Todsicher – Polizeiruf 110 Episode 198 ::::: #50 JahrePolizeiruf110 ::::: #Crimetime 992 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #Tod #sicher

Crimetime 992 – Titelfoto © MDR – 50 Jahre Polizeiruf 110

Die Schrecklichen kommen: Versicherungen und Behörden

Kommissar Schmücke kann Versicherungen und Behörden nicht ausstehen, Kollege Schneider sagt: „Du arbeitest doch selbst bei einer Behörde“, Schmücke darauf: „Ja, eben“ (sinngemäß wiedergegeben). Es ist ja auch ein Geschäft mit dem Tod, wenn HIV-Infizierte, deren baldiges Ableben zu erwarten ist, ihre Lebensversicherungen verkaufen, die Krankenkassen sind allerdings keine Behörden. Was es sonst zum Film zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Schmücke und Schneider ermitteln diesmal im Todesfall Sebastian Pechmann. Zunächst sieht alles nach einem Freitod des Mannes aus, der von einem Kirchturm gestürzt ist, an dem er kleinere Reparaturarbeiten durchführen sollte. Ein auf dem Kirchturm gefundenes Feuerzeug und Schuhabdrücke sprechen dafür, dass der Mann nicht allein in der Höhe war. Später werden auch Quetschspuren an den Fingern festgestellt, die auf eine Gewalteinwirkung schließen lassen.

Die Kommissare erkundigen sich bei der Schwester des Opfers nach eventuellen Feinden. Ihr fällt nur sein Nachbar Kutzauer ein, mit dem er sich nach Aussage einer Nachbarin sogar geprügelt hatte. Dieser hat jedoch für die Tatzeit ein Alibi, sodass er als Täter auszuschließen ist. Am nächsten Tag erscheint Katrin Pechmann auf dem Präsidium, weil ihr eingefallen war, dass ihr Bruder eine sehr hohe Lebensversicherung zu Gunsten einer Simone Schumacher abgeschlossen hatte.

Schmücke und Schneider suchen sie auf, um sie zu befragen. Angeblich war sie seit zwei Monaten mit Pechmann verlobt. Auf weitere Nachfragen reagiert die Frau sehr nervös und verstrickt sich in Widersprüchen. Schneider ist sich sicher, dass die Frau nur auf das Erbe aus war, weil sie wusste, dass Pechmann Aids hatte. Ihr selber trauen die Kommissare aber die Tat nicht zu und denken an einen Komplizen. Den vermuten sie in dem Versicherungsagenten Florian Werner, der nach eigenen Angaben ein Verhältnis mit Simone Schumacher hat. Als sich herausstellt, dass ihm das gefundene Feuerzeug gehört und auch die Fußabdrücke zu seinen Gummistiefeln passen, wird er festgenommen, aber nicht in Haft behalten, weil die Beweislage nicht ausreichend ist. Als Werner zu Hause ankommt, lauert jemand dem Versicherungsagenten auf und schlägt ihn nieder, woran er am Ende verstirbt.

Schmücke und Schneider finden immer mehr Hinweise auf Werners Angestellten Erik Jaskulla, der ein alter Freund von Simone Schumacher ist und sie heimlich liebt. Er hatte in einem wohldurchdachten Plan die Spuren, die seinen Chef belasteten, gelegt. Als Schmücke ihn mit seinen Indizien konfrontiert, bricht er ein und gibt zu, Sebastian Pechmann vom Kirchturm gestoßen zu haben. Auch der tödliche Schlag auf Werner kam von ihm. Er war davon überzeugt, er müsse „alles Schmutzige“ von seiner Simone „fernhalten“.

Bei ihren Recherchen zu dem Mord an Sebastian Pechmann decken die Kommissare ein Netz von Versicherungsbetrügern auf, die todkranken Menschen ihre Lebensversicherung abkaufen. Unter dem Deckmantel, den Menschen eher zu ihrem Geld zu verhelfen, damit sie noch zu Lebzeiten etwas davon haben, lassen sie die Policen umschreiben und streichen dabei einen großen Teil des Wertes für sich ein.

Rezension

Es ist natürlich ein Pfund, dass die Schmücke-Schneider-Filme in letzter Zeit von deren Heimatsender MDR chronologisch ausgestrahlt werden, ich kenne nun die ersten fünf und kann die Nummer sechs daher recht gut einordnen – selbstverständlich auch aufgrund neuerer Episoden mit den beiden Hallenser Kommissaren, die ich bereits gesehen habe.

Der Titel des Films wirkt auf den ersten Blick uninspiriert, denn in jedem moderneren Polizeiruf – oder Tatort – kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit jemand zu Tode, aber hier geht es um Versicherungen, die im Todesfall ausgezahlt werden. Auch in diesem Film wird wieder angedeutet, dass das bei Selbstmord nicht so ist, anders als im jüngsten Polizeiruf „Der Tag wird kommen“ referiere ich das Thema hier aber nicht, denn möglicherweise war die Lage 1998 noch anders.

Das Makabere an diesen Rückkäufen ist, dass jeder der Beteiligten etwas hat. Zwar dürfen nicht diejenigen kaufen, welche die Versicherungen als Makler abgeschlossen haben, aber die Begünstigten bekommen viel Geld und der Versicherte bekommt den Rückkaufwert ausgezahlt und kann sich noch ein paar schöne Tage machen. In diesem Fall: Sich mit teuren Medikamenten aus den USA zu retten versuchen. Offensichtlich hatte sich sein Zustand wirklich verbessert und solche Wendungen machen Rückkäufe durchaus riskant.

Dass trotzdem nicht die Profiteure von Herrn Pechmanns Tod für das gewaltsame Vorziehen desselben verantwortlich sind, hat man relativ früh zumindest als Möglichkeit auf dem Schirm, denn dieser zweite Mann in der Versicherungsagentur wird sehr auffällig in den Vordergrund gerückt. Ob die Figur stimmig ist, darf man sich allerdings fragen, und mit deren Glaubwürdigkeit steht und fällt die Falllösung. Ich hatte zwar beinahe erwartet, dass dieser seltsame Herr Jaskulla etwas mit dem Tod von Herrn Pechmann zu tun hat, aber dass er auf den Kirchturm steigt, ihn hinunterstößt, das Feuerzeug seines Chefs dort platziert und später diesen selbst umbringt – nun ja. Man steckt nicht in den Menschen drin, aber so richtig überzeugt war ich von ihm als Mörder nicht, der so sehr in die blonde Simone verschossen ist, dass er, wie in der Handlungsbeschreibung zu lesen „alles Schmutzige von ihr fernhalten will.“ Aber schön verschroben ist es natürlich, weil das Schmutzige nicht von außen ferngehalten werden kann, wenn Menschen innerlich nicht sauber sind. Idealisierungen kommen im Film wohl häufiger vor als im Leben.

Die Schmücke-Schneider-Filme jener Periode (Nr. 3 bis 6) wurden alle von Thomas Jacob inszeniert und vermitteln nicht den Impact, den die Nr. 1 und 2 haben, für die Matti Geschonnek verantwortlich zeichnete, das konservative Gepräge der beiden Kommissare in Halle verfestigt sich und es bildet sich der Ton heraus, der in den 2000ern leider zur Stagnation führt. Allerdings spielt Jaecki Schwarz den Schmücke immer noch recht expressiv und da in „Todsicher“, anders als z. B. im Vorvorgänger „Der schlanke Tod“ keine  dominierende Bösewicht-Figur vorhanden ist, fällt es ihm zu, den Film zu tragen. Das kann er auch, wie sich immer wieder zeigt.

Dass die Schmücke-Schneider-Filme schon wenige Episoden nach dem Start langsam in ein festes Schema gleiten, liegt an mehreren Faktoren: Zum einen geht es immer um Habgier, auch wenn sie nicht immer das Mordmotiv darstellt. Aber wie man an Geld kommt, ist das Zentralthema dieser Filme, deswegen passt es ganz gut, wenn Schmücke in „Todsicher“ sagt: Was manche Menschen alles wegen des Geldes machen! Die meisten Menschen haben  keine sichere Beamtenpension, wie die beiden Kommissare, aber in den Filmen geht es immer um mehr und das reflektiert auch gut die Polizeirufe aus der DDR-Zeit: Alle etwas kultivierteren Menschen waren verdächtig und meist auch Täter von Vermögensdelikten.

Was man in den Schmücke-Schneider-Filmen nicht mehr sieht, ist die dialektische Gegenüberstellung solcher Typen mit der Arbeiterklasse, eher schon, dass auch diese sich kaufen lässt, wie die Parfümverkäuferin Simone. An ihr lässt sich ebenfalls etwas Typisches festmachen: Man bemüht sich, mindestens eine, wenn nicht mehrere sehr attraktive Frauen auftreten zu lassen, hier sind es gleich vier.

Ein weiterer Punkt ist das Filming. Es ist routiniert, aber für die späten 1990er nicht mehr ganz auf der Höhe, versinnbildlicht dadurch, dass immer noch im 4:3-Format gedreht wird, einige Tatortschienen waren damals bereits zum heutigen 16:9 übergegangen und boten auch sonst visuell einiges mehr. Interessant daran ist, dass man nicht sagen kann, das sei speziell fürs Publikum des Ostens so eingerichtet worden, denn einige DDR-Polizeirufe waren durchaus progressiv gestaltet. So fehlen zum Beispiel die Rückblenden in den Schmücke-Schneider-Filmen jener Zeit, es ist alles strikt chronologisch gefilmt und so, dass der Zuschauer niemals ins Grübeln darüber geraten kann, was er gerade sieht – sowie als Whodunit oder als Mischung aus Whodunit bezüglich des Kapitalverbrechens, aber man weiß, wer zum Beispiel welche Manipulationen vornimmt, um zu Geld zu kommen – so einigermaßen jedenfalls.

Weil die Kommissare auf solche Tricksereien stoßen, kommt es vor, dass sie feststellen, sie sind mehr jenen illegalen Handlungen auf der Spur als dem Mordfall. Das war so in „Der schlanke Tod“, es trifft auf „Todsicher“ ebenfalls zu, wo es darum geht, herauszufinden, wie die Versicherung an die Patientendaten kam.

Finale

Ich habe es schon häufiger erwähnt: Wenn man sich die Schmücke-Schneider-Filme in sehr kurzen Abständen anschaut, kann es vorkommen, dass man sie etwas gleichförmig findet, das trifft auch auf die Episoden der Jahre 1997, 1998 schon zu. Aber im Vergleich zu Filmen, die einige Jahre später entstanden sind, sind Schmücke und Schneider hier noch ein wenig mehr involviert, vor allem Schmücke kann richtig aus sich herausgehen und icht nur sibyllinisch lächeln.

Das Abdriften der beiden in eine etwas übertriebene Wohlgefälligkeit, die Routine auch als eine gewisse Gleichgültigkeit dem Schicksal der Opfer gegenüber erscheinen lässt, ist noch nicht ausgeprägt. Man versucht, dem Standardthema Geld = Mord immer wieder neue Facetten abzugewinnen und manchmal geschieht das Tötungsdelitk aus einem anderen Grund, aber darin liegt ja auch eine Sicherheit: Man weiß bei Schmücke und Schneider schon nach wenigen Filmen in etwa, was man bekommt, und das kann man von heutigen Produktionen kaum sagen, mit denen ambitionierte Macher häufig versuchen, das Rad der Krimikunst neu zu erfinden, was dann oft zulasten des Krimis geht. Weitere Halle-Polizeirufe sind schon auf dem Medienreceiver aufgezeichnet. Lass ich Schmücke und Schneider mal ein wenig schmoren oder zieht mich gerade dieses Vergleichen des Ähnlichen an?

6,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Axel Götz
Produktion Matthias Deyle,
Oliver Hengst
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Wolfram Beyer
Schnitt Silvia Hebel
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s