Der Fall Lisa Murnau – Polizeiruf 110 Episode 1 #Crimetime 985 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Arndt #Fuchs #Murnau

Crimetime 985 - Titelfoto – Fernsehen der DDR / ARD

Es begann vielversprechend: Mannequins bei der Post und der Volkspolizei

Es war ein besonderer Fernsehabend: Beim Einstieg ins Rezensieren der Polizeirufe, im März 2019, hatte ich den allerersten Fall verpasst. Die folgenden Episoden, sofern sie noch erhalten sind (Nr. 2 und 3 können nicht mehr gezeigt werden) kenne ich mittlerweile und nun haben sie endlich den Ur-Polizeiruf wieder gezeigt. Nur 15 Monate später. Hat das Anschauen Spaß gemacht und neue Erkenntnisse über die Reihe und vielleicht nicht nur über sie gebracht? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Die Postangestellte Lisa Murnau wird während ihres Nachtdienstes niedergeschlagen und kommt mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus. Der Täter entwendet rund 70.000 Mark aus dem Tresor. Die Ermittler Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt finden im Dienstraum neben Lisa auch den jungen Harry Wolter, der alkoholisiert ist und ebenfalls niedergeschlagen worden ist. Er kann sich nicht an den Tathergang erinnern. Da er Lisa kannte und keine Tür der Postfiliale aufgebrochen wurde, ist er tatverdächtig, denn Lisa muss den Täter in die Post gelassen haben. Die Flucht des Täters geschah durch die Hintertür, in der von innen noch der Schlüssel steckt. Harry bezichtigt den Bäcker Paul Retzlaff der Tat, der zwar verheiratet ist, jedoch Gerüchten zufolge eine Affäre mit Lisa hatte.

Bald finden sich andere Verehrer der jungen Frau, die Motive für ihre Tat gehabt hätten. Schausteller Proll flirtete vor einigen Tagen mit Lisa am Schalter und suchte zudem einen Käufer für seinen Oldtimer. Proll erweist sich als Betrüger, der von mehreren Personen eine Anzahlung auf seinen Wagen erhielt und ihn mit diesem Geld erst abbezahlen konnte. Mit Zirkus und Wagen verschwindet er aus der Stadt und wird später von den Polizisten gestellt, nachdem er sich mit Peter Fuchs und Vera Arndt eine Verfolgungsjagd in der Geisterbahn geleistet hat. Auch der biedere Postamtmann Albrecht, den Lisa bei der Schicht ablöste, hätte am Geld Interesse haben können, ist sein bestellter Wagen doch da und muss von ihm bezahlt werden, da sonst die Bestellung verfällt.

Auf der Post meldet sich telefonisch ein gewisser Rudi, der sich mit Lisa verabreden will. Vera Arndt gibt sich am Telefon als Lisas beste Freundin aus und trifft sich wenig später mit Rudi, der sich als Lisas Ex-Mann entpuppt. Er will zu Lisa zurückkehren, bereut sein früheres Verhalten und gibt sich erschüttert, als er von ihren Verletzungen erfährt. Unterdessen findet sich das gestohlene Geld. Kinder haben es beim Spielen in einem stillgelegten Abwasserrohr entdeckt. Peter Fuchs lässt unweit des Rohrs Erdarbeiten beginnen. Sie sollen den Täter zum Versteck des Geldes locken. Nach einigen Tagen kommt Rudi zum Geldversteck und wird festgenommen. Er gesteht den Überfall auf Lisa, die ihn am Tatabend widerwillig in die Post eingelassen hatte. Nach einem Streit schlug er sie nieder und nahm das Geld an sich, um private Schulden zu begleichen. Der betrunkene Harry klopfte wenig später an die Hintertür, um Lisa mal wieder seine Liebe zu gestehen. Rudi schlug ihn nieder und floh durch die Hintertür.

Lisa kommt im Krankenhaus zu sich und befindet sich auf dem Weg der Besserung. Sie bestätigt, dass Rudi sie niedergeschlagen hat. Als Peter Fuchs und Vera Arndt das Krankenhaus verlassen, kommen nach und nach die Bekannten und Freunde Lisas zu Besuch ins Krankenhaus, darunter Postamtmann Albrecht, Paul Retzlaff und Harry Wolter.

2021-02-04 Crimetime 2021Rezension

Ob tatsächlich jedem Anfang ein Zauber innewohnt? Beim ersten Film der Reihe „Polizeiruf 110“ spürte ich diesen Zauber, auch wenn es sich um einen „Restanten“ handelt und ich mittlerweile die überwiegende Mehrzahl der in der DDR entstandenen Krimis der Reihe kenne. Es fehlen noch ein paar Einzelstücke, ansonsten im Wesentlichen die Jahrgänge 1982 und 1983, die vom RBB aber gerade gezeigt werden; diese Lücke wird sich also bald schließen.

Nach der Auswertung dieser Filme lässt sich sagen: „Der Fall Lisa Murnau“ setzt bereits wichtige Eckpunkte fest, brachte die beiden beliebtesten Ermittler-Charaktere auf den Bildschirm, Leutnant Vera Arndt und Oberleutnant, später Hauptmann und am Ende Hauptkommissar Peter Fuchs, dargestellt von Sigrid Göhler und Peter Borgelt. Wie gut die beiden sind, zeigt sich schon in diesem 70-Minüter. Fuchs ist der Prototyp eines netten, aber auch resoluten, wachen, offen und klug wirkenden Kriminalers, der nicht umsonst „der ostdeutsche Maigret“ genannt wurde.

Und die Arndt – bis heute gibt es nach meiner Ansicht kaum eine weitere Fernsehpolizistin, die so sehr das verkörpert, was man von einer solchen Frau erwartet, die ihr Leben in den Dienst der Verbrechensaufklärung gestellt hat. Sie zeigt eine ganz eigene Mischung aus Intuition und Sinn für die Rechtsordnung, ist klar im Kopf, hat Ideen, wirkt sehr eigenständig und hat den wahrscheinlich schärfsten Blick, nicht nur im übertragenen Sinne, den ich bis heute bei einer deutschen TV-Kommissarin gesehen habe. Dieser gibt ihrem attraktiven und ungewöhnlichen Äußeren eine besondere Note. Man nimmt ihr die Rolle einwandfrei ab, die sie spielt, und Darsteller*innen, bei denen dies der Fall ist, bräuchte es heute dringend.

Allerdings gibt es in „Der Fall Murnau“ eine Besonderheit, die dafür sorgt, dass die beiden Vopos von der K besonders sympathisch wirken: Sie lassen sich darauf ein, nicht immer als Polizisten aufzutreten, damit das Privatleben der Verdächtigen nicht vorzeitig und vielleicht unnötig ins Wanken gerät – gleich zweimal sieht man das, und einmal arbeitet Arndt alleine undercover und gibt sich als Freundin von Lisa Murnau aus, die zu dem Zeitpunkt schwerverletzt im Krankenhaus liegt. Das ist ziemlich nett gemacht – und man hat diesen Ansatz schon nach der ersten Episode bzw. vor der vierten gecanclet.

Wir wissen nicht, ob die Zensur sich an diesem defensiven oder rücksichtsvollen Auftritt gestört hat, aber in den folgenden Filmen wirken Fuchs und Arndt deutlich rigider. „Der Fall Lisa Murnau“ hat aber dadurch noch etwas Spielerisches, das danach erst einmal verschwunden war. Sicher hat dieser erste Polizeiruf noch ein paar Elemente, die man als experimentell bezeichnen kann, wie eben das Verhalten der Ermittler*innen, das drückt sich in einem weiteren Umstand aus: Arndt hat hier schon eine ähnlich hervorgehobene Position wie erst Jahre später wieder, während sie in den meisten Filmen der nächsten Jahre zuweilen beinahe zur Stichwortgeberin degradiert wird. In „Der Fall Lisa Murnau“ wirkt sie beinahe gleichauf mit Fuchs, obwohl er selbstredend der Leitende ist. Sehr schade, dass man die progressiven und recht menschlich wirkenden Ansätze, die „Der Fall Lisa Murnau“ bereits zeigt, nicht konsequent weiterverfolgt hat.

Vielleicht war das alles doch etwas zu modern und es blitzt auch immer wieder einiges an Humor durch – während der nächste Film der Reihe von Regisseur Helmut Krätzig, der den Auftakt inszenieren durfte, „Der Tote im Fließ“, ein besonders düsterer Film geworden ist. Aber Krätzig war nicht nur einer der wichtigsten, sondern auch einer der variabelsten Filmemacher der Reihe und konnte unterschiedliche Tonlagen umsetzen, die von den Drehbüchern vorgegeben waren. Die schrieb er für seine Filme ohnehin gerne selbst, was allerdings bei den meisten Polizeiruf-Regisseuren in der DDR-Zeit der Fall war.

Die Männer um Lisa sind alle mehr oder weniger gute Verdächtige. Ich hatte zunächst auf den Rummelplatz-Hilfsarbeiter getippt – vor allem deshalb, und damit kommen wir zu einer Schwäche des Films, weil man sich ja auf irgendwen einschießt, bei einem Whodunit, der nicht allzu auffällig naheliegend ist, aber offensichtlich ein Mensch, der gerne andere übers Ohr haut. Der tatsächliche Täter hingegen wurde erst sehr spät eingeführt. Das ist die Sache mit dem Vertrag. Mit dem Vertrag zwischen den Filmemachern oder Autoren und dem Zuschauer. Der konkludent geschlossene Vertrag beinhaltet bei einem Whodunit, dass man, sagen wir, ab Minute zehn oder fünfzehn, miträtseln darf, wer von den mehr oder minder zahlreichen Verdächtigen der Täter ist, und das kann nicht zum Ergebnis führen, wenn dieser erst im letzten Drittel eines Films auftritt. So wie hier der Ex-Mann von Frau Murnau, der außerdem insofern ein recht guter Schauspieler ist, als er glaubhaft erschrocken wirkt, als man ihm sagt, Lisa sei schwer verletzt.

Finale

Für einen „Erstling“ ist „Der Fall Lisa Murnau“ durchaus ansehnlich, auch, weil die an ihm beteiligten Kräfte  keine Anfänger waren. Trotzdem war das Konzept etwas anders als bei der Vorgänger-Reihe Blaulicht, die ihrerseits mehr an das Westformat „Stahlnetz“ angelehnt war, den Tatort-Vorgänger. Der Stilwechsel war bei den Tatorten allerdings deutlicher, weil sie dem Fiktionalen weitaus mehr Raum geben – die ersten Polizeirufe würde ich etwa in der Mitte zwischen den Vorgänger-Reihen und den frühren Tatorten ansiedeln.

Gleich im ersten Film kommt es beinahe zu einer Tötungshandlung, in den folgenden Filmen sogar zu vollendeten Tötungsdelikten. Die Nr. 2 und 3 sind leider verschollen oder nur als Fragment erhalten, aber nachdem man zunächst den Akzent deutlich auf Spannung und Unterhaltung legt, machte sich doch irgendwann die ideologische Struktur der DDR stärker bemerkbar: Die Delikte wurden unspektakulärer, denn irgendwann muss der Sozialismus ja so weit sein, dass das Kapitalverbrechen in ihm einen Platz mehr hat. Das ist ein Missverständnis, ebenso wie die „asozialen Elemente“, das sollte man sich für die Zukunft merken. Ein zu mechanisches Denken in Bezug auf Menschen wird immer zu Fehlentwicklungen führen.

Die Kritik hob die „geschickte… filmische… Gestaltung“ des Films hervor, kritisierte jedoch den „belehrende[n] Zeigefinger“, der den Film hindurch immer wieder erhoben wird.[3]

Ich fand den belehrenden Zeigefinger nicht so deutlich wie in einigen späteren Werken der Reihe, die in der Phase der „Verfestigung“ entstanden sind, auch wenn man sie bemerken kann. Zum Beispiel macht die Frau des erfolgreichen Bäckers diesem Vorwürfe, dass er seinen Betrieb auf eigene Faust ausbauen will, anstatt sich einer PGH anzuschließen und sich vom Bauamt behindert fühlt, das kann man aber so oder so auslegen, zumal er mit der Tat letztlich nichts weiter zu tun hat, als dass er zu den Verehrern der Lisa Murnau rechnet – und die erwähnte dezente Haltung der beiden Ermittler ist gerade in Bezug auf seine Befragung sehr chamant. Freilich nicht mehr als die Mannequins bei der Post und der Polizei. So ist das eben im Fernsehen, aber auch im Alltag der DDR wie jedes anderen Landes mussten die attraktiven Menschen ja irgendwo ihr Geld verdienen, die nicht tatsächlich als Mannequins oder Models arbeiten konnten oder wollten, zumal der Verdacht naheliegt, dass das dort eher ein Freizeit- oder Zusatzjob war, von dem man sich nicht allein ernähren, geschweige denn reich werden konnte.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Helmut Krätzig
Drehbuch Helmut Krätzig
Hans-Jürgen Faschina
Produktion Rainer Crahé
Musik Wolfgang Pietsch
Kamera Manfred Marderwald
Schnitt Susanne Carpentier
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s