Bienzle und der Taximord – Tatort 538 #Crimetime 986 #Tatort #Stuttgart #Bienzle #SWR #Taxi #Mord

Crimetime 986 – Titelfoto © SWR

Lange vor den Flashmobs gab es Lynchmobs

Der Mord an einem Taxifahrer verhindert, dass Bienzle in einer Feierstunde zum Ersten Kommissar befördert werden kann, kurz darauf wiederholt sich dies durch einen weiteren Mord und als am Ende die Ernennung doch stattfindet, wissen wir, der Fall ist mit einer guten Portion schwäbischem Pietismus gelöst. Mehr Eindrücke schildern wir in der -> Rezension.

Handlung

Noch ist Anita Holz glücklich. Die Hochzeit mit Konrad Lenzen steht kurz bevor, ein Jahr haben sie nach dem Tod ihres Mannes gewartet. Und Konrad will sein Erbe in ihre Taxifirma stecken, um sie vor der Insolvenz zu retten. Dann kann sie endlich ihren massivsten Gläubiger Erich Blacher loswerden, den größten Taxiunternehmer in Stuttgart, der es schon lange auf ihren Betrieb abgesehen hat.

Doch Anita Holz‘ glückliche Zukunft ist dahin, als Bienzle an einen Tatort gerufen wird: Taxifahrer Konrad Lenzen ist erstochen worden. Seine Geldtasche ist leer, ein Raubmord ist wahrscheinlich – doch ein Jahr zuvor ist Gerhard Holz, Anitas Ehemann, auf genau dieselbe Weise ums Leben gekommen. Während die Fahndung nach den letzten Fahrgästen von Lenzen anläuft, verhören Bienzle und Gächter die um Fassung bemühte Anita Holz. Zu der Trauer um ihren Verlobten kommt der wirtschaftliche Druck. In der harten Konkurrenzsituation der Taxiunternehmen hat sich die Firma Holz schwer verschuldet.
Der Mord an ihrem Mann wurde unaufgeklärt zu den Akten gelegt – möglicherweise hat derselbe Täter wieder zugeschlagen. Genau das macht den Taxifahrern Angst. Gleichgültig, ob sie zur Firma Holz gehören, zu Blachers Unternehmen oder selbstständig fahren, alle fürchten sich vor einem Serienmörder, der es auf Taxifahrer abgesehen hat. Mehr als einem unter ihnen gehen leicht die Nerven durch, wenn nachts ein Fahrgast verdächtig wirkt. Erich Blacher dagegen kann triumphieren, denn Konrad Lenzens Tod eröffnet ihm den Zugriff auf die Firma Holz.

Selbstverständlich werden die Akten des alten Falls erneut untersucht und Bienzle kann nicht umhin festzustellen, dass der inzwischen pensionierte Kollege Gollhofer ziemlich schlampig gearbeitet hat. Aber Gollhofer hat sich auf sein Weingut auf den Hügeln Stuttgarts zurückgezogen und will nicht mehr auf alte Fälle angesprochen werden. Kein gutes Vorbild für Bienzle, der doch gerade die Nachricht erhalten hat, dass er zum Nachfolger als Erster Kriminalhauptkommissar ernannt werden soll. Seine Freude wird getrübt, denn Hannelore sieht in der Beförderung zwar einen Anlass, Bienzle einen neuen Anzug aufzudrängen – aber keinen Anlass, ihn zur Ernennungsfeier zu begleiten. Doch die fällt ohnehin erst mal aus, denn erneut wird ein erstochener Taxifahrer aufgefunden: Thomas Breuer, juristisch studierter Fahrer, der häufig lautstark die Arbeitsbedingungen im Taxigeschäft kritisierte. Im Taxistüble, dem traditionellen Treffpunkt der Fahrer, werden die Gespräche über Selbstjustiz lauter. 

2021-02-04 Crimetime 2021Rezension

Der Eindruck danach? Wir wenden uns derzeit mehr und mehr den Teams und Ermittlern zu, die nicht mehr aktiv sind, da die häufig wiederholten Tatorte aktueller Kommissare und Kommissarinnen überwiegend rezensiert sind. Neben Ehrlicher und Kain aus Leipzig bzw. Dresden kommen wir dabei immer wieder auf Ernst Bienzle, den Vorgänger von Lannert und Bootz in Stuttgart. Während die beiden Neuen nicht schwäbisch oder sonst landsmannschaftlich verortbar sind, ist das bei Bienzle anders. Er und seine Fälle sind eher solide als aufregend, eher konventionell als avantgardistisch, eher auf der sicheren Seite, was die Handlungen und Figuren angeht.

So gesehen, ist „Bienzle und der Taximörder“ ganz typisch. Wenn man vom übertrieben krawalligen Ende absieht. Das hat ein Déjavu hervorgerufen. Entweder haben wir diesen Tatort vor längerer Zeit schon einmal gesehen, vor unserer Tätigkeit für den Wahlberliner, oder es gibt einen ähnlichen Tatort oder anderweitigen Krimi, in dem Taxifahrer sich zusammenrotten, um einen Mörder zu stellen. Der Fall ist aber logisch sauber verfasst, auch, weil er nicht unnötig kompliziert ist; sehr geradlinig, abgesehen von der Schleife mit dem ehemaligen Ersten Kommissar, der in einen Taximord verwickelt ist, welcher sich ein Jahr vor dem Beginn der Erzählung zugetragen hatte.

Wie macht sich Bienzle? Dadurch, dass die Schwaben so unspektakulär sind, werden sie gerne unterschätzt, im Umkreis wesentlich exaltierterer Tatort-Ermittler gilt das auch für Bienzle. Das ist signifikant. Gerade in Anbetracht der flippigen Typen von heute hat er aber eine Festigkeit und Eindeutigkeit, die ihn angenehm macht. Er spürt immer etwas, wenn es um die entscheidenden Schritte zur Lösung des Falles geht, und das traut man dem alten Hasen im Ermittlungsgeschäft zu. Die Art, wie er Leute mustert, um sie einschätzen zu können, ist klassische Schule und wer die mag, kommt bei Bienzle auf seine Kosten.

„Bienzle und der Taximord“ ist kein reiner Howcatchem, wie einige andere Filme mit dem Stuttgarter Ermittler. Felix Huby, der Bienzle-Erfinder, der auch dieses Mal wieder das Drehbuch verfasst hat, inszeniert einen Mix, der als Whodunnit beginnt und als Jagd auf den bereits bekannten Mörder endet.

Dieser ist früh feststellbar, wenn man davon ausgeht, dass der Typ, der Schutzgelder erpresst, auch der Mörder ist. Dass der Groß-Taxiunternehmer in der Schwabenhauptstadt seine Finger im Spiel hat und den Mörder beauftragt, hat eine rechtliche Relevanz. Er hat den Typ im dunklen Motorrad-Leder nämlich nicht mit einem Mord beauftragt, insofern ist seine Anstiftung, die am Schluss erwähnt wird, nur auf den zurückliegenden Altfall zu beziehen. Ganz stimmig wirkt sein Verhalten nicht, denn entweder gibt so ein Unternehmer, der über Leichen geht, Morde in Auftrag, weil er so krude ist, oder er tut es nie, auch nicht seinerzeit beim Ehemann der Konkurrenz-Taxi-Unternehmerin, an welcher er zudem ein privates Interesse hat.

Dass er Fahrer dadurch von sich abhängig macht, dass er bei der Lizenzvergabe mitredet, ist auf den ersten Blick schlüssig, aber es stünde ihnen frei, mit der Lizenz, die sie nun einmal haben, später ihr eigenes Ding zu machen oder sich anderweitig zusammenzuschließen. Das Taxigeschäft in Stuttgart wird eher exemplarisch anhand weniger Unternehmen dargestellt als wirklichkeitsgetreu. In der Realität dürfte es weitere Möglichkeiten geben, wenn jemand für einen bestimmten Unternehmer nicht fahren will.

Jedoch, vom erwähnten Ende abgesehen, ist das Milieu der Taxifahrer interessant und der Konkurrenzkampf sicher nicht weit hergeholt. Wir haben in Berlin schon mit dem einen oder anderen Taxifahrer gesprochen, und wenn man zudem bedenkt, welches Publikum hier manchmal einsteigt und chauffiert werden will, kann man den Unmut der Personenbeförderer und alle ihre Ängste verstehen. Dass jemand, der ihnen nicht einmal sympathisch ist, diese biederen Leute zu einem Mob zusammenführen kann, darf bezweifelt werden. Ansonsten sind dies auch ganz unterschiedliche Menschen, vom kräftigen und besonnen, moderaten Typ bis zu den Rechtsauslegern mit eindeutigen Ansichten zu Polizei und Justiz bis hin zum typischen abgebrochenen Studenten, der aber sympathisch gezeichnet wird und in der Lage ist, Beweismaterialien aus der Asservatenkammer verschwinden zu lassen. Dieser junge Fahrer wird gespielt von Roland Glatzeder, dem Sohn von Winfried Glatzeder.

Ein Privatleben hat Bienzle auch wieder, dieses Mal dreht sich alles um einen Anzugkauf und selbst der vermittelt etwas, auf das wir bei einem Tatort, der wenig Potenzial für längere Beschreibungen bietet, gesondert eingehen können.

Was ist mit dem Anzug? Bienzle kauft ihn letztlich, um bei der Beförderungszeremonie würdig angezogen zu sein. Das ist eine Abkehr von dem üblichen Verfahren, dass sich letztlich die nonkonformistischen Dickköpfe durchsetzen, also dem Verhaltensmuster, das die ARD in der Tatort-Reihe anwendet, um die Figuren stabil und korrekt individualistisch zu zeigen. Bienzle aber verhält sich so, wie die meisten Menschen sich verhalten würden. Man kann sich hundertmal vornehmen, bei einem Bewerbungsgespräch auf den dunklen Anzug zu verzichten, man tut es aber nicht, um nicht nach einer Absage darüber nachdenken zu müssen, ob es vielleicht am Outfit lag. Diese Ungewissheit tut sich in der Regel auch der verkappte Exzentriker nicht an. So gestrickt ist der Schwabe ohnehin. Bienzle repräsentiert damit einen Typ, der uns allen vertraut vorkommt. Weil das so ist, kommt er uns mit jeder Rezension näher, obwohl er längst außer Dienst gestellt wurde.

Es ist wieder anders als bei Stoever und Brockmöller aus Hamburg, die uns schon richtig ans Herz gewachsen sind, aber da ist eine heimliche, stille Art, sich einen Platz zu erobern, die nicht von spektakulären Fällen und Auftritten herrührt. Darin findet sich unter anderem eine Berechenbarkeit, die neue Ermittlerteams noch nicht ausstrahlen können, zuweilen nicht ausstrahlen dürfen. Bei den Jungen liegt das auch daran, dass man sie noch nicht so gut kennt. Es ist auch schwieriger, sich bei ihnen einzufinden als bei Bienzle, dessen Wesen innerhalb einer gewissen Schwankungsbreite nicht nur über die Fälle hinweg, sondern auch während eines Handlungsverlaufes konstant bleibt. Diese große Geschlossenheit der Bienzle-Welt entspricht der Tatsache, dass die Figur immer von ihrem Erfinder Felix Huby losgeschickt wird, der sie auch in Romanen beschrieben hat – und nicht von Drehbuchautoren, die erst umfangreiche Lastenhefte studieren müssen, um die Kommissare und Kommissarinnen in einer Stadt halbwegs auf charakterlichem Kurs zu halten.

Finale

„Bienzle und der Taximord“ ist unterhaltsam und recht gut gespielt, spannend nicht wegen der rasanten Inszenierung, sondern weil man wissen will, ob sich anfängliche Vermutungen bewahrheiten – sie tun es, ein Überraschungsmoment ist dem Film eher fern. Wer sich von Beginn an als mieser Typ zeigt, der steckt am Ende auch hinter den Morden.

7/10

© 2021, 2015, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Ernst Bienzle Dietz Werner Steck
Günter Gächter Rüdiger Wandel
Hannelore Schmiedinger Rita Russek
Dr. Kocher Klaus Spürkel
Schober / Spusi Dirk Salomon
Anita Holz Katrin Saß

Regie: Hans-Christian Blumenberg
Kamera: Thomas Makosch
Musik: Stephan Massimo
Szenenbild: Klaus-Peter Platten
Buch: Felix Huby 

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