Der endlose Horizont (The Sundowners, USA 1960) #Filmfest 494

Filmfest 494 Cinema

Schafe scheren bis zum Sonnenuntergang geht aufs Kreuz

Der endlose Horizont (Originaltitel: The Sundowners) ist ein britischaustralischer Abenteuerfilm von Fred Zinnemann aus dem Jahr 1960. Er basiert auf dem 1952 erschienenen, im Original gleichnamigen Roman The Sundowners von Jon Cleary. Der Film wurde von Warner Bros. produziert und schildert das entbehrungsreiche Leben einer australischen Schaftreiber-Familie.

Mit der Bekanntheit von Klassikern wie „Zwölf Uhr Mittags“, „Verdammt in alle Ewigkeit“ oder „Die Gezeichneten“ kann „Der endlose Horizont“ nicht mithalten, stellt im Werk des Regisseurs von Fred Zinnemann also eine weniger rezipierte Position dar. Obwohl die Dialoge in seinen Filmen manchmal etwas verschoben wirken –  zuletzt haben wir das für „Verdammt in alle Ewigkeit“ festgestellt, es gilt aber auch für „The Sundowners“, wie „Der endlose Horizont“ im Original heißt – funktioniert die psychologische Seite seiner Filme sehr gut, außerdem hängt der Dialog natürlich in erster Linie von der Person ab, die das Drehbuchs verfasst hat. Es sind nicht so sehr die einzelnen Worte und Taten, sondern das gesamte Verhaltensbild der Figuren, das in den Zinnemann-Filmen, die wir bisher gesehen haben, anspricht. Inwieweit das auch bei „The Sundowners“ der Fall ist, klären wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Paddy Carmody trampt jährlich als ruheloser Schaftreiber und -scherer quer durch Australien von Ort zu Ort. Ihn begleiten seine leidensgeprüfte Frau Ida und sein Sohn Sean, und oft besteht ihr zu Hause nur aus einem engen Planwagen. Ida hätte nur zu gerne ein eigenes Heim, eine kleine Farm. Ihr ruheloser Paddy hingegen hält davon nichts, ihn drängt es in die Weite, er sucht die Freiheit.

Wieder einmal hat er einen Auftrag übernommen. 1.200 Schafe sind über 750 Kilometer nach Westen zu treiben. Als Weggefährte stößt ein Mann zu ihnen mit Namen Venneker, ebenfalls Gelegenheitsarbeiter und ganz besonders auf der Hut vor heiratswütigen Frauen. Auf dem Viehtrieb machen sie Rast u.a. bei den Batemans, einer gastfreundlichen Farmer-Familie. Hier besteht die Möglichkeit, später eine Farm zu übernehmen. Aber Paddy lässt sich nicht zu einer Anzahlung bewegen. Wieder unterwegs, entkommen sie mit ihrer Herde nur knapp einem Waldbrand.

Endlich, nach wochenlangem Viehtrieb, ist das Ziel erreicht, die Schafe werden übergeben. Auf einer Schaffarm nimmt jetzt die ganze Familie eine Arbeit an: Ida als Köchin, Paddy und Sean als Schafscherer. Auch Venneker bleibt, angetan von Mrs. Firth, einer attraktiven Witwe.

Aber Paddy hat, wie man so sagt, „kein Sitzfleisch“. Er will schon bald wieder los, obwohl seine Frau und sein Sohn lieber noch etwas Geld für ein neues Zuhause verdienen würden. Um ihn abzulenken, arrangiert Venneker einen Schafschur-Wettbewerb. Paddy, ein Bild von einem Mann mit einem Tagesrekord von 248 Schafen, tritt gegen ein schwächlich aussehendes Männchen an, das die Konkurrenz vorschickt. Jeder glaubt an ein leichtes Spiel, aber der Kleine hat es in sich, Paddy verliert. (…) 

Zwischenvorwort

Ein kleines Vorwort mittendrin muss sein: „The Sundowners“ war der erste Film, den wir nicht im linearen Fernsehen oder als eigene Aufzeichnung oder auf DVD angeschaut haben, vielmehr war er in einer kommerziellen Mediathek enthalten und, wenn wir uns richtig erinnern, mussten wir 2,99 Euro fürs Anschauen in HD bezahlen.

Rezension

Im Vergleich zu anderen Zinnemann-Filmen, und das liegt natürlich ebenfalls am Drehbuch, ist „The Sundowners“ sehr kontemplativ und hat mit seiner ungewöhnliche flachen Dramaturgie einen dokumentarischen Anstrich, der vom Spiel der Hauptdarsteller, insbesondere von Deborah Kerrs Darstellung als Frau des Schafhirten und Schafscherers, gut akzentuiert wird. Robert Mitchum und Peter Ustinov spielen ein wenig mehr so, dass man vor allem sie selbst und ihre typischen Merkmale erkennt, was Mitchum einen lakonischen Einschlag gibt und Ustinov eine durchaus philosophische Note.

Keiner der Charaktere, das gilt auch für die weniger bedeutenden Rollen, wirkt überzeichnet oder aufdringlich. Allerdings liegt das auch daran, dass der Film keinen üblichen Konflikt zwischen Rivalen und rivalisierenden Parteien hat, wie im Western, dem er genremäßig bezüglich seines Settings am nächsten kommt und ein  Genre von Heimatfilmen, die nicht in den USA spielen, gibt es in den USA begreiflicherweise nicht.

Inhaltlich handelt es sich aber nicht um einen Western – und das nicht nur, weil keine einzige Waffe in diesem Film vorkommt, sieht man von dem Jagdgewehr ab, das Sean zu Beginn bei sich führt, um Kaninchen zu schießen – selbst dies verhindert sein pazifistischer Hund. Das malerische Outback und die Städte, die wir sehen, wirken westernhaft, die Handlung aber ist frei von Gewalt, das kann  man nicht genug betonen. Nur einen kompetitiven Ansatz gibt es: das Wettscheren, auf das Paddy sich einlässt. Vielleicht die beiden Pferderennen, die man gegen Ende des Films sieht. Dafür merkt man, dass der Hays Code sich zu Beginn der 1960er schon lockerte – mindestens zwei Abendszenen sind deutlich so angelegt, dass man weiß, dass das Ehepaar Carmody gleich Sex haben wird – und dass die körperliche Anziehung zwischen den beiden ein wichtiger Bestandteil ihrer trotz aller Misslichkeiten und Mühen stabilen Ehe ist, obwohl darüber im ganzen Film kein Wort verloren wird.

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Szenen wirkt der Film nicht so dynamisch, wie man das von anderen Zinnemann-Werken kennt, besonders natürlich von „High Noon“, aber er hat eben doch einen Konflikt und einen roten Faden: Farm oder nicht Farm, darum dreht sich das Leben der Carmodys und letztlich das von Venneker, der sich ihnen anschließt.

Das Schicksal dieser vier Menschen ist tragikomisch, tief menschlich und jeder, der immer in Bewegung ist, aber nie richtig vorwärtskommt, könnte sich in diesen Charakteren wiedererkennen. Diejenigen, die es wirklich zu einer Farm gebracht haben oder zu was immer, sollten etwas genauer hinschauen: Die Ansässigen in „The Sundowners“ lassen sich nicht gegen die nomadisierenden Carmodys ausspielen.

Zwar wird Ida tieftraurig beim Anblick einer eleganten Frau, die in einem Zug sitzt, aber insgesamt wirken die Ansässigen nicht zufriedener oder lebensfroher als die Wanderarbeiter und ihre Angehörigen. Noch etwas kann man sehen: Am Ende haben die Carmodys mehr als zu Beginn, nämlich ein wertvolles Rennpferd, und in Venneker einen treuen Gefährten, der nun zur Familie gehört und mit seiner gewitzten und zupackenden Art die innere Kraft dieser kleinen Gemeinschaft stärkt. Wenn man bedenkt, wie schnell das Geld für die Anzahlung auf eine Farm durch Spiele, Wetten und Rennsiege des Pferdes zusammenkam bzw. bei etwas besserem Verlauf hätte zusammenkommen können, ist am Ende des Films nicht ausgemacht, dass es nicht doch in naher Zukunft zu einer Ansiedlung der Carmodys kommen wird.

Facts and opinions

  • Deborah Kerr wurde für ihre Darstellung der Ida Carmody für den Oscar nominiert, verlor aber gegen Elizabeth Taylor in „Butterfield 8“. Das ist tragischer als der Film selbst, denn Deborah Kerr erhielt trotz 6 Nominierungen nie einen Oscar und wir schätzen ihre Leistung in „The Sundownners“ höher ein als die exaltierte, übertrieben melodramatische Performance von Taylor in „Butterfield 8“, der im Ganzen ziemlich schwülstig ist. Wir haben schon anhand der Besprechung anderer Filme aus dem Jahr 1960 diesen Fehloscar beklagt. Der Oscar für Taylor gilt eher als Konzession, weil sie aufgrund früherer Leistungen, unter anderem in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, einfach mal dran war – und ein Superstar.
  • Paddy Carmody sollte ursprünglich von Gary Cooper gespielt werden, was aufgrund seiner bereits schwachen Gesundheit nicht mehr möglich war. Für ihn übernahm Robert Mitchum und freute sich, an der Seite von Deborah Kerr spielen zu können, die er für seinen idealen weiblichen Co-Star hielt. Er akzeptierte auch, dass Deborah Kerr im Vorspann zuerst genannt wurde – und dass sie den stärkeren und kompletteren Charakter darstellen darf. „The Sundowners“ ist der zweite von vier Filmen, die Mitchum und Kerr miteinander drehten. Der erste war „Der Seemann und die Nonne“ (1956), der nach „The Sundowners“ folgende trägt den Titel „Vor Hausfreunden wird gewarnt“. Der bekannteste, achte ich, sei e „Die Nacht des Leguan“ (1964), aber darin war Richard Burton der Partner von Deborah Kerr.
  • Dass Gary Cooper in Erwägung gezogen wurde, verdeutlicht den Ausnahmestatus dieses Stars: Für einen Familienvater mit einem halbwüchsigen Jungen wäre er viel zu alt gewesen – sein Filmsohn Anthony Perkins in dem wundervollen „Friendly Persuation“ (1955, William Wyler) war bereits beinahe volljährig und selbst in diesem Film wie in allen der späten 1950er, die Cooper gedreht hat, muss man einige Konzessionen machen, was den Unterschied zwischen dem Realalter des Stars und dem (vermuteten) seiner Charaktere angeht. Cooper hatte bis zu seinem Tod nie eine echte Altersrolle gespielt.
  • Die Definition des Begriffes “Sundowner”, die der Film gibt, ist nicht die in Australien übliche. Sie wird zwar sehr wohl für Wanderarbeiter verwendet, aber eher in der Form, dass diese zur Sonnenuntergangszeit auf einer Farm ankommen, dort um ein Essen nachfragen, aber es ist bereits zu spät am Tag, als dass sie das Essen noch abarbeiten könnten. Üblicherweise reisten die Sundowner frühmorgens ab, bevor jemand auf der Farm aufgestanden war und ihm hätte Arbeit geben können.
  • Studioboss Jack L. Warner wollte den Film in Arizona drehen lassen, Fred Zinnemann bestand jedoch auf Originalschauplätzen. Nachdem er wochenlang nur Schafe gefilmt hatte, bevor das Schauspielerteam eintraf, wurde das Wetter so wechselhaft, dass Extra-Drehzeit notwendig wurde. Außerdem wurde Robert Mitchum so von Autogrammjäger:inen verfolgt, dass er sich nur durch Aufenthalt auf einem Boot Ruhe verschaffen konnte.

Finale

„Der endlose Horizont“ ist ein humanistischer, einfühlsamer Film, der sich, positiv ausgedrückt, Zeit für seine Figuren und das Setting und für viele schöne Details nimmt. Vor allem aber hat er etwas Inspirierendes, das dazu anhält, einfach weiterzumachen, selbst wenn die Niederlagen, die Misserfolge, die man sich einfährt, nicht vorrangig in externen Umständen, sondern durchaus im eigenen Mindset zu suchen sind. Die Biografien der erwachsenen Carmodys werden nicht erklärt, niemand erzählt dem Zuschauer, warum Paddy so rastlos ist, während sich der Wunsch von Ida nach etwas Festem und Dauerhaften mehr von selbst versteht und weil sie, das allerdings wird mehrfach erwähnt, ein Symbol für die Frau als Unterstützerin und Stütze ihrer vagabundierenden Männer darstellt.

Das Rollenbild ist sehr klassisch, aber im Australien der 1920er war es gewiss so, dass die meisten Frauen nicht die Alternative hatten, sich in Bürojobs zu etablieren, während die Männer als Schäfer durchs Land zogen. Trotzdem ist die Figur der Ida eine Hymne an das weibliche Geschlecht mitten in einem Patriarchat, das damals nichts anderes war als der übliche Zustand vor allem der ländlichen Gesellschaften.

75/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Fred Zinnemann
Drehbuch Isobel Lennart
Produktion Fred Zinnemann
Musik Dimitri Tiomkin
Kamera Jack Hildyard
Schnitt Jack Harris
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s