Rot ist eine schöne Farbe – Polizeiruf 110 Episode 203 #Crimetime 996 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Farbe #Rot

Crimetime 996 – Titelfoto © MDR, Plehn

Alarm im Sperrbezirk 2.0

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung

Der 27.06.2021 ist ein besonderer Tag. Exakt 50 Jahre zuvor erblickte die Krimireihe Polizeiruf 110 das Licht der Welt bzw. wurde der erste Film  mit dem Titel „Der Fall Lisa Murnau“ ausgestrahlt, der dieser Tage wiederholt wird. Im März 2019 begannen wir beim Wahlberliner, uns neben den Tatorten, die ihr 50-Jähriges im vergangenen Jahr feierten, mit den Polizeirufen zu befassen und haben mittlerweile mehr als 300 von derzeit 391 Filmen der Reihe gesehen. Die eine oder andere Produktion aus der DDR-Zeit ist leider verschollen, nach der Wende sah es für eine Zeit so aus, als ob die Reihe eingestellt würde, aber auch dank Schmücke und Schneider aus Halle konnte sie sich stabilisieren und ist heute ein unverzichtbarer Bestandteil der deutschen Krimilandschaft; der Polizeiruf ist nicht nur eine Ergänzung zum Tatort, sondern pflegt einen eigenen Stil, dabei profitiert man auch von der Tatsache, dass Tatorte einige Manierismen pflegen (müssen), die in Polizeirufen keine Rolle spielen, etwa die Plotanlage mit einer Leiche zu Beginn oder der Anspruch, das Rad des Genres immer mal wieder neu erfinden zu wollen.

Anlässlich des Polizeiruf-Jubiläums beschleunigen wir im Juni die Veröffentlichung bereits entworfener Kritiken und wenden uns zusätzlich anhand der Besprechung von Dokumentationen der Reihe „Polizeiruf 110“ zu.

Zu „Rot ist eine schöne Farbe“

Der verflixte siebte Fall von Schmücke und Schneider dreht sich darum, dass in Erfurt die Bordells verboten werden und wie man als Lude oder Bordellbesitzer trotzdem weiterarbeiten kann. Mit „Erfurt“ und „Bordellverbot“ habe ich leider auf Google nichts gefunden und durch die Legalisierung der Sexarbeit ist die Situation heute ohnehin anders. Und wie kommt ein 23 Jahre alter Film zu diesem Thema heute rüber?

Handlung (Wikipedia)

Schmücke und Schneider werden von Staatsanwältin Dr. Nele Cordes nach Erfurt gerufen, nachdem es dort Vorwürfe wegen korrupter Beamte gab und ein Polizist einem Anschlag zum Opfer fiel. Die hiesigen Polizeibeamten haben bereits Beweise gegen den Singleclubbesitzer Noske, und Kommissar Arnold Weber ist wenig begeistert, als er Amtshilfe aus Halle erhält. Noske sieht das Ganze als gezielte Kampagne gegen ihn, um ihn als ungeliebten Konkurrenten aus dem Verkehr zu ziehen.

Als sich Schmücke in der Wohnung des Opfers umsieht, findet er eine größere Summe Bargeld, was die Bestechlichkeit dieses Polizisten wahrscheinlich erscheinen lässt. Kurze Zeit später wird auch sein Kollege Arnold Weber umgebracht.

Die Rechtsanwältin Dr. Alma Voss hat ihren eigenen, ganz besonderen Plan, um die Geschäfte im Rotlichtmilieu der Stadt in geordneten Bahnen zu halten. Sie selber will als Mitgesellschafterin von Bordellen auftreten. Nach ihrer Vorstellung sollte es ein luxuriöses Geschäft im Zentrum der Stadt geben und ein einfaches am Rande der Stadt. So würde auch die Russenmafia kein Interesse mehr haben, weitere Bordelle zu eröffnen. Von diesem Vorhaben weiß jedoch bisher nur ihr Bruder Hannes Voss, der bereits einige Bordelle besitzt. Doch die Kommissare Schmücke und Schneider kommen der Rechtsanwältin auf die Spur. Sie konfrontieren die Geschwister Voss mit ihren Ermittlungsergebnissen und können so Hannes Voss als Mörder an den beiden Polizisten überführen. Gebhardt wusste zu viel von den Geschäften des Zuhälters und hatte ihn erpresst. Nach dessen Tod machte Weber damit weiter, da auch er in die Details von seinem Kollegen eingeweiht war.

Ehe Schmücke und Scheider Hannes Voss festnehmen können, springt er aus dem Fenster seiner Villa in den Tod.

Rezension

Aber doch ein wenig eigenartig, dass die beiden Hallenser Kommissare nach Erfurt zwecks Amtshilfe entsendet werden. Vielleicht hätte man dem Polizeiruf in Halle die Unterstützung entzogen oder Erfurt wollte ein paar schöne Stadtbilder in den deutschen Fernsehraum senden, was auch gelungen ist, und allgemein war die Erwägung, auch andere Städte im Sendegebiet des NDR mehr in den Vordergrund zu rücken. Wie auch immer, ich kenne Erfurt um einiges besser als Halle und die Thüringer Landeshauptstadt hat einen beträchtlichen, malerischen Reiz. In den 2010ern hat man es dort noch einmal versucht und wollte eine Tatort-Schiene in Erfurt ansiedeln. Leider hat das aufgrund eines mangelhaften Konzepts nicht funktioniert und ausgerechnet Weimar muss jetzt als Lachsack Village herhalten, damit Thüringen im MDR-Portfolio von Polizeirufen und Tatorten repräsentiert ist.

Was an „Rot ist eine schöne Farbe“ sofort auffällt, ist der von den vorherigen, meist von DDR-Veteran Thomas Jacob inszenierten Schmücke-Schneider-Fällen abweichende Stil. Der Plot ist nicht so gut strukturiert wie bei den ersten Filmen der beiden alten Kumpels, die von Matti Geschonnek gefilmt wurden, aber der Stil deutlich moderner als jener der Jacob-Filme und die Ironie kommt nicht zu kurz. Die modernere visuelle Gestaltung hätte unbedingt das 16:9-Format verdient gehabt, aber dass der Österreicher Peter Patzak Regie führen durfte, bedeutete noch nicht, dass der MDR sogleich von seiner konservativen Linie bezüglich der Bilddiagonale abgewichen wäre. Patzak wurde bekannt durch seine Krimisatire „Kottan ermittelt“, die in den 1970ern einen neuen Ton in die deutschsprachige Krimiwelt einführte und man merkt das Wienerische auch in Erfurt – es wirkt alles etwas fluider und stellenweise komischer als in den vorausgehenden Schmücke-Schneider-Episoden.

Anhand von Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler kann man den Unterschied gut festmachen und der Vergleich bietet sich an, weil die Episodendarsteller wechseln, die beiden aber immer dabei sind: Anstatt allzu blöde Dialoge als Witze verkaufen zu wollen und damit die Kommissare stimmungsmäßig oft quer zu den dramatischen Verbrechen zu stellen, wie man das in den 2000ern bei den beiden Halle-Cops häufig sieht, lässt man sie hier freier spielen, vielleicht sogar stellenweise ein wenig improvisieren, hält sich aber bezüglich der Frotzeleien merklich zurück. Klar, ein Ding muss immer sein, hier die ausgefallene Mauritius-Reise von Schmücke und die immerwährende Konfrontation mit Edith, hier wegen der Mauritius.-Reise. Die manchmal deplatziert wirkenden Anmerkungen der beiden untereinander fehlen in diesem Film aber weitgehend.

Schmücke gibt eben den Neo-Bonvivant und Winkler ist der Spießer, dem jedwede Lifestyle-Anwandlung suspekt ist. Schön in diesem Zusammenhang die Szene am Käse-Marktstand. Die beiden sind schon so aufgestellt, dass sich viele grundverschiedene Menschen mit ihnen oder einem von ihnen identifizieren können.

Obwohl es im 203. Polizeiruf zwei Tote zu beklagen gilt, was für diese Reihe in den 1990ern viel war, ist der Film bezüglich des Zwischenmenschlichen von einer eigenartigen Zugewandtheit geprägt. Die Politiker, die Prostituierten, sogar der Zuhälter oder dessen wesentlich jüngere Rechtsanwältin-Schwester werden auf eine Weise gezeichnet, die im Lauf des Films immer differenzierter und interessanter wird – sogar der anfangs mächtig unsympathische Kommissar Meyer erhält eine oder zwei Szenen, in denen er sehr menschlich präsentiert wird. Eine gewisse Zärtlichkeit unter Wölfen ist zu beobachten und dadurch bedauert man als Zuschauer alles, was sich zum Ende hin zuträgt. Eine sehr spannende Konstellation endet allerdings rasch, durch eine Auto-Explosion. Das Verhältnis der beiden jungen Polizisten zueinander. Ich hätte nach den ersten Minuten getippt, dass wir das erste homoerotische Verhältnis in einem Polizeiruf als Grundlage eines Verbrechens erleben – und da ist auch etwas, zumindest von Gebhardts Seite und es ist absichtlich so gefilmt, dass man das merkt. Denn wenn er Erkenntnisse über die Korruptheit seinen Kollegen zurückhält und diesen nur zur Kündigung bewegen will, vielleicht sogar eifersüchtig auf dessen Verhältnis zu einer Prostituierten ist, bringt er sich damit selbst in Schwierigkeiten – als Mitwisser.

Außerdem erzählt der Film viel darüber, woher Korruption kommt und warum sie nicht auszurotten ist: Immer spielen dabei auch persönliche Verstrickungen eine Rolle, die mal aus Geldgier, aber auch aus persönlichen Gefühlen heraus entstehen, Seilschaften bilden sich und Abhängigkeiten. Vielleicht wird der Einsatz von KI anstatt von lebenden Polizisten dem einen Riegel vorschrieben, aber wenn die KI wirklich allseitig lernfähig ist und vor allem, wenn sie Menschen im Verhalten immer ähnlicher wird, muss das nicht unbedingt so sein.

Nicht unbedingt auf der Habenseite: Dass der Film sehr erklärungslastig ist. Fast die gesamte Lösung wird anhand von Dialogen präsentiert, nicht anhand von Aktionen,die sich zu einem schlüssigen Bild verdichten. Dadurch, dass die Dialog okay und schön aufgebaute Steigerungen in ihnen enthalten sind, wie etwa in dem Gespräch der Anwältin mit dem Politiker, das quasi in Echtzeit abläuft und in dem sie eine wunderbare Dramaturgie vom Umgarnen bis zur Erpressung demonstriert, wirkt es weniger nervig, dass extrem viel geredet wird – aber das Drehbuch muss schon vergleichsweise lang gewesen sein.

Finale

Dies wiederum heißt nicht, dass ich nun eine besonders lange Rezension folgen lassen muss. „Rot ist eine schöne Farbe“ erschließt sich zwar nicht aus ebenjener Handlung oder aus den Dialogen, aber ein Gag kann ja auch mal im sinnfreien oder auch beinahe unbegrenzt interpretierbaren Titel bestehen. Am einfachsten: Rot ist die Farbe der Liebe. Hier zwischen der Prostituierten Rosalie und zwei Männern und zwischen dem Edelbordellbetreiber Voss, der sich zudem als Pionier des Webcam-Business erweist (in dieser Variante werden die Frauen noch mit einer richtigen Kamera von einem Profi abgelichtet) und seiner jüngeren Schwester, der taffen Anwältin. Natürlich lieben sich auch Schmücke und seine Edith auf ihre raue Art und wir sehen Max Ballaufs alte heimliche Liebe Miriam Koch (Roswitha Schreiner) ein paar Jahre nach dem Ende der Düsseldorfer Flemming-Tatorte als Staatsanwältin in Erfurt.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Patzak
Drehbuch Knut Boeser
Produktion Jürgen Haase
Musik Gast Waltzing
Kamera Andreas Köfer
Schnitt Michou Hutter
Besetzung

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