Am Ende des Tages – Tatort 770 #Crimetime 990 #Tatort #Frankfurt #Sänger #Dellwo #HR #Tag #Ende

Crimetime 990 – Titelfoto © HR, Bettina Müller

Am Ende des Teams

Der Plot in einem Satz, ohne Auflösung: Charlotte und Fritz sind amtsmüde, Fritz vor allem deshalb, weil er immer nach Charlotte genannt wird, obwohl er ihr Dienstvorgesetzter ist, wie gerade von uns wieder, aber erst kommt der Abschied vom guten, alten Vorgesetzten Rudi Fromm; doch der erscheint nicht – weil seine Geliebte ermordet worden ist und so entwickelt sich ein Duell zwischen ihm und dem Mörder und damit es ein Dreieck wird, ermitteln auch Charlotte und Fritz … Fritz und Charlotte, und da wird man den Eindruck nicht los, es ist alles out of the Past, am Standort Frankfurt.  

Anlässlich der Republikation dieser Kritik sei ein Absatz beigefügt: Irgendwas ist heute, mitten im Frühling, melancholisch. Dazu passt dieser Text, obwohl wir mittlerweile acht Jahre weiter sind als beim Anschauen des Films. Oder gerade deshalb. Denn wir wissen mittlerweile, wie es mit dem Frankfurt-Tatort weiterging. Die direkten Nachfolger Steier und Mey hätten das Zeug gehabt, es Sänger und Dellwo gleichzutun, allein, es sollte nicht. Weil der eine Teil des Duos aussteigen wollte und der andere dann auch keine Lust mehr hatte. Mittlerweile sind es Brix und Jannecke oder umgekehrt, die Fälle in Frankfurt lösen. So, wie das weiblich-männliche Duo nun aber schon seit drei Generationen das Maß der Dinge am Main ist, wirkt auch der Frankfurt-Tatort festgefahren im Experiment, so könnte man es nennen. Man kann heute erst ermessen, wie schmerzlich der Abschied von Dellwo und Sänger tatsächlich gewesen ist, angesichts der Probleme in den folgenden Jahren.

Den Film inszenierte Titus Selge, der, auch als Autor, zuvor die hessische Polizeiruf-Schiene mit Kommissar Keller prägte, die man kurz vor dem Ende von Sänger und Dellwo ebenfalls aufgegeben hatte.

Handlung

Der letzte „Tatort“ mit Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf als Frankfurter Ermittlerteam: In ihrem 18. Fall versuchen die beiden Kommissare Charlotte Sänger und Fritz Dellwo die Unschuld ihres Exchefs Rudi Fromm zu beweisen, der unter Mordverdacht steht.

Nach 20 Jahren wird Nick Graf aus der Haft entlassen. In den 70er und 80er Jahren hat er mit seiner Frau Gina eine Serie von brutalen Banküberfällen begangen. Jetzt ist er todkrank und hat nichts mehr zu verlieren. Graf hat nur noch einen Gedanken: Bevor er stirbt, will er sich an Rudi Fromm, der ihn damals verhaftet hat, rächen. Obwohl Fromm inzwischen im Ruhestand ist, nimmt er den Kampf auf; er taucht unter und will Graf auf eigene Faust finden. Fritz Dellwo und Charlotte Sänger versuchen alles, um Fromm aufzuspüren und das Schlimmste zu verhindern.

Bei der Suche nach Graf und Fromm erfahren sie Dinge über ihren Chef, von denen sie bisher keine Ahnung hatten. Als der Verdacht aufkommt, dass Rudi Fromm selbst ein Mörder sein könnte, wehrt sich Dellwo vehement gegen diese Vorstellung. Fritz ist fest davon überzeugt: Sein langjähriger Kollege und Freund Rudi ist nicht fähig zu einem Mord.  

Rezension

Den Film haben wir schon einmal gesehen und dachten immer, wir hätten ihn auch rezensiert. Dem ist aber nicht so. Um es gleich zu sagen, Großstadtmelancholie, die ja wieder ganz anders ist als ländliche Melancholie können sie wirklich gut, in Frankfurt. Das war auch in anderen Sänger-Dellwo-Tatorten zu beobachten und die Ermittler sind für eine solche Atmosphäre geradezu prädestiniert. Der Lonsome Rider auf einem Bike im Hochtaunus, jedenfalls im Frankfurter Umland, die feinnervige Tangotänzerin, die nie weiß, wie viel Nähe sie zulassen soll und überhaupt und wenn sie’s mal angeht, ganz vorsichtig, mit einem Absacker nach Dienstschluss, obwohl sie ansonsten sicher Abolitionistin ist, kommt von Fritzens Seite eine Absage.

Die Handlung des Tatorts 770 ist in etwa so glaubwürdig wie ein eventuelles Versprechen, dass nach der nächsten Wahl alles besser wird oder die Eurokrise fast neutral für den Geldbeutel des Bürgers gelöst werden kann. Man hat einen großen Abschied für Peter Lerchbaumer machen wollen, der den Dezernatsleiter Rudi Fromm spielt. Weil er immer so loyal und knuffig war.

Deswegen dauerte es lange, bis wir den Namen des Darstellers auf der Reihe hatten bzw. nicht immer der Verwechslung mit Thomas Balou Martin erlagen, der aber den Staatsanwalt Dr. Scheer spielt und nicht ganz so knuffig ist. In den Paralleluniversen der Einsamkeit, die Charlotte und Fritz sich geschaffen hatten, war er etwas wie ein emotionaler Anker, ein relativ normaler Typ zum Pferde stehlen und Großstadtermittlungen zu einem guten Ende bringen. Deswegen ist es okay, dass der letzte Sänger-Dellwo- oder Sawatzki-Schüttauf-Tatort keine Abschiedsarie der beiden wird, sondern eine Hommage an ihren Chef, der natürlich auch mehr Spielzeit bekommt als üblich und vielleicht sogar dieses Mal dieselbe Gage wie die Hauptdarsteller.

Der nachfolgende Text enthält Angaben zur Auflösung!

Aber so? Er verhält sich komplett anders als bisher, unüberlegt, chaotisch, nur emotional, als sei angesichts seines Abschieds der Film gerissen, in dem zu sehen war, wie er aufgrund seiner Fähigkeiten in eine Führungsposition aufstieg, was wir uns sowohl bei Fritz als auch bei Charlotte nicht vorstellen können, denn eine gute Spürnase haben und Menschen anleiten, im Team mitnehmen, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir haben es schon angedeutet. Ausgerechnet in der Nacht vor seiner offiziellen Verabschiedung aus dem Dienst wird Fromm von der Vergangenheit eingeholt, nämlich von den 1980er Jahren, als er, junger Ermittler, falls normal pensioniert, aber auch schon in den 40ern, während der Verfolgung eines Bankräuber-Pärchens versehentlich Bonnie erschoss. Clyde kommt jetzt aus Gefängnis und nimmt Rache an allem, was Rudi liebt. Die Frau bleibt also verschont, nur die Geliebte und dann auch die Tochter trifft es.

Und damit wäre der Tatort normalerweise zu Ende, denn wie kann man einen Mann mehr treffen, als dass man sein einziges Kind ersticht? Das haben sie dann auch gemerkt, dass da was nicht stimmt und noch Spielzeit übrig ist, also muss Clyde todkrank sein, sodass er gar nichts mehr von dem nun gebrochenen Fromm hat und es doch besser und logisch erscheint, dass er ihn am Ende mit in den Tod nimmt. Seufz. Nein, es kommt kein SEK, sondern es gibt ein Vierpersonenfinale auf einer Brücke in Frankfurt am Main, das schön choreografiert ist, aber noch schräger wirkt als die oft überzogenen SEK-Anforderungen.

Wir mögen Sänger und Dellwo, diese beiden wirklich besonderen Figuren, mit denen man sich in Frankfurt wirklich etwas getraut hat, als sie entwickelt und ins Rennen um die Gunst der Tatortfans geschickt wurden, aber in Handlungen wie dieser haben auch sie Mühe mit dem Funktionieren.

Vermutlich ist es Absicht, dass dieser Tatort ein Übermaß an Tristesse ausstrahlt und überdies komplett unharmonisch wirkt, was das Figurenverhalten angeht. Man hat das Gefühl, einer psychologischen Wahrnehmungsstörung zu unterliegen, weil die beiden ständig die Gegenposition von dem einnehmen, was sie ein paar Minuten zuvor oder gar nur wenige Sekunden zuvor vertreten haben. Wenn dieser unangenehme Effekt der vermuteten Störung im Seelengefüge der Beteiligten Absicht war, ist er etwas zu elaboriert für einen Tatort, da müssen noch ein paar Jahre ins Land gehen, bis die Mehrzahl der  Zuschauer begreift, was gemeint ist. Vielleicht hat man sich aber auch gedacht, ist eh der letzte Fall, da hauen wir mal rein, bei der Figurenzeichnung, und bringen das Maximum an Dissonanz auf den Bildschirm.

Schade, denkt man sich, sie werden nicht mehr zusammenkommen. Vielleicht ist es insbesondere Andrea Sawatzki auch gar nicht schwer gefallen, die Charlotte Sänger dieses Mal sehr zickig, zurückgenommen, gefühlvoll, schwer zugänglich und dann wieder linkisch beim Versuch, sich noch einmal Zugang zu Fritz zu verschaffen darzustellen. Denn es war wohl Jörg Schüttauf, nicht sie, der aus dem Team aussteigen wollte, weil er sich eben von ihr majorisiert gefühlt hat. Das hat man ins Drehbuch offensichtlich einfließen lassen und es wirkt bei aller Fragwürdigkeit, ob sich dienstfähige Polizisten so verhalten können, authentisch in Bezug auf den Realhintergrund dieses Abschiedes.

Der wir nur angedeutet, der neue Chef passt mal dem einen, mal dem anderen nicht, die junge Anwärterin wird von Sänger schlecht behandelt, gegenüber Dellwo aber in Schutz genommen, als sie nicht dabei ist. Irgendwie dann doch wieder stimmig, das alles, in seiner Unstimmigkeit. Die beiden Frankfurt-Cops waren bis dahin mit die komplexesten Ermittlerfiguren in der Serie Tatort, besonders Charlotte als nicht sehr realistische, aber hoch veranlagte Polizistin. Am Ende mag Fritz doch keinen Absacker mehr mit ihr trinken, weil er einfach böse übers Ende des Teams ist. Die Option, ihm eine neue Partnerin zur Seite  zu stellen, hat man offenbar verworfen. Die Versuchung, reinen Tisch zu machen und einen Großschauspieler wie Joachim Król als Nachfolger zu gwinnen mit mit Nina Kunzendorf als Conny Mey eine mehr down to Earth gerichtete Frauenfigur auftreten zu lassen, war wohl zu groß.

Finale

Als Dokument einer zu Ende gehenden Ära, und als solche empfinden wir die lediglich 9 Jahre und 18 Filme von Sänger-Dellwo durchaus, ist der Film sehr interessant, der Plot jedoch lässt viele Wünsche an Logik und Glaubwürdigkeit offen. Ganz groß wieder einmal die Stimmung, die zum einsamen Tango-Akkordeon erzeugt wird. Ja, da steht sie im freien Nichts, die Tanzelfe unter den deutschen Kommissarinnen und wir vollziehen den Abschied aus 2011noch einmal nach und denken daran, dass auch das Team Steier / Mey (Król und Kunzendorf) nach nur fünf Tatorten schon wieder Geschichte ist. Da spürt man die allseits bekannte, aber nicht immer verständliche Vergänglichkeit des Seins beinahe mehr als nach dem erschütternden Mord an der jungen Schauspielerin Katrin Fromm, der Tochter von Rudi, dem Vorgesetzten.

Aufgrund der besonderen Stellung dieses Tatorts geben wir knappe 7/10, bei einem simplen Tatort in einer langen Reihe, der nicht das Ende des Teams zeigt, wäre es wohl mindestens ein halber Punkt weniger gewesen.  Wir finden aber, man hätte noch richtig zeigen sollen, wie der vielfach genervte und frustrierte Dellwo hinschmeißt.  Schließlich ist das die Wahrheit. Und die zählt, am Ende des Tages.

© 2021 (Entwurf 2013) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Charlotte Sänger – Andrea Sawatzki
Fritz Dellwo – Jörg Schüttauf
Nikolaus Graf – Richard Sammel
Dr. Scheer – Thomas Balou Martin
Herta Fromm – Barbara Focke
Bea Ziegler – Brigitte Karner
Laurent Lenz – Tom Schilling
Alter Mörder – Rolf Becker
„Nick“ Nikolaus Graf – Constantin von Jascheroff
„Rudi“ Rudolf Fromm – Antonio Wannek
Hans Sarkowicz – Walter Renneisen
Rudi Fromm – Peter Lerchbaumer
Katrin Fromm – Jördis Triebel
Hubert Walter – Michael Lott
„Gina“ Regina – GrafKim Riedle
Bernadette „Rosi“ Rosenhügel – Angelika Bartsch

Szenenbild – Károly Pákozdy
Musik – KAB Fischer
Buch – Titus Selge
Kamera – Frank Blau
Regie – Titus Selge

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