Sindbads siebente Reise (The 7th Voyage of Sindbad, USA 1958) #Filmfest 467

Filmfest 467 Cinema

Däumeline muss wachsen

Was wir schon vor dem Anschauen des Films kannten, war die Musik, die Bernard Herrmann dazu geschrieben hat, weil wir seine besten Kompositionen auf Tonträger besitzen. Berühmt wurde Herrmann vor allem dadurch, dass er von 1955 bis 1963 der Hauskomponist von Alfred Hitchcock war (eigentlich bis 1966, doch da wurde sein Score für „Der zerrissene Vorhang“ schon durch einen anderen ersetzt).

Und als ob der ausstrahlende Fernsehsender diesen Komponisten würdigen wollte, ist tatsächlich ein Film von 1958 in schönstem Stereo auf den Bildschirm gekommen. Vor allem die Musikeinspielung ist von beachtlicher Tonqualität und hat viel zu unserem Spaß an Sindbads siebenter Reise beigetragen – wohin die vorherigen sechs Reisen gingen, erfahren wir im Film nicht, aber dass er ein berühmter Seefahrer war, ist bekannt. Was Herrmann für diesen Film komponiert hat, ist nicht nur modern und abwechslungsreich, sondern unterscheidet sich angemessen von seinen Thriller-Musiken für die Hitchcock-Filme. Was es sonst zu „Sindbads siebente Reise“ zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Sindbad und seine Geliebte, Prinzessin Parisa, sind auf der Heimreise nach Bagdad, um dort zu heiraten. Auf der Insel Kolossa in Griechenland treffen sie auf den Magier Sokurah, der von einem Zyklopen angegriffen wird. Mit Hilfe des Dschinns gelingt ihnen jedoch die Flucht auf Sindbads Schiff. Dabei geht die Wunderlampe verloren.

Sokurah will wieder auf die Insel zurück, um nach der Wunderlampe zu suchen. Deshalb bietet er Sindbad als Belohnung Edelsteine und Schätze an. Sindbad lehnt dieses Angebot ab und segelt Richtung Bagdad weiter. Dort bittet Sokurah den Kalifen von Bagdad, der Sindbad so liebt wie seinen eigenen Sohn, ihm ein Schiff mit Besatzung zur Verfügung zu stellen, damit er nach Kolossa zurückkehren kann. Aufgrund der Beratung Sindbads – „nur ein Wahnsinniger würde nach Kolossa zurückkehren“ – lehnt auch der Kalif ab.

Um doch noch auf die Insel zurückzukehren, verwandelt Sokurah die Prinzessin heimlich in einen daumengroßen Zwerg. Nun entdecken Sindbad, der Kalif und der Vater der Prinzessin, der Sultan von Dschandra, die verwandelte Prinzessin. Die Hochzeit und der Frieden zwischen Bagdad und Dschandra scheint gescheitert. Der Sultan ist schockiert und droht, Bagdad den Krieg zu erklären. Sindbad sucht sofort den Zauberer Sokurah. Sokurah kann die Verwandlung wieder rückgängig machen, benötigt dazu aber die Schale eines Eies der riesigen Vogelart Roch, die neben vielen Zyklopen auf der Insel Kolossa lebt.

Rezension

Aber natürlich hat dieses Fantasy-Märchen mehr zu bieten als eine wohlklingende musikalische Unterlegung. Wir dachten zunächst, dies sei eine britische Produktion, trotz des Columbia-Intros, aber es war ja in den 1950ern in Mode gekommen, dass die großen US-Studios aus Kostengründen britische Ableger unterhielten.

Der Eindruck entstand unter anderem dadurch, dass uns die Namen der Hauptdarsteller nichts sagten, und fähige, aber nicht als Stars geltende britische Schauspieler einzusetzen, ist jedoch ebenfalls eine Maßnahme gewesen, mit der die Hollywood-Giganten Geld sparten. Wir lagen aber falsch, Kathryn Grant, die eine echte Südstaaten-Schönheit ist und die süße Prinzessin spielt, hatte im Jahr vor „Sindbad“ allein dadurch Berühmtheit erlangt, dass sie Bing Crosby heiratete (kurz nach „Sindbad“ hängte sie ihre Filmkarriere an den Nagel). 

Sindbad und seine Liebste sind vor allem sympathisch, und das ist entscheidend, bei einem Fantasyfilm, der nicht unbedingt auf den Ruhm seines Casts setzt, um Zuschauer anzuziehen. Der bekannteste der Darsteller ist sicher Torin Thatcher, der den bösen Sukurah spielt. Thatcher ist tatsächlich Brite und hat in vielen britischen Produktionen seit den 1930er Jahren mitgewirkt.

Für nur 650.000 Dollar entstand dieses farbenprächtige Märchen, aber immerhin konnte man dafür eine Reise nach Spanien arrangieren, um gewissermaßen on Location zu drehen: Der Palast des Kalifen von Bagdad ist nichts anderes als die berühmte maurische Alhambra von Granada, der Orient-Touch der Szenen des Films, die eigentlich im Zweistromland angesiedelt sind, ist also nicht aus Pappmaché, sondern ziemlich echt, auch wenn hier die Bauten einer arabischen Kultur genutzt wird, die sich im mittelalterlichen Südwesteuropa etabliert hatte.

Von „echt“ kann bei den Spezialeffekten keine Rede sein, wenn man damit naturalistisch meint oder das, was uns heute die CGI als real vorgaukelt. Effekte-Spezialist Ray Harryhausen, der vor zwei Jahren im Alter von 93 verstarb, hat aber Zyklopen, einen Drachen und manchen Spezialeffekt kreiert, die einen ähnlichen Charme haben wie der erste King Kong von 1933 oder die frühen Godzilla-Filme aus Japan. Man freut sich einfach über die ruckartigen Bewegungen der in Stop-Motion gefilmten Pappkameraden und wie sie so auf die Leinwand gebracht werden, dass sie um ein Mehrfaches größer wirken als die Menschlein, die versuchen, gegen sie anzukämpfen. Wir waren allerdings ein wenig traurig, als der Drache erlegt war. Hätte er Feuer speien können, wäre ihm das nicht so leicht passiert.

Moralisch, psychologisch, plottechnisch ist „Sindbads siebente Reise“ eher roh, auch für einen Fantasyfilm, aber er gehört auch jenen Kinostücken, an die viele Menschen sicher Kindheitserinnerungen haben. So wie wir an „Gulliver“, der drei Jahre später entstand, ebenfalls von Harryhausen mit Spezialeffekten versehen und ebenfalls mit dem netten Kerwin Mathews in der Titelrolle gedreht wurde. Den Film haben wir in Jugendzeiten mindestens zweimal im Fernsehen angeschaut. Bei uns gibt es diese Kindheitserinnerungen bezüglich „Sindbad“ nicht, aber wer hätte nicht gerne eine geschrumpfte Prinzessin voller Anmut und mit einem tadellosen Charakter in einem kleinen Kästchen, das eigens für sie angefertigt wurde, anstatt sich  mit dem alltäglichen Kleinkram im Beziehungs- oder Familienleben auseinandersetzen zu müssen? Wie die Prinzessin als kleiner Mensch in überdimensional wirkenden Dekors erscheint, gehört zu den Highlights unter den Spezialeffekten.

Aber noch einmal etwas mehr zu Handlung. Man muss in heutigen Zeiten aufpassen, dass man nicht sämtliche Klischees bestätigt bekommt, die man ohnehin im Kopf hat. Der Kalif von Bagdad kann nichts dafür, dass der Zauberer die Prinzessin Parisa schrumpft, um auf diese Weise eine Seetour zur Insel Kolossa, wo die Kolosse wohnen, zurückkehren zu können, zu provozieren, wo leider die wichtige Öllampe mit dem Dschinn darin liegen geblieben ist, als man bei Sindbads sechster Reise von dort etwas überstürzt abhauen musste … also, obwohl der Kalif ganz unschuldig an dieser Verkleinerung ist, droht der Vater der Prinzessin, der Sultan, gleich mit Krieg. Dabei wollte man doch das Säbelgerassel zwischen den Nachbarstaaten mit der Heirat zwischen Sindbad, der offenbar ein Adoptivsohn des Kalifen ist und Parisa ein für allemal beenden – oder zumindest bis zu deren Tod.

Die mangelhafte Logik und das immer schnell ins Blutrünstige Tendierende im Handeln der Figuren ist aber nicht typisch arabisch, und es sind nicht die beiden Herrscher oder Politiker, die unseren Eindruck bestimmen, sondern Sokurah, der ja auch aus der Gegend stammt, und der ist nun wirklich ein hinterlistiger, absolut jeden Vertrauens unwürdiger Miesnik. Immerhin bringt er wenigstens die Prinzessin wieder auf Normalgröße, nachdem das Riesenvogel-mit-Doppelkopf-Küken-Eierschalenteil endlich erobert und damit die Wiederherstellung möglich geworden ist. 

Finale

Als der Film herauskam, schrieb der „Evangelische Filmbeobachter“, der heute noch als „epd“ Filme beobachtet: „Sindbads siebente Reise führt nicht in das Land von ‚Tausendundeine Nacht‘, sondern geradewegs in den technisch perfektionierten Gruselkintopp. Deshalb raten wir jung und alt vom Anschauen dieses Films ab.“

Sicher, die ironisch-schmunzelnde Betrachtungsweise, die wir angesichts heutiger Kinostücke nur als harmlos zu bezeichnenden Filmen wie diesem zukommen lassen, die war 1958 noch nicht angängig, und nicht nur die deutsche Kritik, auch wenn sie nicht aus konfessioneller Richtung kam, war in jenen Jahren generell ziemlich humorfrei. Besonders witzig lesen sich die Anmerkungen zu Komödien, weil mit so viel Ernst die leichte Muse untersucht wird. Und technische Perfektion, lernen wir nebenbei, ist natürlich eine Definition, die sich mit den Zeiten wandelt.

Die erwähnte Kritik hat aber insofern recht, als das „1001 Nacht“-Feeling ein wenig auf der Strecke bleibt und man sich eher an die Abenteuer des Odysseus und ihm nachgebildeter Helden erinnert, die sich auf ihren Reisen mannigfaltigen, oft übernatürlichen oder doch weit über normalmenschliches Potenzial hinausgehenden Herausforderungen stellen müssen. Als Abenteuerfilm mit knapp und eindeutig gezeichneten Figuren und einer von jedweder Verlangsamungstendenz, wie sie für Hollywoods größere Filme damals schon üblich war, ganz befreit, funktioniert „Sindbads siebente Reise“ doch recht gut.

68/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Nathan Juran
Drehbuch Ray Harryhausen,
Ken Kolb
Produktion Ray Harryhausen,
Charles H. Schneer
Musik Bernard Herrmann
Kamera Wilkie Cooper
Schnitt Edwin H. Bryant,
Jerome Thoms
Besetzung

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