Die Wikinger (The Vikings, USA 1958) #Filmfest 469

Filmfest 469 Cinema

Von Westen nach Norden

Die Wikinger (Originaltitel: The Vikings) ist ein US-amerikanischer Abenteuerfilm des Regisseurs Richard Fleischer aus dem Jahr 1958, nach dem Roman The Viking von Edison Marshall (adaptiert von Dale Wasserman). Deutschland-Premiere war am 25. Dezember 1958.

„Mit dieser Rezension setzen wir unsere Kirk-Douglas-Reihe im Rahmen des Filmfests fort. Geschrieben wurde der Beitrag anlässlich des hundertsten Geburtstages einer der letzten noch lebenden Hollywood-Legenden, mittlerweile nähert sich Douglas seinem 101. Geburtstag (9. Dezember).“

Die Dinge ändern sich immer, wie die obige Einleitung zur Erstveröffentlichung dieses Textes in unserem Zwischenblog „Rote Sonne 17“ belegt. Selbst Kirk Douglas ist letztes Jahr verstorben und das ist schon deshalb schade, weil das Gegenteil die spannende Frage offen gelassen hätte, ob man ewig leben kann, wenn man eine lebende Legende ist. Unser Titel soll andeuten, dass Kirk Douglas, wie viele andere Hollywoodstars, in jenen Jahren vor allem im Wilden Westen unterwegs war. Wie es im hohen Norden um ihn und einige andere Darsteller*innen steht, klärt die -> Rezension.

Handlung (2)

Bei einem Überfall der Wikinger, den der grausame Ragnar anführt, wird der König von Northumbria getötet. Sein Cousin Ælle besteigt daraufhin den Thron, weil der König kinderlos war. Die Königswitwe Enid ist jedoch schwanger von Ragnar. Sie schickt ihr Kind, versehen mit einem Edelstein als Amulett, dem Knauf vom Griff des königlichen Schwertes Regvita von Northumbria, nach Italien, um es vor dem machthungrigen Ælle zu schützen. Das Schiff, auf dem das Kind nach Italien reist, wird von den Wikingern unter Bjorn, dem engsten Freund Ragnars, gekapert. Die Mannschaft weiß jedoch nichts über das Kind und versklavt es. Der Junge wächst als Sklave heran und wird Erik genannt.

20 Jahre später, längst ist Königin Enid gestorben: Lord Egbert, von Ælle des Hochverrats angeklagt, flieht nach Norwegen und findet bei Ragnar Asyl. Dort findet er auch Erik wieder, der um seinen Hals immer noch das Amulett seiner Mutter trägt. Egbert entdeckt daraufhin den Familienrang von Erik.

Erik und sein Halbbruder Einar geraten in unversöhnlichen Hass und Streit, nachdem Eriks Falke Einar ein Auge ausgehackt hat. Einar hatte Erik zuvor gedemütigt und zu Boden getreten, worauf dieser seinen Raubvogel auf Einar losstieß. Die Dorfschamanin Kitala rettet Erik vor der sofortigen Hinrichtung, indem sie ihn unter Odins Schutz stellt. Erik wird daraufhin einem Gottesurteil überstellt, in ein Becken geworfen, das sich bei Flut mit Wasser füllt, damit der oberste Gott der Wikinger über ihn richte. Die Schamanin ruft Odins Töchter, die Walküren, an mit der Bitte, den Nordwind zu schicken, der die Flut zurückdrängen möge. Auch Erik fleht Odin um Beistand an, der Nordwind setzt ein und treibt das Wasser zurück, Erik ist gerettet. Egbert, der hinzukommt und den halb erfrorenen Erik aus dem Wasser zieht, beansprucht ihn vor Einar als seinen Sklaven, damit er ihn nach Northumbria bringen und als König ausrufen kann. (…)

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension 

Kirk Douglas zum Hundertsten – ein weiterer wichtiger Film des großen Schauspielers?

Auf jeden Fall einer, den er mit seiner eigenen Produktionsfirma Bryna unterstützt hat, auch die Bavaria war beteiligt und daher sind einige Szenen in Deutschland gefilmt, neben Frankreich, England und Norwegen; Letztere beide Länder sind die Schauplätze des Films. Was ich vor dem Anschauen kannte, war der Score des Films, den ich gigantisch finde. Sein Schöpfer, Mario Nascimbene, ist nicht so bekannt wie andere Komponsiten, die epische Filme untermalt haben, wie etwa der damals führende Dimitri Tiomkin oder Miklos Rosza, der viele Historienfilme der Zeit mit Musik unterlegt hat, aber mit dem Sound von „Die Vikinger“ hat Nascimbene es getroffen, auch wenn er im Film nicht ganz so wirksam ist wie in einer Sammlung von Musiken zu Hollywood-Historienfilmen.  

Extradiegetisch ist die Musik auch, was nichts weiter heißt, dass sie von einem nicht sichtbaren Orchester gespielt wird, wie bei fast allen Filmen, in denen nicht Musiker auftreten.  Diesem Film ist einer der schönsten pseudowissenschaftlichen Beiträge in der Wikipedia gewidmet, die ich bisher gelesen habe und es werden mit großem Appblomb filmtechnische Selbstverständlichkeiten ausgebreitet. Aber da die Filme jener Jahre, in denen „Die Wikinger“ entstand, nicht selten etwas überladen und sehr episch waren, passt das auch wieder. Im Fall der Extradiegetik gibt es sogar eine Abweichung: zeitweise wird fantasievoll und in den Score integriert ein Horn geblasen; nämlich dann, wenn ein Wachposten dem Dorf Ragnars signalisieren will, dass ein Drachenschiff von seinen Raubzügen heimkehrt.

Ist es denn ein guter Kirk-Douglas-Film?

Ich finde es wundervoll, dass Douglas sich selbst Rollen gab, in denen er alles andere als sympathisch wirkt. Wie alle gezeigten Wikinger ist er ein roher Typ, sehr maskulin und sehr archaisch. Überhaupt, wie die Wikinger sich durchs Leben saufen und mit Frauen umgehen, das hat Stammtischqualität, gepaart mit Party-Hardcore vom Feinsten.

Bei dem, was wir sehen, handelt es sich gerade nicht um Sitten aus einer versunkene Zeit. Auch das Essen ohne Kenntnis vom  richtigen Besteckgebrauch nimmt seit Jahren wieder stark zu. Bei Überspringung der entstehenden britischen Hochzivilisation im tatsächlich damals existierenden Königreich Northumbria, in dem schon exerziert wird, was in tausend Jahren britischer Monarchie an fiesen Ränkespielen stattfinden sollte, unter Auslassung sämtlicher kultureller Weiterentwicklungen selbstverständlich, sind wir wieder da, wo wir in etwa heute stehen, bei sinnloser Gewalt und bei seltsamen Göttern, die keine Gnade und keine Nächstenliebe an ihre Gläubigen vermitteln.

Und mittendrin Kirk Douglas in einer jener Rollen, die neben ihm in jenen 1950ern nur Burt Lancaster spielen konnte. Aber Douglas bringt sie unsympathischer rüber, als Lancaster es je gekonnte hätte und wenn die beiden zusammen spielten, hatte Lancaster in der Regel auch die Heldenrolle („Zwei rechnen ab“, 1957) (1) Man merkt, warum die beiden sich auch privat gut verstanden, es gibt eine starke Typähnlichkeit. Während also Douglas den wilden Wikinger spielt und dabei fast 90 Prozent der Spielzeit mit nur einem echten und einem Glasauge nebst Entstellung seines Gesichts durch böse Narben herumläuft, ist sein Widerpart hier – Tony Courtis.

Die weitere Besetzung

Nicht der Tony Curtis, den wir aus wundervollen Komödien wie dem ein Jahr später entstandenen „Manche mögen’s heiß“ oder „Unternehmen Petticoat“ oder aus einigen guten Dramen kennen, sondern einer, dessen anziehendes Gesicht nicht ein einziges Mal sichtbar ist, dank eines mittelprächtigen Bartes, der die weichen Züge des Frauenlieblings glücklicherweise nicht vollständig maskiert. Und was machen sie mit diesem Typ? Schmeißen ihn ins kalte Wasser, lassen Killerkrabben auf ihn los, lassen ihn von Odin himself befreien, um ihm dann von einem dieser miesen vor-englischen Könige die Hand abschlagen zu lassen. 

Das ist für mich das Gewagteste an diesem Film, nicht das Treiben der tollkühnen Wikinger, den romantischen Helden zu verkrüppeln und damit die Identifikation auf einer unterschwelligen Ebene, die jenseits des Mitleidsfaktors liegt, zu erschweren. Man merkt Eric die Behinderung im weiteren Kampf nicht an und Prinzessin Morgana stört sich auch nicht daran. Das ist das Schöne am Film, Tatbestände können ethisch transzendiert werden.

Tony Curtis kann sich hier trotz viel Einsatzzeit nicht in den Vordergrund spielen und wurde wohl vor allem gecastet, weil er damals sehr beliebt war. Mehr als er kann sich der unvergleichliche Ernest Borgnine als Vater der Rivalen Einar in Szene setzen, den man auch unter dem allfälligen Wikinger-Bart am Augenrollen und der Zahnlücke erkennt. Nicht in allen seinen Filmen spielt er so krude Typen wie hier und in „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953), aber der Wiedererkennungswert ist hoch.

Janet Leigh als Morgana passt mit ihrem süßen Antlitz und ihrer sanften Art wunderbar in Historienfilme, um Prinzessinnen, Marquisen und andere zu erobernde Edelfrauen zu spielen, allerdings ging ihre Zeit in solchen Werken Ende der 1950er zu Ende, weil es zum einen immer weniger von diesen Filmgen gab und weil nun einmal gerade für solche Rollen ein jugendlicher Liebreiz unabdingbar ist – nach „Psycho“ und dem schrecklichen Duschmord an ihr, nachdem sie zuvor schon als Diebin aufgetreten war, war es ohnehin schwieriger, sie in so romantischen Rollen zu besetzen wie in „Die Wikinger“. Aber der Cast des Films ist gelungen, keine Frage. Erwähnenswert auch der mir vorher nicht bekannte Frank Thring in der kleineren Rolle des bösen Königs von Northumbria.

Die Weltgeschichte gemäß Hollywood

Wer nachlesen möchte, was an dem Film historisch war und was ahistorisch, den verweise ich gerne auf den erwähnten Wikipedia-Beitrag. Das Ergebnis dieser prächtigen Darstellung ist auch in dieser Hinsicht verblüffend einfach: Der Film ist etwa so faktentreu wie die meisten Hollywoodfilme, die sich auf die eine oder andere Weise starke Abweichungen von der Historie erlauben, auch wenn des zum Beispiel den König AEilar von Northumbria wirklich gegeben hat. Die Wikinger wirken fürs 8. Jahrhundert zu modern, und, um gleich dabei zu bleiben, die Engländer auch. Was mir aber wichtiger erscheint:

Beide kommen nicht besonders gut weg. Die Engländer wirken als Kämpfer eher untermittelprächtig, ganz im Gegensatz zu den Hochmittelalterdramen, die zu Beginn der 1950er in Mode waren, die Wikinger hingegen sind, das steht schon weiter oben, Gesellen, deren Gesellschaftsleben ziemlich stressig sein musste, auch wenn ein Dasein, das ausschließlich aus Raubzügen und Partys besteht, auf den ersten Blick seinen Reiz haben mag.

Technisch ist der Film wunderbar. Die Kamera, die Settings, alles vom Feinsten, wie auch im nächsten Großfilm, den Kirk Douglas mit seiner eigenen Produktionsgesellschaft anging: „Spartacus“ (1960), der von Stanley Kubrick inszeniert wurde. Hauptsächlich jedenfalls. Fünf Millionen Dollar Produktionskosten für „Die Wikinger“ waren 1958 ein Wort, wenn auch ein Jahr später das Remake des Stummfilms „Ben Hur“ mit beinahe dem dreifachen Budget neue Maßstäbe setzte.

Es war aber eine Phase, in der diese großen Filme funktionierten. Das Breitwandformat, der Stereoton, alles war da, um gewaltige Kinoerlebnisse zu schaffen, und von „Giganten“ und „Die zehn Gebote“ bis zu David Leans Epen der 1960er war dies eine große Zeit für große Filme. Allerdings waren sie alle nach einem klassischen Muster gestrickt, das erst allmählich durchbrochen oder abgewandelt wurde: Der Pseudohistorismus à la Hollywood war geradezu ein eigenes Genre. Dadurch erhielten Millionen nicht besonders belesener Amerikaner vollkommen verfälschte Geschichtsbilder, aber eines muss man den Filmen lassen: Sie waren meisterhaft konstruiert, um Emotionen, Spannung, Schauwerte und Botschaften miteinander zu verknüpfen.

Das gilt für „Die Wikinger“ allerdings nicht ganz in dem Maß wie für viele andere Filme seiner Art, denn es gibt keine schattenlosen Charaktere, wenn man von der Prinzessin absieht. Am Ende tötet Eric seinen Bruder Einar, obwohl dieser zögerte – wobei Erich nicht wusste, dass Einar sein Bruder ist. Das hätte Morgana ihm aber sagen und beide zum Einhalten auffordern können. So gesehen, fällt selbst auf dieser Figur ein Schatten des Zweifels, den es zum Beispiel in „Scaramouche“ (1952) nicht gab,  wo eine ähnliche Konstellation vorlag und Janet Leigh als Marquise die tödliche Konfrontation zweier Rivalen um ihre Person vor der Vollendung des Degenkampfes stoppen konnte. Hier aber siegt das Schwert und so ist das Happy End nicht so strahlend wie gewohnt. Wie auch die geschundenen Helden kam das etwas Differenziertere Ende der 1950er in Mode.

 Man kann auch sagen, Hollywood versuchte zu der Zeit durchaus, erwachsen zu werden, was es dann zehn Jahre später auch geschafft und sich als New Hollywood selbst neu erfunden hatte. Heute sind wir wieder in einer Zeit vor diesem Aufbruch ins erwachsen werden. Die heutigen Filme sind selbstredend technisch brillant, aber gerade die aufwändig produzierten Märchen reichen bezüglich der Charaktergestaltung selten über das Niveau der 1930er hinaus. Und die waren zunächst ebenfalls ein Rückschritt, technisch bedingt, weil das im Stummfilm schon künstlerische Niveau erst einmal der neuen Tontechnik geopfert wurde.

Alles Film

Bleibt ein Blick auf die Dramaturgie, mithin das Drehbuch. Da der Film nicht überlang ist, sondern angemessene zwei Stunden aufweist, läuft die wendungsreiche Story schnell, aber auch sehr konventionell ab. Das tolle Filming, die prächtige Ausstattung und die Präsenz einiger Darsteller können nicht verhindern, dass es leicht ist, das Werk auf wenige Standardelemente herunterzubrechen, die es in tausend anderen Filmen auch gibt. 

Mögen das Schauspiel und die Dialoge, das gezeigte Leben der Völker ein wenig realistischer oder pseudorealistischer wirken als in Filmen, die einige Jahre zuvor entstanden waren, im Grunde ist es eine simple Geschichte von Macht, Rache, Liebe. 

Was nicht heißt, dass sie nicht funktioniert.Es gab größere Kino-Romanzen als die zwischen Eric und Morgana, und mittlerweile bin ich persönlich so weit, dass ich es beinahe schade finde, dass sich die Frau nicht für einen viel dezidierteren Typen wie Einar entscheiden kann. Als Mann und prinzipiell gesprochen und ohne Ansehen der Tatsache, dass ein sanfterer Mensch wie Eric sicher seine Vorzüge hat. Einar ist sozusagen der Typ für ein Abenteuer und Eric, den heiratet man, wenn man als Frau zur Ruhe kommen will. Selbstverständlich darf das in einem Film jener Zeit so nicht dargestellt werden, denn immerhin ist Northumbria schon vom Christentum erfasst und die Frauen ticken anders als die Wikingerinnen, die sich lieber die Zöpfe abschneiden lassen, als wirklich treu zu sein. Vermutlich ist gerade diese Suggestion der größte Unsinn, wenn man bedenkt, was solch wahllose Lebenslust für die Stabilität kleiner Dorfgemeinschaften bedeutet hätte. 

Finale

„Die Wikinger“ ist ein unterhaltsamer, aufwendiger Historienfilm, ein „Nordmänner-Western“, wie sich eine Kritk ausgedrückt hat, und das ist Hollywood: Man kann die gleichten Geschichten mit allen möglichen Völkern und über alle Zeitalter hinweg durchexerzieren. Was nichts anderes heißt, als dass sie offensichtlich tief in uns angelegte Strukturen und Sehnsüchte triggern und damit ihre Berechtigung haben. 

Je verkopfter wir sind, desto mehr sind wir geneigt, genau diese Manipulation durch Storytelling, das in der Urzeit wurzelt, zu leugnen, aber der Kunstfilm hat es immer dann schwer, wenn er vollkommen auf die Berücksichtigung dieser Strukturen verzichten will. Und man kann die Weltgeschichte in der Sicht von Hollywood lächerlich finden, ich mag das Pathos und das ruchlose Eindringen dieser Werke in unsere Gefühlswelt. Die Wikinger kommen, lasst sie unsere verstandesmäßigen Barrieren schleifen, so, wie die Wikinger die englische Burg auf eine geradezu lächerlich einfache Weise schleifen konnten – die gab es aber im 9. Jahrhundert wohl ohnehin nicht.

76/100

(1) Ausnahme: „Vera Crucz“, 1954, wo Lancaster seinerseits den wiederum viel edleren Gary Cooper als Gegner hatte.
(2) Wikipedia

Regie Richard Fleischer
Drehbuch Dale Wasserman,
Calder Willingham
Produktion Jerry Bresler
Musik Mario Nascimbene
Kamera Jack Cardiff
Schnitt Elmo Williams
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s