Strahlende Zukunft – Tatort 671 #Crimetime 988 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #RB #Zukunft #Strahlen

Crimetime 988 – Titelbild © Radio Bremen, Jörg Landsberg

Nur der Raubvogel sieht alles

Im Jahr 2007 hat sich Radio Bremen in einem Tatort mit seiner Ermittlerin Inga Lürsen dem Thema elektromagnetische Strahlung in Form der Abstrahlung von elektromagnetischen Wellen von Sendemasten gewidmet. Eine zweite Schiene sind neuartige, thermomagnetische Waffen, die ebenfalls in der Entwicklung sind oder waren.

Das Problem bei diesem Film ist, erst einmal die Faktenlage zu klären, wie sie sich heute, sechs Jahre nach dessen Entstehen darstellt. Es geht im 671. Tatort nicht um die direkte Abstrahlung der Endgeräte und deren Wirkung auf den  menschlichen Organismus, sondern um die Sendemasten, deren Existenz angeblich in hohem Maß gesundheitsschädlich ist. Seit 2007 hat die Zahl der Sendeanlagen erheblich zugenommen, da jeder Mobilfunk-Anbieter seine eigenen Anlagen betreibt und die Netze möglichst ohne Funklöcher sein sollen – ein erster Fakt, der den teilweisen Unsinn und die Ressourcenverschwendung in gewissen Sparten der Privatwirtschaft eindrucksvoll belegt. 

Ein weiterer beigefügter Satz anlässlich der Republikation 2021 im „neuen“ Wahlberliner muss sein: Alles, was hier geschrieben wird, findet noch ganz ohne 5G-Technik statt! Aber bei ihr geht es ja noch einmal um mehr. Das kann noch heiter werden, denn 6G ist in Arbeit. Wie wir die Arbeit bewerten, die das Bremer Team mit dem 671. Tatort abgeliefert hat, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Die Bremer Hauptkommissarin Inga Lürsen und ihr Kollege Stedefreund ermitteln in der Mobilfunkbranche. Sandra Vegener, erst seit kurzem aus der Psychiatrie entlassen, tötet einen Richter und anschließend sich selbst.

Zuvor hatte sie behauptet, dass ihre Tochter durch Strahlung von Mobilfunkmasten an Leukämie gestorben sei und war vehement gegen ein Mobilfunkunternehmen vorgegangen. Der zuständige Staatsanwalt, der Richter und der Psychiater hatten sie daraufhin als psychisch krank eingestuft.

Inga Lürsen und ihr Kollege Stedefreund geraten immer tiefer in ein dichtes Geflecht aus Geheimnissen und Intrigen: Warum lügt der Staatsanwalt? Warum zahlte die Mobilfunkfirma Geld an den Ehemann?

Rezension

Man kann vereinfacht sagen, die Lage bezüglich der Handy- und Sendemasten-Strahlung ist nicht eindeutig. Zu viele Studien und Gegenstunden verwässern das Bild. Man kann auch konstatieren, wer elektrosensitiv ist und generell der Ansicht, dass „Elektrosmog“ gesundheitsschädlich, krebsfördernd etc. ist, der sollte Gegenmaßnahmen ergreifen, wo immer möglich, denn die Ansicht zu einer Sache hat ja auch psychologische Auswirkungen, zum Beispiel aufs persönliche Wohlbefinden.

Dass Sendemasten Symbolwirkung haben, ist überdies nachvollziehbar. Ihre Strahlung ist ausgerechnet in direkter Nähe wohl weniger stark als im weiteren Umfeld, aber wenn wir im Film sehen, wie die Strahlen baulich unter Kaminatrappen oder in der intensiven Dachbegrünung versteckt werden sollen, da beschleicht uns angesichts der gerade laufenden Abhörskandale der Nachrichtendienste natürlich noch ein unangenehmes Gefühl in einer anderen Richtung – alles, was so schüssel- und antennenartig in die Welt guckt, kommt von einer bösen Macht, die uns etwas antun will. Krebs, Ausforschung, alles eins in einer Zeit des leider tatsächlichen Verlustes an Transparenz und Demokratie trotz oder mittlerweile sogar wegen moderner Kommunikationstechnik.

Manche Ängste, die wir heute auszustehen haben, gab es 2007 noch gar nicht, das muss man sich vergegenwärtigen. Vielmehr war das gerade eine relativ ruhige und wirtschaftlich sowie politisch stabile Zeit, nachdem die Schockwellen von 9/11, die um die Welt gingen, sich gelegt hatten. Da kam ein Thema gerade recht, das damals stark diskutiert wurde und heute noch nicht eindeutig geklärt ist – angesichts vieler widersprüchlicher Studien. Es wird etwas dran sein, dass elektromagnetische Strahlen Wirkung entfalten, so viel sollte einem logisch denkenden Menschen klar sein.

Hingegen glauben wir nicht, dass jemand mit einer ganz unbestimmten und technisch in keiner Weise fundierten Anschuldigung im Jahr 2007 eine einstweilige Verfügung erwirken konnte, die allen Mobilfunkbetreibern den weiteren Ausbau ihrer Mobilfunknetze verwehren konnte, und dies in einer Stadt, die sich zwecks Schaffung von Arbeitsplätzen der Ansiedlungsförderung im Bereich Kommunikationstechnik verschrieben hat.

Wie häufig in Bremer Tatorten sind Fiktion und Realität nicht gut zu trennen, und das ist ein durchaus diskussionswürdiger Stil in einem Feature, das nicht Science-Fiction, sondern vor allem Krimi sein soll. Ein kleiner Sender muss, um wahrgenommen zu werden, besonders auf die Pauke hauen, das kann man überschlägig anhand der RB-Tatorte belegen. Die Themen sind oft bigger than Life und auch die politisch hoch aktive Ermittlerin Inga Lürsen tendiert zur übertriebenen Pointierung (das trifft auch in gewissem Maß auf den neuen Bremen-Tatort „Brüder“ zu, für den die Rezension später geschrieben wurde – abzüglich letzterem Aspekt bezüglich der Kommissarin Lürsen, der geradzu auffällig weggenommen wurde).

Dass hingegen Staatsorgane und Volksvertreter sich von der Industrie und deren Lobby beeinflussen lassen, das glauben wir wohl, und um dies darzustellen, eignet sich jedes Thema aus der wunderbaren Welt der Technik mit Folgen und deren ökonomischer Anwendung. Wir haben jüngst den Hamburger Krimi „Investigativ“ gesehen und rezensiert (Veröffentlichung folgt). Daran erinnert, wenn jener auch in der Baubranche spielte und daher nicht mit technischen Fragezeichen versehen war, „Strahlende Zukunft“ doch recht stark. Es geht um Manipulation, um gefälschte Gutachten, um Staatsanwälte, Richter, Manager, die zum Unguten der Bürger und der Demokratie zusammenarbeiten.

Ein mittlerweile beinahe übliches Szenario. Schade, dass die Inszenierung wieder einmal mit vielen Klischees arbeitet, mit Fehlern behaftet ist, das interessante Thema so darstellt, als ob Möglichkeiten bewiesene Tatsachen wären. Da macht es dieses Mal kaum noch etwas aus, dass Inga Lürsen natürlich über die Mobilfunktechnik besser Bescheid weiß als alle Fachleute. Manche Ermittler sind einfach nahezu allwissend, und was sie nicht wissen, das reimen sie sich so zusammen, dass sie tatsächlich, wie die Mobilfunkmanagerin im Film, mit Vorverurteilungen arbeiten können.

Ein Plus dieses Tatorts ist aber sein offenes Ende. Ein Mord war in Wirklichkeit ein Eifersuchtsdrama, der Tod eines Mädchens durch Krebs bleibt bezüglich seiner Ursache ungeklärt, ebenso übrigens der seiner Mutter, obwohl noch einmal eine Obduktion durchgeführt werden soll, speziell in Bezug auf die Behandlung mit „Strahlenwaffen“. Dieses Element versandet, andere stören.

Zum Beispiel, dass ein Jugendlicher in eine Polizeistation spaziert und dort der Frau Lürsen einfach deren Dienstwaffe vom Tisch klauen kann. Solche Elemente und die folgende Hatz eines jugendlichen Helden gegen jede Realität können irgendwann auch dem hartgesottenen Tatort-Fan auf die Nerven gehen; dass im Geschosswohnungsbau Grundrisse übereinander liegender Wohnungen normalerweise baugleich sind, hat sich offenbar in Bremen über besonders eingeweihte Immobilienkreise hinaus noch nicht herumgesprochen. Angesichts solcher Darstellungen wie der des Nachbarn, der einen absonderlich von dem seiner eigenen Wohnung abweichenden Grundriss an der Decke nachzeichnet, glaubt man natürlich auch den technischen Behauptungen in einem solchen Film nicht mehr uneingeschränkt.

Die Diskrepanz zwischen dem gewählten, großen Thema und der überaus konventionellen Handlungsführung, angereichert durch heute beinahe übliche, aber deswegen nicht zwangsläufig stimmige Klischees und Details ist in „Strahlende Zukunft“ offensichtlich. Hinzu kommt, dass insgesamt überagiert wird. Eine Bestrahlung mit einer Dosis hanseatischer Gelassenheit wäre nicht das schlechteste Mittel, um die Bremer Tatorte etwas kompakter und dichter wirken zu lassen.

Finale

Filmisch ist Bremen immer ziemlich auf der Höhe, das trifft auch auf „Strahlende Zukunft“ mit seiner schönen Anfangssequenz zu und das Bild mit dem Bussard, der über der Stadt kreist und wissend erscheint, wo alle Menschen am Ende im Ungewissen verharren und die Verhältnisse insgesamt undurchsichtig bleiben, das ist wirklich nett gemacht.

Inga Lürsen hat dieses Mal kein Privatleben, keine Tochter, die sowieso anderer Meinung ist, keinen Partner, der sowieso gleich wieder erschossen wird. Dafür einen Stedefreund, mit dem sie dieses Mal  ohne größere Reibereien zusammenarbeitet, was der Konzentration auf den Fall förderlich ist. Diese Konzentration bewirkt allerdings auch, dass man einen klaren Eindruck davon gewinnt, dass weniger Effekt bei diesem Thema mehr an Eindruck und Stoff zum Nachdenken hätte vermitteln können. Eine klare Thrillerstruktur war allerdings nicht möglich, denn die Voraussetzung dafür wäre gewesen, dass man sich bezüglich der Mobilfunk- und Waffentechnik auf sicherem Terrain bewegt hätte.

6,5/10

© 2021, 2014, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
 
Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Kommissar Stedefreund – Oliver Mommsen
Frau Humberth – Tatjana Blacher
Jörg Reinhardt, Staatsanwalt – Ulrich Noethen
Karlsen, Kriminalassistent – Winfried Hammelmann
Daniel Vegener – Constantin von Jascheroff
Sandra Vegener – Inka Friedrich
Frederike Kawentz – Ann-Kathrin Kramer
Luis Vegener – Peter Davor
Hagerer Mann – Peter Benedict
Oberstaatsanwalt – Alexander Radszun
Prof. Peter Humberth – Bernhard Schütz
Gerichtsmedizinerin – Henriette Cejpek
Julia März – Henriette Confurius

Buch – Christian Jeltsch
Regie – Mark Schlichter 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s