Großer schwarzer Vogel – Tatort 899 #Crimetime 998 #Tatort #Berlin #Stark #RBB #Vogel #schwarz

Crimetime 998 – Titelfoto © RBB, Conny Klein

Krähenflug, Abschiedsmelancholie

Die Handlung ein einem Satz, ohne Auflösung: In einem Berliner Treppenhaus wird ein Junge Zufallsopfer eines Briefbomben-Anschlags, der dem Bewohner Lohmann gilt, Ritter und Stark nehmen die schwierigen Ermittlungen auf, die nicht überall hinführen, wo man sie hätte vermuten können, aber in die Vergangenheit, in der uns Schemen und Schatten einer untergegangenen Epoche wiederbegegnen – und Vögel auf dem Felde, dahinter Windkraftanlagen. 

Nach den beiden letzten Krachern „Machtlos“ und „Gegen den Kopf“ haben Ritter und Stark zum Abschied einen Fall gelöst, bei dem wir im Verlauf immer mehr das Gefühl hatten, man wollte es langsam ausklingen lassen. Leise und traditionell. Handlungsseitig hätte man diesen Tatort vor 40 Jahren genauso zeigen können oder sogar besser, aber gerade an einem solch traditionellen Whodunit kann man gut sehen, wie sich die Inszenierungen verändert haben. Wie sie das gemacht haben, steht in der –> Rezension.

Gefühlsmäßig und schauspielerisch stimmt das Meiste, sachlogisch leider einiges wieder einmal nicht – aber wir schreiben es hier schon: Es gibt einen Abschiedspunkt extra. Weil man der jüngeren Linie in den Berliner Tatorten treu geblieben ist, konzentriert, ohne Firlefanz und sehr stimmungsvoll zu filmen. Gerade bei diesem Psychodrama namens „Großer schwarzer Vogel“ dominiert das natürlich und wirkt manchmal etwas übertrieben, aberEes fehlt eben der Drive der letzten Filme. Wie im richtigen Leben. Da fehlt der auch manchmal, und man kann es nicht abstreiben: Dies spiegelt der 899. Tatort sehr gut. Nicht handlungsseitig, aber emotional einer der klarsten und realistischsten Tatorte der letzten Zeit.

Handlung

Der bekannte Berliner Radiomoderator Nico Lohmann (Florian Panzner) und seine schwangere Freundin Anne (Klara Manzel) sollten Opfer einer Briefbombe werden. Sie verfehlt die beiden, und ein kleiner Junge stirbt, weil er im falschen Moment im Treppenhaus Ball spielt. Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) recherchieren zuerst unter den Anrufern von „Nicos Nacht“ und stoßen auf Petra Piwek (Karina Plachetka), die ihren gewalttätigen Mann auf Rat von Nico verlassen hat. Heiner Piwek (Andreas Guenther) stellt fortan Nico nach.

Ritter und Stark finden aber auch Ungereimtheiten in Lohmanns Lebenslauf: Der ehemalige Leistungsschwimmer, den sein Vater Hans Lohmann (Hans Uwe Bauer) mit aller Härte trainierte, verursachte vor fünf Jahren einen schweren Autounfall und beendete danach seine Sportlerkarriere.

Auf der Suche nach einem Motiv ermitteln die Kommissare auch bei Nicos Freundin Henriette (Julia Koschitz), von der sich Nico damals trennte. Der Leidtragende des Unfalls, Ulrich Kastner (Peter Schneider), dessen Frau und kleine Tochter ums Leben kamen, ist auch heute noch überzeugt, dass seine Frau den Unfall nicht verursachte. Damals untersuchte der Kriminalbeamte Karl Vornier (Andreas Leupold) den Fall. Er bestätigt, dass der Unfall nie richtig aufgeklärt wurde.

Rezension

Gefühlsmäßig und schauspielerisch stimmt das Meiste, sachlogisch leider einiges wieder einmal nicht – aber wir schreiben es hier schon: Es gibt einen Abschiedspunkt extra. Weil man der jüngeren Linie in den Berliner Tatorten treu geblieben ist, konzentriert, ohne Firlefanz und sehr stimmungsvoll zu filmen. Gerade bei diesem Psychodrama namens „Großer schwarzer Vogel“ dominiert das natürlich und wirkt manchmal etwas übertrieben, aberEes fehlt eben der Drive der letzten Filme. Wie im richtigen Leben. Da fehlt der auch manchmal, und man kann es nicht abstreiben: Dies spiegelt der 899. Tatort sehr gut. Nicht handlungsseitig, aber emotional einer der klarsten und realistischsten Tatorte der letzten Zeit.

Am Ende bleiben Trauer und Schmerz. Am Ende gibt es keine wirklichen Täter, wie in so vielen Tatorten und wie manchmal sicher im wirklichen Leben. Wie die Vergangenheit über Generationen fortwirken kann, ist eines der Themen des Films. Und wie sie immer wieder Menschen runterziehen kann.

Da sind die Lohmanns, der Vater bei einer DDR-Sondereinheit, der Sohn ein talentierter Schwimmer. Der Vater, noch ganz im DDR-System aufgewachsen, drillt und dopt ihn auf eine Weise, die man, wenn  man es wollte, schon sehen konnte, bevor die Mauer fiel – vor allem bei den weiblichen DDR-Spitzensportlern. Wenn die Leistungen nicht stimmen, werden alle Pillen versucht und da gibt es eine Abweichung, die genau stimmig ist: Das System hätte Lohmann aussortiert, aber der Vater, nach dem Ende seines Staates allein in der neuen Welt, versucht privat und allein einen Traum mit seinem Sohn zu verwirklichen und der taugt am Ende nicht. Der übliche Vater-Sohn-Konflikt, angereichert durch Muster, die über das Ende eines Staates reichen und den Sohn, seine Freundinnen, Unschuldige in verschiedenen Jahren immer weiter involvieren und immer neue Traumata verursachen.

Wenn man sich dafür interessiert und es gut findet, dass Ritter und Stark so dezent vorgehen, dass man in diesen Betrachtungen nicht getört wird, dann ist „Großer schwarzer Vogel“ ein gelungener Abschiedsfilm für das Berliner Duo, das nach 30 gemeinsamen Fällen gemäß Wunsch des produzierenden Senders RBB den Dienst quittiert.

„Großer schwarzer Vogel“ ist kein großer Tatort. Wir waren zuletzt gar verwöhnt von den beiden Typen, die nicht nur physisch sehr unterschiedlich sind, sonder auch wohl keine echten Freunde waren. Sie müssen solche Kumpels im letzten Tatort auch nicht mehr spielen, der künstlich wirkende Humor vergangener Zeiten ist einer blass gefilmten, harten und nervenaufreibenden Realität gewichen. Da kann man müde werden. Im Auto und am Telefon, wenn man sich an den Radioseelsorger Nico wendet. Dass Ritter sowas tut, hat uns zwar überrascht, aber eine dezentere Andeutung von Dienstmüdigkeit hätte nur darin bestanden, gar keine Andeutung zu machen. Und es passt ja so gut zum Film.

Die Menschen darin sind auf eine Art abgeschieden und in der Vergangenheit gefangen, die, solchermaßen potzenziert gezeigt, der Pointierung dient, aber es ist dramatisch und traurig zugleich, wie Menschen nicht loslassen können. Ehemalige Freundinnen, Männer von Unfallopfern und dann noch die häusliche Gewalt, die nicht hergleitet wird, sondern uns wie eine beinahe selbstverständliche Erscheinungsform des Zusammenlebens begleitet.

Man findet sich, trennt sich, hofft auf etwas, wird enttäuscht, will jemanden warnen oder erschrecken und löst damit einen Todesfall aus. Fahrlässige Tötung, aber es ist ein Todesfall und deprimierenderweise und sicher nicht unabsichtlich ein kleiner Junge, der nur mit einem Ball gespielt hat. Die Unschuld ausgerechnet von einer Kindergärtnerin (Kita-Erzieherin) zerstört, niemand, nicht einmal diejenigen, die noch ganz und gar unschuldig in einem ganz jungen Leben stehen, kommt davon.

Lohmann war nicht feige, weil er aufgegeben hat. Dieses Wort seines Vaters ist typisch für eine Generation, die vor der Sozialpädagogik entstanden ist und solchermaßen strukturierte Väter gab’s nicht nur im Osten. Und dass jemand, der seine Vergangenheit zu verarbeiten hat, zum professionellen Kümmerer wird, ist nicht abwegig. Dass jemand angesichts permanenten, unangemessenen Leistungsdrucks depressiv wird, auch nicht. Wir wissen das von Fußballern, Skispringern – und das gibt’s sicher auch bei Schwimmern, ohne dass es in einem prominenten Einzelfall publik wurde. Es ist auch eine Form, Menschen  zu helfen, wie eingangs dem Spielsüchtigen, und damit Buße zu tun, wo es doch nie einen Ausgleich für den Tod zweier Unschuldiger gibt. Am Ende kann der Mann, der Frau und Kind verloren hat, den Täter nicht umbringen, welcher deren Tod billigend in Kauf genommen hat. Die Konfrontation, die Möglichkeit, es zu tun, bringt die Erkenntnis der Sinnlosigkeit. Keine Erlösung, aber am Ende ein Gleichgewicht der Ratlosigkeit und Machtlosigkeit auf allen Seiten.

Was ist uns da noch ein Fall, der nicht in allen Punkten stimmig ist? Klar, dafür gibt’s Abzüge, denn die letzten beiden Berliner Tatorte haben es tatsächlich geschafft, diese typischen Wischer nicht zu zeigen, und damit setzen sie natürlich Maßstäbe in einer Zeit, in der man oft den Eindruck hat, der Kompass für gute Krimis ist irgendwo im Müll gelandet, wie dieser Brief mit der Olympia-Buchung.

Natürlich wird für Olympia nicht einzeln gebucht, wenn man zur Mannschaft einer teilnehmenden Nation gehört. Natürlich ist Lohmanns Darsteller, den man offenbar nicht gedoubelt hat, kein Spitzenschwimmer. Bei dem Bruststil hätte es nicht einmal für die Teilnahme an den Bezirksmeisterschaften gereicht. Vielleicht war seine Hauptlage auch eine andere und er hat sich bewusst von sich selbst entfernt, wer weiß das schon. Die Seilschaft, die seinerzeit den Unfallhergang bei seinem Selbstmordversuch gefälscht hat, wirkt übertrieben gangfähig,  nur, um noch einmal zu zeigen, wie das damals war, als man alles unter den Teppich kehren konnte, wenn man die richtigen Leute kannte – und dass sowas, wenn man sie nochkennt, auch heute noch geht, und die Vertuschung wirkt zunächst übermotiviert. Allerdings: Es geht nicht darum, dass jemand, der unter Medikamenteneinfluss stand, nicht schuldfähig ist, sondern um den Skandal, der durch die pressemäßige Aufbereitung der Wahrheit verursacht worden wäre, insofern ist die Handlungsweise von Nicos Vater bei dessen Charakter nachvollziehbar.

Die Ermittlungen laufen viel zu geradlinig und wieder einmal durch Zufälle befördert in wenige Richtungen. Genau da hat man bei „Gegen den Kopf“ anders optiert und war überzeugend. Dieses Mal haben die Reduktion und der zurückgenommene Ton keine Hektik zugelassen, wir verstehen das schon und halten daher die Abzüge für diese etwas schmale Krimiaufstellung von „Großer schwarzer Vogel“ in Grenzen. Zwischenzeitlich gerät der Strang mit dem Bauarbeiter ganz aus dem Blick, obwohl er nicht aufgelöst ist und dann wieder aus wie aus der Klamottenkiste kommt, weil es ganz schnell zwei Verdächtige quasi gleichzeitig braucht, so’n Zufall. Und das Sträßchen, auf dem sich der Unfall ereignet hat, ist definitiv nicht die Bundesstraße 1.

Finale

Jungs, macht’s gut bzw. Junge, mach’s gut. Felix Stark wird ja noch ein- oder zweimal alleine ermitteln, bevor ein neues Team gefunden ist. Wir schreiben jetzt keine scheinheiligen Sachen, wir haben bis zum Jahreswechsel 2012/2013 viel Kritik an den Berliner Tatorten geübt, auch an euch, auch daran, wir ihr von den Drehbüchern aufgestellt wurdet. Aber ihr habt ein respektables letztes Jahr hingelegt, und das wird uns in Erinnerung bleiben. Wir schließen ein Kapitel und sind gespannt, was kommt.

Die schwarzen Krähen, der Volkspark Schöneberg-Wilmersdorf, das LKA und die kleinen Straßen im Brandenburger Umland, der Blick auf die große Stadt – dies alles wird uns bleiben. Und immer mal wieder die Wiederholung eines Tatorts mit Ritter und Stark, den wir noch nicht gesehen, über den wir noch nicht geschrieben haben. Tja, jetzt sind wir auch melancholisch. Wie auch anders, bei dem Film, der so gut zu diesem Abschiedszenario passt. Unsere Bewertung mit dem Abschieds-Sonderpunkt: 7,5/10.

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Till Ritter – Dominic Raacke
Hauptkommissar Felix Stark – Boris Aljinovic
Nico Lohmann – Florian Panzner
Anne Kröber – Klara Manzel
Hans Lohmann – Hans Uwe Bauer
Henriette – Julia Koschitz
Ulrich Kastner – Peter Schneider
Heiner Piwek – Andreas Guenther
Maria – Verena Jasch
u.a.

Drehbuch – Jochen Greve, nach einer Idee von Titus Selge
Regie – Alexander Dierbach
Kamera – Markus Schott
Musik – Sebastian Pille

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