Außer Kontrolle – Tatort 532 #Crimetime 981 #Tatort #Leipzig #Ehrlicher #Kain #MDR #Kontrolle #außer

Crimetime 981 – Titelfoto © MDR, Joachim Bischof

Ein Sozialtatort à la Leipzig

Wieso haben wir bei fast allen Leipziger Tatorten das Gefühl, dass sie im Jahr 2003 entstanden sind, wie dieser?

Egal. Jedenfalls ist es eine beachtliche Leistung, einen Tatort zu filmen, der „Außer Kontrolle“ heißt und dermaßen kontrolliert dargeboten wird. Vor allem der Einstieg ist sehr umständlich und hölzern, dafür wird im Verlauf die Handlung unglaubwürdig. Wer zum Beispiel normalerweise nur Bier trinkt, der lässt sich nicht mit Klarem volllaufen, selbst dann nicht, wenn er Kain heißt und auf eine wirklich übertriebene Art den Tod seines früheren Mitschülers betrauert, der ihm zwischenzeitlich recht egal war. Überhaupt hat der Tatort neben einer akzeptablen Grundidee viele psychologische Quetschungen. Um beim Thema zu bleiben: Wieso lässt die Waschsalonbesitzerin Friederike den besoffenen Kain einfach so auf die Straße ziehen? Damit er zusammengeschlagen werden kann, wie’s das Drehbuch vorsieht? Die Szene, in welcher Eddi Löser stirbt, ist hingegen ziemlich dröge gefilmt. Es gibt freilich mehr zu diesem 532. Tatort zu schreiben und dies steht in der -> Rezension.

Handlung

Es ist früh am Morgen, als sich die Leipziger Hauptkommissare Ehrlicher und Kain eine Leiche am Ufer des Kanals ansehen müssen. Der Tote ist Eddie Löser, ein bekannter Stadtstreicher. Gefunden wurde er vom Polizeiobermeister Frank Lohner auf dessen täglicher Joggingtour. Er vermutet, dass Eddie ertrunken ist. Doch Kain kennt den Toten. Es ist sein ehemaliger Schulfreund.

Für den Kommissar ist klar: Das war Mord. Die blauen Flecken an Eddies Körper lassen in der Tat auf Gewaltanwendung schließen. Aber warum hat Eddie seine Kleidung am Ufer abgelegt? Sind vielleicht die 1,1 Promille, die der Pathologe im Blut ausmacht, ein Hinweis für eine alkoholisierte Verzweiflungstat, die zum Selbstmord führte?

Die Befragung von Eddies Noch-Ehefrau Theresa offenbart Eddies privates Drama. Die Eheleute haben sich vor zwei Jahren getrennt. Theresa hat die Scheidung eingereicht und lebt nun mit der gemeinsamen Tochter Clara und ihrem neuen Freund zusammen – es ist Frank Lohner.

Die Kommissare gehen noch einmal Eddies Weg am Abend zuvor ab – von Theresas Wohnung bis zum Kanal. Der Wirt im Restaurant, das in Sichtweite des Gewässers liegt, gibt mürrisch zu, dass Eddie am Tag zuvor im Lokal war. Seine Kellnerin berichtet, ihr Chef habe jemanden angerufen, weil Eddie die Gäste belästigt habe. Die Polizei habe er verständigt, sagt der Wirt. Jemand anderes wurde angerufen – sagt Spurensicherer Walter, nachdem er die abgehenden Gespräche des Restaurants überprüft hat. Die angerufene Nummer gehört zum Handy des Apothekers Mühlberg… Und noch etwas macht die Kommissare stutzig. Sie ermitteln im Revier von Frank Lohner. Seit dessen Eintreffen in Leipzig vor zwei Jahren gibt es in diesem Stadtteil keinen Vandalismus mehr, keinen Drogenhandel und auch keine Stadtstreicher. Lohner scheint mit harter Hand durchzugreifen – und gerät immer mehr ins Visier der Kommissare.

Rezension

Ein Plus ist sicher die Ausgewogenheit des Films im Umgang mit der Problematik verkommender Viertel, in denen keine Polizeipräsenz für eine gewisse Aufrechterhaltung der Ordnung sorgt. Als wir den Entwurf 2015 verfassten, schrieben wir „Das Ding ist uns derzeit sogar im wörtlichen Sinn nah, weil in der Umgebung unseres Wohnortes gerade ein spektakulärer Fall von Hausverwahrlosung mit allen üblen Nebenerscheinungen die Wogen hochgehen lässt. Nun rechne man diesen Einzelfall hoch und versteht, wie ein Kiez kippen kann (…)“, wir kürzen aber an der Stelle und betonen aufgrund neuerer Ereignisse und Einblicke, dass wir vor allem solidarisch mit jenen sind, die Verdrängung erleiden und wie Städte sozial ausgedünnt und zwangsweise im Sinne des Kapitals „harmonisiert“ oder „homogenisiert“ werden. Der Aufreger aus dem Jahr 2015 ist einigermaßen verarbeitet und zum Glück tatsächlich ein Einzelfall geblieben. Wie indolent und arrogant sich die Politik damals gegenüber den Anwohner*innen verhalten hat, die zu Recht um ihre Sicherheit fürchteten, bleibt jedoch unvergessen.

Leipzig kennen wir auch ein wenig, und in einem Fall auch von einer verwahrlosten Baulickeit, die komplett durchsaniert wurde – sehr hübsch geworden, inklusive Denkmalschutz, in einem ehemaligen Problemviertel, aber was alles in die Wege geleitet wurde, damit die Häuser überhaupt restauriert werden konnten, wollen wir lieber nicht wissen.

Trotz vieler persönlicher Assoziationen ist uns der Einstieg in diesen Tatort nicht so recht gelungen. Das dürfte vor allem an der erwähnten Unglaubwürdigkeit liegen, denn eines klappt sicher nicht: Dass ein ganzes Viertel von einem einzigen Polizisten ruhiggestellt wird, der sich dabei Jugendlicher als verlängerter Staatsmacht bedient. Die Jugendlichen haben normalerweise eine etwas andere Agenda, vor allem in diesen Vierteln. Es gibt durchaus eine rechte Szene, die an bestimmten Orten – außerhalb von Berlin, versteht sich – gegen Obdachlose und andere „missliebige Elemente“ vorgeht, und dass die Polizei dabei wegsieht, darf man getrost annehmen. Eine gewisse Kumpanei wird da möglich sein – aber eine präzise Anleitung? Kein Wunder, dass Polizeiobermeister Lohner aus Berlin expediert wurde, denn sein Ansatz hat nicht funktioniert.

Mit dem Titel „außer Kontrolle“ ist natürlich das Entgleiten der zivilen Jugendpolizei aus der Kontrolle von Lohner gemeint, weniger das plötzliche Saufen von Kain oder ein Streit zwischen ihm und Ehrlicher im Treppenhaus des Dienstgebäude, bei dem wir nur noch darauf gewartet haben, dass eine interessierte Person hinter der nächsten Säule steht und auf diese Weise den Stand der Dinge aus erster Hand mitgeteilt bekommt. Solche furchtbaren und unprofessionellen Szenen haben sich Polizisten in Tatorten schon geleistet, und die Leipziger sind gute Kandidaten für sowas,  aber zum Glück ist man hier nicht so weit gegangen.

Finale

„Außer Kontrolle“ ist ein Leipziger Sozialtatort, bei dem man sich das Wort „typisch“ nicht verkneifen kann, weil er eben typisch ist. Es gibt zum Beispiel den typischen Kölner Sozialtatort, insofern ist das nicht generell eine Wertung, erklärt aber, warum die Leipziger und die Kölner mehrfach miteinander gearbeitet haben. Sie passen einfach recht gut zusammen. Besonders Ballauf und Ehrlicher sind Vertrauenspersonen, egal, wie sehr sich sie als Typen unterscheiden. Da weiß man, die Polizeiarbeit ist bei empathischen Menschen und somit in guten Händen, und das ist in den Tatort-Einsätzen mittlerweile ein eigenständiger Wert. Schenk und Kain hingegen sind immer mal wieder für einen Aussetzer und eine Abweichung gut, wobei die Cops vom Rhein das altersmäßig und charakterlich ausgeglichenere Team sind, wohingegen bei Kain und Ehrlicher der ältere Polizist doch immer wieder auch eine Art Vaterfigur abgibt.

Gerade, weil wir uns mit dem Thema Kiezverwaltung und –gestaltung ein wenig befasst haben, fällt uns ein persönliches Statement schwer. Ehrlicher sagt über den Apotheker, der mit dem Laden seinen Traum verwirklicht hat und alles beinahe wörtlich vor die Hunde gehen sieht, er kann den Mann verstehen. Verstehen kann man prinzipiell vieles, aber manchmal muss man sich für ein Prinzip entscheiden, und Gerechtigkeit ist eines der schwierigsten Themen überhaupt. Es kommt zum Beispiel darauf an, ob man die Gerechtigkeit auf das Verhältnis Staat / Bürger anwendet und soziale Forderungen daraus ableitet. Hier mussten wir gegenüber dem Entwurf aufgrund von Einblicken aus den letzten Jahren etwas ändern: Zu viel Vorsicht führt zu gar nichts und natürlich kann man die Dinge auch vom Klassenstandpunkt aus sehen, wie Ehrlicher es gerne tut. Das ist berechtigt, weil es ziemlich ungerecht zugeht. Einige Textstellen weiter oben haben wir gekürzt, weil man zu deutlich den damaligen Ärger über eine konkrete Situation herauslesen konnte.

Dem hier verhandelten Thema hätte man mehr abgewinnen können, aber am Schluss ist der Fall gelöst und wir sind nicht so betroffen, wie wir angesichts der Nähe solcher Themen für einen Innenstadtbewohner von Berlin hätten sein können.

6/10

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Techniker Walter – Walter Nickel
Frank Lohner – Oliver Stritzel
Dr. Mühlberg – Udo Kroschwald
Eddi Löser – Dieter Landuris
Wirt – Frank Sieckel
Frederike – Annekathrin Bürger
Theresa – Anne-Marie Bubke
Lukas – Frank Droese
u.a.

Drehbuch – Stefan Kolditz
Regie – Olaf Kreinsen
Kamera – Achim Poulheim
Musik – Jochen Schmidt-Hambrock

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