Schatten (Shadows, USA 1959) #Filmfest 478

Filmfest 478 Cinema

Das Leben, wie es ist

John Cassavetes‘ Debüt als Regisseur zeigt eine Gruppe junger Leute, die in New York ihr Leben machen, wie sie sich durchschlagen, wie ihre Freundschaften konstruiert sind, ihre Aggressionen und ihre Art von Liebe, und am Ende geht ein junger Mann in die Nacht und das Bild ist körnig, im Abspann steht noch, dass dieser Film eine Improvisation sei. Das klingt nicht besonders aufregend, aber es wird einen Grund haben, dass „Schatten“ der erste Independent-Film ist, den wir auf dem Filmfest besprechen. Dieser ist in der -> Rezension nachzulesen.

Handlung (1)

Der Film erzählt die Geschichte der drei afroamerikanischen Geschwister Ben, Lelia und Hugh, die sich in der New Yorker Jazz– und Beatnikszene bewegen. Gezeigt werden vor allem ihre alltäglichen Erlebnisse und Probleme mit Rassismus und Beziehungen. So wird beispielsweise Lelia von ihrem weißen Freund Tony aufgrund gegenseitiger Vorurteile verlassen, Hugh versucht sich mit mäßigem Erfolg als Jazzsänger und der arbeitslose Ben treibt sich am liebsten mit seinen weißen Freunden herum, während er von einer Karriere als Trompeter träumt. Der Film weist eine episodenhafte Struktur auf.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

„Schatten“ ist ganz anders als die amerikanischen Filme seiner Zeit. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass ziemlich genau in dem Moment entstand, als in Frankreich die ersten „Nouvelle Vague-Filme“ gedreht wurden (verglichen wird „Schatten“ zuweilen mit Jean Luc-Godards „Außer Atem“ [Rezension beim Wahberliner steht an]). Von heute aus betrachtet, gibt es zwischen den Filmen auch erhebliche Unterschiede, aber rückwärts kann man besser kategorisieren. Als 1957 die erste Fassung von „Schatten“ herauskam, gab es allerdings in Frankreich nur die Protagonisten der NV, die in den Cahiers du Cinéma schrieben, noch keine Filme zur Theorie.

Heute empfindet man „Schatten“ nicht mehr als avantgardistisch, und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man dem Film machen kann. Er hat keinen Sonderweg eingeschlagen, der ins Nichts führte, sondern mit seinem Dreiviertel-Dokumentationsstil eine Modernität und Direktheit, die prägend wurde – nicht zuletzt für Dokumentationen. Dem hoch dramatischen und pathetischen Hollywoostil der 1950er war dieser Film genau entgegengesetzt. Es gab seitdem noch mehr auf lakonisch und nüchtern getrimmte Filme mit Doku-Touch, aber man muss den Sprung sehen, den Cassavetes vollzogen hat, vom damaligen Mainstream aus betrachtet.

Technisch wie inhaltlich stellte die Produktion eine Revolution der damaligen Filmbranche dar. Schatten leistete sowohl für die Entstehung des Independent- oder Experimentalfilms, als auch für die Entwicklung des Blaxploitation-Kinos einen entscheidenden Beitrag. Noch nie zuvor hatte sich ein (weißer) Regisseur derart offen mit den Problemen und dem Alltag der Schwarzen in der modernen amerikanischen Gesellschaft beschäftigt. Zu den Regisseuren, die von Schatten beeinflusst wurden, zählen Jonas MekasAndy Warhol und Spike Lee.

Der Film kostete nur 40.000 Dollar, das sieht man ihm natürlich an. Das 16mm-Material, mit dem er gefilmt wurde, wirkt körnig, die Kontraste sind geringer als üblich, es gibt Unsauberkeiten bei der Belichtung, vor allem an den Bildrändern, Über- und Unterbelichtungen, aber natürlich macht das auch den Reiz des Ganzen aus, Low-Key war außerdem schon damals nichts Neues. Die Schnitte sind ebenfalls nicht immer sauber, aber sie erzählen auch etwas. Sie künden von dem abrupten und fragmentarischen Leben der Figuren, vom Hier und Jetzt, hinter dem kein Drehbuch steht (das gab es, erst- und letztmalig bei Cassavetes, tatsächlich nicht), das aber jederzeit neu und überraschend ist. Dieses Leben hat keinen Plan, sondern spiegelt sich in der Aktion der Minute und den Blicken, Gesten und Dialogen der Sekunde.

Die Dialoge sind fantastisch, besonders, sofern sie wirklich komplett improvisiert sind. Manchmal merkt man schon, dass die Schauspieler nahe daran sind, die Vierte Wand zu durchbrechen, aber besonders Leila Goldoni in der weiblichen Hauptrolle sowie Anthony Ray als deren zwischenzeitlicher Liebhaber wirken absolut frisch und spielen fast fehlerlos. Auch gut: Lelias Bruder Ben, gespielt von Ben Carruthers. Goldoni und Carruthers hatten im Anschluss an den Film jeweils Karrieren in der zweiten Reihe des US-Kinos und arbeiteten fürs Fernsehen. Am dokumentarischsten und spannendsten aber wirkt ist das Verhältnis zwischen Lelias älterem Bruder Hugh und seinem Agenten Dennis. Die Dialoge kennen wir irgendwie alle aus den Biopics von Stars und wie sie dazu wurden, wie sie begannen als kleine Künstler und sich durchschlugen und dann machte es Wumms!, und die große Chance kam und wurde genutzt.

In „Schatten“ bleibt das Leben schattig, kommt die große Chance nicht, es gibt keinen Knalleffekt. Hier wird über Handtücher und warmes Duschwasser ebenso locker parliert wie über den Sinn und Unsinn moderner Plastiken, hier gibt es am Ende keine Auflösung bezüglich Lelia und der beiden Männer, die hinter ihr her sind. Das wäre einem Film, der zu einem zufällig wirkenden Zeitpunkt in das Leben einfacher junger Menschen eintaucht und es zu einem ebenso zufällig wirkenden Zeitpunkt wieder verlässt, nicht gerecht. Dass diese Menschen so interessant wirken, hat heute natürlich auch den Grund, dass wir ein Stück Sozialhistorie vor uns zu haben glauben. Es ist faszinierend, wie vor über 60 Jahren Jahren in New York wirklich gelebt und geredet wurde, als uns Hollywood nur die Glanzseiten der Stadt verkaufte und vor allem Nichtamerikaner kaum eine Vorstellung von der Vielfältigkeit und auch von den Problemen der Einwohner dieser damals größten Stadt der Welt hatten.

John Cassavetes, den wir bisher als Regisseur noch nicht rezensiert haben (wohl aber seinen Auftritt in „Rosemary’s Baby“, sicher eine seiner besten schauspielerischen Leistungen), war jedoch selbst ein geborener New Yorker, war ein Kind der Beat-Generation und lebte in jener Zeit, die nach Umbruch und Aufbruch geradezu schrie und die unter anderem die Bürgerrechtsbewegung und die Kennedy-Ära hervorbrachte. Cassavetes war unzufrieden damit, wie das Mainstream-Kino vorgab, menschliche Dramen zu zeigen, aber an echten Menschen wenig interessiert war. Es gibt zwar Filme, die schon auf „Schatten“ hindeuten, wie etwa „Blackboard Jungle“ von 1955, einer der ersten echten Sozialfilme der USA, aber der war insofern konventionell, als er auf Stars wie den bekannten und in diesem Film hoch sympathischen Glenn Ford setzte – und auf den kommenden, ersten afroamerikanischen Superstar Sidney Poitier, dessen distinguiertes Aussehen ihn nicht nur von den meisten Schwarzen, sondern auch von Weisen aus der  Unterschicht deutlich abhob. Auch die Plotgestaltung wies die typischen Grundmerkmale hollywoodesker Muster auf. Im Jahr zuvor war „Flucht in Ketten“ gedreht worden, der vielleicht sogar einen Schritt weiterging, aber einen Afroamerikaner und einen Weißen eben doch in einer spannenden Ausnahmesituation zeigte, aber auch dies war viel mehr ein „weißer“ Film als John Cassavetes‘ Werk, das zwar von einem Italoamerikaner kommt, aber den Touch des Wissens um die eigene Außenseiterposition aufweist.

Die Typen in „Schatten“ sind anders, sogar ein wenig schlecht rasiert, immer am Reden und wenig am Arbeiten, sie träumen auch nicht die großen amerikanischen Träume, die ja zunächst einmal durch Ziele definiert werden, die für die meisten Menschen, auch in den USA mitten in ihrer Blütezeit und des höchsten allgemeinen Wohlstandes, unerreichbar waren. Der Sänger Hugh wehrt sich nur gegen den immer weitergehenden Abstieg und dagegen, als Ansager verramscht zu werden, sein Bruder, der jüngere Ben, kann Trompete, wir sehen im Film aber nicht ein einziges Mal, wie er spielt. Vielleicht geht er am Ende wirklich davon, um Musiker zu werden, aber bis dahin steht er nur für die vielen Kids, die etwas sein könnten, aber denen das entscheidende „It“ fehlt, dieser Wille, sich durchzubeißen bis nach oben. In kaum einem anderen Land suggeriert die Ideologie so sehr wie in den USA, dass man alles mit Kontinuität und Willenskraft erreichen kann, auch wenn man nicht besonders talentiert ist. Den Unterschied macht der Spirit, und der fehlt den Menschen in Cassavetes‘ Film spürbar. Daher haben ihre Niederlagen und kleinen Erfolge auch keine dramatische Wucht, sondern wirken so wie bei den meisten Leuten, die man auch aus der eigenen Welt kennt: Alltäglich. 

In den späten 1950ern begann man aber, meist auf sicherem Wohlstandsfundament, sich fürs Alltägliche zu interessieren, ebenso wie ein paar Jahre später in Deutschland, die soziale Frage, auch die Rassenfrage, war einer offenen Diskussion zugänglich geworden. Und wo, wenn nicht in New York, sollten die Menschen leben, die sich an die Spitze der Bewegung setzten? Auf diese Weise hat der Film auch einen soziokulturellen Subtext, der von Voraussetzungen spricht, die manche Menschen einfach nicht haben können, es sei denn, sie sind absolute Ausnahmecharaktere. Diese wenigen Ausnahmen werden in den amerikanischen Mythos integriert, aber gerade dunkelhäufige Menschen, die es doch schafften, z. B. im Showbiz etwas zu werden, waren in diesem rassistischen Land einem inneren Druck ausgesetzt, der ihre Schicksal häufig tragische Wendungen nehmen ließ. Die Ausnahmen lassen sich kürzer zusammenfassen als die Regelfälle, in denen Menschen an ihrem Dennoch-Ruhm, wenn man ihn so nennen kann, zerbrachen.

Finale

Bei einigen Filmen, die als Ikonen und als bahnbrechend gelten, sind wir insbesondere mit letzterem Begriff vorsichtig, denn bahnbrechend heißt auch, es entsteht eine Bahn, eine Spur, auf der viele andere Werke folgen. Manches Experiment, so interessant es war, ist nicht bahnbrechend gewesen, gewisse Stilelemente und Herangehensweisen haben sich nicht durchgesetzt. Manchmal ist das sehr bedauernswert, aber so ist das Leben, wie Cassavetes Filme nämlich: Man weiß nicht immer, dass man in eine Sackgasse läuft und selbst, wenn man’s weiß, wird es uns nicht immer davon abhalten, sie aus reiner Neugier oder auch aus Trotz bis zum Ende zu gehen und auf die Wand zu schauen, die wir nicht überwinden können.

Dass Cassavetes das zeigt und sein Stil sind jedoch in der Tat zukunftsweisend und viele heutige Filme zeigen Elemente davon. Besonders diejenigen, die künstlerischen Anspruch mit einem Touch dokumentarischer Nonchalance verbinden. Selten sind sie aber so locker skizziert wie „Schatten“. Die Entwicklung vieler Jahre hat es mit sich gebracht, dass auch die meisten improvisiert wirkenden Filme in Wirklichkeit ausgefeilte Konzeptionen aufweisen und solche Studienarbeiten, als die man „Schatten“ auch bezeichnen könnte, kommen selten zu Ruhm. Vielleicht wäre es „Schatten“ ebenso entgangen, wenn sich nicht um dessen erste Version von 1957, die lange als verschollen galt und die noch urtümlicher gewesen sein muss als die quasi neu gedrehte von 1959, die wir gesehen haben, ein Kritikerstreit entsponnen hätte, der die notwendige Aufmerksamkeit für Cassavetes‘ Schaffen als Regisseur mit sich brachte.

Ein kleiner, unbedingt empfehlenswerter Film für Leute, die an echter Atmosphäre und echten Menschen interessiert sind, und keine Angst haben vor diesen alltäglichen und manchmal rudimentären Typen und davor, wie sie uns selbst spiegeln, auch wenn wir keine Künstler und Bohemiens sind und konventionelle Jobs haben.

81/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie John Cassavetes
Drehbuch John Cassavetes
Produktion Seymour Cassel
Maurice McEndree
Musik Shafi Hadi
Charles Mingus
Kamera Erich Kollmar
Schnitt John Cassavetes
Maurice McEndree
Besetzung

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