Der kalte Tod – Tatort 343 #Crimetime 1004 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #SWF #Tod #kalt

Crimetime 1004 - Titelfoto © SWF / SWR

Die Kommissarin auf dem Seziertisch

Das fängt doch schon recht gut an, aber ganz jung kann Lena Odenthal da nicht mehr gewesen sein denn dieser 343. Tatort ist es im 16 zu 9 gefilmt, aber schwarz-weiß Fotos von Sophie von Kessel sind ja auch nicht schlecht. Das Buch stammt von Sascha Arango. Ich wage mal einen Tip: es handelt sich nicht um einen Whodunnit, sondern um einen Thriller Plot seit ich gesehen. Und hat auch ein recht schönes sound design, bis jetzt jedenfalls. Und eine gute Bildästhetik. In der -> Rezension steht auch Relativierendes.

Handlung

Er ist der Schwarm der Pathologie: Professor Dr. Sorensky, ein Musikliebhaber und Feingeist der Extraklasse. Sein Geschäft ist der Tod, von Tag zu Tag. Er seziert Leichen, bestimmt zielsicher die Todesursache. Der Pathologe ist ein Mann von ausgesuchtem Humor – und er ist ein Mörder, geschickt und kaltblütig. Zumindest ist Hauptkommissarin Lena Odenthal fest davon überzeugt. Stella, Sorenskys Geliebte, ist spurlos verschwunden. Die Indizien weisen auf ein bestialisches Gewaltverbrechen. Hendryk Dornbusch, Stellas Freund, ist seitdem untergetaucht. Er scheint dringend tatverdächtig, zumal er am Tatort gesehen wurde.

Lena und Mario Kopper, ihr pfiffiger Assistent, machen sich auf die Suche nach Hendryk und der toten Stella. Und stehen vor einem geheimnisvollen Rätsel: Was ist mit Stellas Leiche passiert?

Währenddessen beginnt Sorensky ein seltsames Spiel. Er sucht die Nähe der schönen Kommissarin, gibt ihr versteckte Hinweise, macht sie zu seiner Vertrauten. Lena läßt sich scheinbar ins Vertrauen ziehen. Sie lernt einen eindrucksvollen, überaus kultivierten und erfolgreichen Mann kennen, der sein Handwerk keineswegs emotionslos betreibt.“Dies ist der Ort, wo der Tod dem Leben freudig zur Hilfe eilt“ – steht im Gelehrtenlatein auf der Tafel im Sektionssaal geschrieben. Das klingt wie ein böser Witz und entspricht der Lebensphilosophie eines ehrgeizigen Wissenschaftlers, für den das Leben im Tod eine letzte faszinierende Bestätigung findet.

Lena kann sich dem Charisma des Pathologen nicht entziehen. Sie begreift, daß sie sich ihm stellen muß, seinem Charme, aber auch den düsteren, gefährlichen Schattenseiten dieser Existenz.Sorensky ist besessen von dem Abgrund, über dem er schwebt. Er kokettiert mit seinem Untergang. Lena weiß das: Und geht ihm nicht mehr aus dem Weg.

Rezension

Der SWF, der seit dem Zusammenschluss mit dem Südfunk Stuttgart SWR heißt, zählte zu den Pionieren des 16:9-Formats, deswegen sagt das Verhältnis der Bildseiten nicht so viel über das Entstehungsjahr eines Films aus wie in anderen Tatortstädten, wo man zielsicher auf den Wechsel im Jahr 1996 oder 1997 tippen kann. Schon „Der schwarze Engel“, der im November 1994 Premiere feierte, war im breiteren Format gefilmt. Trotzdem: „Der kalte Tod“ ist aus dem Jahr 1996, Lena war Mitte 30 und der Film gilt als siebtbester Odenthal-Tatort von derzeit 74, wenn man die Wertungen im Tatort-Fundus als Maßstab heranzieht. Und er ist ein Thriller, ein Howcatchem, denn man weiß ziemlich schnell, wer der Täter ist.

Eine Katze zu knuddeln, wenn die Frau der Träume nicht verfügbar ist, ist doch nicht so schlecht. Jedenfalls ist es besser, als die Frau zu ermorden, weil sie sich entzieht. Ja, der Femizid, obwohl den Begriff, als der Film entstand, noch niemand kannte, der hält immer wieder für interessante Charakterstudien her. Du gehörst mir oder ich mach dir das Leben zur Hölle. Trotzdem bringt also der Mann die Frau um, und was machen diejenigen, denen nur bleibt, ins Kissen zu heulen, weil sie keine Katze haben? Man mag nicht zu genau darüber nachdenken. Aber vielleicht tun sie gar nichts, denn Besitzansprüche und sie nicht aufgeben können, das geht mit Katze besser, als wenn man sich in jemanden verrannt hat, wie hier der Herr Professor in die Studentin Stella, ohne zu bemerken, dass die Sterne zwar erreichbar sind, aber dass man sie nicht besitzen kann.

Auch Eifersucht in einem weitgehend abgeschlossenen Milieu, hier einem Semester von Medizinstudent*innen ist immer gut, das begrenzt den Verdächtigenkeis und man ist außerdem insofern beruhigt, als es nicht unzählige Opfer geben kann. Trotzdem kommen Albernheiten vor wie die Ansprache mit der angekündigten Überraschung seitens des Herrn Professors auf Band, während die Studentin Sex mit einem anderen hat. Und am Ende: Immer dieses Auslachen. Sie oder er hat mich ausgelacht, ich bin ausgerastet und da ist das Tötungsdelikt passiert. Aber darüber zu lachen, ist leicht, wenn man selbst in der Regel aufpasst, dass man nicht in eine derart lächerliche Situation kommt, wie es in „Der kalte Tod“ dem Chef der Pathologie passiert. Allerdings ist die sich anschließende Tötungsszene wirklich sehr schön, eine der besten, die wohl bis dahin für einen Tatort gedreht wurde. Eine letzte, grausame Liebeshandlung, mehr ein Ausdruck der unverstandenen, gedemütigten Obsession?

Dieser Pathologe ist aber auch ein düsterer Mensch. Kein Wunder, dass sie einige Jahre später zum Ausgleich den Boerne erfunden haben – allgemein werden die Rechtsmediziner aber als eher robust und ihrer morbiden Arbeitsumgebung gewachsen dargestellt. In „Der kalte Tod“ laufen hörbar die Kühlanlagen und in der letzten Szene zwischen Täter und Opfer hat man fast das Gefühl, ein Sturm pfeift durch die Katakomben. Und dann gibt es da noch den alten Teil der Gerichtsmedizin, in dem ein Präparator sein Unwesen treibt. Schräge Settings sind auch ein Ding von Sascha Arango. Hier wohnt der letzte Höhlenmensch und macht allein sein Ding und Asthma kann man sich in diesen feuchten, schimmeligen Gemäuern wohl auch ganz tu holen.

Aber generell ist die Pathologie ja der Ort, an dem der Tod dem Leben freundlich zu Hilfe eilt. So steht es (in Latein) über dem Eingang des neu(er)en Teils dieser Institution.

Bei der Mordkommission ging es seinerzeit hingegen noch recht fidel zu, Odenthal und Kopper spielen mit Angehörigen der Bereitschaftspolizei Karten. Solch eine Kumpelhaftigkeit sieht man später nicht mehr. Hingegen will Lena noch nicht mit Mario arbeiten, dieser wiederum wird zu jener Zeit noch als eine ziemlich wilde  Hummel dargestellt.

Das Katz- und Maus-Spiel hingegen findet zwischen dem Professor und Lena Odenthal statt. Er gibt ihr sogar Hinweise, indem er beispielsweise kundtut, dass er Stella heiraten wollte, womit beinahe klar ist, dass sie abgelehnt hat. Viele nette Details wurden in das Arbeitsverhältnis zwischen Kopper und Lena eingebaut, etwa der Minisketch „Das Fischbrötchen“, inklusive der Idee von Lena, den Mario (wegen seiner Vorliebe für Fischbrötchen etc.) um die Ecke zu bringen, ihn in der Pathologie verschwinden zu lassen, wo er nur noch eine Nummer, angehängt an den rechten großen Zeh, darstellt.

Aber dann schleppt der Professor auch noch Kühlboxen nach Hause, von denen jede etwa zehn Kilogramm wiegen dürfte, wie Lena schätzt. Kopper kann nicht drin sein, dem wird noch eine Gnadenfrist zwecks Ernäherungsumstellung gegeben und er sitzt neben Lena im Auto, während sie diesen Transport beobachtet. Odenthal fährt zu jener Zeit übrigens noch eine rote Alfa Romeo Giulia, keinen Fiat 130. Aber könnten nicht Teile von Stella in den Boxen sein? Nein, so einfach ist es nun wieder nicht. Der Prof nimmt Innereien und was halt in der Pathologie so anfällt, als Futter für seine vielen Katzen mit. Und es sind viele. Katzennarren = was?

Genau. Lena forscht und eine Figur, die wir bisher wenig besprochen haben, nimmt sie als Geisel und als jener Charakter sie zwingt, wegzufahren, da begegnet ihnen Kopper, der gerade seine Giulia steuert. Zufälle werden gemeinhin unterbewertet. Im realen Leben, nicht von Drehbuchautor*innen. Ein SEK kommt zum Einsatz, um Lena zu befreien, aber Kopper ist der Mann der Stunde, wir werden das noch sehen. Da muss einfach die Arbeitsbeziehung zwischen ihm und Lena besser werden, Zwiebelfisch hin oder her.

Erstaunlich, wie der Kollege Medizinstudent, Stellas wahre Liebe, ausrastet und sich damit verdächtig macht, der hatte zuvor so ruhig gewirkt. Und dann noch ein Überschlag-Unfall im Hafen von Ludwigshafen und ganz fix explodiert der Wagen. Damals, vor ca. 25 Jahren, muss es angefangen haben, dass Polizist*innen die häufigsten Geiseln wurden.

Hingegen hört der Pathologe alte Ansagen auf dem Anrufbeantworter ab und ich kann’s nicht ändern, ich finde es nachvollziehbar, wie es kam, dass er sich so in Stella verguckt hat – oder in ihre Stimme verliebt, whatever. Es wirkt, als habe sie ihn mehr oder weniger umgarnt oder herangezogen. Kein Grund, jemanden umzubringen, wenn man merkt, er / sie hat vielleicht nur gespielt, aber es fügt dem Verhalten des Profs doch eine Note bei, die sein Verhalten in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt: Es handelt sich nicht um eine Betise, eine Narretei, sondern es gab zwischen Stella und ihm ein Verhältnis, das möglicherweise darauf schließen lässt, dass seine Idee, darauf aufzubauen, eine feste Bindung einzugehen, nicht ganz abwegig ist.

Der Beweis findete sich auf dem Grabstein. Es heißt im Film, die Frau des Profs soll seit fünf Jahren tot sein und die Inschrift auf dem Stein weist 1991 als Todesjahr aus. Ich habe inzwischen nachgeschaut, wann der Film Premiere hatte, aber hieraus kann man es auch errechnen. Im selben Jahr starb der Pathologie Dr. Efeu, der sie angeblich untersucht hat, bevor sie ins Grab sinken durfte. Nun wird es aber spooky, mehr als bisher. Lena Odenthal lässt sich tatsächlich von dem Prof, gegen den sie ermittelt (wenn auch zuvor mehr gegen den armen Studiosus medico) zum Abendessen einladen und dabei erzählt er ihr ohne größere Not, dass er, nicht Dr. Efeu, die Obduktion seiner Frau vorgenommen hat. Der eigenen Frau. Die Katze, die so viele Katzen besitzt, die mit Abfall aus der Pathologie ernährt werden, glaubt, die Kommissarin-Maus in der Falle zu haben. Wobei „Abfall“ nicht ganz der richtige Begriff ist, denn die zuvor tiefgekühlten Organe sind ja sehr schmackhaft, wie das lebhafte Interesse der Stubentiger an ihnen beweist.

Aber es ist auch sympathisch, dass man Odenthal damals noch beeindrucken konnte und dass sie gerne mal ein Risiko einging. Dann treffen die beiden sich wieder. Er passt sie vor dem Präsidium ab und sie steigt zu ihm ins Auto. Soviel zum Risiko. Es geht zum Vorort-Termin in der Pathologie! Mir schwante Böses und dies trat ein. Nebenbei nimmt der Prof noch dem Präparator, der mehr über ihn weiß, den Inhalator weg. Ich finde sowas immer ein bisschen unterambitioniert, denn es ist eben keineswegs sicher, dass jemand an einem Asthmaanfall (so schnell) verstirbt, dass er keine Zeit mehr hat, sich jemandem mitzuteilen und evtl. sich retten zu lassen.

Noch aber passiert das Gespenstischste in diesem Tatort nicht, denn erst einmal, sozusagen als Kontrast zum Essen mit dem Prof, lässt sich Lena überreden, zu Mamma Kopper Spaghetti essen zu gehen. Bei Nudeln kommen immer die besten Ermittlungsideen. Ich muss beim Tatorte gucken mehr Nudeln essen. Damit das Ganze aber spannend bleibt, muss Lena nun weiterhin eine gewisse Risikofreudigkeit zeigen. Genau genommen, ist dieser Plot leicht zu durchschauen, aber ich merke das jetzt erst. Nudel-Nährstoffmangel.

Denn notwendig ist es nicht, dass Lena sich noch einmal ins Gewölbe begibt. Durch die aus dem Ausland zurückgeholten Präparate, in denen sich Bestandteile von Stella befinden, ist der Prof doch überführt. Trotzdem ist der Showdown im ganzwandig giftgrün gefliesten Bereich schick. Das eine oder andere im 343. Tatort erinnert an die Verfilmung von Steven Kings „Seven“, die aber erst im selben Jahr gedreht wurde. Kopper ist schon auf Verfolgungsjagd. Das Licht geht aus. Aber während Lena und der seltsame Professor schon im alten Teil der Pathologie sind, rennt Kopper noch durch den neueren. Derweil schafft Ersterer es. Lena Odenthal auf den Seziertisch zu schnallen, der dort immer noch steht, ein Mahnmal vergangener Obduktionen. Vorher hat er ihr natürlich eine Spritze verpasst, wie einst Stella. Mensch Mario, mach hinne! Das Licht flackert jetzt, der Gruseldoktor will eine Vivisektion an einer Polizistin vornehmen, doch endlich – Kopper erreicht den Ort des Geschehens und der Prof wird angeschossen und kippt um. Dadurch gewinnt der Cop mit der Schiebermütze die Gelegenheit, die Kollegin, die gerne mal Lederjacken trägt, zu befreien. Umrarmung. Zwar haben Kopper und Odenthal dann eine WG gemacht, aber von einer horizontalen Erzählung à la Buckow und König im Polizeiruf Rostock kann man nicht sprechen. Außerdem ist Kopper ja nun weg und die junge Fallanalytikerin Johanna Stern fordert Lena heraus.

Finale

Für seine Zeit ist „Der kalte Tod“ ein progressiv und thrillig gefilmter Tatort, vieles wirkt hier dynamischer als in späteren Odenthal-Filmen, aber es eben auch ein Unterschied, ob ein Tatort die  Nummer 12 Odenthal-der Chronologie trägt oder die Nummer 60, 70 etc.

Für den Wahlberliner ist diese Rezension sogar eine Premiere. Erstmals habe ich eine neue Kritik für einen Tatort aufgrund einer zweiten Sichtung geschrieben, die mehrere Jahre nach der ersten erfolgte und musste etwas knobeln, wie diese neue Variante sich auf die Nummerierung der Crimetime-Beiträge auswirkt. Strikter wäre sicher die Vergabe einer A-Nummer gewesen, aber es ist ja auch eine komplett neue Arbeit, keine Ergänzung, also habe ich mich doch dafür entschieden, dass „Der kalte Tod“ nun zwei Rezensionsnummern haben wird. Die hat er auch verdient.

8/10

© 2021 (Entwurf 2020 )Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Mario Kopper – Andreas Hoppe
Professor Sorensky – Matthias Habich
Hendryk Dornbusch – Johannes Brandrup
Stella Eisner – Sophie von Kessel
Dr. Rasch – Rudolf Kowalski
Kriminalrat Friedrichs – Hans-Günther Martens
Elvira Koppner – Margarete Salbach
Sekretärin Irmgard – Heide Grübl
Arzt – Horst Schäfer
u.a.

Regie – Nina Grosse
Buch –  Sascha Arango
Kamera – Hans-Jörg Allgeier
Schnitt – Katrin Eplinius
Musik – Joe Mubare

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