Doktor Schiwago (Doctor Zhivago, USA / GB / IT 1965) #Filmfest 497 #Top250

Filmfest 497 Cinema - Concept IMDb Top 250 of All Time (64)

Doktor Schiwago ist ein episches Liebesdrama unter Regie von David Lean aus dem Jahr 1965. Das Drehbuch wurde von Robert Bolt nach dem gleichnamigen Roman von Boris Leonidowitsch Pasternak geschrieben. Erzählt wird die Geschichte eines Arztes im Russland der Revolutionszeit, der sich zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen fühlt. Den zeitgeschichtlichen Hintergrund bilden der Erste Weltkrieg, die Oktoberrevolution 1917 und der anschließende Bürgerkrieg. Während bei Pasternak das persönliche Erleben der gesellschaftlichen Umwälzungen im Vordergrund steht, rückt im Film die Liebeshandlung in den Vordergrund. Das sehr umfangreiche Personal des Romans wird auf wenige Figuren reduziert und viele Situationen des Romans erscheinen im Film in ganz anderen Zusammenhängen. Die Hauptrollen spielen Omar SharifJulie ChristieGeraldine ChaplinRod Steiger und Sir Alec Guinness. Der mit hohem Budget realisierte Film war an den Kinokassen weltweit sehr erfolgreich und erhielt fünf Oscars.

Da haben wir es wieder: 11 von 10 Punkten. Vor lauter Begeisterung die einfachsten Bewertungsregeln vergessen. So war das im Jahr 1989, mittlerweile würde das nicht mehr vorkommen. Gleichwohl, es gibt eine neuere Sichtung, die zum gegebenen Zeitpunkt eine Version „497.1“ dieser Rezension hervorbringen wird und vermutlich wird auch dann die Bewertung um 90/100 liegen. Das Buch habe ich vor sehr langer Zeit gelesen. Trotzdem meine ich, mich erinnern zu können, dass die Verkürzung und die veränderte Akzentuierung dem Film eher gutgetan haben. Eine Verkürzung ist ohnehin notwendig, wenn man keine umfängliche Fernsehserie aus einem solchen Stoff machen will. David Lean hat schon mit „Lawrence von Arabien“ (1962) bewiesen, dass er aus einem Schicksal und einer kargen Umgebung ein Epos machen kann, ebenso kann man einen fülligen Stoff sinnvoll verdichten.  Von 1999 bis 2007 war der Film in der Top-250-Liste der IMDb vertreten, daher ist er eine Position in unserem Konzept, alle international bekannten Filme, die jemals in dieser Liste enthalten waren, fürs Filmfest zu rezensieren. Die IMDb-Nutzer*innen geben immer noch 8/10 für „Doktor Schiwago“, womit er nicht weit vom (Wieder-) Einstieg in die Liste entfernt ist (gegenwärtig möglich ab 8,1/10).

Die zeitgenössische Kritik war in Europa eher verhalten, eine möchten wir schon für die Kurzkritik, die aus dem „internationalen Filmverzeichnis Nr. 8“ von 1989 resultiert und oben abgebildet ist, herausgreifen, weil sich daran eben zeigt, wie unterschiedlich man Dinge wahrnehmen kann, auch wenn man relativ häufig und mit einem doch geübten Auge auf Kinostücke schaut:

„Der verschwenderisch ausgestattete Film wurde zum größten Teil in Spanien gedreht (…) und wurde von Lean mit der gewohnten Finesse inszeniert. Aber die großen Ereignisse des Romans gehen, ebenso wie seine Hauptthemen vom Schicksal und der überragenden Bedeutung des Individuums innerhalb der Gesellschaft, in einem Wust von Einzelepisoden verloren. Ebenso verheerend wirkt die formlose Kitschmusik von Maurice Jarre. Was aber den Mammutfilm über all dies hinaushebt, sind die hervorragende Fotografie von F. A. Young und die Schauspielkunst einiger Darsteller.“ – rororo Filmlexikon[9]

Kann man in Spanien das eisige Russland simulieren, das man im Film überwiegend zu sehen bekommt? Nein, das ist es nicht, was wir anhand dieser Meinung klären möchten. So episodisch-wustmäßig ist der Film gar nicht angelegt, auch wenn er notabene Zeitsprünge machen muss, um das Schicksal von Juri und Lara zu verfolgen, dies aber tut er konsequent und anders kann man einen solchen Film nicht aufbauen, wenn er ein Massenpublikum über mehr als drei Stunden bei der Stange halten soll. Das Buch ist aus guten Gründen nach der Hauptfigur benannt, weil an ihrem Beispiel der Wandel der Zeiten vorgeführt wird, der im Film auch deutlich spürbar wird.

Dass jemand den Score von Maurice Jarre so bewertet wie oben zu lesen, ist ziemlich krass; er wurde nicht umsonst eine der berühmtesten Filmmusiken, die immer wieder für Compilations der „Best of the Best“ neu eingespielt werden. Die führende Balalaika ist nicht kitischig, sie hat eine zentrale Bedeutung für den Protagonisten und daher liegt es nah, die Musik auf ihrem Klang aufzubauen. Dass das Hauptthema in romantischen Momenten mächtig anschwillt, macht es nicht weniger innovativ und eindrucksvoll, außerdem sind weite Teile des Films, eigentlich alle Szenen, die nicht zentralen Momente der Liebesgeschichte gewidmet sind, nicht musikalisch unterlegt und mit dieser Eingrenzung war David Lean relativ modern unterwegs. Die Ansichten zum Schauspiel und zur Fotografie teilen wir: Die Visualität des Films ist für ihre Zeit herausragend, zukunftsweisend und wurde, von wenigen Ausnahmen abgesehen, erst mit dem Hochglanzkino der 1990er wieder erreicht.

In der 1988er Kurzrezension ist der Film mit einer Länge von 175 Minuten angegeben, aber was wir zuletzt angeschaut haben, dürfte die Kinoversion von mehr als 3 1/4 Stunden gewesen sein (197 Minuten). Allerdings war sie komplett originalsynchronisiert, das heißt, die deutsche Version des Jahres 1965 hatte auch diese Länge und wurde vermutlich in den Lichtspieltheatern mit einer Pause gezeigt. Die Synchronisierung ist in diesem Fall wichtig und wir hoffen, sie wird nicht irgendwann durch eine neue ersetzt, denn besonders Lara und Jewgraf werden von Eva Pflug und Ernst Wilhelm Borchert hinreißend gesprochen – unabhängig davon, ob sie genau den Ton der Darsteller*innen Julie Christie und Alec Guiness treffen.

© 2021, 1989 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kursiv: Wikipedia oder nach der Wikipedia zitiert

Regie David Lean
Drehbuch Robert Bolt
Produktion David Lean
Carlo Ponti/MGM
Musik Maurice Jarre
Kamera Freddie Young
Nicolas Roeg (nur einige Szenen)
Schnitt Norman Savage
Besetzung

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