Grenzfußballerische WM-Nachbetrachtung | #Timeline #Sport #Fußball | #Fifa #WM2018 #Ausscheiden #Vorrunde

Timeline 27.06.2018 / 05.06.2021 | Fußball | Fifa-WM der Männer 2018

In sechs Tagen, am 11. Juni 2021, liebe Leser*innen, startet aller Widrigkeiten zum Trotz, deswegen aber auch um ein Jahr verspätet, die Fußball-Europameisterschaft der Männer. Sie wird erstmals ein wirklich europäisches Ereignis auch bezüglich der Austragungsorte sein (zehn Länder, zehn Städte). Mitten in der Ligapause wird es also Fußball satt geben, einen ganzen Monat lang, denn 24 Mannschaften müssen durch Gruppenphase und Duellphase, damit am Ende ein Europameister feststeht.

Wird es wieder Frankreich? Die Chancen stehen gut, aber auch die großen Nationen der 2000er und 2010er wie Spanien haben sich gut erholt. Gemäß Fifa-Ranking müsste Belgien es endlich einmal schaffen, denn es steht so oft auf Platz eins von deren Rangliste, obwohl es noch nie einen Fußballtitel erringen konnte. Deutschland wird es nicht, da legen wir uns schon jetzt fest. Und wir erinnern noch einmal an das blamable Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2018, die einen Tiefpunkt in der Historie derselben darstellt. Man kann auch sagen, der Weltmeistertitel 2014 war teuer erkauft, denn seitdem geht es bergab.

Wir haben, als wir noch eine regelmäßige Sportberichterstattung durchführten, immer wieder darauf hingewiesen, dass wir den Titel von 2014 für einen solchen trotz des Bundestrainers Joachim Löw halten, den „Die Mannschaft“ in einem magischen Moment und keine Minute zu früh in einem anstrengenden Verfahren und teilweise mit knappen und glücklichen Erfolgen errang, nicht für einen, der ihm zu verdanken ist. Das, was danach geschah und immer noch geschieht, hat uns bestätigt. Es gibt keine Strategie, kein Konzept mehr für den deutschen Nationalfußball.

Dass wir mittlerweile fast vollkommen davon abgerückt sind, Sportereignisse, insbesondere solche mit nationalistischem Ton, zu kommentieren, ist auch der Einsicht zu verdanken, dass diese Form von Internationalität, die große Turniere, nicht etwa völkerverbindend ist, sondern genau das Gegenteil bewirkt. Sie sind treffliche Gelegenheiten, Animositäten, Ressentiments und Diskriminierungen zu pflegen und die eigene Nation „über alles“ hochleben zu lassen. In diesem Sinne können solche Ereignisse auch nicht ernsthaft mit „wir sind alle gegen Rassismus“ gelabelt werden, wie es die Fifa und die UEFA bereits mehrfach getan haben. Diese Haltung unsererseits würde sich übrigens auch nicht ändern, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Männer wieder besser würde. Unsere umfangreichste Berichterstattung über ein einzelnes Sportereignis gab es im Gründungsjahr des Wahlberliners (2011) zur damaligen Fußball-WM der Frauen in Deutschland, inklusive vieler Live-Ticker.

Um unser Mindset zu erläutern, soweit es die deutsche Fußballnationalmannschaft der Männer betrifft, publizieren wir jetzt einen Artikel, den wir schon zum sehr frühzeitigen Aus derselben während der WM 2018 verfasst hatten. Wir verzichteten dann darauf, weil wir bei begrenztem Zeitbudget andere Themen priorisieren wollten und uns außerdem so sehr geärgert haben, dass wir dieses Teil lieber mal in der Schublade verschwinden ließen. Wir haben es jetzt ein wenig überarbeitet, aber ohne an der Schärfe der Darstellung wesentlich etwas zu ändern. Die WM 2018 war das letzte Fußballturnier dieser Dimension und wurde von Frankreich gewonnen, das somit seinen zweiten Titel feiern konnte, während es bei der EM von 2016 den Überraschungssieger Portugal gab, der Frankreich im Endspiel besiegt hatte. Deutschland schied im Halbfinale gegen Frankreich aus.

*** Timeline 27.06.2018 *** Essay ***

Die Fußball-WM 2018 ist zu Ende, Frankreich ist Weltmeister. Dieses Mal gab es beim Wahlberliner keine Berichterstattung zu einzelnen Spielen. Weil klar war, dass Deutschland es nicht noch einmal schaffen wird?

Sicher hatte einst unser Interesse befördert, dass da 2006 etwas Neues kam und zu respektablen Ergebnissen geführt hat. Vor 2006 gab es die auch, aber mit einer anderen Art Fußball. Etwa seit dem Sommermärchen wurde sichtbar, dass es ansehnlicher, dynamischer, moderner geworden war, was die deutsche Nationalmannschaft auf dem Rasen zeigte. Und natürlich hatte Joachim  Löw seinen Anteil an dieser Entwicklung.

Jetzt aber erst einmal eine Gratulation an Frankreich. Sie haben es absolut verdient. Sie haben über das gesamte Turnier hinweg die besten Leistungen gezeigt. Vor allem wüsste ich gerne mal den IQ des Trainers Didier Deschamps, der schon 1998, beim ersten Titelgewinn der als aktiver Spieler der Leader of the Pack war. Doch das Team war anders als die heutige Équipe Tricolore.

Warum den IQ von Deschamps?

Ich habe noch nie eine Nationalmannschaft gesehen, die so um einen ruhigen Kern herum, um ein inneres Zentrum, so extrem flexibel spielen kann. Sie sind auch Standard-Meister, ebenso wie die Engländer. Das muss man nicht schön finden und im Endspiel haben sie sich von gewissen Brasilianern etwas abgeschaut, wenn es darum ging, Situationen zum eigenen Vorteil, sagen wir, zu arrangieren. Das hatte noch gefehlt. Jetzt sind sie richtig gut. Technisch herausragend, taktisch überlegen, mit allen Wassern gewaschen. Die kompletteste Mannschaft von allen.

Ein bisschen Wehmut und Ironie müssen schon sein?

Jedes Team hat seine Zeit. Frankreich ist das neue Spanien, nur mit einem anderen, weniger auf Kurzpassspiel ausgelegten System. In gewisser Weise aber auch das Gegenteil. Spanien hat immer das Seine gemacht, egal, wie der Gegner hieß und damit manchmal die Zuschauer verzaubert und manchmal ermüdet. Die französische Mannschaft geht immer exakt so vor, wie es angesichts des aktuellen Gegners erforderlich ist, um maximal effizient vorwärts zu kommen. Man schaut den Gegner aus. Natürlich schon vor dem Spiel. Und das ist anders als bei der Mannschaft, in der Deschamps Kapitän war, denn sie war auf den genialen Zinédine Zidane ausgerichtet und konnte vor allem für die Verhältnisse der 1990er extrem schnell umschalten. Sie hatten damals einen Superstar wie jetzt Christiano Ronaldo einer ist, der Portugal 2016 den EM-Titel sicherte. Heute hat die Équipe Tricolore immer noch oder wieder Stars, aber keine dominante Figur. Das verbindet sie mit Deutschland von 2006 bis 2014. „Die Mannschaft“ war ein überdurchschnittlich begabtes Ensemble. Eines, das nun seinen Zyklus beendet hat.

Mittlerweile ist klar, dass wir den Artikel als Erinnerungsstück publizieren werden, daher eine neuere Grafik anlässlich des nunmehr endlich gesichert erscheinenden Rücktritts von „Jogi“ Joachim Löw nach der EM 2021, die eigentlich schon hätte 2020 stattfinden sollen, aber im vergangenen Jahr der  Corona-Pandemie zum Opfer fiel. Was ist zur Grafik zu sagen?

2021-03-13 Bundestrainer nach Erfolgsquoten

Zum Beispiel, dass Löws Siegquote auf den ersten Blick gut aussieht, ebenso wie seine Ausbeute an Titeln. Aber wenn man bei allen Trainern auch die Vizemeisterschaften und dritten Plätze mitzählt, wird es fülliger. Gerade beim vielfachen Fast-Meister Löw. Die ganz wichtigen Pokale betreffend, steht aus 15 Jahren Trainerschaft der WM-Titel 2014 zu Buche, und über den habe ich bekanntlich meine eigenen Ansichten. Nicht umsonst hieß das Motto „Die Mannschaft“. Das stimmt auch. Es war die Mannschaft, die den am härtesten erkämpften Titel aller Zeiten gewonnen hat. Trotz des Trainers.

Und die hohe Siegquote?

Es wird immer leichter für ein großes Fußball-Land, solche Quoten zu erzielen, dank der Aufblähung der Vor- und Endtourniere auf immer mehr Teilnehmer.

Der DFB ist nach wie vor der größte Einzelsportverband der Welt, damit auch der größte Fußballverband. Dass  Länder wie Gibraltar, die nicht ein Zweihundertstel an Einwohnerschaft haben wie der DFB an Mitgliedern, nicht so viele talentierte Spieler hervorbringen können wie dieser Verband, versteht sich von selbst. Trotzdem tut sich „Die Mannschaft“ gegen Kleinstaatenteams oft erstaunlich schwer. Vor allem aber: In Relation zu den Größenverhältnissen performt der DFB und performt die A-Nationalmannschaft seit Jahren nicht sehr gut, obwohl doch 2005 mit Klinsmann und Löw alles anders und besser werden sollte. Das wurde es bezüglich der Spiekultur, aber es sollte doch über den Tag hinausgehen: förderungsseitig, die Strukturen betreffend dies auf Dauer angelegt. Stattdessen tritt der DFB derzeit vor allem durch interne Querelen und Planlosigkeit hervor.

Deswegen blieb es wohl dabei: Die größte Titelsammlung lann immer noch Helmut Schön vorweisen und Anfang der 1970er, in der Zeit seiner Tätigkeit für die Männer-A-Nationalmannschaft, war der deutsche Fußball tatsächlich qualitativ Weltspitze. Und noch einmal Anfang der 1990er. Sicher hat ein Nationaltrainer auch Glück, wenn er auf sehr viele Top-Fußballer zurückgreifen kann, wie es bei Schön und dann bei Beckenbauer bei der WM 1990 der Fall war.

Davon sind wir aber heute unendlich weit entfernt. Es sieht eher aus, als seien die Verhältnisse schlechter als zu Beginn der 2000er bzw. nach der dumm gelaufenen EM 2004, nach der ein Ruck durch den DFB zu gehen schien. 15 Jahre später wirkt dieser Sportverband konzeptlos wie noch nie in seiner Nachkriegsgeschichte. Leider geht das mit dem Eindruck konform, den man von diesem Land im Ganzen haben muss. Auch hier sei eine Ergänzung nach den ersten drei Corona-Wellen erlaubt: Es funktioniert eben alles nicht mehr so richtig und die Korruption wuchert. Daran werden wir uns zu gewöhnen haben, wenn wir nicht endlich eine andere Politik wählen.

Zurück zur WM 2018. Darf man über Deutschland überhaupt reden?

Trotz des Titels aus dem Jahr 2014 bleibe ich dabei, Löw hätte 2012, nach dem entsetzlich vercoachten EM-Halbfinale gegen Italien, gehen müssen.

Viele meiner damaligen Beobachtungen, Löw und seine teilweise seltsamen Übersprungshandlungen mitten in der Öffentlichkeit betreffend, die für mich ein nicht sehr erfreuliches und von vom Verhalten anderer Spitzentrainern abweichendes Bild ergaben, wurden schon deswegen nicht beachtet, weil es dann doch den Titel zwei Jahre später gab. Und weil Sportjournalisten offenbar wenig Beobachtungsgabe haben und vermutlich auch einen Kodex, der ihnen bestimmte naheliegende Bemerkungen zum Verhalten der Spieler und der Funktionäre verbietet.

Bezüglich meiner Einschätzung 2014 ändere ich meine Meinunga also nicht: Das war ein Ding der Mannschaft, einer Generation, die wusste, es würde ihre letzte Titelchance sein – deshalb finde ich es auch okay, das sie sich damals in Kapitalen schreiben durfte. Etwas Glück hatte sie übrigens auch. Nur, 2016 war ein Teil der damaligen Führungsspieler schon zurückgetreten, vor allem der intelligente Leser von Spielsituationen und Kapitän Lahm. Und 2018 sah man, was Löw nicht kann:

Einen neuen Spirit formen. Einen Umbruch gibt es bei allen Mannschaften immer wieder, aber er muss nicht in einem so schrecklichen Leistungsbild münden wie dieses Jahr. Der DFB ist der größte Einzelsportverband der Welt, da muss einfach mehr drin sein als ein Grindel, ein Löw, ein Bierhoff und elf indisponierte Typen, die von allen 24 Mannschaften im Turnier den schlechtesten Fußball spielen. Und jetzt bleibt Löw tatsächlich weiterhin Trainer. Deutschland hat eine besondere Form von Kontinuitätsproblem, nicht nur politisch  Wer findet schon selbst den richtigen Zeitpunkt für den Abgang, also auf dem Höhepunkt und beliebt bei allen? Es ist menschlich, dies genießen zu wollen und das Ende hinauszuzögern, aber der Legendenbildung kann es erheblich schaden. Denn dazu gehört eine gewisse Distanz und innere Aufgeräumtheit, es nicht zu übertreiben. Hoffentlich muss es nicht erstmals nach dem erstmaligen Gruppen-Aus noch passieren, dass zum ersten Mal eine Qualifikation vergeigt wird, damit Löw doch die Reißleine zieht oder der DFB es endlich tut.

Was ist von den anderen Mannschaften zu halten – außer Frankreich.

Sehr auffällig, dass man im Spitzenfußball der Welt so sehr europäisch geworden ist. Das hat sich  schon Mitte der 2000er abgezeichnet, seitdem gab es nur noch europäische Weltmeister, aber 2014 stand mit Argentinien immerhin wieder eine Mannschaft aus Südamerika im Finale. Brasilien hat sich hingegen noch nicht vom damaligen Halbfinalschock erholt, scheint es.

Für mich hat das Land nach wie vor das größte Spielerpotenzial. Aber die Europäer werden immer effizienter. Nach den Niederlanden, Frankreich, Spanien und Deutschland ist nun auch England dazu übergegangen, ein professionelles System für das Entwickeln der Nationalmannschaft aufzubauen, das noch viel Gutes erbringen kann. Die Jugendmannschaften sind mehr als vielversprechend und der englische Fußball hat nach wie vor die größte Tiefe beim Ligabetrieb. Der belgische Verband macht sehr viel aus dem, was das kleine Land an Spielern hat. Selbst die Schweiz performt über ihrem natürlichen Potenzial.

Ich war auf das Spiel um Platz 3 gespannt, weil ich wissen wollte, wer die bessere Mentalität hat. Belgien ist da also den Engländern noch ein wenig voraus. Und deswegen bin ich prinzipiell etwas skeptisch, was einen WM-Titel für England angeht, wenn er nicht auf Schiedsrichter-Fehlentscheidungen beruht. Dieser Fluch, es danach nicht wieder zu schaffen, der ist wohl seit 1966 sehr stark. Aber das Potenzial, ja, das haben sie, ohne jede Frage.

Wenn man sieht, wie es im Jugendbereich aussieht, muss man sagen: Deutschland wird lange brauchen, um wieder an die Spitze zu kommen.

So gut wie England im Moment im Jugendbereich ist, das haben nicht einmal Frankreich und Spanien in ihren besten Zeiten geschafft, aber bei Deutschland muss man eines berücksichtigen: Die Spitzenspieler entwickeln sich einen Tick langsamer. Das war immer schon so. Deutschland war im Jugendbereich nie ein Land, das serienweise die großen Turniere gewinnen konnte. Und die anderen, die das konnten, wurden anschließend nicht immer Europa- oder Weltmeister bei den Erwachsenen. Klar, die Weltmeister von 2014 waren teilweise in der EM-Europameistermannschaft der U21 von 2009, aber es gibt nicht diese furiosen Jugendteams wie in manchen anderen Staaten, die wirkten, als würden aus ihnen nur Weltstars hervorgehen. Nicht einmal, wenn sie von Horst Hrubesch trainiert werden, wie jetzt die Frauen-Nationalmannschaft, haben deutsche Jugendteams so auf goldene Zeiten hoffen lassen, wie das vor allem bei den Spaniern, Franzosen und Niederländern der Fall war.

Das alte Kopfballungheuer und die jungen Frauen. Seltsame Kombination. Bei seiner Vorgängerin Steffi Jones hatte man keine Probleme, sie nach einem einzigen Misserfolg abzusägen, aber Löw darf einen WM-Bonus, den Lahm & Co. eigentlich verdient haben, auf ewig nutzen, um uns nun mit der Abwicklung einstiger Erfolge zu langweilen.

Als wir die Urfassung dieses Beitrags schrieben, gab es den Özil-Skandal noch nicht. Was ist dazu zu sagen?

Der DFB sollte dringend seine Personalpolitik überdenken. In anderen Ländern wie Frankreich werden die absoluten Spitzen der Vergangenheit mit höheren Aufgaben betraut, bei uns zeigt sich kein Mut zum Ungewöhnlichen oder mal ein Risiko einzugehen und ein paar schwache Jahre als Preis für einen echten Neuanfang in Kauf zu nehmen. Es ist nur Sport, da kann man mal ein Risiko eingehen, um die Menschen wieder zu begeistern. Aber noch gestern Abend im Studio, nach den Pokalspielen, kritisierte der Sportchef von Eintracht Frankfurt, Fredi Bobic, die jungen Spieler seien ungeheuer gleichförmig.

Dagegen etwas zu tun, ist aber auch Sache der Vereine. 

Allerdings. Dazu weiter unten noch ein paar Sätze.

Der DFB ist vielleicht von den frühen 2000ern noch traumatisiert, als es erstmals mehrere Trainer hintereinander gab, die keinen Titel für  Deutschland holen konnten.

Natürlich, die Vergangenheit gibt den DFB-Oberen in gewisser Weise Recht. Herberger, Schön, Derwall, Vogts. Alles Langzeit-Engagements, die man mit ihnen einging. Alle konnten mindestens einen Titel vorweisen. Beckenbauer nicht zu vergessen. Und jetzt Joachim Löw. Das Leck einer entsetzlichen Diskontinuität von glatt fünf, sechs Jahren in 80 Jahren DFB-Geschichte ist geschlossen. Es lebe Frankreich – und andere Länder, die auch mal einen gewagten Umbruch vornehmen, wenn jeder sieht, es ist an der Zeit.

Ist das wirklich ein Abschied für lange Zeit aus der Weltspitze?

Es gab schon häufiger deutsche Mannschaften, die keinen schönen Fußball gespielt haben und doch gewisse Erfolge hatten. Aber ich finde im Moment viele andere Länder im Fußball sympathischer als Deutschland. Wir haben wieder eine Situation wie nach dem EM-Gewinn 1996, als es dann bis 2014 dauerte, bis der nächste Titel kam.

Vielleicht ist diese große Zeit im Fußball auch einfach vorbei.

Eines ist sicher. Der DFB ist jetzt in etwa der konservativste große Fußballverband. Aber auch das ist wieder nicht so einfach: Natürlich hilft es anderen Ländern, dass ihre Ligen andere Möglichkeiten haben, während die Bundesliga sich brav ans Vereinsrecht halten muss. England, Spanien, entfernen sich immer mehr nach oben vom Niveau der Bundesliga, Italien zieht wieder vorbei, selbst Frankreich, das traditionell keine ganz so starken Ligen hat, traue ich das Überholen der Bundesliga zu. Hier muss eingeflochten werden, dass sich das im ahr 2020 ein wenig anders zeigte. Der FC Bayern München und andere deutsche Mannschaften sind allerdings auch besser mit dem ersten Corona-Jahr klargekommen als andere Teams. Momentan sieht es so aus, als wenn sich alles wieder relativieren würde.

Die Gretchenfrage ist: Lasse ich den Kapitalismus voll ins Fußballsystem rein, wie es in England der Fall ist, pumpe ich wenige Vereine mit allen Mitteln, auch staatlichen, zu Überclubs auf, wie in Spanien, oder bleibe ich solide und mittelmäßig. Ich muss zugeben, ich weiß es nicht. Klar würde ich in Deutschland gerne Superstars spielen sehen, aber zu welchem Preis? Das Potenzial ist hier neben England das größte, was die Durchdringung des Landes und des Lebens durch den Fußball angeht, wenn man bei dieser Betrachtung auf das Ligasystem, das Zuschauerpotenzial und die Tiefenstaffelung abstellt, aber es wird vereinsseitig nicht ausgeschöpft. Das ist eine Systementscheidung.

England also doch irgendwann?

Die Premier League ist ein gutes Beispiel dafür, wie man immer fetter wird, ohne dass sich normale Menschen noch Ligaspiele im Stadion leisten können, die einfachen Leute sitzen alle vorm Fernseher beim Pay-TV und das ist dort ein Massengeschäft, das der Liga mehr Geld einbringt als die Stadionkarten. Und die Fans haben zu ihrem favorisierten Premier-League-Team einen regionalen Club, den sie unterstützen. Diese Doppelverortung ist in Deutschland nicht so ausgeprägt. England ist in gewisser Hinsicht nach wie vor das Kernland des Fußballs. Ab Liga drei, mindestens aber ab vier abwärts gibt es auch  mehr Zuschauer in den Stadien als bei uns und einen noch tiefere Gliederung des Ligasystems. Da kommt es her, das Herz dieses Sports. Neuerdings mit Massen-Bierdusche nach Toren. Nein, nicht in den Ligen, aber während der WM auf den Fanmeilen. Einmalig weltweit und und mega-gruselig. Es gibt also immer Gründe, warum England nicht Weltmeister werden sollte, diese sind kultureller Natur, sonst setzt sich das noch überall durch.

Deutschland weist den größeren Markt in Europa auf, auch, weil die Briten sich unfassbare fünf nationale Ligen und auch fünf Nationalteams leisten. Oder sind es vier, weil Nordirland und Irland mittlerweile doch eine gemeinsame Liga haben? Jedenfalls haben sie keine gemeinsame Nationalmannschaft. Trotz der räumlichen Begrenzung auf 3/5 der Fläche von Großbritannien, was etwa 2/5 von Deutschland darstellt, ist die EPL die bei weitem finanzkräftigste Fußball-Liga in Europa. Die Jahre, als die Bundesliga und die Nationalmannschaft Hand in Hand Weltspitze waren, die frühen 1970er, die werden sich nicht wiederholen.

Bei usns heißt es: Wir haben hier auch sehr wichtige Aufgaben im Breitensport und ich akzeptiere diesen Nostalgiefaktor, wenn wir darauf eine entsprechende Erzählung aufbauen: Man möchte sich nicht so extrem durchkommerzialisieren. Mehr Solidarität anstatt Hybris und immer weitere Blasen, Augenmaß anstatt entgrenztem Kapitalismus, ein bisschen mehr Import, bisschen weniger Lohndumping. Der FC Bayern ist, wieder eine Anmerkung anlässlich der Veröffentlich des Beitrags im 2021, der mit Abstand der finanziell solideste der Champions-Clubs in Europa.. Wenigstens verschlingt er keine öffentlichen Gelder, denn diesen Luxus sollten wir uns in Deutschland nicht leisten.

Sollen die anderen die Pokale abräumen, wir haben dafür ein Land, in dem der Wettbewerb nicht mehr alles ist, Kreativität und Teamgeist aber immer wichtiger werden. Ein Land, in dem die Menschen mit ihrem eigenen Ding glücklich sind, muss keine Nationalmannschaften haben, um sich mit etwas identifizieren zu können. Das ist eigentlich alles Old School. Dummerweise sehe ich diese eigentlich so moderate, friedliche, wenig revolutionäre neue Story als Ersatz fürs Sieger-und Verliererdenken im Moment nicht am Horizont. Auch hier sei eine Beifügung aus der Sicht von 2021 gestattet: Wirklich nicht! Das hat das hiesige Corona-Mindset leider bewiesen.

Vielleicht, weil man selbst älter wird?

Nicht falsche Ideen durch andere falsche Ideen ersetzen, könnte ein Motto sein. Ein Mangel an Spitzenleistungen, vielleicht unter Zuhilfenahme unerlaubter Mittel und Methoden, ist jedoch per se kein Beweis dafür, dass es in der Mitte dafür ein lebendiges Zentrum gibt; dafür, dass der Bauch der Gesellschaft sich wohlfühlt. Wir könnten uns mal auf die sozialen Fragen konzentrieren, anstatt Fähnchen schwenkend auf Fanmeilen rumzuhopsen. Die Straße des 17. Juni als Straße des Marsches für ein neues Gemeinschaftsgefühl jenseits von Dingen, die ja nur Substitute sind. Bewegung anstatt Fußball-Stand-Ins. Wieder eine Ergänzung 2021: Als der Entwurf verfasst wurde, gab es beim Wahlberliner noch keine Berichterstattung über den Mietenwahnsinn in Berlin als zentrales politisches Thema.

Das ist jetzt aber auch so eine Art Zwangsdistanzierung, um nicht zu frustriert zu sein, oder?

Ein bisschen. Aber es ist doch wirklich so: Wir müssen uns doch mit Gegenständen befassen, die aus uns selbst, für uns und für alle sind. Niemand von uns wird einen besseren Job oder eine bessere Altersvorsorge haben, weil Deutschland mit ein paar Multimillionären in Weiß-Schwarz im Fußball reüssiert. Eigentlich gut, dass es so gelaufen ist. Die Unzufriedenheit bei uns muss endlich mal so groß werden, dass sie zu Taten führt, und das geht, fürchte ich, am besten, wenn die Menschen über den Sport schimpfen können. Und dabei bleibt es dann meistens auch.

Wenn das nicht ein Logikfehler ist. Die Linken, die das Land nach vorne bringen müssten, sind ja eh nicht durch Fußball-Niederlagen zu frustrieren, die Identifikation mit nationalen Symbolen ist bei ihnen nicht sehr ausgeprägt. Die bewegen sich aber nicht so richtig, ob mit oder ohne Fußball-Erfolg, alles wirkt etwas müde.

Ich habe jüngst eine Umfrage gesehen, bei der DIE LINKE elf Prozent bekommen würde, wäre Bundestagswahl angesagt. Das ist es. Der Systemwechsel ist unvermeidlich. Und: Vive la France! Leider muss noch eine letzte Erängzung sein. Die Partei die Linke steht gegenwärtig bei 6-7 Prozent und ob sie tatsächlich für eine angemessene Systemverbesserung stünde, trüge sie auf Bundesebene Regierungsverantwortung, ist längst nicht sicher, sondern wurde in den letzten Jahren immer unwahrscheinlicher. Unwahrscheinlich ist auch, dass wir die Fußball-EM eng verfolgen werden, aber ein Service-Artikel wird mindestens folgen und auf diesen verweisen. Er wird Fußballstatistisches beinhalten und uns nicht so viel Engagement und Kopfzerbrechen abfordern, wie es der vorliegende Beitrag sozusagen über beinahe drei Jahre hinweg getan hat.

© 2021 (Entwurf 2018) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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