Die dritte Haut – Tatort 1170 ::: Der Tatort zum #Häuserkampf #Mietenwahnsinn ::: #Crimetime Vorschau 06.06.2021, Das Erste, 20:15 Uhr #Berlin #Rubin #Karow #RBB #Haut #dritte

Crimetime Vorschau – Titelfoto © RBB, Gordon Muehle

Was ist die dritte Haut des Menschen?

Da hat der RBB, Abteilung Fiktion, mal einen rausgehauen. Einen Tatort, der sich eindeutig positioniert zu einem Thema, das nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen Großstädten Menschen umtreibt.

Die meisten Menschen haben zwar Kleidung, aber dass sie sitzt wie eine zweite Haut, kann man meist nicht behaupten, obwohl die Klamotten immer enger geschnitten werden. Was aber ist eine dritte Haut? Der Mund-Nasenschutz gegen Corona, den Karow und Rubin auf dem Titelfoto tragen. Das sieht mir aber nicht nach FFP2 aus und nur FFP2-Masken gelten gegenwärtig als dritte Haut. 

Immerhin hat man dieses Mal die Pandemie nicht aus dem Tatort herausgehalten, anders als in den meisten während der Coronakrise produzierten Filmen der Reihe, die bisher gezeigt wurden. Bei der Berliner Variante wirken größere Abstände und dergleichen natürlicher und, nebenbei bemerkt, gut, dass Meret Becker sich nicht  als Maskenverweigerin outet. Aber es ist wohl ihr letzter Tatort als Nina Rubin an der Seite von Robert Karow (Mark Waschke).

Den Ausstieg hatte sie bereits vor  zwei Jahren bekannt gegeben, er hat also nichts mit Corona oder gar mit „allesdichtmachen“ zu tun. Auf sie wird Corinna Harfouch folgen und damit eine weitere äußerst profilierte Schauspielerin. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg ergibt sich nicht dem Jugendkult, denn Harfouch wird zu den ältesten Darsteller*innen zählen, die je als Ermittler*innen neu in die Reihe gekommen sind. Im Gegenzug könnte man die Kollegin … wie hieß sie noch? … ich  habe gerade nachgeschaut, sie ist schon beim Tatort 1170 nicht mehr dabei, es gibt jetzt einen männlichen Kommissaranwärter. Die Berliner Umwälzpumpe läuft also wieder einmal.

„Die Berliner Hauptkommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) werden in ihrem 13. gemeinsamen Fall „Die dritte Haut“ mit dem Mietenwahnsinn in der Hauptstadt konfrontiert, als der Juniorchef einer Immobilienfirma ermordet aufgefunden wird. Gleichzeitig müssen sie damit zurechtkommen, dass ihre Assistentin Anna Feil sang- und klanglos in das Kommissariat Bielefeld gewechselt ist – ohne Ankündigung, ohne Abschied. Und der neue Kollege lässt sich im Gegensatz zu Anna nichts sagen“, leitet die Redaktion von Tatort-Fans ihren Bericht zum Film ein. Ja, so hieß sie. Anna Feil. Das kam sehr plötzlich, aber ich kann verstehen, dass sie sich nicht weiter von Karow mobben lassen wollte und Caroly Genzkow mehr machen wollte, als die Rolle einer Blitzableiterin zu spielen. Sehr schade, dass man ihrer Figur in zwölf Fällen keine Entwicklung zugebilligt hat, aber man war mit Karows Vergangenheit beschäftigt, und dies in einem Ausmaß, dass bei mindestens einem Film ein bisher in der Reihe Tatort einmalige Zusammenfassung eingerichtet werden musste, um zu erklären, was im vorherigen Film geschah.

Das war zuvor auch bei Doppelepisoden nicht der Fall. Der letzte Karow-Rubin-Fall „Ein paar Worte nach Mitternacht“ liegt schon eine Weile zurück, Berlin rechnete erkennbar nicht zu jenen Standorten, die Lücken gefüllt haben, welche andere wegen Drehschwierigkeiten im Rahmen der Pandemie gerissen haben. Eher im Gegenteil. Aber es läuft wieder, im Tatortland, künftig soll sogar die Sommerpause verkürzt werden, die uns bald ins Haus steht und die ich generell als wohltuend empfinde, weil ich mich in der Zeit mehr um Kinofilme und ältere Tatorte kümmern kann – und seit drei Jahren um die Reihe „Polizeiruf 110“. Wie kam nun der neue Berlin-Tatort bei den Kritiker*innen an? Jedenfalls dreht er sich um das Thema #Housing und den #Häuserkampf von Berlin und das ist schon einmal wichtig. Die Meinung der Tatort-Fans-Redaktion geht auseinander, eine zustimmende und eine eher ablehnende Stimme sind zu vermelden.

Der SWR3-Tatortcheck, geschrieben von Simone Sarnow, läst drei von fünf möglichen Elchen frei. Dass es nicht mehr sind, trotz des wichtigen und aktuellen Themas, liege vor allem daran, dass der Film zu wenig Schwung entwickle und zu vorhersehbar sei. Ich ergänze: Wenn man davon absieht, dass offenbar mit dem Thema Corona, wie wir schon wissen, offen umgegangen wird, aber bei den AHA-Regeln die typische Berliner Individualität zu beobachten sein soll, in ihrer negativen und chaotischen Form natürlich. Eine Rolle spielen im Film Entmietungsmethoden verschiedener Art, legale und illegale und ich bin schon sehr gespannt darauf, dieses Mal selbst den Faktencheck vornehmen bzw. die Plausibilität des Gezeigten einschätzen zu dürfen. Dass bei gegebener Authentizität eine gewisse Vorhersehbarkeit entsteht, liegt in der Natur der Sache, denn das Kapital hat nicht sehr viele Verhaltensmuster drauf, die nicht mit „Gier“ zu umschreiben sind.

Dass dieses Thema nicht zu Wortspielen reizen sollte, wird jedoch dadurch belegt, dass Christian Buß im Spiegel den für seine Verhältnisse straighten Titel „Entmietung auf die brutale Tour“ gewählt hat. In der Headline wird aber weiter erklärt: „Bumsen gegen die Unbehaustheit, Rausschmiss für die Rendite: Der »Tatort« zeigt in drastischen Bildern die Kämpfe um den entfesselten Berliner Mietmarkt.“ Wir in Berlin verwenden überwiegend das F-Wort und diese Methode, sich gegen Entmietung zu wehren, muss ich mir auf jeden Fall merken, denn bei allem, was ich bisher Furchtbares gesehen oder berichtet bekommen habe: Diese Variante wurde nicht thematisiert. Sie liegt aber nah, besonders seitens derer, die für die Wohnungsvermittlung zuständig sind, auf diese Weise „die Hand aufzuhalten“. Mit der Gefahr, dass nach Einzug der auf diese Weise erzwungenermaßen dienlichen Person jene Person Anzeige mindestens wegen Nötigung stellen wird., denn der Berliner Wohnungsmarkt rechtfertigt in der Tat die Annahme einer Zwangslage, die dann ausgenutzt worden wäre. Das hat wenig damit zu tun, dass zu wenig gebaut wird, sondern vor allem damit, dass zu viel Luxuswohnungen errichtet werden, mit dem spekuliert wird, während immer noch zu wenige Wohnungen für die Mehrheit und deren Bedürfnisse zur Verfügung stehen.

Dadurch kommen wir auch dem Titel näher: Die Wohnung ist nach der biologischen Haut und der Kleidung die dritte, erweiterte Haut und ein Angriff auf sie ist ein Angriff auf unser Leben. Die Unverletzlichkeit der Wohnung ist ein Grundrecht, leider hat sich das Bundesverfassungsgericht, das die Verfassung und besonders die Grundrechte beachten soll, beim Kippen des Mietendeckels daran nicht erinnert. Ich will das Thema hier nicht zu sehr auswalzen, unsere Leser wissen, dass wir uns damit intensiver befassen, als irgendwer es in einer Rezension tun kann, aber Christian Buß fasst die gegebenen Missstände für Einsteiger recht gut zusammen und vergisst auch nicht, das Schicksal des Berliner Mietendeckels zu erwähnen, der zum Zeitpunkt des Drehs von „Die dritte Haut“ noch existierte. Buß vergibt 8/10. Das kann sich sehen lassen, auch wenn es zuletzt häufiger zu hohen Wertungen seitens dieser Stelle gekommen ist. Vielleicht waren die letzten Tatorte tatsächlich überdurchschnittlich gut, ich hänge derzeit mit den Rezensionen von Premieren hinterher.

Martina Kalweit fasst in Tittelbach-TV das Geschehen so zusammen: „Wohnungsnot, Entmietung, Zwangs-Sanierung: Längst hat der Wahnsinn auch Berlin erreicht. Die Ermittlungen im Fall eines ermordeten Maklers zeigen, was der Kampf um eine bezahlbare Bleibe mit Menschen macht. In „Tatort – Die dritte Haut“ schauen die Ermittler in wütende Gesichter: Die Mittelschicht mit Angst vorm sozialen Abstieg. Oder: rackernde Berliner, die einfach nur in ihrem Kiez bleiben wollen. Aber morden sie dafür? Ein Krimi-Drama, das ohne Hetzjagd und Schusswaffengebrauch gefangen nimmt, das mit einem semidokumentarischen Realismus-Konzept inklusive Corona-Alltag besticht und in dem Rubin/Karow ihrem Image als unkonventionelle Großstadtmenschen alle Ehre machen.“ Dafür werden 5/6 vergeben, man kann also langsam ein Bild erkennen, auf dem Kritiker zu sehen sind, die den neuen Berlin-Tatort überwiegend recht ansprechens finden.

Es gibt allerdings zwei Punkte, die dazu führen können, dass die Meinung der Bewertungsprofis und die der Zuschauer auseinandergeht: Experimente in Tatorten und zu viel Soziales in Tatorten. In diesem Fall wäre letzteres Problem zu beachten, es muss aber nicht zu einer Abwertung führen, denn es gibt diesbezüglich keine vollständige Universalität: Kein soziales Thema betrifft alle Menschen und alle gleichermaßen und man sollte davon ausgehen, dass auch Eigenheimbesitzer*innen sich in den Berliner Mietenwahnsinn entweder einfühlen können oder zumindest Verständnis für die Kämpfe in dieser Stadt aufbringen. Dieses Mindestmaß an Solidarität erwarte ich  geradezu. Der Wedding, in dem dieses Mal gekämpft wird, ist bezüglich des #Mietenwahnsinns ein gut gewählter Ort. Mitterlweile gilt er als Hotspot, denn in diesen Zeiten kommen auch  einfache Viertel unter die Gentrifizierungsräder und es wird von „Investoren“ und ihren politischen Helfern versucht, jedes unscheinbare Haus zu vergolden.

Ein Herz für die Mieter*innen zeigt vom Tenor auch die Frankfurter Rundschau in Person von Judith von Sternburg, eine Bewertung gibt es dort nicht, aber am Schluss zeigt sich, wie schnelllebig unsere Zeit ist, nicht nur wegen des gekippten Mietendeckels:

„Noch kein Tatort spielte bisher so offensiv während der Corona-Krise. Faszinierend zu sehen, dass es nicht so einfach ist, die maximale Aktualität direkt in einen Film fließen zu lassen. Das Hantieren mit den Masken, an das wir uns längst gewöhnt haben, wirkt im Film eigenartig künstlich. Angefangen damit, dass es den Figuren anscheinend nicht möglich ist, mit Mundnasenschutz auch nur ein Wort zu sprechen.“

Das ist wirklich schwierig. Nicht das Sprechen, aber das verstanden werden. Ich musste mich auch daran gewöhnen, lauter zu sprechen und mein traditionelles Genuschel mit Zähne mehr auseinander und Lippen weiter öffnen upzugraden. Schauspieler können das ohnehin, aber gilt das stets auch für die Figuren, die sie darstellen? Dass die Corona-Lage sich schnell verändert, ist aber kein Grund, sie immer aus Filmen herauszuhalten, denn dies hätte nichts mit Hygiene, sonden mit der Ausblendung der Realität zu tun, die den Tatortmachern doch so wichig ist, dass die Sonntagabend-Premiumkrimis zuweilen wie Vehkel zur Vermittlung dieser Realität an ein möglichst großes Publikum wirken.

TH

Handlung

Zwangsräumung in Berlin: An einem kalten Novembermorgen muss Otto Wagner mit seiner Familie die Wohnung verlassen. Nach der Übernahme des Mietshauses durch Ceylan Immobilien wird es Stück für Stück entmietet. Alte Verabredungen gelten nicht mehr und so sorgt die Umzugsfirma von Axel Schmiedtchen für eine schnelle, besenreine Übergabe. Vor kurzem war das Haus noch ein Sinnbild der berühmten „Berliner Mischung“. Jetzt will Gülay Ceylan, die Chefin des kleinen Familienunternehmens, das Haus luxussanieren, um es später in Eigentumswohnungen umzuwandeln.

Doch es gibt Widerstand. Vier Mietparteien im Haus klammern sich an ihre noch bezahlbaren Wohnungen, wollen sie unbedingt behalten. Und jeder hat seine Gründe dafür. Die junge Familie Malovcic bekommt Nachwuchs, die alte Frau Kirschner lebt schon fast 60 Jahre im Haus, Jenny Nowack ist alleinerziehend, ihre Kinder haben im Kiez ihre Freunde und Peter de Boer verdient als freischaffender Journalist kaum etwas. Er kämpft mit seinen Mietrebellen in den sozialen Netzwerken gegen die Ungerechtigkeit auf dem Berliner Wohnungsmarkt.

Als der Juniorchef der Immobilienfirma, Cem Ceylan, tot vor dem Haus liegt, hat die Berliner Mordkommission einen neuen Fall. Rubin und Karow ermitteln zu Zeiten von Covid-19 in dem Mietshaus im Wedding. Die beiden Kommissare werden mit dem Berliner Mietenwahnsinn konfrontiert und der existenziellen Sorge von Menschen um ihre „dritte Haut“, den vier Wänden, in denen sie wohnen und die mehr als ihr Zuhause sind.

Besetzung und Stab

Nina Rubin Meret Becker
Robert Karow Mark Waschke
Jenny Nowack Berit Künnecke
Micha Kowalski Timo Jacobs
Yeliz Dahlmann Sesede Terziyan
Gülay Ceylan Özay Fecht
Ilse Kirschner Friederike Frerichs
Peter de Boer Tijmen Govaerts
Musik: Max van Dusen
Kamera: Richard van Oosterhout
Buch: Katrin Bühlig
Regie: Norbert ter Hall

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