Der Rettungsschwimmer – Polizeiruf 110 Episode 79 ::::: #50JahrePolizeiruf110 ::::: #Crimetime 995 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Rügen #Stralsund #DDR #Hübner #Rettungsschwimmer

Crimetime 995 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / DRA /  ARD, Herbert Schulze

Eine mit untauglichen Mitteln vintagisierte Luftmatratze

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung im Juni 2021

Am 27.06.2021 wurde der erste Film der Krimireihe Polizeiruf 110 erstmals im Fernsehen der DDR ausgestrahlt: „Der Fall Lisa Murnau“. Deswegen seht unsere Beiträgerubrik „Crimetime“ aktuell im Zeichen des 50-jährigen Jubiläums.

Polizeirufe werden immer noch gedreht, obwohl in der Nachwendezeit beinahe das Aus für das Flaggschiff unter den DDR-Krimis gekommen wurde, der seinerseits eine Antwort auf die Reihe „Tatort“ darstellte, die im vergangenen Jahr ihr Fünfzigstes feierte. Wegen des Jubiläums schalten wir im Juni unsere Veröffentlichungen zu Polizeiruf-Filmen in kürzerer Abfolge als üblich und beschäftigen uns auch außerhalb der Kritiken zu einzelnen Episoden mit dem Phänomen „Polizeiruf“, dies wird vor allem in der letzten Juniwoche der Fall sein.

Rezension 2020

Gibt ein Rettungsschwimmer wirklich dem Racheimpuls nach, wenn er sieht, dass jemand ertrinkt, den er kennt und mit dem er eine Rechnung offen zu haben glaubt? Jemand, der so tickt, sollte vielleicht nicht Rettungsschwimmer werden, aber eine psychologische Eignungsprüfung für diesen Job gibt es nach meinem Wissen bzw. meinem etwas veralteten Stand, das Rettungsschwimmwesen betreffend, nicht. Wie aber konnte es soweit kommen? Das erläutert, vielfach mit Rückblenden, der 79. Polizeiruf und mehr darüber steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Vor der Ostseeküste gerät eine junge Frau in Schwierigkeiten und droht zu ertrinken. Zwar reagiert der Rettungsschwimmer Heinrich nach einer Weile und holt die Frau an Land, doch kommt die Hilfe zu spät. Die Frau stirbt wenig später im Krankenhaus. Die Untersuchung des Falls wird Unterleutnant Daimler übertragen. Er hatte den Sommer lang Unterstützung von Oberleutnant Jürgen Hübner erhalten, der eigentlich am Tag des Unfalls abfahren wollte. Nun erkennt Jürgen Hübner, dass beim vorgeblichen Unfall etwas nicht stimmt, und verschiebt seine Abreise.

Bei der Toten handelt es sich um Heike Merten. Für ihren Verlobten Hans steht fest, dass Rettungsschwimmer Heinrich sie umgebracht hat. Die Ermittler erfahren, dass Heinrich mit Heike eine Affäre hatte und die Verbindung zu Hans zerstören wollte. Heikes beste Freundin Lilo sagt wiederum aus, dass Heike sich am Vortag von Hans getrennt habe. Sie wollte nach Berlin ziehen und dort Stoffgestaltung studieren. Erst am Vortag ihres Todes hatte sie die Zulassungspapiere unterschrieben. Heike hatte sich die Entscheidung für ein Studium nicht leicht gemacht. Sie stand zwischen zwei Männern – dem älteren Hans, der sie in einem goldenen Käfig hielt und bei dem sie sich zunehmend eingeengt fühlte, und bei Heinrich, der in ihrem Alter war, jedoch sofort überstürzt sein altes Leben hinter sich lassen wollte, um mit ihr zusammenzuleben.

Hans sucht Heinrich auf und beschuldigt ihn des Mordes an Heike. Die gerichtsmedizinische Untersuchung ergibt leichte Würgezeichen unterhalb des Halses; Heike war zudem von Heinrich schwanger. In Heinrichs Rettungsschwimmerturm finden die Ermittler den Lippenstift von Heike. Sie war beim Unfall mit einer Luftmatratze unterwegs gewesen, die die Ermittler bergen können. Es handelte sich dabei nicht um Heikes eigene Luftmatratze. Mittel- und Fußteil waren beschädigt und hatten zum Zeitpunkt von Heikes Seenot keine Luft mehr. 

Die Ermittler vermuten, dass die Matratze zur Rettungsschwimmerausrüstung von Heinrich gehört, doch der präsentiert beiden seine Luftmatratze. Sie erweist sich bei der Untersuchung als künstlich auf alt gemachte Neuware. Erst jetzt gibt Heinrich zu, sich am Unfalltag mit Heike gestritten zu haben. Er wollte spontan mit ihr schlafen, doch sie wehrte sich und trennte sich von ihm. Sie hielt ihm vor, dass er erst einmal erwachsen werden soll. Im Gerangel gingen Teile der Luftmatratze kaputt. Wenig später holte sich Heike die Matratze, um rauszuschwimmen, und Heinrich blies sie neu auf. Als Heike weit vom Ufer entfernt von der nun luftleeren Matratze rutschte und panisch um Hilfe schrie, wartete Heinrich bewusst einige Zeit, um ihr seine Männlichkeit und Kraft zu beweisen, ohne die sie verloren wäre. Als er sich schließlich zur Rettung entschloss, war es zu spät.

Rezension

In der IMDb gibt es für deutsche Fernsehfilme, speziell für solche älteren, immer nur wenige Wertungen, aber 4,8/10 sind das niedrigste, was ich bisher gesehen habe. Bei gegenwärtig 19 Stimmen mag das nicht repräsentativ sein, aber es gibt einen Hinweis darauf, dass Zuschauer der heutigen Generationen mit dem Film Probleme haben. Dieses Werk ist auch etwas vertrackt, das muss man zugeben.

Die Handlungsbeschreibung wirkt, als seien die Männer auf die eine oder andere Weise unfähig, eine Frau angemessen zu behandeln, dabei wird aber weggelassen, dass Heikes Eltern nicht ohne Grund in dem Film eine Rolle spielen: Sie ist Mitte 20, probiert sich aber ständig aus, kann sich nicht entscheiden, und das liegt, so darf man annehmen, daran, dass ihr Vater sie sehr nachgiebig behandelt hat, womit ihre Mutter zwar nicht immer einverstanden war, aber sie hielt nicht dagegen. Nicht, dass nicht viele Menschen ein Leben lang Entscheidungsprobleme hätten, aber im Sozialismus wurde dieses Lavieren besonders ungern gesehen. Ganz ungewöhnlich auch, dass sie in einer Szene offen sagt, sie brauche keine Anleiterin oder Aufpasserin (sinngemäß), „auch keine sozialistische“ (wörtlich). Gemeint ist in der Szene ihre Freundin Lilo, die doch nur das Beste für Heike will, eine vorbildliche Arbeiterin ist und ihrerseits kein Aufhebens darum macht, dass Heike ihr den Ingenieur Hans weggenommen hat.

Die Hellblonde von den beiden Blondinen ist eindeutig die verantwortungsbewusste sozialistische Vorzeigefrau – in größeren Ostbetrieben gab es ja auch Vertrauens- oder Ombudsleute, die in der Tat die Aufgabe hatten, sagen wir mal, sich ein wenig um das Privatleben ihrer Kolleg*innen zu kümmern und diese in der Spur zu halten, man kann diese Stellung nicht mit Betriebsräten in Westdeutschland vergleichen, sie war viel offensiver oder interventionistischer ausgelegt. Ob Lilo offiziell eine solche Stellung hat, wird nicht gesagt, andererseits ist sie mindestens Vorarbeiterin oder Abteilungsleiterin. In dem Film wird das eine oder andere vorausgesetzt, nicht erklärt, was heute nicht mehr Basiswissen ist, zumindest nicht, wenn man aus dem Westen kommt, das macht die eine oder andere Einordnung etwas schwierig.

Der Handlungsbeschreibung entspricht es aber, dass die Männer auch keine gute Figur abgeben – Hans ist schlicht zu alt und zu verkopft für die lebenslustige und experimentierfreudige Heike, er hat sich sozusagen eine schematische Toleranz zugelegt, die aber nicht trägt, als er Angst hat, sie zu verlieren – und Heinrich beweist durch seine waghalsigen Aktionen und seine ausgeprägte Ich-Bezogenheit, dass er wohl eher der grüne Heinrich ist als ein Mann, der Heike als Persönlichkeit zu erfassen in der Lage ist. So ist es ein Zeichen ihrer eigenen Reifung, dass sie auf Abstand zu den beiden Männern gehen und in Berlin studieren will. Wenn man so will, doch den Weg gehen möchte, den die gute Freundin ihr ebnet, indem sie sich dafür einsetzt, dass Heike studieren darf.

Diese weibliche Initiationsgeschichte endet für die Protagonistin leider tödlich, weil bei einem der Männer wieder sein Hang zum Vabanque-Spielen durchkommt und er sie mindestens fahrlässig tötet und außerdem aufgrund seiner Stellung als Rettungsschwimmer gegenüber einer in Seenot geratenen Person, die zudem in seinem Einsatzbereich verunglückt, auch ein unechtes vorsätzliches Unterlassungselikt begangen haben könnte. Wenn er schon die Luftmatratze manipuliert, hätte er wenigstens sofort rausschwimmen müssen.

„Der Rettungsschwimmer“ ist nur 68 Minuten lang, aber trotzdem hat er eine gar nicht so leicht zu verstehende Handlung, die nur anhand vieler Rückblenden erläutert werden kann. Da man die Rückblenden optisch nicht absetzt oder den Wechsel sonst kenntlich macht, ist bei dem Film eine gewisse Aufmerksamkeit vonnöten, um dranzubleiben. Es wird auch nur einer der Anker-Ermittler eingesetzt, Jürgen Hübner, das weist, neben der kurzen Spielzeit, auf eine „kleine“ Produktion hin, die sich bezüglich des Aufwandes etwas von den prestigeträchtigeren Polizeirufen unterscheidet. Für ein paar Jahre war auch das Filmen in Schwarz-Weiß oder Farbe ein gutes Indiz für die Zuordnung, Anfang der 1980er freilich nicht mehr.

Warum der Film so wenig geschätzt wird, erschließt sich aus dem bisher Geschriebenen freilich nicht. Es könnte daran liegen, dass die gezeigten Charaktere recht schwierig sind und die Handlung so aufgebaut, dass der Spannungsbogen nicht sehr elegant ausfällt. Immer wieder die kurzen Unterbrechungen für Szenen, die nach Heikes Tod spielen, damit die Ermittler überhaupt ins Bild kdommen, der lange Anlauf bis zur Tat – aber ganz nachvollziehen kann ich diese überwiegend negativen Ansichten zum 79. Polizeiruf nicht. Er zeigt etwas, was sicher in den kommenden Jahren noch mehr in den Vordergrund gerückt werden wird, nämlich eine beachtliche Vielschichtigkeit der Figuren und eine verzwickte Konstellation, die ziemlich realistisch wirkt. Im Laufe der 1980er wird sich die Linie ohnehin durchsetzen, dass sich Verbrechen mehr aus Konfliktsituationen heraus ergeben, die nicht gelöst werden konnten, als dass asoziale Typen Serien von Vermögensdelikten begehen, in deren Verlauf es leider zu einer ungewollten Tötung oder schweren Körperverletzung kommt.

Finale

„Der Rettungsschwimmer“ bemüht sich, etwas von etablierten Schemata wegzukommen, wirkt dabei stellenweise etwas verkrampft. Die Darsteller, so mein Eindruck, können mehr, als sie hier stellenweise zeigen, an Oberleutnant Hübner kann man das aber leider nicht festmachen, weil er, bis auf wenige Ausnahmen, von Jürgen Frohriep ohnehin sehr dezent gespielt wird. Aber es ist ein Fall für ihn, ganz klar, nicht für den kernigeren Hauptmann Fuchs, denn dieses Diskutieren mit dem örtlichen Ermittler und die Einfühlung in die Menschen, die Rückschlüsse auf mögliche Motive zulässt, das wirkt bei ihm recht authentisch. „Der Rettungsschwimme“ ist für die Verhältnisse der Zeit nicht nur ein kurzer, sondern auch ein „kleiner“ Polizeiruf, in dem von den Star-Ermittlern nur Oberleutnant Hübner mitwirkt. Auch die Besetzungsliste ist nicht so prominent bestückt wie bei vielen anderen Filmen der Reihe.

Trotz einiger Schwächen und unter der Annahme, dass der Filmtitel nicht so gemeint ist, dass wir hier einen typischen Rettungsschwimmer sehen, trotz des Umstandes, dass der Titel schon den Täter verrät und Angehörige von Helferberufen als Delinquenten ein besonders unangenehmes Gefühl hervorrufen, wenn sie sich aus persönlichen Gründen unprofessionell verhalten, ist „Rettungsschwimmer“ nicht uninteressant.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Lothar Hans
Drehbuch Percy Dreger
Produktion Helga Lüdde
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Hans-Jürgen Reinecke
Schnitt Karola Mittelstädt
Besetzung

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