Flucht in Ketten (The Defiant Ones, USA 1958) #Filmfest 471 #Favorite

Filmfest 471 Cinema – Favorite Movie

Niemals mehr Sklave sein

„Flucht in Ketten“ ist der bewegendste Kinofilm, den wir in den letzten Monaten angeschaut haben. Große und authentisch wirkende Gefühle, eine spannungsreiche Story und natürlich: Politik.

Die Geschichte zweier entflohener Kettensträflinge begann für uns mit der Verwunderung darüber, dass es die Ankettung Ende der 1950er tatsächlich noch gab. Dass sie an einem Weißen und einem Afroamerikanier vorgenommen wurde die dadurch tatsächlich ihre Schicksale aneinander ketten müssen, wird im Film als Laune des Gefängnisdirektors dargestellt, war also nicht üblich. Zum Kern von „Flucht in Ketten“ kommen wir in der -> Rezension.

Handlung

Den Häftlingen John „Joker“ Jackson und Noah Cullen gelingt bei einem Unfall ihres Gefangenentransports die Flucht. Da ihre Handgelenke mit einer Kette aneinandergefesselt sind, müssen sie sich arrangieren und ihre persönlichen Schwierigkeiten in den Griff bekommen, wenn ihre Flucht erfolgreich sein soll: Denn John ist ein von sich überzeugter Weißer, der auf Schwarze herabblickt; Noah ein Schwarzer mit losem Mundwerk und der Überzeugung, alle Weißen seien arrogant und ungerecht.

Der erste Punkt, über den sich das ungleiche Paar einigen muss, ist die Richtung der Flucht. John will nach Süden, wo Noah für sich keinerlei Chancen sieht, weshalb sie schließlich nach Norden gehen. Sie werden von einem Suchtrupp mit Bluthunden verfolgt. Nach und nach ändert sich das Verhältnis zwischen beiden, sie entwickeln Respekt voreinander und arbeiten zusammen, obwohl sie auch oft aneinandergeraten.

Als sie nachts in einem Dorf in eine Tankstelle einbrechen, werden sie von den Bewohnern gefangen genommen. Ein ehemaliger Häftling, der im Dorf lebt, verhindert einen Lynchmord und verhilft den beiden heimlich zur Flucht. Als nächstes gelangen sie an eine Farm, die nur von einer Frau und ihrem Jungen Billy bewirtschaftet wird. Dort erhalten sie Essen und können sich von der Kette befreien.

Johns Arm hat sich wegen der Fesselung entzündet, er hat Fieber. Während die Frau ihn pflegt, kommen sie einander näher; sie sucht verzweifelt einen Mann und überredet John dazu, mit ihr und Billy zu fliehen und Noah, den auch sie wegen seiner Hautfarbe verachtet, sich selbst zu überlassen. Noah überrascht die beiden in diesem Gespräch, ist jedoch schließlich damit einverstanden, allein weiterzugehen. Die Farmerin packt ihm Proviant ein und beschreibt ihm den Pfad durch einen Sumpf zur nächsten Eisenbahnlinie. Als Noah verschwunden ist, erzählt sie John freudig, dass ihrem Glück nun nichts mehr im Weg steht – es gebe keinen Weg durch den Sumpf, Noah werde darin umkommen und könne John nicht mehr verraten. Angewidert stößt John die Frau von sich, worauf er von Billy angeschossen wird. Er eilt Noah nach, holt ihn ein, und sie erreichen gemeinsam die Bahnstrecke.

Dort schafft es Noah, auf den Zug zu springen, doch es gelingt ihm nicht, den geschwächten John zu sich heraufzuziehen. Als John zurückbleibt, springt auch Noah wieder ab und hält den entkräfteten John im Arm, bis der verfolgende Sheriff nachdenklich vor ihnen steht.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Die Handlung zeigt den Rassenkonflikt, aber auch davon, wie wie zwei herausragende Darsteller sie tragen, wobei wir Sidney Poitier, der den dunkelhäufigen Noah spielt, den Mann, der die Arche für alle baute und damit etwas wie ein Sukzessor des Stammvaters Abraham ist, für noch einmal besser halten als Tony Curtis. Wen anderen als Sidney Poitier hätte man für diese Rolle damals wählen sollen? Curtis hingegen war einer von mehreren weißen Stars, die in Frage kamen, die anderen zuckten vor diesem heiklen Projekt zurück. Deshalb gebührt ihm besonderes Lob für den Mut, in einem rassistischen Land die Ketten brechen zu wollen, wie es im Verlauf des Films geschieht. Entweder sind alle mitainander in Ketten oder alle sind frei, so lesen wir den Moment, in dem die beiden einander die Handringe öffnen.

Noah wird als der physisch Stärkere dargestellt, was Poitier vermutlich auch war, er ist größer und wirkt kräftiger als Curtis, was wir eine sehr gute Idee finden – die physische Stärke kann man nämlich auf seine Mentalität übertragen. Wenn man alle Aktionen der beiden zusammenrechnet, ist er derjenige, der alle Gefahren sicherer bewältigt – und dann beinahe von einer weißen Frau in den Untergang getrieben wird.

Aktuell ist der Film zwar von seiner Brisanz etwas entkleidet, man muss sich schon in die damalige Zeit zurückversetzen, in der die Bürgerrechtsbewegung sich auf den langen Marsch machte, aber noch nicht viel erreicht hatte. Es lag in der Luft, dass sich etwas ändern würde, aber der Film war Avantgarde, nie zuvor hatte es eine so starke, ja das Geschehen dominierende afroamerikanische Figur im weißen Mainstream-Kino gegeben. Und von der ersten Minute an, als man ihn noch gar nicht sieht, sondern nur hört, wie er das Lied von der Nähmaschine, einen „Worksong“ vorträgt, auf der Fahrt, was einen der Aufseher nervt, bis hin zur Wiederholung ganz am Schluss, spielt er wie jemand, der in der Tat nichts zu verlieren hat. Im Original heißt der Film „The Defiant Ones“, was man als „Die Trotzigen“ oder „Die sich aufbäumen“ übersetzen kann.   

Sie versuchen das  Unmögliche und Noah scheitert nur, weil er den kranken „Joker“ nicht allein zurücklassen möchte. Da zeigt sogar der Verfolger, Sheriff Max, Sympathie mit den beiden. Es war ein fairer Wettkampf und der Sheriff hatte dafür gesorgt, dass die beiden nicht von Bluthunden verfolgt wurden, wie es der Polizeicaptain Frank wollte. Dadurch dauerte es recht lange, bis man der beiden Entkommen habhaft wurde – die keine Ausbrecher sind. Eine Unaufmerksamkeit des Fahrers des Gefangenentransports war an dem Unfall schuld, der die beiden freisetzte. Diese wurde allerdings hervorgerufen durch das fortgesetzte Singen von Noah.

Reclams Filmführer führte aus: „Ein wohlmeinender Film, der in Einzelheiten auch realistisch und spannend gestaltet und durchweg gut gespielt ist. Insgesamt wirkt aber die Dramaturgie zu schematisch. Das begrüßenswerte Engagement gegen den Rassenhaß wird allzu lehrhaft abgehandelt.“

In den Top 250 der IMDb, die gegenwärtig unser zweites Projekt neben der chronologischen Vorstellung von Filmen bestimmter Filmländer darstellt, war „Flucht in Ketten“ nie, zumindest ist er nicht unter den mittlerweile über 970 Filmen in der Liste enthalten, an der wir uns dabei orientieren (2). Heute erhält „Flucht in Ketten“ 7,6/10 in der IMDb, das ist nicht herausragend, aber auch zu niedrig für das, was er darstellt.  Nicht mehr und nicht weniger als einen Meilenstein. Vielleicht gibt es immer noch Ressentiments, die verhindern, dass die gesamte Dimension des Werks anerkannt wird. Sicher, eine Wendung erschien auch uns etwas konventionell. Dass der alte Sam sie freilässt, weil ihr Schicksal ihn an sein eigenes erinnert und er von daher auch ein stärkeres Gerechtigkeitsgefühl hat als die übrigen Bewohner des morastigen Nestes, in dem man sie lynchen will. Den Lynchmob selbst fanden wir gar nicht so übertrieben.

Das Ende war ebenfalls absehbar, denn 1958 war die Zeit noch nicht reif dafür, entkommene Verbrecher tatsächlich laufen zu lassen, wie gut man das Publikum auch immer an sie herangeführt hat. Dass Noah hinter Gitter kam, ist beispielsweise einer Auseinandersetzung mit einem Weißen zu verdanken, der ihn provoziert hatte.

Für alle Afroamerikaner, denen das passierte und immer noch passiert, war Sidney Poitier einer der Hoffnungsträger, ein Leuchtturm. Er kam aus ärmlichen Verhältnissen, war der erste farbige Darsteller, der für einen Hauptrollen-Oscar nominiert wurde, eben für Flucht in Ketten“. Er hätte ihn wohl auch verdient gehabt, aber erhielt ihn tatsächlich fünf Jahre später für „Lilien auf dem Felde“. Bis 2001, als Denzel Washington für „Training Day“ ausgezeichnet wurde, blieb er der einzige Afroamerikaner, dem diese Auszeichnung, die höchste Schauspielerdekorierung, die zu haben ist, gewährt wurde. Seine Karriere war in ihrer Zeit sensationell und gewiss auch der Tatsache zu verdanken, dass er sehr gut, auch nach „weißen“ Maßstäben, aussah, sehr nett war und dann auch zu einer der Ikonen der Bügerrechtsbewegung wurde. Nicht verwunderlich, dass er in „Rat mal, wer zum Essen kommt“ erstmals in einem Mainstream-Film um eine weiße Frau anhalten durften, wobei Spencer Tracy und Katherine Hepburn das linksliberale Elternpaar darstellen, das mit dieser Entscheidung ihrer Tochter gerade noch zurechtkommt, wofür der Mann allerdings ein sehr seriös auftretender, anerkannter Mediziner sein musste – und auch den konnte Poitier, der keinen Schulabschluss besaß, gut repräsentieren. Im selben Jahr spielte er einen Polizeioffizier, den legendären Virgil Tibbs, der in einem Nest in den Südstaaten einen Mord untersucht und dabei eine ganze Bande von Rassisten kraft seiner Aura in Schach hält. Kein afroamerikanischer Schauspieler hat wohl jemals so viel erreicht – in einer Zeit, in der es zumindest prinzipiell auch endlich möglich war, besonders nach dem Civil Rights Act von 1964.

„Flucht in Ketten“ ist aber auch ein Versuch, der keinen Erfolg hatte und wenn man ihn so lesen will, bietet er Anhaltspunkte dafür, warum es immer noch keine Gleichstellung oder gleiche Chancen für Nichtweiße in den USA gibt. Vielleicht am wenigsten betroffen von Diskriminierung sind Menschen asiatischer Herkunft, aber am meisten immer noch Afroamerikaner. White Supremacy ist gerade heute wieder ein Thema und wird durch eine aggressive, rohe Administration, wie man sie in der jüngeren Geschichte der USA nicht gesehen hat, befördert. Vieles, was Menschen wie Poitier, was Martin Luther King und andere erreicht hatten, steht auf dem Spiel, auch wenn es keine formale Rassenungleichheit mehr gibt.

„Flucht in Ketten“ hat aber einen weiteren Knackpunkt, der seine Beliebtheit etwas einschränken könnte, obwohl sich das nicht im demographic Breakdown niederschlägt, der es möglich macht, Gruppen von bewertenden Nutzern in der IMDb aufzuschlüsseln. Frauen mögen ihn sogar etwas mehr als Männer, obwohl die rassistische Frau, die aus eigensüchtigen Gründen Noah in den Sumpf schickt, die einzige weibliche Person im Film, nicht gerade feministische Pluspunkte sammelt. Außerdem bewerten US-Nutzer den Film leicht höher als solche von „abroad“. Vielleicht, weil sie seine Bedeutung besser einschätzen können. Aber die Art, wie die Frau hier präsentiert wird, so nachvollziehbar ihre Motive auch sein mögen, macht das Werk letztlich differenziert und diffizil zugleich. Und sie sorgt für den größten Schock – mit ihrer Reaktion hatten wir in der Form nicht gerechnet. Dass sie die beiden Männer trennen will, weil sie einen davon für sich haben will, das haben wir schnell realisiert, aber dass sie den anderen bedenkenlos in den Tod schickt, weil sie ihn für minderwertig hält, war der schockierendste Moment in diesem Film – neben dem der Lynchszene. So etwas ist immer furchtbar anzusehen und hat uns etwas an Fritz Langs „Fury“ erinnert, wenn auch nicht so expressionistisch bebildert.

Finale

Die Symbolik der Ketten ist nicht schwer zu verstehen: Einerseits waren die Afroamerikaner lange Zeit als Sklaven ohne Rechte an ihre Herren gekettet und auch 1958 waren sie nicht „frei“. Andererseits ist es das Schicksal der Menschen, dass dieses buchstäbliche Verkettung beide Seiten in einer unwürdigen Situation aneinander festbindet und damit verhindert, dass das Beste in ihnen allen sich entfalten kann. Auch die anhaltenden Vorurteile und rassistischen Diskriminierungen sind Ketten, die Menschen anderen, aber auch sich selbst anlegen.

„Flucht in Ketten“ ist einer der Filme, die man gesehen haben muss, wenn man verstehen will, wie die USA sich gesellschaftlich in jenen Jahren entwickelt haben und welche harten Auseinandersetzungen es wegen dieser Entwicklung gab. Es war beinahe wie eine zweite Abschaffung der Sklaverei und wieder ging es im Süden hoch her, als um die Bürgerrecht gekämpft wurde. Wie verwurzelt der Rassismus hundert Jahre nach dem Bürgerkrieg noch war, lässt erahnen, warum er auch heute nicht beseitigt ist. Nicht zuletzt ist der Film aber auch ein faires Duell zwischen zwei Typen, die einander zunächst nicht gerade mögen und auch in diesem Paar spiegelt sich etwas, das bei diesem Paar besonders grotesk wirkt: Weißes Überlegenheitsdenken. Aber diese Kette der Abneigung bricht und am Ende des Films gehen die beiden Männer zwar wieder in Gefangenschaft, aber der eine hat sich bewährt und Freunde gewonnen und der andere Einsicht darüber, dass wir nur alle zusammen auf diesem Planeten durchkommen werden. Hätte sich „Joker“ nicht auf die Idee eingelassen, Noah alleine weiterziehen zu lassen, wäre er vom Sohn der Frau wohl nicht angeschossen worden und die beiden Gefangenen hätten es schaffen können, auf den Zug zu springen, der die (vorläufige) Freiheit bedeutet hätte.

88/100

© 2021 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia
(2) https://www.moviepilot.de/liste/alle-aktuellen-und-ehemaligen-imdb-top-250-filme-balticinemaniac?page=9

Regie Stanley Kramer
Drehbuch Nedrick Young
Harold Jacob Smith
Produktion Stanley Kramer
Musik Ernest Gold
Kamera Sam Leavitt
Schnitt Frederic Knudtson
Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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