Zirkuskind – Tatort 900 #Crimetime 1002 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Zirkus #Kind

Crimetime 1002 – Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

Unter der Zirkuskuppel, am Ende der Magie

Gerade 11 Tatorte ist es her, da hat Felix Murot (Ulrich Tukur) im Zirkus ermittelt („Schwindelfrei„) – nun dürfen Lena Odenthal und Mario Kopper unter die Kuppel, um die Ratlosigkeit zu beseitigen, die stets nach einem Mord herrscht. Besonders, wenn er in einem nahezu abgeschlossenen Milieu stattfindet. Man kann einen Zirkus ganz unterschiedlich darstellen, abgesehen davon, dass ein Mord geschehen muss, um das Zelt im Tatort unterzubringen. Aber man muss ihn darstellen können.

Wir verlangen gewiss nicht, dass man uns im Jahr 2014, in dem man langsam der Wahrheit über die Welt auf den Grund zu kommen scheint, all unsere Kinderillusionen zurückgibt, aber wie im Jubiläumstatort 900 das Thema Zirkus abgehandelt wird, das ist nun wirklich – nur melancholisch? Ist es trist, ist es ein Konzept der Trostlosigkeit, suggeriert es, dass es im Überlebenskampf der Kleinunternehmer auch ohne Globalisierung keine Lösung gibt? Schon Charles Chaplin hat gewusst, wie man den Zirkus traurig darstellt, als das letzte Jahrhundert noch recht jung war („The Circus„, 1928). Und wie gelang die Inszenierung dieser Welt 86 Jahre später? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Der kleine Familienzirkus Burani verzaubert bei seinem Gastspiel in Ludwigshafen das Publikum jeden Alters. Doch als einer der Mitarbeiter am Morgen nach der Vorstellung erschlagen in der Manege liegt, wird Lena Odenthal mit der harten Realität des Zirkuslebens konfrontiert. Patriarchin Lousiana schert sich wenig um den Tod von Pit. Sie hat genug damit zu tun, das Überleben ihres kleinen Unternehmens zu sichern und ihre Tochter Felicitas bei der Stange zu halten. Außerdem traute sie Pit nicht über den Weg. Tatsächlich vermuten Lena und Kopper, dass Pit und sein Bruder Robbi den Winteraufenthalt in Tunesien nutzten, um Schmuggel zu betreiben.

Nicht mit Drogen, das steht fest. Die Kommissare machen sich auf die Suche nach dem unbekannten Schmuggelgut. Noch wichtiger aber ist die Frage, ob noch weitere Zirkusmitarbeiter in die Sache verwickelt waren – oder ob Pit und Robbi sich mit ihrer Geldbeschaffungsmethode grausame Feinde von außerhalb gemacht haben. Der „Tatort: Zirkuskind“ spielt mit der Ambivalenz zwischen dem Zauber der Manege und dem Kampf ums Überleben, der sich hinter den Kulissen abspielt. Selbst Lena Odenthal ist nicht unempfänglich für die Aura, die sich mit Akrobaten und Clowns verbindet – und durchschaut gleichzeitig, dass es für eine jüngere Generation nicht selbstverständlich sein muss, den Überlebenskampf weiterzuführen. Akrobatenstolz und Melancholie liegen hier ganz nahe beieinander. Autor Harald Göckeritz und Regisseur Till Endemann haben sie für den „Tatort: Zirkuskind“ eingefangen, Steffi Kühnert und Liv Lisa Fries verkörpern sie in ihrer ganzen Bandbreite. 

Rezension

Wir müssen es leider hier schon schreiben. Seinen Namen im Zusammenhang mit dem 900. Tatort zu erwähnen, grenzt an ein Sakrileg.

Was wir im 900. Tatort sehen, ist nicht tragisch, es ist nicht elegisch, es ist nicht in irgendeiner Weise gut gefilmt. Es ist entsetzlich. Und wenn wir bei unserer Liebe zum Tatort-Format zu einem solchen Wort greifen, dann ist es entsetzlich, und dies beinahe ohne Einschränkung. 

Was ist es, dass sich am Ende der Qualitätsskala in letzter Zeit immer mehr Odenthal-Tatorte einfinden? Was ist es bloß? Die Gesetzmäßigkeit, dass es auf der schiefen Bahn, bei Kriminellen und bei Tatortmachern, kein Halten zu geben scheint, wenn es erst einmal so steil abwärts geht wie in letzter Zeit in Ludwigshafen? Okay, wir versuchen, nach dem Grausen etwas analytischer ranzugehen. Erst müssen wir aber die Finger kneten, denn trotz 22 Grad im Schreibzimmer ist uns eiskalt, als hätten wir dem Tod des Tatortformats ins Auge geschaut. Berlin ist weg, Leipzig geht, aber Ludwigshafen verhält sich wie am Ende die Zirkuspatriarchin Louisiana (Steffi Kühnert). Angeschossen wanken die alternde Zirkuslady und der alternde Ludwigshafener Tatort zusammen ins Zirkuszelt. Angeschossen, angezählt, wie auf wundersame Weise nicht in die Arme genommen von sorgenden Menschen, sondern weiter taumelnd bis in den Sand der Manege und dort kommen die glitzernden Träume von besseren Zeiten wieder.

Wenn das keine hintergründige Symbolik ist, wissen wir’s auch nicht. Dieses Mal ist es nicht nur oder nicht einmal in erster Linie das Drehbuch, das meistens das schwächste Glied in der Kette ist, die uns zu schlechten Bewertungen von Tatorten führt, weil die Regie ersichtlich Mühe hat, unlogische Passagen und schwach Dialoe einigermaßen durch Schauspielerführung und schöne Bilder auszugleichen. „Zirkuskind“ aber ist auch schauspielerisch eine Offenbarung der negativen Art, also ein Offenbarungseid.

Verlassen von aller Führung stolpern Artisten und Ermittler mit gleichermaßen fehlerhaften Tonlagen und zur jeweiligen Situation nicht passender Mimik durch diesen Film, dass wir, und das müssen wir bei Tatorten selten, einen großen Eimer Mitleid über diese Leistungen gießen, um nicht einfach zu sagen – Schwamm drüber, wir warten auf nächste Woche. Die einzige Akteurin, welche im Verlauf einigermaßen die Kurve kriegt, ist Ulrike Folkerts – einfach aufgrund ihrer Routine. Sicher muss der Tatort nicht chronologisch gedreht worden sein, und es gibt auch bei ihr immer wieder Aussetzer und schwache Stellen, in denen sie hölzern wirkt, aber man hat doch den Eindruck, sie ist willens, sich reinzuschmeißen, um das Beste aus diesem Konstrukt zu machen. Und das gelingt ihr im Verlauf gefühlt etwas besser.

Es kann Spaß machen, für die ARD zu arbeiten, es kann aber auch sein wie in „Zirkuskind“, der so unglaublich belanglose und schwache Dialoge hat, dass man gar nicht anders kann, als sie steif zu rezitieren, anstatt sie mit überzeugender Lebendigkeit vorzutragen. Nicht nur, dass ein Klischee auf das andere getürmt wird und das Ganze dreimal wiederholt, nicht bloß, dass dieser Film überhaupt nichts versteht vom „Show-don’t-tell-Prinzip“, dass alles zudem gedehnt wirkt, um die Zeit zu füllen – offenbar hat man von jeder Szene nur ein Take gemacht und sich das auch von Beginn an vorgenommen, sonst hätte erfahrenen Kräften wie Folkerts, Hoppe und anderen auffallen müssen, dass hier etwas nicht stimmt.

Nämlich die grundlegende Einstimmung von Worten, Ausdrücken und Bewegungen auf die jeweilige Situation im Film. Wie zum Beispiel anfangs Lena Odenthal während der Vorstellung auf die Darbietungen der Artisten reagiert, das wirkt am Thema vorbei, nicht ihrer bekannten Persönlichkeit und ihrer Lebenserfahrung entsprechend – und allein gelassen in der Manege. Dass der Mord nicht schon da passiert und gemäß guter oder weniger guter Tatort-Tradition damit die eine oder andere Minute an Spielzeit gegenüber glaubwürdigen Verläufen einspart, ist wohl nur der Tatsache zu verdanken, dass diese dünne Handlung beim Einstieg mit dem Prinzip der eher unwahrscheinlichen  Zufälle keine knapp 90 Minuten gefüllt hätte.

Die Jungschauspielerin Liv Lisa Fries, welche die wichtige Rolle des titelgebenden Zirkuskindes Felicitas = die Glückliche spielt, wirkt hingegen unteragierend. Viel zu kühl für ein Zirkuskind und vor allem dafür, dass sie unsere Identifikationsfigur sein soll. Sicher mag das die Trostlosigkeit ihrer Situation unterstreichen, aber es ist einfach zu ausdruckslos gespielt. Wir wollen niemandem unrecht tun und haben gegoogelt, was diese junge Frau schon alles an Preisen abgeräumt hat – umso schlimmer, dass sie in dieser Rolle einer jungen Frau, die eine Welt wechseln und eben doch gegen das Schicksal, ein Zirkuskind zu sein, aufbegehren will, wie jemand wirkt, der schon innerlich beinahe tot ist, quasi verschenkt wurde. Anders kann man es ja bei ihren offensichtlich vorhandenen Fähigkeiten nicht interpretieren (1).

Auch in armen Verhältnissen sind junge Leute jung und hoffnungsvoll, wenn sie nicht Traumata mit sich herumschleppen – aber wenn sie es nicht sind, dann können sie auch nicht jeden Tag das Publikum verzaubern. So traurig ist nicht mal ein trauriger Clown, wie das Zirkuskind Feli.

Ganz im Gegensatz zu Kopper, diesem ganz unaufälligen Typ, der augenrollend einen Verdächtigen verfolgt und sich so unauffällig zu einem Schaufenster dreht, dass jeder Verdächtige, der den unauffälligen Kopper schon kennt, nicht in ein Geschäft gehen würde, sondern sich vom Acker machen. Bei Koppers kriminalistischen Fähigkeiten, wie sie in diesem Film rüberkommen, läuft das zwar auf das Gleiche hinaus, aber das kann der Verdächtige nicht wissen.

Wir erfahren allerdings durch einen brutal aus dem ohnehin nicht sehr viel Halt gebenden Geschehen reißenden talking Head einiges über Antiquitätenschmuggel, für den ganz gewiss kleine Zirkusse als wortwörtliche Vehikel ausgesucht werden, um gestohlene Ware durch die EU hindurch zu transportieren. Welch Risiko, dies mit einfachen Jungs durchzuziehen, die keine Profis sind und nur nen schnellen Euro machen wollen oder müssen, weil das Zirkusleben so wenig einträglich ist –  nachdem doch innerhalb der EU keinerlei Kontrollen mehr zu befürchten sind und es so was von logisch wäre, nach der Einschleusung in die EU sofort zu liefern oder wenigstens profesionelle Kuriere bis zum Austauschort zu verwenden. Mit der Unglaubwürdigkeit dieses Szenarios fällt schon das Gerüst des Tatorts in sich zusammen wie ein altersschwaches Zirkuszelt im Orkan.

Hanno Koffler als Robbie, der beim Schmuggeln mitmacht und in Italien auf einem Antiquitätenmarkt alles verscherbelt, weil der Abnehmer nicht rechtzeitig kommt, und sich nicht denken kann, dass das Ärger bringen könnte, versucht, aus dieser Rolle das Beste zu machen, aber das kann er nicht, weil – so unbedarft kann man schlicht nicht sein, wenn man in der Welt herumzieht, dass man glaubt, mit der Auszahlung eines Anteils für eine Ware, deren wirklichen Preis man nicht kennen kann, gedient zu haben – und warum überhaupt dieser Verkauf an diesem Ort? Und woher wissen diese sonst kaum wissenden Typen, dass Arezzo solch ein Umschlagplatz erster Kajüte ist? Für kleinere Geschäfte, versteht sich.

Es geht uns hier nur darum, ein paar Punkte anzusprechen, die exemplarisch sind, aber wir hauen noch schnell unseren Ärger über die Figur Herbert Rauch in die Tasten, der anfangs gar nicht wie persönlichkeitsgestört wirkt und dann auf eine so üble Art eine Verunglimpfung von Menschen mit geistigen Handicaps und vielleicht nicht so schönen Wohnungen darstellt, dass man sagen kann – nicht jeder herbeigezauberte Verdächtige ist reif für eine große Zirkusvorstellung. Okay, das war zwanghafte Rhetorik, aber es gelingt uns bei diesem Tatort nicht richtig, aus dem Loch zu kommen, in das wir manchmal fallen, wenn wir den Eindruck haben, dass wir hilflos einem überschießenden Wollen  ausgesetzt waren und dann auch unseren eigenen Zwängen zum Opfer fallen: nicht abschalten! Fertig gucken und schreiben!

Noch etwas zum Stil: Konservativer geht kaum und atmosphärisch schwächer auch nicht. Wenn dies ein Konzept darstellt, das uns auf Distanz halten soll, dann ist es aufgegangen. Die Zirkusmusik, die Lena an verschiedenen Orten abspielt, verpufft zum Beispiel auch deshalb, weil man offenbar hyperralistisch sein wollte und z. B. die Fahrgeräusche ihres Autos präsent bleiben oder gar überbetont werden und die Musik aus dem Lautsprecher blecherner klingt, als dies bei heutigen Auto-Musikanlagen der Fall ist. Auf dem Revier aber klingt es, als ob man die CD direkt für die Tonspur verwendet hat und eben keinen die Atmosphäre am Boden haltenden Raumeindruck erzeugen wollte.

Manchmal wirkt der Tatort hyperralistisch und will vielleicht dokumentarisch erschienen, das Filming betreffend (nicht die Handlung), aber offenbar stören die Schauspieler dabei – und konsequent ist es auch nicht, wie spätestens die Traumszene am Ende beweist, die ein großes Drama quasi nachträglich verkündet, das es zuvor gar nicht gab. Zum Stil rechnen wir auch die halb vermoderten Wohnwagen und die Tatsache, dass der  Zirkus noch mit großen Tieren arbeitet, obwohl man auf dem Gebiet zugunsten moderner Artistik am meisten Geld einsparen kann, das Tierschutzargument muss nicht einmal ins Feld geführt werden. Offenbar ist nicht nur der Tatort, sondern auch Louisiana bei dem Versuch, dem Zirkus ein neues Gesicht zu geben, komplett steckengeblieben.

Finale

Wir haben also fertiggeguckt und darüber geschrieben und sind froh, damit bald durch zu sein. Es war schon unerfreulich genug, alle fünf Minuten wie gebannt auf die Uhr zu schauen und zu denken, was, erst so wenig Film, bei so viel gefühlter, gedehnter, gestresster und verratener Zeit?

Es tut uns richtig leid, weil wir normalerweise nie weniger als 5/10 vergeben – aus grundsätzlichen Erwägungen. Es ist sowas von blöd, dass wir das nach zwei Fällen in 2013 jetzt schon wieder tun müssen, da im neuen Jahr doch erst sechs Wochen vorbei sind. Aber wenn wir Murots Zirkusvorstellung („Schwindelfrei“) 6/10 verpassen, dann könnenwir hier nicht bloß einen Punkt drunter bleiben.

Ach Lena und Mario, was könnt ihr tun, um eure „Tatort-Kurve“ (siehe Vorschau) wieder nach oben zu kriegen? Wenig, denn die besseren Drehbücher beim SWR kriegen wohl die Stuttgarter Kommissare und die Bodensee-Ermittler. Und auch da lässt es in letzter Zeit deutlich nach. Vielleicht ist die Lösung des Rätsels der verlorenen Qualität ganz einfach: Es mittlerweile mehr Tatorte als Drehbücher und Regisseure, die das Niveau dieser Premium-Reihe haltenoder gar ausbauen können. Und die guten wollen offenbar alle mit Borowski in Kiel filmen.

Lena Odenthal stürzt nicht vom Drahtseil, das fanden wir gut. Dafür ist der Film abgestürzt, und das als Jubiläums-Tatort. Lena, Mario, wir sehen uns wieder und einen Trost gibt’s: Viel schlimmer als „Zirkuskind“ wird der nächste Tatort, den man euch erleiden lässt, kaum werden.

4/10

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Als die Urfassung der Rezension im Jahr 2014 veröffentlicht wurde, war Liv Lisa Fries noch nicht der Star von „Babylon Berlin“, wo sie gezeigt hat, was sie kann. Wenn wir den Film jetzt erst anschauen würden, würde das unsere Bewertung deshalb verändern? Spannende Frage, aber man darf ja auch überrascht darüber sein, wie jemand, den man mittlerweile in einer sehr expressiven Rolle kennt, eher bescheiden mimt.

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Peter Becker [Kriminaltechniker] – Peter Espeloer
Edith Keller – Annalena Schmidt
Felicitas – Liv Lisa Fries
Elisabeth Winkler [Louisiana] – Steffi Kühnert
Robbi Sonner – Hanno Kofler
Pit Sonner – Mark Filatov
Herbert Rauch – Fritz Roth
Robbis Anwalt – Rainer Furch
Alter Mann – Hannes Stelzer

Drehbuch – Harald Göckeritz
Regie – Till Endemann
Kamera – Andreas Schäfauer
Musik – Jens Grötzschel

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