Raya und der letzte Drache (Raya and the Last Dragon, USA 2021) #Filmfest 503 | 5 Empfehlungen

Filmfest 503 Empfehlungen

Raya und der letzte Drache (englischer Titel: Raya and the Last Dragon) ist ein US-amerikanischer Computeranimationsfilm, der unter der Regie von Don Hall und Carlos López Estrada entstand und am 5. März 2021 in die nordamerikanischen Kinos kam und auf Disney+ erschien. Der Film ist die 59. Produktion der Walt Disney Animation Studios.

Man muss sich nicht mit allem auskennen, auch nicht mit allem, was alle Streaming-Portale derzeit raushauen, a.) weil es sowieso im Trend liegt, zu streamen, b.) weil Corona die Kinosäle verwaisen ließ. Ich beneide die Kritiker*innen nicht, die sich zur Aufgabe gemacht haben, diesenm unzähligen Formaten hinterherzurennen, um sie alle zu rezensieren. Das gilt auch für die Disney-Kanäle, die alleine ausreichen würden, um eine ganze Familie den ganzen Tag lang zu bespaßen. „Raya und der letzte Drache“ ist aber ein anderer Fall. Es ist ein „Meisterwerk“. Ob der Film wirklich ein Meisterwerk darstellt, werden wir weiter unten klären, aber er zählt zu der Reihe von legendären Animitations-Langspielfilmen, die 1937 mit „Schneewittchen“ startete, als lange Zeichentrickfilme ein Experiment darstellten und seitdem viele unvergessliche Werke hervorgebracht hat. Klassiker wie „Bambi“, „Alice im Wunderland“, „Das Dschungelbuch“ zählen dazu ebenso wie die Filme, die man zur „Disney-Renaissance“ rechnet und die ab den 1990ern herauskamen, mit „Der König der Löwen“ (1994) als Highlight gemäß Ansicht der Kinofans.

Schließlich kamen die CGI-3D-Filme hinzu, von denen ich z. B. „Rapunzel – frisch verföhnt“ im Kino gesehen habe. Wir werden dieser Reihe von „Meisterwerken“ ein Special widmen, deswegen haben wir sie bisher im Wesentlichen aus der Chronologie ausgeklammert, die wir gerade entlang dem „Internationalen Filmverzeichnis Nr. 8“ erstellen. „Raya und der letzte Drachen“ ist nun der 59. Film dieser Premiumsparte unter den Disney-Produktionen. Mit Paul Briggs und Dean Wellins hat man mit diesem Film zwei „Newbies“ insofern betraut, als sie bisher keinen Film der „Meisterwerke“-Reihe verantwortet haben. Soweit zur Angabe in der Wikipedia-Filmübersicht der Disney-Meisterwerke, die Angaben zum Film selbst weisen Don Hall und Carlos López Estrada als Regisseure aus. Don Hall hat bereits an zwei früheren Filmen der Reihe mitgewirkt.

Handlung (1)

Raya und der letzte Drache spielt im fiktiven Land Kumandra.[2] Kumandra besteht aus fünf verschiedenen Regionen, die von Clans bewohnt werden. In dem Land lebten auch einst Drachen, die jedoch infolge einer dunklen, finsteren Macht – den Druun – versteinert wurden.[3] Kurz bevor der letzte Drache verschwand, konnte sie die Bedrohung durch die Druun abwenden.

Nachdem die junge Kriegerin Raya unabsichtlich dafür sorgt, dass die Druun zurückkehren, macht sie sich auf den Weg, den letzten Drachen zu finden. Dieser soll Licht und Einheit in die Welt zurückbringen.[2] Letztendlich findet Raya den Drachen Sisu, der auch in menschlicher Gestalt auftreten kann. Raya ist mit der Hilfe ihrer neuen Freunden kurz davor, Sisu zu helfen das Land wiederzuvereinen. Nach einigen Rückschlägen wird Raya klar, dass Kumandra nur durch Vertrauen und Zusammenhalt gerettet werden kann.

Rezension

Wenn man sich die glücklicherweise mal kurz gehaltene Wiki-Handlungsbeschreibung durchliest, wird man etwas entdecken, was ohnehin kein Geheimnis darstellt: Hollywoodfilme laufen häufig nach dem gleichen Muster ab und Disney-Filme noch häufiger. Es sind Varianten des gleichen Themas von Mut, Freundschaft, Bewährung, Ehrenhaftigkeit, die Kindern immer wieder nahegebracht werden sollen, jeweils zeitgemäß interpretiert und so gemacht, dass auch Erwachsene mitgucken können, ohne sich zu Tode zu langweilen, weil zum Beispiel nicht genug Blut spritzt oder, in seltenen Fällen, weil der intellektuelle Anspruch ihnen zu niedrig ist. Leider haben alle Disney-Filme bisher nicht dazu geführt, dass die Welt friedlicher wurde. Man könnte natürlich auch sagen: Wie würde sie erst aussehen, wenn nicht Milliarden von Kindern durch die Fantasien eines großen Egomanen und Kindes inspiriert worden wären und durch Animation dazu animiert, gute Menschen zu sein und die wahren Werte zu schätzen und zu leben? Über diese Brücke würde ich nicht gehen wollen, zumal viele ältere Disney-Filme durchaus wegen rassistischer Untertöne in der Diskussion stehen, darunter auch einiger der „Meisterwerke“, viele von ihnen sind auch nicht „niedlich“, sondern künden durchaus von Gefahr, Gewalt und Boshaftigkeit. Trotzdem sind wundervolle Produkte dabei, die mir immer noch mehr Spaß machen als das gesamte heutige Superhelden-Universum mit seinen faschistoiden Tendenzen und seiner für Normalmenschen augenfälligen Trostlosigkeit. Was sagen aber nun die Kritiker*innen, die den Film schon gesehen haben?

Film plus Kritik hebt heraus, was wir oben erwähnten, nämlich das Schematische, aber es kommt, das sagen wir auch immer, angesichts einer nicht unendlich großen Zahl von funktionierenden Mustern der Erzählkunst, darauf an, wie es gemacht ist.

Abgesehen vom makellosen Look gibt es dann aber doch ein paar Schönheitsfehler (…). Da wäre einmal, dass man geradezu überschwemmt wird mit einer Flut an obligatorischen niedlichen Sidekicks. Diese sorgen zwar für Erheiterung, und ihre große Anzahl wird sogar nachvollziehbar in die Geschichte verwoben, trotzdem kommt man nicht umhin, sich manchmal zu wünschen, dass man diese Zeit lieber dem „Bösewicht“ oder einer der Hauptfiguren gewidmet hätte. – „Raya und der letzte Drache“: Kritik – Film plus Kritik – Online-Magazin für Film & Kino

Des Weiteren wird bemängelt, dass man dieses Mal auf den Musical-Aspekt verzichtet hat, der mit für den Erfolg der oben erwähnten Disney-Renaissance in den 1990ern gesorgt hat: Es gibt keinen einzigen Song, schon gar keinen Smash-Hit. Die Rezensentin findet das unverständlich. Vielleicht hat man die Produktionskosten in Grenzen halten wollen, in diesen unsicheren Zeiten ohne vernünftig planbare Kinoauswertung. Letztlich gibt Film plus Kritik (ist mir nun aufgefallen, dass sie dort, wie wir, auf eine Feinjustierung per 100er-Teilung setzen) 77/100 bzw. 8 von 10 Sternen.

Disney’s “Raya and the Last Dragon,” available this week in limited theatrical release and on Disney+ for an extra fee, is a wonderful adventure. Blending imagery and mythology from several Southeast Asian cultures into its own vision, it’s an ambitious family film that will work for all ages, and one that never talks down to its audience while presenting them with an entertaining, thought-provoking story. It also contains some of the most striking imagery Disney has ever produced, dropping its characters in a world that feels both classic and new at the same time. –  Brian Tallarico, RogerEbert.com

Einer der Erben des großen Roger Ebert auf dessen Plattform vergibt 3,5/4 für die ebenso starke wie niedliche Raya und den niedlichen Drachen (siehe unser und das dortige Titelbild). Wir erfahren, dass dieses Mal südostasistische Kulturen in einem bei genauem Hinschauen vermutlich hexenküchengebräuartigen Mix herangezogen werden, das gab es nämlich bisher nicht (in den „Meisterwerken“) während z. B. China schon mit „Mulan“ zu Disney-Ehren kam, sogar zweimal. Ich tippe, dass demnächst Zentralafrika herhalten muss. Was die Muster angeht, werden sie hier nicht reflektiert, sondern als gelungen interpretiert angesehen. Was man Disney bezüglich der Production Values zugutehalten muss: Sie haben darauf verzichtet, es immer komplizierter zu machen. Optisch, inhaltlich natürlich auch. Anders als Dreamworks, das von einem Disney-Abgänger gegründet wurde und das z. B. für die Filme mit den gezähmten Drachen verantwortlich ist, hat man bei Disney einen Mittelweg zwischen der guten alten 2D-Animation und dem, was die CGI könnte, wenn man sie ausreizen würde, gefunden. Einen Mittelweg, der Kinder eben nicht visuell überbelastet. Gegenstände werden sehr wohl detailreich dargestellt, aber die Menschen haben mehr oder weniger Puppengesichter. Ob diese Selbstvereinbarung nun die kommunale Optik der Influencerinnen auf Instagram beeinflusst hat, die auf beängstigende Weise wie Disney-Kunstfiguren aussehen, nur mit dickeren Lippen oder umgekehrt, kann hier nicht untersucht werden.

Eine Erklärung für die fehlenden Songs meint Filmstarts.de gefunden zu haben: Es ist zu viel Kampf um Raya, als dass sie Puste für das Schmettern von Liedern übrig haben könnte. Das Fazit lautet so:

„Raya und der letzte Drache“ schickt eine so tolle wie toughe Disney-Prinzessin in eine faszinierende postapokalyptische Fantasy-Welt. Das riesige Potenzial dieser Ausgangslage kann sich in einer hektischen Schnitzeljagd mit zu vielen schrulligen Sidekicks aber nicht voll entfalten. – Filmstarts.de

Ich weiß nicht, was Filmstarts üblicherweise für Disney-Meisterwerke vergibt, aber 3/5 sind für diese in vieler Hinscht doch ambitionierten Produktionen nicht riesig. Die Revolution bleibt aus, lautet sinngemäß die Headline. Richtig schlechte US-Kritiken scheint es gemäß-Metascore nicht zu geben, er steht derzeit auf 75/100, die Nutzer*innen der IMDb votieren mit 7,4/10 fast gleich, was allerdings für einen der Premium-Disneyfilme eine eher niedrige Bewertung darstellt. Unter den wenigen „gelben“ Kritiken auf „Metacritic“ haben wir diese herausgegriffen:

A lot of the storytelling is clumsy, rushed or inelegant, but the movie’s timely message of unity and trust still resonates because the filmmakers figured out such a satisfying ending — albeit one that ties things up a little too neatly: so much world-building in service of a one-off. Is this overloaded origin story really the last we’ll see of “The Last Dragon”? – Variety

Im Verlauf der Rezension wird klargestellt, dass das Filmteam zu Forschungszwecken tatsächlich alle Länder bereits hat, deren Kultur in den Film eingeflossen ist, als da sind: Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Singapur, Thailand und Vietnam. Na, da kann ja bezüglich der Aneignung fremder Kulturen vielleicht doch nichts mehr schiefgehen, ihr weißen FIlmemacher in Kalifornien. Spaß, muss auch mal sein und außerdem: Die Botschaft zählt. Wer wollte in unseren Tagen bestreiten, dass die Botschaft von Einheit und Vertrauen nicht besonders wichtig ist? Blöderweise hat man die Gier, die Rücksichtslosigkeit, die Arrgoanz in 40 Jahren Neoliberalismus so sehr in mehrere Generationen eingepflanzt, dass es mindestens weitere 40 Jahre dauern wird, diese Schäden zu beheben. Disney hat sich diesem Trend zwar nie angeschlossen, aber weiß auch, dass seine Botschaften trickreich die Wirklichkeit umgehen, die, siehe oben, eben nicht alleine mit ein paar Animationsfilmen positiv beeinflusst werden kann.

Die Einheitsrhetorik fühlt sich schrecklich banal an, lehrt aber auch Vergebung: eine lohnende Lektion für die Kinder. –  Beatrice Loayza, The New York Times

Raya ist also eine neue Disney-Prinzessin, wie es weiter heißt, und das matcht, das tut es seit „Schneewittchen“, wobei die Prinzessinnen im Stil unserer Zeit auch Kriegerinnen sind. Doch pazifistisch sind die Disney-Filme eben meistens nicht. Was soll man mit einer Aussage anfangen wie der, dass etwas gleichzeitig banal und eine lohnende Lektion ist? Vielleicht, dass lohnende Lektionen banal sind und Pazifismus keine Option darstellt. Insofern hätte Disney wieder einmal alles richtig gemacht. Die beiden letztgenannten US-Stimmen werden von Metacritic jeweils mit einer Zustimmung von 60/100 zum Film eingestuft und zählen damit zu den weniger begeisterten Äußerungen, die das Portal zusammengetragen hat (derzeit 46).

TH

Regie Don Hall,
Carlos López Estrada
Drehbuch Adele Lim
Produktion Osnat Shurer
Musik James Newton Howard
Schnitt Fabienne Rawley,
Shannon Stein

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: