Circus-Welt / Zirkuswelt / Held der Arena (Circus World, USA 1964) #Filmfest 510

Filmfest 510 Cinema

Der größtmögliche Zirkus

Circus-Welt, auch bekannt als Zirkuswelt und Held der Arena (Originaltitel: Circus World), ist ein US-amerikanisches Filmdrama mit John Wayne, Claudia Cardinale und Rita Hayworth aus dem Jahr 1964. Regie führte Henry Hathaway. (1)

Der Film wurde im Jahr 2019 restauriert, leuchtet in prächtigen Farben und ich habe ihn an Weihnachten 2020 erstmals gesehen. Erstaunlich oder nicht, im Fernsehen lief er sicher schon mehrfach. Wer glaubt, John Wayne sei hier in einer untypischen Rolle zu sehen, täuscht sich, aber nicht in einem Saloon im Wilden Westen, sondern in Hamburg findet er die Spur seiner großen Liebe nach vielen Jahren wieder. Was es sonst zum Film zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung

Matt Masters, amerikanischer Zirkusbesitzer des frühen 20. Jahrhunderts, fasst den Entschluss, mit seiner erfolgreichen Show auch durch Europa zu reisen. Insgeheim hofft er, dabei die untergetauchte Artistin Lili Alfredo wiederzufinden, bei der es sich um die Mutter seines Mündels Toni handelt. Vor vielen Jahren verband ihn und Lili zudem eine tiefe Liebe. Als jedoch Lilis Ehemann, der damals beste Trapezkünstler des Zirkus, Wind davon bekam, stürzte er sich aus Eifersucht in den Tod. Voller Schuldgefühle für seinen Selbstmord verließ Lili daraufhin den Zirkus und damit auch ihre kleine Tochter Toni, die anschließend in Matts Obhut aufwuchs und nie erfuhr, wie sie ihre Eltern verloren hat.

Bei der gefeierten Ankunft des Zirkusschiffes in Barcelona kommt es zu einer Katastrophe: Zunächst geht ein Mann über Bord, worauf sich die große Menge an Passagieren neugierig auf nur eine Seite des Schiffs bewegt, das dadurch kentert. Zwar können alle Menschen und Tiere gerettet werden, doch die technische Ausstattung des Zirkus, insbesondere das große Zelt, ist verloren. Matt, Toni und ihrem Verehrer Steve McCabe bleibt nichts anderes übrig, als vorerst in einer lokalen Wild-West-Show aufzutreten. Aufgrund ihres großen Erfolgs bei dem Spektakel ist Matt wider Erwarten fest entschlossen, seinen Zirkus in Spanien während der Wintermonate neu aufzubauen. Zu diesem Zweck reisen sie durch ganz Europa, um die besten Artisten unter Vertrag zu nehmen, wie etwa Aldo Alfredo, den Bruder von Lilis Ehemann, den sie als Hochseilkünstler engagieren. Als Matt eines Tages Lili im Publikum erkennt, versucht er sie zur Rede zu stellen. Sie schämt sich zutiefst für ihr Leben und ihre inzwischen heruntergekommene Erscheinung. Sie möchte auf keinen Fall, dass Toni von ihr erfährt.

In Hamburg findet Matt heraus, dass Lili viele Jahre im Kloster lebte und danach immer stärker dem Alkohol verfiel. Umso mehr ist er überrascht, als Lili ihn eines Abends um eine Arbeit als Hochseilartistin bittet. Dabei beharrt sie weiterhin darauf, ihre Identität vor Toni zu verbergen. Zunächst scheint dies auch zu funktionieren, dann jedoch bricht Aldo Alfredo, Lilis ehemaliger Schwager, sein Schweigen und lässt Toni anonym einen Zeitungsartikel zukommen, in dem die Umstände, die zum Tod ihres Vaters führten, durch eine schamlose Affäre von Lili und Matt maßlos übertrieben dargestellt werden. Toni ist fassungslos und fühlt sich von allen hintergangen. Nachdem sie ihre Mutter wütend mit dem Artikel konfrontiert hat, setzt Matt ihr die andere Seite auseinander: Lili sei in ihrer Ehe todunglücklich gewesen, doch eine Scheidung sei für ihren Mann nicht in Frage gekommen. Nur dank Matts Liebe habe Lili ihr Schicksal ertragen können.

Während dieser Auseinandersetzung direkt vor der Generalprobe im neuen Zirkuszelt bricht ein Feuer aus. Um einen möglichst großen Teil des Zeltes vor den Flammen zu retten, klettern Lili und Toni die Seile hinauf, um die schon brennenden Stoffbahnen von den unversehrten zu trennen. Gemeinsam schaffen sie es in letzter Minute und liegen sich anschließend herzlich in den Armen. Schon am nächsten Abend führen sie in einem teiloffenen Zelt eine umjubelte Show im Herzen Wiens auf. Beide Frauen strahlen vor Glück, und Matt kann endlich einer gemeinsamen Zukunft mit Lili entgegenblicken.

Rezension

Die Handlungsbeschreibung lässt den Plot alles andere als unoriginell wirken und als Zirkusdirektor sollte er von seinen üblichen Darstellungen in Western ein Stück entfernt sein. Ist er aber nicht: Denn der Riesenzirkus, den er zunächst besitzt, hat eine Rennbahn, und auf der findet eine inszenierte Wildwest-Inszenierung statt, inklusive Postkutschenüberfall und Indianerangriff. Die Musik des Films stammt zwar von Dimitri Timing, aber während dieser rasant gefilmten Szenen wird die Originalmusik zu „Stagecoach“ intoniert, die von Richard Hageman geschrieben wurde. Und mit welchem Film wurde John Wayne berühmt? Genau, mit „Stagecoach“ von John Ford. Insofern ist „Circus World“ auch eine Reminiszenz an seinen Hauptdarsteller und dessen Werdegang zum Superstar, nach vieljähriger harter Arbeit gelang ihm der Durchbruch mit ebenjenem Postkutschen-Roadmovie, sofern man eine staubige Wüste mit dem Monument Valley als optischem Mittelpunkt als Straße bezeichnen kann. 25 Jahre später:

Ursprünglich sollte Frank Capra die Regie von Circus-Welt übernehmen. Er verließ jedoch das Projekt, als John Wayne darauf bestand, das Originalskript von Ben Hecht durch seinen Lieblingsautor James Edward Grant überarbeiten zu lassen. Auch Schauspieler David Niven, der die Rolle des Cap Carson spielen sollte, zog sich aufgrund seiner Unzufriedenheit mit dem neuen Drehbuch vom Projekt zurück. Für die Rolle der Lili Alfredo war zunächst Lilli Palmer vorgesehen. Sie wurde durch Rita Hayworth ersetzt.[1]

Mit 135 Minuten ist der Film zwar für damalige Verhältnisse lang, aber angesichts seiner großen Showwerte nicht grundsätzlich überdehnt. Für mich war es fasnzierend, einen Dreimanegen-Zirkus zu sehen, um dessen runde Arenen außerdem noch eine Bahn herumführt. Dass es so große Zirkusse gibt, war mir zwar bekannt, aber ich habe mich einmal mehr gefragt, auf was sich die Zuschauer nun eigentlich konzentrieren sollen, wenn in mehreren Varianten hochklassige Artistik gezeigt wird und eine aktionsreiche Westernshow gleichzeitig stattfinden. Auch der Aufwand für den Betrieb eines solchen Unternehmens lässt darauf schließen, dass es vor allem darum ging, die größte Show der Welt zu bieten (so lautet auch der Name eines weiteren US-Films, der sich mit dem Showbiz befasst, aus dem aber nicht das Lied „There’s no Business like Showbusiness“ stammt). Das hätte hier auch gut gepasst, aber Dimitri Tiomkin, dem König der brasslastigen Kinomusik, die so gut zu den immer gigantischeren Filmen der 1950er passte, gelingt es, den Film sehr leise, geradezu melancholisch einzuleiten – mit dem oscarprämierten Song, der so heißt wie das Kinostück.

Mehr als in der Tradition der großen Musikfilme steht „Zirkuswelt“ aber sicher in jener von „Trapez“ aus dem Jahr 1956, in dem Burt Lancaster und Tony Curtis als Hochartisten um die Gunst einer Frau kämpfen; das Muster hat man hier wiederholt und stellenweise gelingt es sogar, berührende Momente aus dieser Konstellation heraus zu schaffen. Besonders dadurch, dass die Vergangenheit mobilisiert wird und eine „Ausgestoßene“ des Showbusiness zurück in die Arme der „Familie“ findet. Das Motiv wiederum erinnert an „Showboat“, allerdings gab es dort kein Happy End für die arme, schöne Julie, die von Bord ging und an Land den Halt verlor. Rita Hayworth wirkt in ihrer Spätrolle der Lili berührend und Claudia Cardinale gibt deren Tochter auf eine energetische und gefühlvolle Weise zugleich, die sie als Zirkuskind authentisch wirken lässt. John Wayne hingegen wirkt, als habe er Schmerzen und möglicherweise war das tatsächlich der Fall, denn in jenem Jahr wurde er an einem inneren Organ operiert. Trotzdem schmeißt er sich recht ordentlich ins Gewühl.

Ein weiteres Merkmal des Kinos jener Zeit waren die sogenannten Spektakel. Nach erfolgreichen Filmen wie „In 80 Tagen um die Welt“ oder gar „Ben Hur“ in den 1950ern war klar, das Kino ist zu Größerem geschaffen, als im Kammerspielformat Theater in bewegten Bildern vorzuführen. Das Breitwandformat, der Stereoton, alles gab es schon, als „Zirkuswelt“ entstand und er weist auch auf zwei Filme des kommenden Jahres hin „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ und „Das große Rennen rund um die Welt“. Diese sind zwar komödiantischer angelegt, aber noch länger und ebenfalls sehr aufwendig und mit großen Starbesetzungen gedreht – und sie spielen beide zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wie auch „Zirkuswelt“. Man konnte technisch mittlerweile fast alles machen, man tat es und John Wayne war die richtige Leitfigur, um einen Film der hier zu bestaunenden Größenordnung tragen zu können. Seine Präsenz auf der großen Leinwand ist nicht zu verleugnen, angeschlagener Gesundheitszustand hin oder her.

Trotzdem wird eine simple Handlung hier durch die Show mächtig aufgeblasen und verliert dadurch an innerer Dramatik.

„Die Makel dieses Films sind so zahlreich, dass es sinnlos wäre, ins Detail zu gehen“, befand Films in Review. In der Rolle einer Frau mittleren Alters liefere jedoch Rita Hayworth eine überraschend „gute“ Leistung und sei damit „die einzig gute Sache an Circus-Welt“.[7] „Diesen Film auszuhalten“, so das US-Magazin Time, entspreche „einen Elefanten für zwei Stunden und fünfzehn Minuten auf seinem Schoß sitzen zu lassen“.[8]

So negativ sehe ich den Film nicht und wir müssen bei zeitgenössischen US-Kritiken immer bedenken, dass John Wayne für die meist linksgerichteten Kritiker ein rotes Tuch und eine dunkle Gestalt war. In der Tat denkt man, wenn man Szenen wie die Postkutschenfahrt mit „Indianern“ sieht, besser nicht zu viel über seinen weithin bekannten Rassismus nach. Allerdings wirken seine Westernpionire gerade deswegen auch so echt, weil er die Einstellung: „Dieses Land ist ziemlich leer und wir brauchen Platz“ oder „Die weiße Rasse herrscht und die anderen müssen erst einmal beweisen, dass sie es auch können“ im Film und im Leben ohne größere Diskrepanzen verkörperte. Was würde John Wayne heute sagen, wo die USA mittlerweile fast chancenlos gegen das expandierende China sind? Es gab in Waynes Filmen auch immer wieder positive „ethnische“ Figuren, aber niemals in gehobenen Positionen (allerdings trifft das auch auf 99 Prozent aller Nicht-Wayne-Filme aus jenen Jahren zu).

Vermutlich hat Waynes oben erwähnter Lieblings-Drehbuchautor das Skript von Ben Hecht an Waynes Bedürfnisse anpassen dürfen, aber wem es zu verdanken ist, dass der Film Mühe hat, die Spannung zu wahren und sehr dialogreich geworden ist, kann verschiedene Gründe haben. Zum einen: Die Filme waren damals so und an der Überdehnung und zu ausgeprägtem Wortreichtum litt das klassische Hollywood-Kino Mitte der 1960er bereits sehr stark. James Edward Grant hatte im Vorjahr bereits den ebenfalls viel zu verquasselten Wayne-Western „McLintock“ zu verantworten gehabt, der bezüglich seiner Ausfaserung auffällige Ähnlichkeiten mit „Zirkuswelt“ zeit.

Würde die Inszenierung von Howard Hawks stammen, würde ich zudem konstatieren: „Ähnliches Problem wie bei ‚Hatari‘, der stellenweise ebenfalls aus dem Fokus gerät und zu viele Leerlaufstellen aufweist.“ Der Film mit dem Riesenzirkus entstand aber unter der Regie von Henry Hathaway. Der jedoch ist für „Die vier Söhne der Katie Elder“ im Folgejahr verantwortlich, in dem John Wayne den ältesten der Elder-Brüder spielt und um so vieles älter wirkt als die anderen, dass man eher glaubt, deren Vater vor sich zu haben. Auch dieser Film hat die Stringenz verloren, die wenige Jahr zuvor noch Meisterwerke wie „Rio Bravo“ auszeichnete, obwohl auch dies schon ein Film war, der die Beziehung von Männern in einer Gefahrengemeinschaft mit starkem Akzent aufs Verbale illustrierte. Die Filmemacher waren noch dieselben, aber nachdem einige sehr lange und dialoglastige Filme wie „Ben Hur“ gut funktioniert hatten und auch das verfilmte Theater mit den Method Actors Brando, Newman & co. eine Blütezeit erlebte, versuchte man wohl, den Wortreichtum auf alle Genres zu übertragen und oft waren die Dialoge einfach zu lang und wirkten unkonzentriert bis albern.

Finale

Ich mag die Zirkusatmosphäre sehr gerne und auch die Melancholie und das ewige Umherziehen, die man dem Schaustellergewerbe gerne andichtet, also auch das Sentimentale. Und ich finde ein Spektakel gerne auch des Spektakels willen ansehnlich, ohne dass große Filmkunst dahinter stehen muss – wenn es gut gemacht ist. Das kann man von „Zirkuswelt“ sicher sagen, aber der Film ist auch zu kaleidoskopartig und wenn man etwas tiefer graben will, kann man auch in der Story selbst einiges zum Aussetzen finden, wie etwa die immer wieder durchscheinende patriarchalische Struktur der Hollywood-Szenarien oder dass die Sizilianer sinistre Typen sind, die allesamt der Vendetta frönen, wenn im Familienleben etwas schiefläuft, in wessen Verantwortung z. B. ein Unglücks- oder Suizidfall wie der des Trapezkünstlers Alfredo auch gefallen sein mag. Dass eine Frau, die viele Jahre lang nicht als Artistin gearbeitet hat, nach ein paar Monaten Training und in höherem Alter einen Rekord an Überschlägen aufstellt, ist typisch amerikanisch. Wer das zu ernst nimmt, wird auch im eigenen Leben niemals zufrieden sein können und ggf. andere ebenfalls stressen.

71/100

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Henry Hathaway
Drehbuch Ben Hecht,
Julian Zimet,
James Edward Grant
Produktion Samuel Bronston
Musik Dimitri Tiomkin
Kamera Jack Hildyard
Schnitt Dorothy Spencer
Besetzung

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