Herr der drei Welten (The 3 Worlds of Gulliver, USA / GB 1960) #Filmfest 498

Filmfest 498 Cinema

Die kleine und die große, die eine und die eigene Welt

Jonathan Swifts „Gulliver’s Travels“ ist eines der berühmtesten Bücher des 18. Jahrhunderts, die enthaltene politische Satire schimmert noch heute wie ein Diamant und ist eine Blaupause für viel später entsandene Fantasy gleichermaßen wie für den Weg, den das Parodieren politischer Umstände seitdem gegangen ist.

Es wurde erstaunlicherweise nur dreimal verfilmt, von einer losen Adaption aus 2011 abgesehen, und die Version von Jack Sher aus 1960 war bereits der letzte dieser Filme. 1902 kam die erste Adaption von Georges Melíès heraus, war vier Minuten lang und einer seiner berühmten Showcases für das neue Medium Film, die ihn berühmt gemacht haben. Eine weitere Version entstand 1939 als Zeichentrickfilm von Richard Fleischer und ist die naheliegende, denn animiert lassen sich die exorbitanten Größenunterschiede zwischen den verschiedenen Figuren auf den Reisestationen besser darstellen, als es lange Zeit bei Realfilmen der Fall war. Was wir damit andeuten wollten: Die Zeit ist reif für eine inhaltlich dem Buch nahestehende Version, die Realfilm und heutige CGI-Tricktechnik kombiniert. Zur Version von 1960 steht mehr in der -> Rezension.

Handlung (1)

Filmhandlung: Lemuel Gulliver ist als Arzt nicht besonders erfolgreich, weil er zu gutmütig ist und sich oft nichts bezahlen lässt. Seine Freundin Elizabeth will mit ihm ein Haus kaufen, dass aber nur eine alte Hütte ist. Darüber geraten sie in Streit. Um an mehr Geld zu kommen und Elizabeth mehr bieten zu können, verdingt er sich als Schiffsarzt. Auch Elizabeth ist an Bord gegangen.

In einem Sturm sinkt das Schiff und Gulliver strandet zunächst auf Liliput, einem Eiland, auf dem die Einwohner sehr klein sind. Die Liliputaner führen Krieg gegen die Nachbarinsel Blefuscu wegen der Frage, ob ein gekochtes Ei am Kopf oder am dicken Ende aufzuschlagen sei. Der bewusstlose Gulliver wird von den kleinen Einwohnern zunächst gefesselt und in die Hauptstadt transportiert. Nachdem er da seine „Harmlosigkeit“ bewiesen hat, wird er vom König aufgefordert, die Nachbarinsel anzugreifen und die Einwohner zu vernichten. Gulliver sammelt aber nur deren Schiffe ein. Er will sich nicht weiter als „Kriegsmaschine“ missbrauchen lassen und baut sich ein Boot, um Liliput zu verlassen.

Nach einiger Zeit auf See erreicht Gulliver die Insel Brobdingnag, ein Land, in dem nun er der Zwerg ist und die Einheimischen die Riesen. Ein „kleines“ Mädchen, Glumdalklitsch, findet ihn am Strand und bringt ihn zum König. Hier löst seine Ankunft Erstaunen aus und er trifft Elizabeth wieder. Glumdalklitsch bleibt am Hof und betreut die beiden. Gulliver nimmt Elizabeth zur Frau. Doch intrigante Hofschranzen sagen, Gulliver sei ein Zauberer und wollen ihn töten lassen. Glumdalklitsch hilft ihm und Elizabeth bei der Flucht.

Erschöpft kommen beide wieder nach Hause zurück. Gulliver stellt fest, dass aller drei Welten, die von Liliput, die von Brobdingnang und seine Welt in jedem selbst sind. Glücklich kehrt er mit Elizabeth nach Hause zurück.

Rezension

Jonathan Swifts „Gulliver’s Travels“ ist eines der berühmtesten Bücher des 18. Jahrhunderts, seine politische Satire schimmert noch heute wie ein Diamant und ist eine Blaupause für viel später entsandene Fantasy gleichermaßen wie für den Weg, den das Parodieren politischer Umstände seitdem gegangen ist.

Es wurde erstaunlicherweise nur dreimal verfilmt, von einer losen Adaption aus 2011 abgesehen, und die Version von Jack Sher aus 1960 war bereits der letzte dieser Filme. 1902 kam die erste von Georges Melíès, war vier Minuten lang und einer seiner berühmten Showcases für das neue Medium Film, die ihn berühmt gemacht haben.  Eine weitere Version entstand 1939 als Zeichentrickfilm von Richard Fleischer und ist naheliegend, denn animiert lassen sich die exorbitanten Größenunterschiede zwischen den verschiedenen Figuren auf den Reisestationen besser darstellen, als es lange Zeit in der Wirklichkeit der Fall war. Die Zeit ist also reif für eine inhaltlich dem Buch adäquate Version, die Realfilm und heutige CGI-Tricktechnik kombiniert.

Wir erinnern uns, dass wir den Film schon einmal in unserer Jugend gesehen haben, vielleicht zweimal. Und was hatte uns damals besonders gefallen? June Thorburn als Gullivers Verlobte. Manche Dinge ändern sich eben doch nicht ohne Weiteres.  Gestern war’s ganz ähnlich. Wie schon Kathryn Grant in „Sindbads siebente Reise“ gibt diese weibliche Figur dem Film einen besonderen, liebenswürdig-frischen Charme. Beide Werke stammen aus einer Reihe  von amerikanisch-britischen Fantasy-Verfilmungen der Columbia Pictures, die 1961 mit „The Mysterious Island“ endet und denen gemeinsam ist, dass sie von Tricktechniker Ray Harryhausen maßgeblich mitgestaltet wurden. Alle drei haben auch Musik von Bernard Herrmann, wobei die für „Gulliver“ wohl die am wenigsten prägnante davon ist, weil sie das Hauptthema nicht so viel Thrill hat wie für Herrmanns Kompositionen üblich, sondern mehr auf Merry Old England als Ausgangs- und Endschauplatz der Handlung abzielt.

Heute kennt man Jonathan Swifts Buch vor allem durch seine beiden ersten Teile, in denen er auf die Liliputaner trifft, die eine Gattungsbezeichnung für Kleinwüchsige geworden sind – schon dies belegt den Einfluss des Buches bis in unsere Zeit, und der zweite Teil spielt bei den Riesen. Ist Gulliver für die Bewohner von Liliput ein Monster, ist er für die Riesen von Brobdingnag, nun ein Zwerg, das sich der König in einem hübschen Spielzeugpalast hält.

Während wir in der Liliput-Episode auf Gullivers hübsche Elisabeth verzichten müssen, weil zwei Riesen die Handlung und den Bildschirm gesprengt hätten, dürfen sie sich auf Borbdingnag wiedervereinigen und bekommen eine Heiratsurkunde, die wesentlich größer ist als sie selbst.

Ray Harryhausens Stop-Motion-Tricks, die in „Sindbads siebente Reise“ so wichtig sind für allerlei Monster aus Pappe und Knet, werden hier nur einmal angewendet, als Gulliver gegen ein Mini-Krokodil ankämpfen muss, das von den Riesen als Bestandteil  eines Zoo von Mini-Tieren gefangen gehalten wird. Ansonsten ist die Tricktechnik damit befasst, die Größenunterschiede zwischen den verschiedenen Völkern zu illustrieren, was eine nicht geringe Herausforderung bedeutet. Man sieht selbstverständlich, dass getrickst wird, aber das „Wie“ zu erklären, ist Sache von Spezialisten. Auch da haben wir’s heute einfacher: Ist alles aus dem Computer reicht im Grunde, um klarzumachen, wo der Special-Effects-Hase lang gelaufen ist.

Im Kino war „The Three Worlds of Gulliver“ kein großer Erfolg, obwohl seine humanistische Botschaft doch gut in die Zeit passte. Vielleicht war das falsche Publikum angesprochen worden. Seine Botschaften sind für einen Erwachsenen sehr verständlich und man erkennt verblüffend leicht viele Formen von Fehlverhalten in der Politik, aber auch der Menschen an sich. Ob in die Filmversion des Buches Erfahrungen aus den Weltkriegen eingeflossen sind und Abweichungen zum Buch daraus entstanden sind, das auf Zeitumstände im ausgehenden 17. Jahrhundert anspielt, die wir heute nur noch als Historiker entschlüsseln könnten, wissen wir nicht. Aber die Sequenz mit dein beiden Königen, die auch noch verwandt sind und die sich wegen der Frage, ob ein Ei vom Boden her oder vom Kopf aufgeschlagen werden soll, bekriegen, erinnert stark an die Zustände in Europa vor dem Ersten Weltkrieg und den britischen König Edward und den deutschen Kaiser Wilhelm, und die Hochrüstung per Flotte spielt auch eine große Rolle. Die Marine war in England allerdings immer schon ein besonderes Thema, seit Elizabeth I. im Jahr 1588 die spanische Armada besiegen konnte.

Die ganzen politischen Ränkespiele, die es geben kann, die Eitelkeiten der Herrscher, die Hetze zum Krieg seitens ihrer Berater, die Bemühungen der pazifistischen Politiker, das alles wird im Land Liliput so wunderbar verdichtet, dass es für Erwachsene wie ein Destillat aus allen Dingen wirkt, die auf den ersten Blick so kompliziert erscheinen. Hineingemengt wird allerdings auch Gullivers Wunsch, erst einmal in die Welt zu segeln und sich dort zu beweisen, anstatt für zehn Pfund eine Baracke zu kaufen und sich und seiner Verlobten dort in ein karges Leben zu bescheren. Dieses Propaganda für allzu einfache Verhältnisse kennen wir aus vielen Hollywoodfilmen und sind ihr gegenüber zwiespältig eingestellt.

Einerseits wäre die Welt viel friedlicher, wenn die Menschen bescheidener wären, andererseits darf man nicht jeden sozialen Missstand als Glück im Winkel hochjubeln, der sich also von rein ideellen Werten wie Liebe, die nicht fragt, und Dankbarkeit, die keinen Stolz kennt, ernähren muss. Heute setzt der Aspekt der Menschenwürde gewisse Untergrenzen für die legale Armut fest, und die sind in ihrer gegenwärtigen Ausformung schon diskutabel. Allerdings war 1960 eine Zeit des allgemeinen zunehmenden Wohlstands in der westlichen Welt und die sozialen Gegensätze, die jetzt wieder immer schärfer werden, waren ein wenig aufgelöst in der allgemeinen Hoffnung, es werde allen künftig gut gehen. Vor mehr als 50 Jahren keine Utopie.  

Vielleicht ist der Film ein wenig zu aktionsarm und zu akademisch geraten, denn die politische Diskussion nimmt insbesondere im Liliput-Teil einen beachtlich großen Raum ein. Dabei  hilft es in der deutschen Fassung übrigens ungemein, dass der dicke und etwas dumme König die Stimme von Oliver Hardy alias Arno Paulsen verpasst bekommen hat. Die ist uns doch sehr vertraut und steigert die Komik oder besser: Die Absurdität der Situation.

Während man den Agitatoren gegen Gulliver in Liliput dem Erklärungsmuster der Xenophobie beikommt und immerhin eingestehen muss, dass seine schiere Größe den Menschen Angst machen kann, ist es bei den Riesen noch einmal anders. Der Hofmagier fürchtet um seinen Einfluss, als Gullivers Künste als Arzt die Königin von Magenschmerzen befreien, der König ärgert sich, weil Gulliver im Schach spielen besser ist als er. Die Furcht vor dem Verlust von Einfluss oder davor, sich zu blamieren und jemanden als besser anzuerkennen, haben schon zu mancher mörderischen Hofintrige und mehr geführt, dazu allerlei Scheinbeweise, die auf Schabernack beruhen und die an die Gottesurteile in Inquisitionsverfahren denken lassen. Mittelalter eben. Liliput wirkt moderner als Borbdingnag, Letzteres aber gefährlicher.

Finale

Schlussendlich landen Gulliver und seine Elisabeth wieder in England und Gulliver erklärt, dass die Zwerge und die Riesen, die sich hinsichtlich ihrer menschlichen Qualitäten alle als schwach und kleingeistig erweisen, in uns allen sind. Und wer wollte das bestreiten? Leider sind die Konsequenzen, die aus Engstirnigkeit und Intoleranz entstehen, oft so riesig, dass es keine Frage der inneren Größe des Einzelnen mehr ist, ob sie bewältigt werden können oder nicht.

70/100

© 2021 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Jack Sher
Drehbuch Arthur A. Ross
Jack Sher
nach Jonathan Swift
Produktion Charles H. Schneer
Musik Bernard Herrmann
Kamera Wilkie Cooper
Schnitt Raymond Poulton
Besetzung

 

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