Rückspiel – Tatort 514 #Crimetime 994 #Tatort #Köln #Leipzig #Ballauf #Schenk #Ehrlicher #Kain #MDR #WDR #Rückspiel

Crimetime 994 - Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Das Käse-Senfbrötchen bringt es an den Tag

Die Wurstbraterei, zwischen ihr und dem Kölner Dom liegt nur der Rhein, ist ein magischer Ort. Besonders, wenn sich dort vier und nicht nur zwei Polizisten versammeln, zwei davon aus Leipzig. Stopp. Die Erleuchtung kam gar nicht dort, sondern in einem Lokal mit Kölner Spezialitäten. Hier keine Bewertung der Esskultur in NRW, aber Senf und Käse auf demselben Brötchen, das dazu noch angebrannt aussieht … so geht das in diesem Film immer weiter, weil den Ossis so viel erklärt werden muss. Manchmal ist es ermüdend, so sehr, dass man irgendwann nicht mehr zuhört und sich das ganze Lokalkolorit-Mansplaining nicht mehr merkt. Die Absicht war sicher eine gute, vor 18 Jahren, zur Wiedervereinigung beizutragen: Der eigenbrötlerische Bruno und der nahrhafte Freddy sind ja auch nur Menschen. Und wie war’s sonst mit dem 514. Tatort? Das klärt sich in der -> Rezension.

Handlung

Zwei auf den ersten Blick zunächst nicht zusammenhängende Fälle führen die Leipziger und Kölner Kripo erneut zusammen. In Leipzig wird eine Mitarbeiterin des Kunstmuseums erschossen – ein Eifersuchtsdrama? Hauptkommissar Kain beginnt in Leipzig die Beschattung ihres Liebhabers und findet sich unvermittelt in Köln wieder. Am selben Abend werden die Hauptkommissare Max Ballauf und Freddy Schenk zu einer Autobahn-Raststätte in Köln gerufen. Hier hat eine Schießerei an einem Sicherheitstransporter stattgefunden. Gerade noch können Ballauf und Schenk einen der mutmaßlichen Täter stellen. Während der Festnahme entpuppt er sich jedoch als ihr Kollege Kain aus Leipzig. Schnell ergibt sich, dass nicht nur der Fahrer erschossen, sondern auch zwei wertvolle Kunstwerke aus dem Transporter gestohlen wurde.

Was in Leipzig als Eifersuchtsdrama begann, scheint in Köln als Kunstraub zu enden. Oder ist es gar ein Versicherungsbetrug? Völlig im Unklaren bleibt jedoch, warum der Fahrer sterben musste. Und wo ist sein Beifahrer? Die gemeinsamen Ermittlungen führen die Kölner und Leipziger Hauptkommissare in eine russische Gaststätte und in das Kölner Diözesanmuseum. Hauptkommissar Bruno Ehrlicher wagt sich in einen gefährlichen Undercover-Einsatz – ohne seine Kollegen darüber zu informieren. Dem Quartett wird klar, dass sie nur als Team den verworrenen Fall lösen können. Aber nichts ist so wie es anfangs schien. Welche Zusammenhänge gibt es zwischen den Morden in Leipzig und Köln und dem Kunstraub?

Rezension

Umpf. Nochmal zu Käse und Senf. Man braucht schon einen seltsam schmeckenden Brotbelag, um darauf zu kommen, dass das, was aussieht, wie ein Eifersuchtsdrama, zu einem Kunstraub gehört und dass das, was nach einem Kunstraub aussieht, ein Eifersuchtsdrama darstellt. Der Kunstraub ist sozusagen ein Mitnahmeeffekt, bei letzterem Delikt, das sich in Köln zuträgt. Aber dieses Kompetenzgerangel. Das gab es ja in Leipzig (in „Quartett in Leipzig“) auch schon, aber in Köln haben eben die Kölner die Hosen an. Immer wieder beschlich mich das Gefühl, dass die wackeren und erprobten Kommissar-Darsteller, alle vier, mit diesem Film nicht besonders gut klarkamen. Ob die vier Darsteller einander leiden konnten oder nicht – vielleicht ließe sich ein Statement zu dem Gemeinschaftsdreh googeln, aber wer sagt in sochen Interviews schon die Wahrheit?

Ich interpretiere das Gequälte bei Klaus J. Behrendt und Bernd Michael Lade eher so, dass dieser künstliche Konflikt genervt hat, auch Peter Sodann wirkt im direkten Gespräch mit den Kölnern etwas flach und nicht ganz in seinem Element, einzig bei Dietmar Bär bemerkte ich kaum einen Unterschied zu seinen sonstigen Freddy-Darstellungen. Die Episodendarsteller haben das Problem nicht, dass man sie etwas aus ihrem Setting nimmt und ihnen damit Probleme verursacht, sie spielen einigermaßen souverän, ohne zu übertreiben oder hervorzustehen. Gerade wegen seiner Fülle, dem komplizierten Fall, dem Ost-West-Ding, wirkt der Film dramaturgisch nicht sehr ausgefeilt und emotional nicht gerade einnehmend. Man kann sich nicht einmal mit den üblichen Identifikations-Cops identifizieren, weil sie als Quartett etwas neben der Spur wirken.

Dieses Leipzig-Köln-Crossover blieb denn auch für lange Zeit das letzte. Danach spielten in „Das Team“ alle WDR-Tatortkommissare mal zusammen, aber das war ein Sonderfall von einem – teilweise – Impro-Tatort, den 1000. Tatort hatte natürlich der NDR für sich, mit dem die Reihe 1970 startete und in „Taxi nach Leipzig“, der titelseitig jenem allerersten Film der Reihe gleicht, konnte man Lindholm und Borowski zusammen sehen – aber erst jetzt wird wieder ein senderübergreifender Film gemacht – den Arbeitstitel kenne ich noch nicht, aber die Münchener Batic und Leitmayr und das Dortmunder Team sollen zusammen spielen. In gewisser Weise ergibt das Sinn, denn die Bavaria, welche die Bayern-Tatorte für den Bayerischen Rundfunk fertigt, dreht z. B. auch für Köln, mit ihrer Tochter Colonia Media. Die Erwähnung ergibt Sinn: Denn für „Rückspiel“, der überhaupt kein Fußballtatort ist, arbeiteten die Saxonia Media und die Colonia Media zusammen – beide hatten damals ein recht ähnliches Logo, sind aber nicht miteinander verbunden. 

Der Film beinhaltet schlicht zu viele Elemente und verliert dadurch die Konzentration. So sehr, dass es mir genauso ging und ich daher keinen Überblick über mögliche Drehbuchprobleme geben kann. Wie immer, wenn ich beim Rezensieren ähnlich runterfahre wie die Schauspieler hier teilweise lustlos wirken, kann ich bei den Tatorten einen Blick in die Kommentare des „Fundus“ werfen, für die Polizeirufen gibt es leider keine entsprechende Fundgrube. 

Nun, es hängt viel davon ab, wie man den Ost-West-Clash bewertet, denn der Fall selbst wird auch von den Fundus-Nutzern nicht als das Gelbe vom Ei empfunden. Zu weit hergeholt, zu unzentriert, zieht nicht rein. Wenn man dann, wie ich, den Humor und auch das Ausloten des allerletzten Ost-West-Klischees 30 Jahre nach der Wende und in einer Lage, in der Gefahr für die gerade mal halbwegs etablierte Demokratie sehr stark vom Osten ausgeht, nicht mehr sehen mag, weil hinter vielen Verhaltensweisen, die man bei allen vier Kommissaren hier sieht, ein veraltetes Menschenbild und patriarchalisches Denken erkennt, die mangelhafte Teamfähigkeit als symbolisch nicht nur für die immer noch anhaltenden Friktionen zwischen Ost und West, sondern für den allgemeinen gesellschaftlichen Zustand nimmt, zudem noch aus allen möglichen Gründen keinen Bock hat, sich perfekt einzulassen auf einen Film, der emotional so unansprechend gestaltet ist, wird’s schwierig. 

Finale

Der erste der beiden Kooperationsfilme Köln-Leipzig, „Quartett in Leipzig“ gilt als der beste aller Ehrlicher-Kain-Filme, ausgerechnet – denn den haben sie ja nicht allein gestaltet, in der Köln-Anthologie würde er mit derzeit 7,31/10 auf Rang 15 liegen. Es gibt also zwischen dem Hin- und dem Rückspiel auch nach Meinung anderer einen deutlichen Qualitätsunterschied, was aber noch nicht erklärt, warum ich bei „Rückspiel“ immer eine 5 vor Augen sehe, wenn es um die Punktzahl geht. Weitere Aufklärung erbringt aber der Blick in die Rezension von „Quartett in Leipzig“ – es ist einfach nur so, dass alles, was mich an dem Film schon gestört hat, in „Rückspiel“ noch einmal ausgeprägter ist. Für „Quartett“ habe ich 7/10 vergeben, also weniger als der Durchschnitt der Fundus-Nutzer, in der Regel liegen die Bewertungen bei uns eher etwas höher, weil nur in Ausnahmefällen weniger als 5/10 vergeben werden. 

5,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Nach dem Quartett in Leipzig

An „Quartett in Leipzig“ erinnere ich mich gut – ach, der alte Ost-West-Gegensatz. Aber „Rückspiel“ wird interessanterweise seltener wiederholt und ist der dritte Schlag unter den heutigen Ausstrahlungen – gemeint ist der 17. Juni 2020. Die Rezension zum Altberliner Tatort „Rattennest“ war noch nicht veröffentlicht, musste erst vorbereitet und etwas geändert werden, zu meinem Erstaunen gab es auch keine Kritik zum Saar-Krimi „Heimatfront“ und nun geht’s zum nächsten Vorschau-Artikel, dem Platzhalter für die Rezension zu einem Film, den ich mit ziemlicher Sicherheit noch nie gesehen habe und heute Abend, wie „Heimatfront„, ebenfalls aufzeichnen werde.

Von den vielen Köln-Tatorten sind ohnehin noch einige offen, die Hoffnung liegt dabei auf der ARD-Mediathek: Der WDR bestückt die Mediathek sehr bereitwillig, ebenso wie der NDR, aber ich habe noch nicht nachgeschaut, ob tatsächlich alle Köln-Tatorte dort eingestellt sind.

Über Ballauf und Schenk zu schreiben, heißt beinahe, Eulen nach Athen zu tragen. Kein anderes Ermittlerteam habe ich so hervorgehoben, ihre Wichtigkeit für die gesamte Tatort-Reihe betreffend. Freilich ist das subjektiv, aber es hat sich nichts daran geändert, dass der Abschied von ihnen emotional der größte Verlust von allen wäre.

Je schräger die Teams aufgestellt wurden, die neu hinzukamen, desto wichtiger wurde die relative Normalität der beiden. Relativ deshalb, weil sie in ihren Anfangsjahren zu den progressivsten Ermittlern zählten. Das Filming der Köln-Schiene war für die späten 1990er modern und Freddys Probleme mit der Vergangenheit und Maxens Rückkehr aus den USA die bis dahin explosivste Mischung, die gleichwohl dem beim WDR von Beginn an etablierten Muster folgte, relativ viel Privates von den Cops zu zeigen.

Da ich ohnehin den „Fundus“ geöffnet hatte, habe ich nachgesehen, wie „Rückspiel“ bewertet wird: Er liegt derzeit auf Platz 50 von 77 Köln-Tatorten und auf Rang 459 von 1148 in der Gesamtwertung (Stand 21.08.2020). Was also bei den Kölnern noch gerade am unteren Ende des zweiten Drittels angesiedelt ist, gilt bei über 1.100 Tatorten aus 50 Jahren als leicht überdurchschnittlich. Das entspricht der Beliebtheit der Fälle von Freddy Schenk und Max Ballauf – allerdings gibt es einen Unterschied zum Bayern-Duo Batic-Leitmayr, das als einziges mit den beiden Rheinländern vergleichbar ist: In München haben sie zuletzt noch einmal eine Offensive mit Filmen gestartet, die sehr gut ankamen, während der letzte Köln-Auftrieb mit den beiden Tatorten „Franziska“ und „Ohnmacht“ schon ca. 7 Jahre zurückliegt.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Kommissar Kain – Bernd Michael Lade
Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Annette Baumann – Katrin Saß
Franziska – Tessa Mittelstaedt
Dusja Samarantowa – Mirijam Agishewa
Olga Samarantowa – Sabine Grabis
Julius Brauer – Stefan Gebelhoff
Ron Finck – Lars Gärtner
u.a.

Regie – Kaspar Heidelbach
Kamera – Kay Gauditz
Buch – Wolfgang Panzer
Szenenbild – Claus Kottmann

 

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