West Side Story (USA 1961) #Filmfest 496 #Top250 #DGR

Filmfest 496 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (62) – Die große Rezension

West Side Story ist ein US-amerikanischer Tanzfilm von Robert Wise und Jerome Robbins aus dem Jahr 1961. Er basiert auf dem Musical West Side Story von Leonard Bernstein. Die Liedtexte schrieb Stephen Sondheim, das Libretto Arthur Laurents. Die Produktion der Mirisch Corporation im Verleih der United Artists gewann zehn Oscars.

Wie kann es geschehen, dass ein Film, der zehn Oscars gewann, heute von den Nutzer*innen der IMDb nur noch mit durchschnittlich 7,5/10 bewertet wird? Ein erheblicher Rückgang der Publikumszustimmung muss sich außerdem seit den 2000ern abgespielt haben, denn bis 2001 war der Film in der IMDb-Liste der Top 250 aller Zeiten enthalten und ist damit auch unser entsprechendes Konzept eingegliedert. Ich müsste in diesem Fall nun  darüber spekulieren, was die sinkende Anerkennung dieses Musicals bewirkt hat. In der Rezension für das Filmfest des Wahlberliners wird sich diese Wandlung des Publikumsgeschmacks, falls eine solche hinter der Abwertung steckt, jedenfalls nicht ausdrücken. Und damit zur –> Rezension.

Handlung (1)

Die Handlung ist eine Übertragung von William Shakespeares Tragödie Romeo und Julia in das New York City der 1950er Jahre. Die Liebesgeschichte spielt sich dabei vor dem Hintergrund eines Bandenkriegs rivalisierender ethnischer Jugendbanden ab: der US-amerikanischen Jets und der puerto-ricanischen Sharks. Das Musical beginnt damit, dass sich die Jets und die Sharks auf der Straße begegnen und es zu einer Auseinandersetzung kommt. Diese wird jedoch noch rechtzeitig von Officer Krupke unterbunden (Prolog).

Nach der Ouvertüre sieht man aus der Vogelperspektive die Stadt New York. Die Kamera sucht das Viertel zweier rivalisierender Banden und findet sie auf einem Basketballspielfeld: die „Jets“, weiße Amerikaner unter ihrem Anführer Riff, und die „Sharks“, die aus Puerto Rico zugewandert sind, mit ihrem Anführer Bernardo. Danach setzt der instrumentale Prolog ein, in dem beide Banden sich gegenseitig provozieren. Sie liefern sich eine Art „Tanzduell“, welches fast in eine ernsthafte Schlägerei ausartet. Dem kommt die Polizei zuvor. Lieutenant Schrank und Officer Krupke wollen endlich Ruhe in ihrem Viertel und schicken die Sharks unter Androhung körperlicher Gewalt fort.

Um das Vorgehen im Kampf gegen die Sharks, welche sie endlich verjagen wollen, abzusprechen, halten die Jets eine Krisensitzung ab. Dabei versucht das Mädchen Anybodys, in der Bande Respekt zu gewinnen, was die anderen Mitglieder jedoch abblocken. Im Laufe der Sitzung keimt der Gedanke, Tony, ein erfahrenes Gründungsmitglied, um Hilfe zu bitten, damit er zusammen mit Riff den Anführer der Sharks zur finalen Kampfhandlung herausfordert. Als Verhandlungsort will man den Ball am selbigen Abend nutzen. Riff stimmt am Ende den „Jet-Song“ an, dem sich die anderen begeistert anschließen. Riff geht daraufhin zu Tony und erklärt ihm sein Anliegen. Tony ist zwar nicht begeistert von der Idee – er hat inzwischen Arbeit in Doc’s Drugstore. Jedoch erklärt er sich bereit, am Abend mitzukommen.

Die folgende Szene spielt in der Schneiderstube der Latinos. Maria, die kürzlich nach Amerika gekommene Schwester von Bernardo, ist mit dem Ausschnitt ihres neuen Ballkleides nicht zufrieden. Sie möchte Bernardos Freundin Anita überreden, ihn zu vergrößern. Nachdem sie es jedoch anprobiert hat, ist sie davon begeistert. Bernardo und sein Kumpel Chino, den Maria möglichst heiraten soll, erscheinen und gehen mit den beiden kurze Zeit später auf den Ball.

Auf dem Ball herrscht bei den Latinos zunächst Irritation, weil die Abgesandten der Jets gekommen sind. Bei dem Tanz wird die Stimmung immer ausgelassener, während es unterdessen zu der ersten Begegnung von Maria und Tony kommt. Die beiden sind sofort unsterblich ineinander verliebt. Sie tanzen den „Jump“ und wollen sich küssen. Allerdings sollte Maria mit ihrem zukünftigen Ehemann Chino tanzen und schon gar nicht mit einem Jet. Als Bernardo das Liebespaar bemerkt, wird er wütend und trennt die beiden. Der Ball wird für beendet erklärt und Maria von Chino nach Hause gebracht. Tony geht liebestrunken durch die Stadt und singt „Maria“. Währenddessen treffen sich die Puertoricaner auf einem Hausdach und diskutieren über den Abend. Die Diskussion artet in einem Streit über die neue und die alte Heimat aus. In dem Lied „America“ treten die unterschiedlichen Positionen zum Vorschein, welches Land das bessere sei. Tony konnte inzwischen unbemerkt Maria besuchen. Die beiden singen „Tonight“ und verabreden sich für den nächsten Tag.

Rezension

Zu „West Side Story“ haben wir durchaus eine enge Verbindung, die sicher ein wenig die Wertung der Verfilmung beeinflusst, aber die Verbindung kommt ja nicht von ungefähr, denn die Auswahl bestimmter Musiken und Stoffe resultiert aus dem, was wir schätzen – besonders, wenn es sich dabei um Premieren handelt. „West Side Story“ war das erste Musical, das wir als Tournee-Aufführung in unserer Heimatstadt live angeschaut haben und wir besitzen auch die Doppel-CD, die Leonard Bernstein 1985 mit den Opernstars Kiri Te Kanawa und José Carreras als Maria und Tony noch selbst eingespielt hat. Schon damals waren wir der Meinung: Wunderbar gemacht, selbstverständlich, wenn der Komponist selbst am Werk ist und derlei hochklassige Sänger*innen. Aber die Stimmen sind ein wenig zu schön, alles etwas zu edel für Menschen, die in einem Problemviertel im New York der 1950er Jahre leben. Bei Operretten, die im Bauernmilieu spielen, stört uns das  nicht so, aber die nehmen wir auch nicht so ernst und sie sind auch nicht so ernst gemeint.

Den Film haben wir mehrmals gesehen, jedes Mal mit neuen technischen Aspekten, so jetzt in HD und in einem so guten Stereo, dass auffällt, dass die deutsche Synchronisation nicht nur klanglich abfällt, sondern in Mono gesprochen wurde. Bleibt demnach offen, den Film in restaurierter Qualität im Original zu sehen. Was wir ohnehin empfehlen, denn es ist schon interessant, wie die Liedtexte, die im Original belassen und untertitelt wurden, durch die Untertitelung teilweise genau wiedergegeben werden, stellenweise aber mit kleinen Veränderungen ziemliche Sinnveränderungen erfahren haben. So heißt es im Untertitel von „I feel pretty“ in Deutsch „Ich bin schön“ – was nicht das Gleiche ist und die subjektive Komponente dieses magischen Moments, in dem Maria ihre Verliebtheit bejubelt und gleichermaßen reflektiert, eine etwas andere Tonlage gibt. Einige Passagen, etwa im Song „Officer Krupke“, wurden auf die damals übliche Weise in der deutschen Version etwas entschärft. So heißt es dort in einer Zeile im Untertitel „von der ersten Zigarette bis zum letzten Atemzug“, im Original „from the first cigarette tot he last LSD“, das damals schon eine bekannte Droge war, aber für deutsche Ohren wohl einen zu harten Einstieg in die Welt moderner Suchtmittel und ihrer Anwender*innen bedeutet hätte, zumal die meisten Deutschen 1961 vermutlich noch nicht wussten, was die Abkürzung bedeutet.

Die Welt, die wir in „West Side Story“ sehen, ist trotz eines Liedes wie „Krupke“, in dem bereits auf die Sozialarbeit und die Erklärungsversuche für die Herausbildung von Jugendgewalt eingegangen wird, wie sie heute noch mehr oder weniger üblich sind, ist trotz ihrer Gewalt und immerhin drei durch sie verursachten Todesfällen von Jugendlichen seltsam nostalgisch anzuschauen. Sicher liegt das an der poppig-harmlos wirkenden Kostümierung der Jugendlichen. Man stelle sich dieselbe Sprache, dieselben Tanzbewegungen mit Typen vor, die heutige, wesentlich offensiver wirkende Outfits tragen und in ze Hood leben und dort ihr Ding machen (1). Die Jugendlichen in „West Side Story“ erinnern sehr an die in James Dean’s „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, und sie entstammen derselben Zeit: Der Mitte der 1950er Jahre, als jener Film und auch das Musical „West Side Story“ entstanden. Schon 1961 war das vermutlich nicht mehr der exakte Stand der Dinge bei der Entwicklung der jugendlichen Subkultur in den Großstädten, und am Ende dieses Jahrzehnts des großen gesellschaftlichen Wandels hatten die Jets und die Sharks gewiss schon einen Nostalgiefaktor. Wenn man Großstadtkrimis aus den frühen 1970ern sieht, kann man ermessen, wie erheblich die Dinge sich verändert hatten – allerdings vorausgesetzt, dass die beiden Jugendbanden, die wir in „West Side Story“ sehen, zumindest in ihrer Zeit realistisch waren, und nicht so stilisiert wie der Film im Ganzen sich vorstellt.

Aber er ist auch ein Gesamtkunstwerk, und dieses wurde mit zehn Oscars belohnt, das ist noch heute der vierte Platz hinter „Titanic“ (1997); „Ben Hur“ (1959) und dem dritten Teil der Herr der Ringe-Trilogie (2003), wobei wir keinem der drei Filme eine solche Häufung von Ehrungen zusprechen würden, wenn wir sie mit weitaus weniger bedachten Meisterwerken der Filmkunst vergleichen. Die IMDb-Nutzer bewerten „Westside Story“ heute mit durchschnittlich 7,6/10, das ist gut, aber nicht überragend, etwa im Vergleich zum als bestes Filmmusical aller Zeiten titulierten „Singin‘ in the Rain“ (1952), der auf 8,2/10 kommt und damit auch Eingang in die Liste der Top 250 aller Zeiten gefunden hat. Davon ist „West Side Story“ ein gutes Stück entfernt, denn die Dichte in diesen Punktbereichen ist sehr hoch, erst ab 8,3-8,4 wird die Luft sozusagen ganz dünn.

In gewisser Weise spiegelt dies die Entwicklung vom Beinahe-Oscar-Rekordhalter hin zu einem Film, der 1961 sogar den Starkritiker der New York Times, Bosley Crowther, zu überzeugen wusste, später aber oft weniger enthusiastisch rezipiert wurde, es gab sogar ausgesprochen negative Bewertungen. Wir meinen, zu Unrecht. Wir schreiben sogar an dieser Stelle schon, dass wir „West Side Story“ noch über den von uns sehr geschätzten „Singin‘ in the Rain“ setzen werden, der bis heute die Spitze der von uns rezensierten Filme im Muscial-Fach einnimmt. Obwohl man die beiden Filme schwer miteinander vergleichen kann und wir durchaus der Ansicht sind, dass Gene Kelly durch nichts und niemanden zu ersetzen ist, versuchen wir eine kurze Begründung: „Singin‘ in the Rain“ war die Apotheose des klassischen MGM-Musicals, der Höhepunkt einer langjährigen, konsequenten Entwicklung. Er ist unglaublich witzig und teilweise satirisch, reflektiert sein eigenes Medium auf fantastische Weise, hat den Supersong und Kellys Tanz im Regen, ein solches Einzel-Hilight kann „West Side Story“ nicht vorweisen. Aber das Filmmusical nahm nach „Singin‘ in the Rain“ einen deutlichen Abschwung, nicht so sehr qualitativ wie in der Gunst des Publikums. Es gab keine ernsthafte Innovation mehr in diesem Genre. Bis eben „West Side Story“ kam, der so anders und neu gestaltet war, dass allein dies ihn zu etwas Besonderem macht, wobei der Film durchaus filmische Mittel nutzt, um die zugrunde liegende Bühnenshow noch einmal zu toppen. Die Choreografie ist mehr als je zuvor in die Handlung integriert, das Milieu ist vollkommen anders, es gibt, auch wenn Maria nicht Julia-mäßig stirbt, kein Happy-End, was bei klassischen Filmmusicals obligatorisch war wie in keinem anderen Genre, und noch heute ist der Film auch den Werken überlegen, die während des Musical-Revivals der 1980er entstanden sind, beginnend mit „Fame“ (1980). Die Musik und der Tanz in „Westside Story“  sind mitreißend, das erkennbare Gesamtkonzept den Musicals, die von wenigen guten Songs lebten und deren in der Tat schöne Tanznummern so etwas wie Handlungspausen waren, deutlich überlegen. Die Farb- und Raumkonzeption sind exzeptionell und machen „West Side Story“ auch optisch zu einem Fest wie kein Musical zuvor und wohl auch keines danach. Alles ist Bewegung und lebt von der Spannung, die sich in der Bewegung ausdrückt.

Dass „West Side Story“ auch eine tränenreiche Liebesschnulze ist, wissen wir am besten, und was das an Taschentücher-Verbrauch bewirken kann, haben wir auch beim Wiedersehen zwecks Rezension noch einmal erfahren. Aber natürlich kam die Frage auf, wie das möglich ist, während eines Film, der doch recht naiv scheint, so emotional zu werden. Vermutlich stimmen die grundsätzlichen Parameter und werden zudem auf die Spitze getrieben. Diese erste Begegnung zwischen Maria und Tony im Tanzsaal ist die absolute Umsetzung der Idee von der Liebe auf den ersten Blick, die nicht nach ihrem Grund fragt und nichts als sich selbst sieht. Deswegen wird in diesem Moment auch die Umgebung weg-weichgezeichnet und deren Bewegung angehalten. Das ist wunderbar gemacht und sehr berührend. Für uns bereits der emotionale Höhepunkt des Films. Und, ja, es stimmt schon, was Kritiker auch sagen, dass der großartige Anfang, die Inszenierung einer Imagination von zwei Jugendbanden, im Verlauf mit einer kaum zu übersehenden Sentimentalität konkurrieren muss, dass außerdem das Liebespaar schauspielerisch zumindest die Nebendarsteller von Anita und Leonardo nicht übertrifft – weshalb diese ja auch ihre Oscars erhielten, nicht aber die beiden Hauptdarsteller Nathalie Wood und Richard Beymer. Auch Russ Tamblyn als Top-Tänzer und Anführer der Jets sticht die beiden Protagonisten in den gemeinsamen Szenen aus.

Es gibt sogar Kritiker, die etwa Natalie Woods Darstellung als beinahe marionettenhaft bezeichnen, und sie hat sich mit der Rolle und dem Film auch nicht sehr wohl gefühlt, das ist bekannt. Trotzdem wurde sie damit (endgültig) zum Star und wir können feststellen, dass sie im nachfolgenden „Splendor in the Grass“, den wir kürzlich rezensiert haben, viel mehr zeigt.

Warum hat es uns aber nicht gestört, dass die Nebendarsteller so glänzen und die Hauptdarsteller etwas weniger, dass besonders Maria zudem ein wenig „stagy“ gespielt wirkt? Weil es zu den Figuren passt. Maria und Tony und damit ihre Darsteller sind die Projektionsflächen für unsere romantischen Sehnsüchte, und sie sind dem Schicksal in dieser kruden Welt, in der sie leben, als Liebende beinahe schutzlos ausgeliefert, da hätte es nicht so recht gepasst, wenn sie ebenso temperamentvoll und ein wenig exzentrisch wären wie Leonardo und Anita und in ihrem Wesen allzu viele Widersprüche angesiedelt wären, die Raum für famoses Schauspiel geboten hätten.

Die beiden Liebenden haben die Aufgabe, das Drama auf ihren jungen Schultern zu tragen, die Tragödie letztlich, dazu müssen sie durch ihre Einfachheit und Klarheit von den mehr schattierten Charakteren abgesetzt werden, es darf nicht der kleinste Zweifel an ihrer inneren Reinheit aufkommen. Denn nur diese Reinheit ermöglicht es, ohne intellektuelle Klimmzüge die kulturellen Grenzen nicht etwa mehr oder weniger geschickt oder mit großer Geste zu überwinden, sondern es so scheinen zu lassen, als gebe es sie gar nicht, und zu den einfachen Wahrheiten zu kommen. Wahrheiten darüber, dass die großen Gefühle zwischen Menschen aller Ethnien möglich sind.

Ein Konzept für die Versöhnung von Gruppen unterschiedlicher Herkunft stellt dies allerdings nicht dar, denn es haben viele von deren Mitgliedern schon Erfahrungen oder sogar tradierte Ansichten, welche sie an einer solchen Offenheit hindern. Da reicht es nicht, und da haben die skeptischen Betrachter von „West Side Story“ wiederum Recht, dass am Ende alle zusammen den getöteten Tony gemeinsam davontragen und damit das Ende der Kämpfe signalisieren. Uns vermittelt sich allerdings auch nicht der Eindruck, dass man dies tatsächlich als endgültigen Zustand zeigen wollte – sondern als eine eher vage Chance, die Dinge zu verbessern. Und das könnte wiederum eine Entwicklung werden, die für Rückschläge anfällig ist. Es wird zu Schuldzuweisungen kommen und die Macht alter Klischees wird weiterwirken, wie sie immer zwischen Gruppen weiterwirkt und das Klima erneut vergiften kann.  

Das gehört zu den Stilisierungen dieses Films und bedient zudem klassische Muster perfekt, und wenn es gut gemacht ist oder glaubwürdig wirkt, dann gibt es daran nichts auszusetzen. Zumal es ja so viele andere Figuren gibt, die wichtig sind. Wie es „West Side Story“ schafft, jedem der Jets ein eigenes Gepräge zu verpassen, durch seinen Ausdruck, durch seinen Tanz- und Bewegungsstil, sein Outfit, seine Art zu reden und zu denken, ist sehr kraftvoll und in Verbindung mit den teilweise äußerst anspruchsvollen Tanzszenen wohl das Beste, was es bis heute auf diesem Gebiet gibt. Es gibt wunderbare Beschreibungen darüber, wie zum Beispiel die Jets so choreografiert werden, dass sie aus bestimmten Kameraperspektiven während ihrer Musikszenen als Individuen hervortreten und aus anderen zu einer Einheit, einer echten Gang in Bewegung verschmelzen. Das ist eine der Chancen filmischer Gestaltung, die man hier genutzt hat, um die Expressivität des Bühnenmusicals noch einmal zu steigern.

Weil dies auch ein Musical ist und dieses Genre einst unser Interesse am Medium Film maßgeblich hervorgerufen hat, muss eine wichtige Zusatzinfo sein:

Wie bei Musikfilmen aus dieser Zeit häufig der Fall, wurden die Hauptrollen mit bekannten Schauspielern besetzt und der Gesang von Sängern (in der Regel Opern- oder Musicalsänger) gedoubelt. Den Part der Maria übernahm die amerikanische Sopranistin Marni Nixon, die auch Audrey Hepburn in My Fair Lady und Deborah Kerr in Der König und ich ihre Stimme lieh sowie Marilyn Monroe in Blondinen bevorzugt in dem Lied Diamonds Are a Girl’s Best Friend in den hohen Tonlagen unterstützte. In der Rolle des Tony ist Jim Bryant zu hören. Rita Moreno sang als Anita ihre Lieder selbst, mit Ausnahme des Liedes A Boy Like That, in welchem sie von Betty Wand synchronisiert wurde. Die Sängerdouble wurden weder im Filmabspann noch auf den dazugehörigen Schallplatten-Alben genannt. Erst bei späteren Auflagen des Soundtracks auf CD sind die Namen aufgeführt.

Eine Relativierung muss nun auch leider wieder sein. Nur Natalie Wood hatte damals dank ihrer Mitwirkung in Filmen wie „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ an der Seite von James Dean schon einen hohen Bekanntheitsgrad, die anderen Darsteller*innen wurden für diesen Film vor allem wegen ihrer Tanzkünste ausgesucht und waren hauptsächlich am Theater tätig. MGM, das noch zu Beginn der 1950er eine große Anzahl von Tänzer*innen an Bord hatte, die gleichzeitig Star-Status besaßen, war Mitte der 1950er vom Tanz-Musical abgekommen. Das einzige „Überbleibsel“ aus dieser Zeit der All-in-One-Ausbiludng, die oft auch die Fähigkeit beinhaltete, sich sozusagen selbst zu singen, ist in „West Side Story“ Russ Tamblyn – wenn man von Natalie Wood absieht, die als Kinderstar bei MGM begann, die zwar tanzen konnte, aber ihre Jugendlichen-Hauptrollen von Beginn an nicht in Musicals hatte.

Finale

West Side Story“ gehört zu den Filmen, die für uns nichts von der Faszination verloren haben, die sie beim ersten Anschauen auf uns ausgeübt hatten, eher im Gegenteil. Das kommt nicht so häufig vor,

Gerade bei Musicals, die sozusagen unser Einstiegsgenre in die Befassung mit dem Medium Film waren, weil wir immer schon eine Schwäche für Musik, Rhythmus, präzise Choreografie von Gruppen und schöne Kostüme hatten. Die inhaltlichen Schwächen der meisten klassischen Filmmusicals haben mittlerweile für eine Relativierung unserer Ansicht zu ihnen gesorgt, wir haben das besonders deutlich an „Ein Amerikaner in Paris“ und einigen anderen einst heiß geliebten Filmen gespürt, die doch ein wenig den Zahn der Zeit zu spüren bekamen.

Sicher ist auch „West Side Story“ mit seiner Darstellung der Jugend einer ganz bestimmten, kurzen Epoche zwischen der Entstehung des Rock’n Roll und dem Ende der Versöhnungszeit der Kennedy-Ära sehr zeitgebunden. Und doch wirkt die sprachlich einfach gehaltene Adaption von „Romeo und Julia“ über diese Zeit hinaus und natürlich wirken auch die gezeigten interkulturellen Konflikte bis heute und halten den Stoff aktuell. Man könnte die Protagonisten und ihre Umwelt ohne Weiteres durch ein türkisches Mädchen in Berlin und einen „biodeutschen“ Geliebten ersetzen und ein Ehrenmord-Musical mit schrecklichem Ende daraus machen (2).

Und wir sind gar nicht sicher, ob so etwas nicht auch Erfolg hätte, wenn man die Kraft besäße, ehrlich zu sein und nicht alles mit künstlich schmeckender Harmoniesoße zu übergießen. So etwas auf die Bühne zu bringen, wäre hoch politisch, sicher noch mehr, als „West Side Story“ 1961 auch als sozialer Kommentar gedacht war, und ginge weit über nette Sachen wie „Hinter dem Horizont“ oder den hiesigen Klassiker „Linie 1“ hinaus, die ein durchaus verklärtes Bild der Wirklichkeit vermitteln. Die Frage, wenn man dies weiterspinnen will, ist allerdings, welche Musik man dabei verwenden sollte. Gangsta-Rap? Bitte nicht.

89/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Mittlerweile kann man dazu auch auf deutsche Serien wie „4 Blocks“ verweisen.
(2) Kürzlich habe ich in den deutschen Film „Nur eine Frau“ hineingeschaut, in dem es genau um dieses Thema geht und der zur Zeit des Entwurfs dieser Rezension noch nicht gab. Ich hatte leider nicht die Stimmung oder Konzentration, ihn zu Ende zu schauen, weil ich zufällig beim Umschalten von Aufzeichnung auf Live-TV darin „hängengeblieben“ bin, aber werde das demnächst tun und ihn für den Wahlberliner rezensieren. Der Film ist ganz und gar unmusikalisch und unromantisch, eher trocken, unsentimental und die Liebesbeziehung zwischen einer Türkin und einem Deutschen ist nur ein Aspekt von mehreren, die zu einem Ehrenmord seitens der Familie der jungen Frau führen – zu einer Tat, die im Berlin der 2000er Jahre tatsächlich stattgefunden hat.

Regie Robert Wise
Jerome Robbins
Drehbuch Ernest Lehman
Produktion Robert Wise
Musik Leonard Bernstein,
Bearbeitung: Saul Chaplin
Kamera Daniel L. Fapp
Schnitt Thomas Stanford
Besetzung

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