Bis zur letzten Sekunde – Polizeiruf 110 Episode 220 #Crimetime 1003 ::: #50JahrePolizeiruf110 ::: #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Sekunde

Crimetime 1003 - Titelfoto © MDR

Schach dem Ösi!

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im Juni 2021

Auch heute feiern wir wieder 50 Jahre Polizeiruf 110. Mit „Der Fall Lisa Murnau“ ging die Reihe am 27.06.2021 ertmals auf Sendung und sie hat es über den Wandel der Zeiten hinweg geschafft, zu bestehen. Es nach der Wende fast das und 18 Monate Stillstand, danach wollten plötzlich auch alle Westsender einen Polizeiruf machen. Übrig blieb die München-Schiene, die aus Qualitätsgründen unbedingt erhalten bleiben muss und der West-Ost-Sender NDR pflegt den Polizeiruf Rostock, der RBB das binationale Grenzkommissariat in Swiecko, der MDR den Magedburg-Polizeiruf. Und jetzt Halle II, mit Kloitzsch und Lehmann, die im Grunde die Nachfolger von Schmücke und Schneider sind. Nicht alle Filme der beiden Herberts sind kriminalistische Kleinode, aber sie halfen erheblich dabei mit, den Polizeiruf zu stablisieren und manchmal kamen richtig gute Filme zustande.

Rezension 2020

1999 hatten sie auch in Halle die Moderne eingeläutet. Endlich weg vom gruseligsten Serienvorspann, den ich je gesehen habe, hin zu etwas mehr Dynamik und Augenfreundlichkeit, endlich die Umstellung auf das 16:9-Format – Letzteres wirkt sich gerade bei „Bis zur letzten Sekunde“ sehr positiv aus, der auch vergleichsweise modern gefilmt ist – auffällig sind die vergleichsweise häufigen Super-Nahaufnahmen, die aufgrund des breiteren Formats ihre Wirkung noch besser entfalten können. Außerdem gibt es einen besonders schurkischen Schurken zu bewundern. Mehr zum 13. Schmücke-Schneider-Fall   steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die frisch verheiratete Tochter des Oberstaatsanwalts Werner Baumann wird entführt, um so die Freilassung von Karl Hrulitschka zu erzwingen, der sich derzeit wegen Mordes im Gefängnis befindet. Die Entführer übermitteln ihre Botschaft über ein Videoband, das sie Baumanns Schwiegersohn vor die Tür gelegt haben.

Da Schmücke und Schneider keine Anhaltspunkte zu Hrulitschkas Hintermännern finden können, muss der Schwerverbrecher freigelassen werden, um das Leben von Sophie nicht zu gefährden. Die Polizei sichert zwar den Fluchtweg ab, kann den Flüchtigen aber nicht verfolgen, weil er sich auch am Freilassungsort einer Geisel bedient. Schmücke findet heraus, dass ihm hierbei seine Exfreundin Melanie Kaminski geholfen hat, die er nur zum Schein als Geisel genommen hat.

Nach mehrfacher Analyse ist die Kriminaltechnikerin der Meinung, dass die Aufnahme von Sophie in einer Höhle entstanden sein muss. Rotes Gestein im Hintergrund verweist auf einen Stollen im Mansfelder Land. Unabhängig von der Polizei ist auch Thomas Noack auf der Suche nach seiner Frau und kann sie tatsächlich finden. Es kommt zu einem Handgemenge zwischen ihm und dem Entführer, der sich als sein Angestellter, Frank Sattler, entpuppt. Als die Polizei eintrifft, finden sie Noack schwer verletzt, doch von Sophia keine Spur.

Hrulitschka setzt die Polizei weiter unter Druck. Nach Schmückes Recherche will sich der Verbrecher mit 2 Millionen aus seinem letzten Raubüberfall nach Brasilien absetzen. Doch dazu braucht er seinen Pass, den ihm Schmücke bringen soll. Sophie versteckt er derweil im Kofferraum eines Autos, das er mit einer Bombe versehen hat, die er im Ernstfall mit einer Fernzündung zur Detonation bringen will. Schmücke ahnt Hrulitschkas Plan, da der Täter bei allen seinen Überfällen Sprengstoff benutzt hatte. So gelingt es mit speziellen Spürhunden den richtigen Wagen zu finden, der sich auf dem Parkplatz des Flughafens befindet.

Während Schmücke Hrulitschka mit Waffengewalt am Abflug hindert, kann Schneider Sophia aus dem Auto befreien. Als der Flüchtige den Wagen detonieren lässt, befindet sich die Geisel bereits in Sicherheit.

Rezension

Auch Nummer 13 beginnt, wie bei Schmücke und Schneider üblich, als Whodunit – wird dann jedoch zum Thriller, nachdem man als Zuschauer etwa ab der Mitte des Films alle Tatbeteiligten kennt. Und der zweite Teil hat einen für Hallenser Verhältnisse enormen Drive, Schmücke zieht sogar die Waffe. Heute ist das ja üblich, in Tatorten und Polizeirufen, auch, dass Polizist*innen tatsächlich schießen, kommt immer häufiger vor, aber damals und bei den netten Herren vom MDR war es noch die Ausnahme, getreu der DDR-Genese des Polizeirufs, nach der Kripo-Beamte gar nicht erst in die Verlegenheit kommen sollten, sich mit Gewalt durchzusetzen, denn die ganz rauen Verbrecher sind im Sozialismus überflüssig. Aber auch in älteren Tatorten wird viel seltener mit Schusswaffen hantiert als heute. Es ist die Schlussszene, auf die ich anspiele, in der Schmücke das Schachspiel gegen Hrulitschka gewinnt. Eine weitere Polizeiruf-Tradition lebt hier noch einmal auf: Es gibt während 90 Spielminuten keinen Todesfall – nur beinahe.

Aber so muss ein Thriller sein: Der Gangster muss richtig böse dargestellt werden oder auch besonders schräg, jedenfalls dämonisch genug, um einen glaubhaften Gegner für den gesamten Polizeitross, hier unter Inkludierung zweier Staatsanwälte, zu sein, die Schmücke und Schneider direkt vorgesetzt sind. Auch eher selten zu sehen, dass die StA aktiv mitarbeiten – bedingt und halbwegs plausibel wirkend in „Bis zur letzten Sekunde“ jedoch dadurch, dass einem von beiden die Tochter entführt wird.

Ein Thriller funktioniert auch nicht, ohne dass jemand in Lebensgefahr schwebt und die Uhr schneller zu ticken scheint als im normalen Leben üblich. Entweder ist ein Serienmörder unterwegs, dem man weitere Tötungshandlungen zutraut, oder es handelt sich um eine Entführung und man weiß nicht, wie die Entführer mit dem Opfer umgehen werden. Hier Letzteres und auf eine ziemlich berechnende, aber passabel funktionierende Weise dadurch gesteigert, dass die junge Frau Asthma hat und nicht an ihren Inhalator herankommt, nachdem sie gekidnappt wurde.

Letztlich ist die Schwarmintelligenz der Guten dem mörderischen Superhirn doch überlegen. Die Botschaft ist bekannt: Verbrechen geht einfach nicht, auch wenn jemand es noch so schlau einfädelt. Morde werden, sofern überhaupt ermittlet wird, in der Tat zu 96 Prozent aufgedeckt. Aber Vermögensdelikte? Da sieht es ein wenig anders aus, zumal einige davon ein richtiger kapitalistischer und gemeinschaftsschädlicher Gesellschaftssport sind, der dadurch prämiert wird, dass die Verfolgung solcher Delikte mehr als nachlässig gehandhabt wird.  Da steht sozusagen die Schwarmintelligenz, welche die Züge der schwarzen Figuren plant, gegen unwillige und unfähige Weiße, die nicht gut zusammenarbeiten und es auch sonst lieber ruhig angehen lassen. Sie aber beginnen das Spiel, denn sie schaffen die Gesetzeslage, deren Lücken man ausnutzen kann und lassen es bei Übertretungen an hinreichender Ahndung fehlen, die weitere Taten eingrenzt.

In Filmen wird der dunkle Schwarm aber gerne durch eine plastische Einzelfigur symbolisiert, besonders die James-Bond-Filme stechen dabei heraus, auch Steven King und andere arbeiten mit Varianten des Musters vom verkörperten Bösen. Hier hat man einen Österreicher genommen, das ist auch okay. Wir dachten bisher, die Wien-Tatorte mit Moritz Eisner hätten damit angefangen, Piefkes zu bashen, aber jetzt muss ich die Geschichte des Hin und Her oder Zug um Zug vielleicht umschreiben. Sicher ist es noch nicht, denn Eisner ist seit 1999 unterwegs und in jenem Jahr wurde auch „Bis zur letzten Sekunde“ gedreht.

Aber eines muss man schon erwähnen: Der Weaner wird recht intelligent dargestellt und an seiner Optik gibt es auch nichts zu bemäkeln und böse Menschen gibt es überall. Wenn er Schmücke im Gefangenentransportwagen der Polizei gegenübersitzt und „Der Herr Kommissar“ schmäht, das hat schon was. Der Darsteller von Hrulitschka, Fritz Karl, war mir bisher nicht so sehr ein Begriff, obwohl er eine umfangreiche Filmografie hat und ich den einen oder anderen Tatort gesehen habe, in dem er eingesetzt wurde. So prägnant wie diejenige des Mörders, der nach einer ähnlichen Methode freigepresst wird, wie man es mit einsitzenden RAF-Terroristen versuchte, waren die anderen Episodenrollen in deutschen Krimis wohl nicht.

Finale

„Bis zur letzten Sekunde“ ist gut getaktet und zeigt viel Ermittlungsarbeit, macht glaubhaft, wie viel Stress ein Entführungsfall bei allen Beteiligten, hier auch bei den Helfer*innen von Hrulitschka, auslöst, manchmal kommt der Zufall etwas zu Hilfe oder es werden recht einfach zu ermittelnde Verbindungen hergestellt, wie die zum Geschwisterpaar Vasques, dass in Gefängnissen Portugiesisch-Kurse angeboten werden, wage ich zu bezweifeln, aber ausschließen kann ich’s auch nicht, denn das Leben hinter Gittern ist in modernen Gefängnissen bei weitem nicht mehr so trist, wie es auch heutzutage noch in Filmen gerne dargestellt wird. Das Problem sind eher die Strukturen in den Knästen, die dazu führen, dass Gefangene nach dem Ende ihrer Haft sozial noch weniger zu reintegrieren sind, als das kurz nach der Tat der Fall gewesen wäre.

Schmücke und Schneider müssen sich die Aufmerksamkeit des Zuschauers mehr als in einem Whodunit und auch mehr als in vielen Thrillern mit Personen wie Hrulitschka, seinen Fans, so muss man vor allem die Frauen ja nennen und mit zwei Staatsanwälten teilen, die dafür sorgen, dass es nicht zu ruhig wird, bei der Mordkommission. Es geht nicht alles seinen Gang, wie die beiden Kommissare es gerne hätten, sondern sie sind getrieben und – in letzter Sekunde können sie die Geisel retten. So gehört es sich und deshalb wird Hrulitschka wieder einfahren. Wer weiß, wie er dann, mit einem Zellengenossen, der mehr draufhat als derjenigen, den wir anfangs sehen, sein Schachspiel weiter verbessern und den nächsten Fluchtplan schmieden kann.

8/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Bodo Fürneisen
Drehbuch Marlies Ewald
Produktion Susanne Wolfram
Musik Rainer Oleak
Kamera Sebastian Richter
Schnitt Margrit Schulz
Besetzung

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