Glassplitter – Polizeiruf 110 Episode 76 #Crimetime 983 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #DDR #Arndt #Hübner #Glas #Splitter

Crimetime 983 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Vertrauen in den Retter eines Kindes

64 Einbuchdiebstähle – das ist die bisherige Rekord-Einbruchserie in einem Polizeiruf. Zum Glück werden nicht alle Taten gezeigt, das hätte eine Tendenz zum Exzess getrieben, die diesem 76. Fall der Reihe Polizeiruf 110 ohnehin anhaftet. Was damit gemeint ist, steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

In einem Foto-Optik-Geschäft in Berlin wird spät abends die Glasscheibe eingeschlagen und aus der Schaufensterauslage werden hochwertige Kameras ausgeräumt. Der Ladenbesitzer bemerkt den Einbruch zwar, kann den Einbrecher jedoch nicht stellen. Dieser steigt in einen wartenden Wagen und verschwindet. Wenig später lässt er den Fahrer anhalten und steigt aus. Da man im Wagen zwei Personen gesehen habe, werde man einen mit nur einer Person nicht anhalten, so seine Begründung. Der Fahrer wird wenig später angehalten, und weil man die Tasche mit dem Diebesgut auf dem Rücksitz findet, kommt er in Untersuchungshaft. Marunde beteuert zunächst, nichts mit dem Einbruch zu tun zu haben; er habe lediglich einen Anhalter mitgenommen. Im Verhör gibt er nach und nach seine Mitwisserschaft zu.

Jäcki, wie der eigentliche Täter heißt, flieht in einem Ruderboot über einen See. Dabei wird er vom Motorboot der Familie Budack gestreift, die gerade mit ihrer Tochter Ilona auf dem Heimweg ist; sie hatten die Großeltern besucht. Beim Ausweichmanöver geht Ilona von Bord und ist spurlos verschwunden. Vater Heinz Budack taucht in der Dunkelheit vergeblich nach seiner Tochter. Es ist Jäcki, der sie an die Wasseroberfläche holt und den verstörten Eltern Anweisungen für die Erste Hilfe gibt. Heinz und Gerti bringen Ilona ins Krankenhaus und rufen Jäcki noch ihren Namen und ihre Anschrift zu.

Einige Tage später erscheint Jäcki bei den Budacks, die ihn dankbar aufnehmen. Jäcki darf bei ihnen essen und übernachten. Weil er angeblich auf Arbeitssuche ist und noch keine feste Bleibe hat, bringen die Budacks ihn auf ihrem Wochenendgrundstück unter und leihen ihm zunächst 500 Mark. Jäcki nutzt das Haus, um hier die Beute seiner Einbrüche zwischenzulagern. Längst hat sein Komplize Marunde vom Elektroladenbruch der Polizei gestanden, mit einem gewissen Jäcki unterwegs gewesen zu sein. Die Polizei findet in Marundes Wohnung einen großen Teil des Diebesgutes an Alkohol und Elektronik, das Jäcki dort gelagert hat. Die Nachforschungen der Ermittler Oberleutnant Jürgen Hübner und Leutnant Vera Arndt ergeben, dass Jäcki an mehr als 60 gleichartigen Einbrüchen beteiligt war oder sogar Hauptausführender war. Charakteristisch sind die eingeschlagenen Fensterscheiben. In Berlin und Umkreis mehren sich die Einbrüche mit eingeschlagenen Glasscheiben. Zufällig entdeckt Heinz im Wochenendhaus Jäckis Lager mit Diebesgut. Er stellt Jäcki das Ultimatum, die Ware bis zum nächsten Tag aus dem Haus zu schaffen. Anzeigen will er Jäcki nicht, weil der Ilona gerettet hat. Seiner Frau erzählt Heinz nichts und Jürgen Hübner belügt er, dass sich Ilonas Retter nie bei ihnen gemeldet habe.

Bei einem Einbruch in einen Elektroladen wird Jäcki von einem Angestellten überrascht und schlägt ihn nieder. Der Angestellte stirbt wenig später an seinen Verletzungen. Jäcki wird nun steckbrieflich gesucht, und so erfahren auch Heinz und Gerti, dass ihr Untermieter ein Mörder ist. Gerti hat Jäcki zuvor noch 2000 Mark geliehen, während Heinz bei Jäckis Forderung nach 3000 Mark bereits misstrauisch geworden ist. Nun entschließen sich beide, zur Polizei zu gehen. Jäcki ist mit dem Auto des Ehepaars unterwegs, stellt dieses aber auf einem Autobahnparkplatz ab, um als Anhalter weiterzufahren. Schließlich wird er auf dem Weg nach Dresden geortet. An einer Baustelle kann Jäcki gestellt und von Vera Arndt verhaftet werden. Jürgen Hübner wird nun mit dem Ehepaar Budack ernste Worte reden.

Rezension

Das vielleicht Beste an dem Film ist, dass Vera Arndt die Ermittlungsführung innehat, während Oberleutnant Hübner eher wie ihr Assistent denn wie der Vorgesetzte wirkt, welcher er ist. Arndt hat die kompakte Art, die man einer Volkspolizistin ohne Weiteres zutraut und im Laufe der Jahre hat man sie immer besser ins Spiel gebracht, nachdem sie in den ersten Filmen, in denen sie dabei war, hinter Hübner und natürlich vor allem hinter Oberleutnant, später Hauptmann, Peter Fuchs zurückstehen musste. Hinter Fuchs mussten das ohnehin alle anderen, bis die zweite Generation sich ab Mitte de 1980er endgültig etablierte.

Die Handlung hingegen ist, bis auf den See-Unfall, recht konventionell und auch dieser ist nicht so richtig fetzig gefilmt, obwohl Otmar Richter, der Vater des verunglückten Kindes, das dann von einem notorischen Dieb und später sogar Mörder gerettet wird, Tauchsportler war und die Idee vielleicht von ihm kam, ein wenig ins Wasser zu gehen. Keine Angst, das lebhafte Mädchen, das seine Filmtochter darstellt, war in den Wasserszenen nicht wirklich dabei, das sieht man stellenweise auch, deswegen wird sie so auffällig in einem Anorak verschnürt.

Diese vielen Einbruchsdiebstähle sind ein echter Polizeiruf-Standard, nur hat man die Zahl auf einen neuen Rekordwert getrieben – und auch das sehen wir häufig: Irgendwann kommt es bei einem der Brüche zu einer nicht gewollten Begegnung mit einer am Ort nicht vermuteten Person und zu einer Körperverletzung. Dieses Mal mit Todesfolge. Oder war es doch mindestens Totschlag? So genau lässt der Tathergang das nicht erkennen, obwohl der Täter Panik hat, weil der angegriffene Mitarbeiter des HO-Ladens für Audio- und Fernsehgeräte nicht so leicht ruhigzustellen war. Sagen wir mal, Mord war es nicht, alles andere bleibt offen.

Der dritte Klassiker ist der Täter. Der wird von dem jungen Jörg Kleinau so unsympathisch dargestellt, dass der Zuschauer keinesfalls auf die Idee kommt, sich mit ihm zu identifizieren; Rettung des Mädchens hin oder her – das durch das unerwartete Auftauchen seines Bootes auf dem See und das dadurch erforderliche abrupte Wendemanöver ihres Vaters erst ins Wasser geschleudert wurde. Ja, schade, dass die Szene nicht etwas ingeniöser gefilmt wurde – siehe oben. Im Nachgang kommt sogar der Verdacht auf, der Dieb habe die Kleine nur gerettet, um sich an ihre Eltern heranmachen zu können, die immerhin Motorbootbesitzer zu sein scheinen. Selbst wenn nicht, die Idee, diese naiven Menschen auszunutzen, kam ihm sehr bald nach dem Ereignis.

Der Plot funktioniert nur, weil diese Budacks aus lauter Dankbarkeit geradezu in Naivität versinken. Dadurch wirkt „Jäcki“ schrecklich manipulativ, aber für diese Menschen hat man irgendwann auch nicht mehr so viel Geduld übrig. Bis sie sich dazu durchringen, zur Polizei zu gehen, ist leider die Handlung schon geschehen, die zum Tod des HO-Mitarbeiters führt. Die Warnung, nicht zu vertrauensselig zu sein, liegt ganz schwer über diesem Film, der außerdem ungewöhnlich humorlos inszeniert ist – etwas mehr Lockerheit wäre zumindest noch denkbar gewesen bis zum Tod des Angegriffenen in der Klinik. Es ist ja nicht so, dass man das in den Polizeirufen nicht draufgehabt hätte. Vielleicht hat es einen Grund, dass Regisseur Georg Schiemann nur einmal einen Polizeiruf inszeniert hat und in der Wikipedia nicht über eine eigene Seite verfügt.

Was die Figur des Jäcki angeht, bin ich nicht sicher, ob sein recht steifer Auftritt gewollt war, um ihn auf keinen Fall einnehmend wirken zu lassen. Andererseits spielt er mit der Geretteten und die Eltern nehmen ihn sogar bei sich auf und lassen ihn später in ihrer Datsche wohnen, die er dann als Versteck für Diebesgut missbraucht. Das würde authentischer wirken, wenn er etwas reizender wäre. Die Unterbringung des Diebesguts ist der nächste Polizeiruf-Standard. Er resultiert daraus, dass die Lauben in der Regel nicht ganzjährig bewohnt sind und sich daher gut als Versteck eignen, ohne dass die Besitzer etwas davon mitbekommen. Es muss auch in der Realität solche Fälle gegeben haben, sonst wäre diese Art von Versteck in Polizeirufen nicht doch recht häufig zu sehen.

Finale

Der Film ist 76 Minuten lang und trägt die Nummer 76 – Zufall oder hat man damals doch schon mitgezählt und sich tatsächlich mit der Spielzeit den einzigen Gag erlaubt, den man in diesem Werk finden kann? Der Schuss mit der Verfolgungsjagd und der Baustelle ist ganz gut gemacht, nachdem der frühere Mittäter endlich ein wertvolles, naturalistisches Phantombild von dem Mann gezeichnet hat, den alle Jäcki nennen. Jäcki behauptet von sich selbst, er sei ein Heimkind gewesen, um mit seiner Biografie zu rühren, obwohl seine Kälte eben nicht rührend wirkt. Am Ende stellt sich aber heraus, dass er aus „normalen“ Verhältnissen stammt, Abitur hat und dann ohne jeden Anlass auf die schiefe Bahn ging.

Wenige Jahre später hat man das Innenleben der jungen Menschen in der DDR auch in Polizeirufen intensiv auszuleuchten versucht und zum Beispiel Jungs gezeigt, die tatsächlich in einem Kinderheim aufgewachsen waren und sich dann zu bewähren hatten: Schaffen sie es draußen, sauber zu bleiben? Offensichtlich hatte man in „Glassplitter“, dessen Titel sich auf die erste Szene bezieht, das Bedürfnis,  einen der grundlos „Asozialen“ zu zeigen, die man in den frühen Jahren der Reihe häufig sieht und über die Hübner angesichts ihrer Herkunft sagt: „Das verstehe, wer will“. Die Heimerziehung in der DDR soll ziemlich hart gewesen sein, aber zumindest in „Glassplitter“  hatte man nicht die Absicht, sie in Misskredit zu bringen.

Ansonsten ist der Film eher unauffällig, die Ideologie betreffend. Einmal wird es etwas zeigefingermäßig, Vera Arndt darf das HO-Kollektiv zusammenstauchen, weil man eine Tür nicht richtig verschlossen hatte, als das Team in die Mittagspause ging. Aber wieso auch, ein Kollege war doch in den Räumen verblieben? Trotzdem ist hier der mindestens fünfte Standard zu sehen, der vor allem in den 1970ern in Mode war: Wie Schlamperei bei der Objektsicherung Dieben das Handwerk erleichtert.

In den Bann gezogen hat mich „Glassplitter“ nicht. Der Täter wird in seiner Art zu abstoßend und manipulativ gezeigt und seine Opfer zu naiv. Die Polizei rudert mit den Armen, bis der frühere Mittäter erfährt, dass sein Kumpan einen Menschen umgebracht hat und sich aufrafft, ein Täterbild zu zeichnen, das tatsächlich weiterhilft. Die Einkreisung wirkt dann recht professionell – auch, weil in der DDR die Autos nicht die schnellsten waren, gelingt es recht gut, ihn zu erwischen, als er als Beifahrer eines Barkas davontrampen will.

6/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Georg Schiemann
Drehbuch Georg Schiemann
Werner Fiedler
Produktion Helga Lüdde
Musik Horst Krüger
Kamera Horst Klewe
Schnitt Edith Kaluza
Besetzung

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