Psycho, USA 1960 #Filmfest 508 #Top250

Filmfest 508 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (65)

Die Vögel und die Fliege

Wir haben uns nun doch entschlossen, Alfred Hitchcocks Werk nicht strategisch-chronologisch von vorne nach hinten oder umgekehrt zu betrachten, sondern so, wie es im Fernsehen ausgestrahlt wird und es dann, wenn die Hauptwerke rezensiert sind, die noch heute zum Standardrepertoire gehören, besonders das Frühwerk anhand von spezielleren Quellen wie unserer Lieblingsvideothek in Kreuzberg in Angriff zu nehmen. Immerhin haben wir die meisten Hitchcocks, die etwas bekannter sind, schon einmal gesehen und können sie, wenn wir sie rezensieren, einigermaßen in einen Werk-Kontext einordnen. Sie wollen mehr wissen? Wir auch. Es steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Marion Crane, eine Sekretärin aus Phoenix, ist es leid, sich mit ihrem Freund Sam nachmittags heimlich in billigen Absteigen treffen zu müssen. Sie möchte endlich heiraten. Er fühlt sich jedoch finanziell noch nicht genug abgesichert, um ihr ein sicheres Leben zu ermöglichen.

Marion wird von ihrem Arbeitgeber Lowery beauftragt, für den wohlhabenden Kunden Tom Cassidy 40.000 Dollar zur Bank zu bringen. Sie fasst den Entschluss, das Geld zu unterschlagen und sich krank zu melden. Marion verlässt mit dem Geld die Stadt, was ihr Chef zufällig sieht. Auf der Fahrt erregt sie durch ihr sonderbares Verhalten die Aufmerksamkeit eines Polizisten, der sich eine Weile lang an ihre Fersen heftet. Das überhastete Tauschen ihres Wagens gegen einen anderen weckt den Argwohn eines Autohändlers.

Nervös und ängstlich erreicht Marion im strömenden Regen schließlich ein abseits der Hauptstraße gelegenes Motel. Dessen junger Eigentümer, Norman Bates, erzählt Marion, dass er mit seiner kranken Mutter nebenan in einem viktorianischen Haus lebe und keinerlei Freunde habe. Der junge, etwas verklemmt wirkende Mann zeigt Interesse an der attraktiven Frau und lädt sie zum Abendessen ein.

Er geht vom Motel in das Haus, um das Abendessen vorzubereiten. Marion hört durch das offene Fenster eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen ihm und seiner Mutter, die ihm Kontakte zu Frauen verbieten will, die sie für „schmutzig“ hält.

Danach bringt Bates das Abendessen ins Motel. Während des gemeinsamen Essens kommen Norman und Marion ins Gespräch. Norman erwähnt sein Hobby, das Präparieren von Vögeln, und kommt auch auf seine Mutter zu sprechen. Er bezeichnet sie als „harmlos“, nur „manchmal ein bisschen bösartig“. Er äußert auch, dass er keine Freunde brauche, denn der beste Freund eines Mannes sei seine Mutter.

Marion hadert vor dem Schlafengehen mit sich und erwägt, das gestohlene Geld zurückzubringen. Es hat den Anschein, als sei sie mit sich im Reinen, als sie unter die Dusche geht. Dort wird sie von einer Gestalt in Frauenkleidern brutal erstochen. Norman entdeckt die Leiche und ist bestürzt über die Tat, die anscheinend seine herrschsüchtige Mutter begangen hat. Er beseitigt sorgfältig alle Spuren, verstaut Marions Leiche samt Gepäck – darin auch das gestohlene Geld, von dem er nichts weiß – in ihrem Auto und versenkt es in einem Sumpfgebiet hinter dem Motel. (…)

Rezension 

„Psycho“ aber ist ein echter Sonderfall und ein Wendepunkt im Filmen und wohl auch im Leben des Meisters, ein Bruch mit dem, was über Jahrzehnte hin bis zu seinen hoch erfolgreichen Filmen in den 1950ern entwickelt hatte und – der Beginn eines Abstiegs vom künstlerischen Höhepunkt, auch wenn dieser sich nicht linear vollzog und immer wieder interessante Film wie „Frenzy“ (1972) nachfolgten.

Unser Lieblingshitchcock war „Psycho“ nie, dafür ist der Film nun einmal nicht liebenswert genug. Die Erklärung ist einfach: Wer „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“) von 1959 liebt, und das trifft auf uns ohne Zweifel zu, der kann diesen ganz anderen Nachfolger vielleicht schätzen und als eine gewollte Zäsur bewerten, seine ikonischen Szenen und Figuren und deren Auswirkung aufs Kino der Folgezeit anerkennen, aber die Abkehr von der großzügigen Ästhetik, der perfekten Dramaturgie, der Fullsize-Produktionstechnik und den Superstars, die Hitchcock während der 1950er beinahe ausschließlich einsetzte (von den frühen Werken des Jahrzehnts „Der Fremde im Zug“ und „Ich beichte“, die, wie Psycho, in Schwarz-Weiß gedreht waren und von „Immer Ärger mit Harry“ abgesehen), diese Hinwendung zum „kleinen“ Format, ist schon ein Schock, ohne dass überhaupt eine furchtbare Handlung ihren Lauf genommen haben muss.

Hitchcock wollte das so und vewendete deswegen hauptsächlich die Technik seiner Fernsehserie „Alfred Hitchcock presents“ für diesen Film, das Budget schrumpfte von 5 Millionen Dollar für den Vorgänger „North by Northwest“ auf 800.000 Dollar für „Psycho“, was auch 1960 eine eher billige Produktion darstellte. Damit einher ging allerdings das Risiko, dass seine eigene Produktionsgesellschaft in Vorlage treten musste, weil die Verleihgesellschaft Paramount, für die er den Film vertragsgemäß fertigzustellen hatte, dem Konzept nicht traute und es so, wie es dann ausgeführt wurde, nicht unter ihrer eigenen Ägide gestattet hätte. Der Hype um den Dreh des Films, die Geheimniskrämerei im Vorfeld und diverse Besonderheiten wie den Ausschluss von Besuchern, die ins Kino wollten, nachdem der Film bereits begonnen hatte, sind ebenso Legende wie „Psycho“ selbst und steigerten im Vorfeld natürlich das Interesse am neuen Hitchcock – an den man zu Recht hohe Erwartungen haben durfte, nach dem Erfolg des Agententhrillers „Der unsichtbare Dritte“, der ebenfalls ikonische Szenen beinhaltete und die bald kommenden James Bond-Filme maßgeblich beeinflusst hat.

„Psycho“ hat dann viel fürs Horrorgenre getan und das Subgenre des Psychothrillers mehr oder weniger im Alleingang installiert. Der Film ist sehr spekulativ und spielt mit den Urängsten des Publikums wie kaum ein Kinostück zuvor. Ohne ihn wären kommende, viel mehr ausgefeilte Filme wie „Rosemarys Baby“ (1968) nicht denkbar gewesen und alles, was heute an psychopathischen Killern gezeigt wird, basiert letztlich auf dem Urknall von „Psycho“, inklusive den vielen Franchise-Elementen, die sich aus diesem Film direkt entwickelt haben – und den man in vielen einzelnen Punkten sicher übertreffen kann, der im Ganzen aber kaum erreichbar ist.

Die Loslösung von den Konventionen des traditionellen Hollywoodkinos, mit denen  Hitchcock schön zu spielen wusste, die er aber immer berücksichtigte, macht aus „Psycho“ eine Reise ins Ungewisse, und das ist bereits einer der Erfolgsbausteine: Man weiß nie, was als Nächstes passieren wird. Es ist weder zwingend logisch, noch folgt es der Plotpoint-Theorie, die in den meisten Spielfilmen zur Anwendung kommt, es ist super spannend, selbst dann, wenn man den Film schon kennt, weil man ihm bei jedem Anschauen neue Aspekte abgewinnen kann.

In diesem B-Movie-Outfit kommt ein Werk daher, das auf intellektueller Ebene gewiss nicht sehr vielschichtig aufgebaut ist, aber gerade deshalb, weil seine psychologischen Spekulationen ziemlich schräg sind, Dinge in uns triggert, die eben genau das sind; atavistisch, jenseits dessen, was wir rational erklären können und gerade die Deutungen am Ende, die der Psychologe fürs Publikum hinsichtlich der Person von Norman Bates abgibt, belegen uns, dass psychologische Modelle nur hilfsweise beschreiben können, warum Menschen aus dem Ruder laufen oder aus der Fasson gehen.

Roger Ebert schrieb in seiner Kritik aus dem Jahr 1998, diese Erklärung seitens des Psychologen hätte man bis auf einige Eingangssätze streichen können und dann direkt zu Norman schwenken, wie er in der Zelle sitzt oder wie seine Mutter in seinem Körper in der Zelle sitzt und sich Gedanken darüber macht, wie sie möglichst harmlos wirken kann, etwa, indem sie keiner Fliege etwas zuleide tut. Das ist ganz schön krude und auch heutige psychopathische Mörder werden selten so von innen heraus gezeigt, denn es handelt sich dabei um einen inneren Monolog.

Man tut das wohl auch deshalb nicht, weil man nicht die Traute hat wie Hitchcock und die Banalisierungen vermeiden will, die solche filmisch hervorragenden Momente durchaus beinhalten. Durch den Handlungsverlauf und dieses Überwechseln ins Innere der Täterfigur, der die psychologische Erklärung vorangeht, hat der Film auch etwas Fragmentarisches. Wir halten es außerdem für möglich, dass Hitchcock mit dieser Erklärungssequenz einen Gag geliefert hat – weil er wohl ahnte, dass dieser Talking Head sehr denjenigen ähnelt, die in den 1950ern zum Einsatz kamen, wenn es darum ging, Phänomene mit einer pseudowissenschaftlichen Unterlegung zu versehen, wie sie etwa in den Produktionen, die „Psycho“ in manchen Aspekten am nächsten stehen, wie „Formicula“ und „Tarantula“ oder „Das Ding“, die eine Mischung aus SF und Horror waren, häufig anzutreffen sind.

Irgendwann muss sich jemand ans Publikum wenden und versuchen, das zu erklären, was so absonderlich wirkt. In „Psycho“ wurden die Fehlentwicklungen von Spezies, die durch Menschen ausgelöst wurden, dann aufs Innenleben einer Person übertragen. Allerdings ist „Psycho“ nicht der erste Film, der eine kranke Mörderpersönlichkeit zeigt. Hitchcock selbst hat mit „Im Schatten des Zweifels“ im Jahr 1943 schon einmal einen Mann gezeigt, der als „Onkel Charlie“ in die Filmgeschichte einging und seiner Nichte nachstellte, um sie zu ermorden. 1955 hat Charles Laughton in seiner einzigen Regiearbeit „Die Nacht des Jägers“ einen offenbar persönlichkeitsgestörten, sadistischen Prediger auftreten lassen, der auch vor dem Mord an Kindern nicht zurückschreckt, wenn es um die Durchsetzung seiner banalen finanziellen Interessen geht.

Finale

Wir haben hier den seltenen Fall oder Fail vor uns, dass eine Rezension offenbar nicht fertiggestellt wurde, aber trotzdem in den Bestand „zur Veröffentlichung vorgesehen“ gewandert ist. Wir machen es jetzt aber und schauen uns den Film bei Gelegenheit noch einmal an, um vertieft darüber zu schreiben. Erinnerungsweise haben wir vor der letzten Sichtung auch eine Dokumentation gesehen, die minutiös jedes Detail des Films interpretiert und sogar im Stil eines Dokudramas gestaltet ist. Interpretiert und auch überinterpretiert? Dies werden wir irgendwann noch beurteilen, zumal wir daran interessiert sind, unabhängig vom Veröffentlichen der Hitchcock-Film-Rezensionen, die sich mit den Top250-Filmen, jenen Produktionen, die irgendwann einmal auf der Bestenliste der IMDB standen, befassen, irgendwann eine große Werkschau über ihn zu machen.

Ein absoluter Liebling von uns ist dieser Film aber nicht, wie man anlässlich obenstehender Bemerkungen schon vermuten durfte. Kürzlich haben wir erstmal einen Film mit Extrapunkten für „LoveMovie“ ausgestattet, sollen wir jetzt das Gegenteil tun? Herausragendes, filmhistorisch besonders wertvolles Werk, aber nicht ganz unser Cup of Tea? Nein, wir lassen es nicht ausfransen, sonst sitzen wir noch irgendwann da wie Norman Bates und starren auf Fliegen, anstatt auf Ziegen, und sie werden immer größer.

86/100

© 2021 (Entwurf 2017) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursive Textteile: Wikipedia

Regie Alfred Hitchcock
Drehbuch Joseph Stefano
Produktion Alfred Hitchcock
für Shamley Productions
Musik Bernard Herrmann
Kamera John L. Russell
Schnitt George Tomasini
Besetzung

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