dafür aber hätten Regisseurin und Autor dem alten Genre des Verschwörungsthriller neues Leben eingehaucht, inklusive Austausch verqualmter Hinterzimmer durch Laufstrecken und im Alkohol begründete Seilschaften durch die gemeinsame Verortung im Kräutertee-Milieu. Oh Gott, ich hab einen großen Kaffeepot neben dem Laptop stehen. Aus, aus. Das Leben ist aus. Nicht für die Wiener, die kriegen von Buß immerhin 7/10, wie schon der letztwöchige „Rhythm and Love“, nur habe ich dieses Mal den Eindruck, er musste sein Urteil nicht in die eine oder andere Richtung schieben, drücken oder quetschen, weil er aktuell nicht so stark von der Realität beeinflusst ist wie seinerzeit wegen „allesdichtmachen“. Das ist das Schöne an der Wiener Politik, man kann sie sich anschauen, ohne dass man das Gefühl hat, man ist selbst der Depp, der jeden Tag von der gezeigten Kaste verarscht wird, ohne wirklich was dagegen tun zu können.

Zuletzt haben wir als vierte Stimme TV-Spielfilm genommen, weil die auch eine Bewertung vergibt, aber immer nur Daumen hoch wird auch irgendwann fad. Ebenso ging es aber Björn Vahle, als er in der Neuen Westfälischen über „Verschwörung“ zu schreiben hatte und am Ende: „Wenn man hier dran bleibt, dann höchstens wegen Eisners Langzeit-Kollegin Bibi. Denn Adele Neuhauser spielt ihre Rolle so wie man es der Story nach eigentlich von Krassnitzer hätte sehen wollen: als habe ihre Figur ernsthaft etwas zu verlieren. Doch um wirklich Dramatik aufkommen zu lassen, reicht auch das nicht.“ Außerdem wird die Diversität zu schnöde abgehandelt. Ich wusste doch, irgendwann würden wir nach meinen obigen Anmerkungen nochmal darauf zurückkommen. Es liegt einfach in der Luft, fast wie ein Corona-Virus, dem auch fad ist, weil da draußen in der Welt niemand mehr rumläuft, dem es ernsthaft was anhaben kann. In dem Film ist sogar schon Sommer, wie ich gerade gesehen habe und im Sommer ist es sogar heiß. Puh.

TH

Handlung

Ein Sommer in Wien. Es ist heiß. Zu heiß. Bibi joggt durch den Wald und begegnet dabei ganz zufällig einem hohen Beamten des Innenministeriums. Wenig später ist der Mann tot. Moritz Eisner, der in wenigen Tagen ein lang ersehntes Projekt bei Europol und der EU-Antikorruptionsbehörde OLAF in Den Haag antreten soll, beschließt, diesen Fall noch zu übernehmen. Aber ist es überhaupt ein Fall? Im Ministerium drängt man darauf, die Todesursache als simplen Herzinfarkt darzustellen. Es gab scheinbar keine Fremdeinwirkung, und die Spuren des Dopingmittels im Blut des Verstorbenen beweisen keine Vergiftung.

 

Obwohl der Tote im Ministerium gefürchtet war, hatte er offenbar nur Freunde. Er hinterlässt eine ehrlich trauernde Witwe, einen befreundeten Nachbarn und einen fürsorglichen Sportarzt. Genau zu dem Zeitpunkt, als Moritz Eisner erste Lücken in der blitzblanken Vergangenheit des Toten aufspürt, wird verkündet, dass er den Job in Den Haag nicht bekommen wird. Die Freistellung aber, die er beantragt hatte, um nach Holland gehen zu können, wurde bewilligt. Nun ist Moritz Eisner mit einem Mal den Fall und seine neue berufliche Perspektive los. Zu bremsen ist er dadurch nicht. Ganz im Gegenteil: Er nimmt den Kampf gegen scheinbar übermächtige Gegner auf und nicht einmal Bibi kann ihn zurückhalten.

Besetzung und Stab

Oberstleutnant Moritz Eisner – Harald Krassnitzer
Majorin Bibi Fellner – Adele Neuhauser
Oberst Ernst Rauter – Hubert Kramar
Gerichtsmediziner Prof. Werner Kreindl – Günter Franzmeier
Kriminalassistentin Meret Schande – Christina Scherrer
Elisabeth Wagner, Ehefrau des Opfers – Lili Epply
Dr. Leytner, Vorsitzender des Vereins Sichere Zukunft – Matthias Franz Stein
Sportarzt Dr. Rädler – Fabian Schiffkorn
Dr. Willi Wagner – Stefan Fent
Franz Brunner – Michael Dangl
Rudi, Gärtner der Wagners – Serge Falck
Agathe – Katharina Stemberger
Otto Dorfmeister – Rainer Doppler
Kriminalbeamter – Erol Nowak
Behördenbetreuerin – Maria Fliri
Tierärztin – Miriam Hie
Clemens – Nils Arztmann
Sekretärin – Marie Noel
Holländer – Victor Rathbone
u.a.

Drehbuch – Ivo Schneider
Regie – Claudia Jüptner-Jonstorff
Kamera – Andy Löv
Szenenbild – Uta Wiegele
Schnitt – Harald Aue
Ton – Thomas Schmidt-Gentner
Musik – Iva Zabkar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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