Casablanca, USA 1942 #Filmfest 513 #Top250 #DGR

Filmfest 513 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (66) – Die große Rezension

Casablanca ist ein US-amerikanischer Liebesfilm von Michael Curtiz aus dem Jahr 1942. Er verbindet zusätzlich Stilelemente eines Melodrams mit denen eines Abenteuer- und Kriminalfilms. Casablanca entstand unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und enthält eine starke politische Komponente durch den Einsatz Hollywoods gegen das nationalsozialistische Deutschland.

Ich finde, man darf ruhig schreiben, dass der Film zu etwa 50 Prozent ein Propagandafilm ist und nicht nur eine „starke polische Komponente“ aufweist. Wie geht man mit einem Film um, über den schon so viel geschrieben wurde wie über „Casablanca“? Bei mir war es so, dass ich für Filme dieser Ordnung oft lange brauche, bis ich sie rezensiere, ein Beispiel ist „Der große Diktator“ von Charles Chaplin. Er zählt mit „Casablanca“ zu den bekanntesten Anti-Nazi-Filmen aus der Zeit, in der Deutschland „das dritte Reich“ war, was in „Casablanca“ auch herausgestellt wird, „Deutschland“ wird hingegen zumindest in der hiesigen Synchronisierung kaum erwähnt. Der dritte dieser Filme ist ebenfalls eine Komödie oder Satire, Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“, der ebenfalls im Jahr 1942 erschien, während „The Great Dictator“ schon 1940 entstand.

Die deutsche Fassung, die heute üblicherweise gezeigt wird, stammt aus dem Jahr 1975 und ist bereits die zweite, denn als der Film 1952 in die hiesigen Kinos kam, hatte man es tatsächlich geschafft, alle Nazis aus dem Film zu entfernen. Wie er in der Version wirkte, kann ich nicht beurteilen, aber es wäre interessant, ein Double Feature mit beiden Versionen anzuschauen. Dem sollte sich einer der öffentlichrechtlichen Sender annehmen und es mit einer Dokumentation verknüpfen. Die Ausstrahlung, die ich aufgezeichnet und mir jetzt angeschaut habe, erfolgte via „Sat 1 Gold“ an einem österlichen Filmklassiker-Tag, der auch „Vom Winde verweht“ auf die Bildschirme brachte. Selbstverständlich hat die Tatsache, dass der ungeschnittene Film erst in den 1970er auf Deutsch zu sehen war, eine große Auswirkung auf die ursprüngliche Rezeption, die keineswegs so positiv war, wie die aktuelle uneingeschränkte Anerkennung, die man auch  hierzulande beobachten kann, es nahelegt. Die spannende Frage: Hätte man kurz nach dem Kriegdie vollständige Version vor sich gehabt, in welche Richtung hätte die Kritikerhaltung dies verändert? 

Die –> Rezension folgt dem Motto: Je  bekannter ein Film ist, desto mehr Sinn ergibt es, Stimmen und Informationen zu ihm zu übernehmen und diese Textbestandteile aus eigener Sicht zu kommentieren. 

Handlung (1)

Casablanca während des Zweiten Weltkriegs: Frankreich ist von der deutschen Wehrmacht erobert und teilweise besetzt, nicht dagegen das französische Protektorat Marokko, das zu Französisch-Nordafrika gehört und damit durch das Vichy-Regime verwaltet wird. Viele fliehen nach Casablanca, um dort einen Flug ins neutrale Lissabon zu ergattern, von wo aus sie hoffen, weiter nach Amerika gelangen zu können. Die meisten gelangen allerdings nicht über Casablanca hinaus, da der korrupte französische Polizeichef Capitaine Louis Renault, zuständig für die Ausstellung der nötigen Visa, mit den Deutschen zusammenarbeitet.

Der Film beginnt mit der Nachrichtenmeldung, dass zwei deutsche Offiziere in Nordafrika ermordet und ihre Transit-Visa gestohlen wurden, woraufhin die Polizei alle verdächtigen Personen (insbesondere Flüchtlinge und nach Casablanca Emigrierte) verhaftet und ihre Papiere untersucht (der Mann, der in der Anfangssequenz auf seiner Flucht angeschossen wird, ist allerdings nicht der Täter).

Kurz darauf trifft der deutsche Major Strasser in Casablanca ein, der von Louis Renault empfangen wird. Grund seines Aufenthalts ist der berühmte und einflussreiche tschechoslowakische Widerstandskämpfer Victor László, der den Nazis schon mehrmals entkommen und nun auf dem Weg nach Casablanca ist. Strasser will László daran hindern, sich mit seiner Frau Ilsa Lund nach Amerika abzusetzen. Renault teilt Strasser nach dessen Ankunft mit, dass sie als Mörder der deutschen Offiziere bereits den Italiener Ugarte ermittelt haben und ihn am selben Abend im Nachtclub Rick’s Café Américain verhaften werden, vor den Augen Strassers, um die Tüchtigkeit der Polizei zu demonstrieren.

Der vom Amerikaner Richard „Rick“ Blaine betriebene Nachtclub Rick’s Café Américain ist Treffpunkt vieler Emigranten in Casablanca. Rick hat in den 1930er-Jahren Waffenschmuggel für das von Italien angegriffene Äthiopien betrieben und auf der Seite der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft. Inzwischen ist er jedoch ein desillusionierter Zyniker geworden, der, wie er sagt, kein Interesse mehr daran hat, für andere den Kopf hinzuhalten. Da Renault Transit-Visa nur gegen Bezahlung mit hohen Geldbeträgen oder Sex erteilt, gibt es auch zwielichtige Gestalten wie die Italiener Ugarte und Ferrari, die Visa auf dem Schwarzmarkt anbieten. Kurz vor seiner Verhaftung übergibt Ugarte die zwei Transit-Visa an Rick mit der Bitte, sie für ihn aufzubewahren. Rick versteckt die Dokumente im Klavier seines Pianisten Sam. Ugarte wird jedoch nach seiner Verhaftung durch die Polizei getötet. Renault ahnt zwar, dass Rick die zwei Visa hat, kann es jedoch nicht beweisen, auch in einer Durchsuchung des Café Américain werden sie nicht gefunden.

Auf der Suche nach nützlichen Kontakten sucht László mit Ilsa Ricks Lokal auf, ohne zu wissen, dass Ilsa und Rick ein Jahr zuvor in Paris eine leidenschaftliche Affäre miteinander hatten, während László in deutscher Gefangenschaft war. Ilsa erkennt Sam wieder und bittet ihn, den Song As Time Goes By zu spielen, wie er es auch in Paris immer für sie getan hat. Als Rick das Lied hört, das zu spielen er Sam verboten hatte, stürmt er herein und ist von Ilsas Anblick erschüttert. Er hatte Paris mit ihr verlassen wollen, als die Deutschen in Frankreich einmarschierten, Ilsa war aber nicht am vereinbarten Treffpunkt erschienen und hatte ihn lediglich in einem Brief wissen lassen, dass sie nicht mit ihm gehen könne.

Als Ilsa nach der Sperrstunde Rick in seinem Nachtclub aufsucht, ist er betrunken und ihr gegenüber zynisch und vorwurfsvoll, sodass sie bald wieder geht. Auch am nächsten Tag will Ilsa Rick ihr Verhalten damals nicht erklären, weil er sich so verändert hat, dass sie kein Verständnis von ihm erwartet.

László versucht überall in Casablanca, Visa aufzutreiben. Als ihm geraten wird, es bei Rick zu versuchen, weigert sich dieser, wegen Ilsa gekränkt, dem Rivalen zu helfen. Er gibt nicht einmal nach, als Ilsa ihn spätabends mit einer Pistole bedroht, schwenkt aber um, als sie ihm offenbart, dass sie ihn immer noch liebt, während sich andererseits herausstellt, dass sie schon während der Affäre in Paris mit László verheiratet gewesen war, ihn jedoch für tot gehalten hatte – am Tag der Abreise hatte sie erfahren, dass László noch lebte, und war zu ihm zurückgekehrt.

Rick bereitet seine Abreise aus Casablanca vor. Er verkauft sein Café an seinen Konkurrenten Ferrari und bietet Renault an, ihm László mit einem handfesten Tatvorwurf ans Messer zu liefern, wenn im Gegenzug er und Ilsa unbehelligt abreisen dürfen. Renault lässt sich darauf ein, zumal er mit Rick eine hohe Wette darauf abgeschlossen hat, ob László die Flucht gelingt. Bei einem fingierten Treffen übergibt Rick László die zwei Transit-Visa, doch als Renault László damit festnehmen will, hält Rick ihn mit vorgehaltener Waffe davon ab und fährt mit Renault, Ilsa und László zum Flughafen.

Am Flughafen drängt Rick Ilsa dazu, mit László zu gehen, der sie mehr brauche als er selbst. Ilsa zögert, aber Rick versichert László, dass die Pariser Affäre der Vergangenheit angehört. László und Ilsa steigen in das Flugzeug. Als es gerade anrollt, trifft der von Renault informierte Strasser allein am Flughafen ein und versucht sofort telefonisch, vom Tower ein Startverbot für das Flugzeug zu erwirken. Rick fordert Strasser mit vorgehaltener Waffe auf, das zu unterlassen, und erschießt ihn schließlich, als Strasser weiter den Tower zu erreichen versucht. Renault entdeckt seinen Patriotismus und weist die herbeieilenden Gendarmen an, wegen des Mordes an Strasser „die üblichen Verdächtigen“ zu verhaften, obwohl er den Tathergang genau gesehen hat.

Nach dieser Affäre muss auch Rick für eine Weile untertauchen. Renault bietet Rick an, ihm ein Visum auszustellen. Der Film endet mit den Worten von Rick, „Louis, ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“.

Rezension

„Beklemmend edelmütig ausgetragener Dreieckskonflikt, nicht ohne Spannung so kunstreich kompliziert, dass alle drei am Leben bleiben: Ingrid Bergman, liebend lächelnd, wie nur sie es kann, zuweilen eine Träne vertropfend; Humphrey Bogart als Barbesitzer, ein Amerikaner in Casablanca, zu vielem fähig geworden; Paul Henreid als Leuchte der Naturwissenschaft zur Zeit politischer Flüchtling, Peter Lorre spielt einen Mann, der gemordet hat. In den Hauptrollen der Weltkrieg II und Casablanca, Umsteigequartier für Schiffbrüchige aller Art. Bessere Hollywood-Konfektion.“ – Der Spiegel, September 1952 (basierend auf der entstellenden ersten deutschen Schnittfassung und Synchronisation)

Zunächst hatte ich die Erklärung im Anschluss an das Zitat überlesen und mir selbst ausgeknobelt, dass es sich hier um die verkürzte Fassung gehandelt haben dürfte, denn den Film so abzutun, wäre wohl nicht die übliche Herangehensweise des Spiegel geworden, auch wenn dieser zu Beginn durchaus auch konservative Ansätze zeigte, wenn es um die ganz großen Fragen der deutschen Vergangenheit ging. Es ist außerdem etwas anderes, ob man die Vergangenheit selbst aufarbeitet, woran der Spiegel sich stark beteiligte, oder ob man den – sic! – Spiegel von anderen vorgehalten bekommt. Trotzdem finde ich diese Sicht noch heute sehr interessant, wie auch die Entfernung des Großteils der politischen Zusammenhänge. Denn ist „Casablanca“ als Melodram wirklich so gut oder macht ihn erst die Komibnation aus sichtbarer Bedrohung durch die Deutschen und die dadurch viel verständlicher und bedrückender wirkende Lage des Paares Rick und Ilsa den perfekten Thrill und diese Liebe zu etwas Beonderem. Wäre diese Sonderlage nicht vorhanden, sähe man etwa dies: Eine Frau und ein Mann verlieben sich in Paris ineinander, während der Ehemann der Frau abwesend ist, beginnen eine Affäre, aber die Frau entscheidet sich zunächst wiederum für den Ehemann. Ob in der gekappten Fassung erwähnt wird, dass Ilsa dachte, ihr Mann sei im KZ ermordet worden, weiß ich nicht, aber auch dies spielt natürlich eine Rolle, denn man will sie natürlich nicht zu sehr als Charakter darstellen, der mit schattigen Seiten leben muss, obwohl man ihre Darstellerin Ingrid Bergman wundervoll mit Licht und Schatten in Szene gesetzt hat, während Rick in gemeinsamen Szenen ganz anders beleuchtet wird. Das ist wundervoll künstlich, weil es wirkt, als hätten sich die beiden Darsteller nicht im selben Raum gegenüberstehen können und verstärkt so den Eindruck, dass man es mit einem „Konfektionsprodukt“ zu tun hat, das nicht in erster Linie auf Realismus setzt. Das tut es auch in der Originalversion nicht, aber die Einbindung in die Zeit und die weitaus stärkere Herausarbeitung der politischen Lage bedingen einen wesentlichen Unterschied:

„Casablanca ist Symbol für einen Ort, der unabhängig vom konkreten Filmgeschehen und den zeitlichen Umständen existiert, und das macht einen Film zeitlos, der für viele in den Zeiten des Kriegs vielleicht vor allem ein Liebesfilm und ein »antifaschistischer Propagandafilm« war. Er umfasst das Gefühl des Wartens in einer Welt, in der sich der Schrecken, der Horror, die Verzweiflung, der Tod in einer »sozialen Maschinerie« konzentriert hat, die scheinbar unaufhaltsam alles in Trümmer legen wird. Ricks »Café Américain« ist insofern vielleicht eben nicht nur Fluchtpunkt, sondern auch Zeichen einer anderen Welt. Die Figuren in diesem Film – abgesehen von Major Strasser, der nichts als ein Rädchen in der Maschinerie darstellt – sind nicht nur Betrüger, Einzelgänger, Diebe, […] Schwarzmarkthändler. Sie sind – abseits aller Fehler, charakterlicher Mängel usw. – miteinander verbunden – entgegen den skrupellosen Erwartungen ihrer Verfolger.“ – Ulrich Behrensfilmzentrale

Ich mag die Darstellungen von Ulrich Behrens, der mit einem stark soziologisch geprägten Ansatz an Filme herangeht, sehr gerne und hier hat er das so gut formuliert, dass ich nicht die Absicht habe, es umzuschreiben und als eigenen Gedankengang zu verkaufen. Die Magie des Films ist zu einem guten Teil diesem Ort zu verdanken. Ich kenne keinen anderen Film, in dem ein solches Kaleidoskop an mit knappen, aber kräftigen Pinselstrichen ausgeführte Drehscheibe von Vertreibung, Flucht, Panik und Gefasstheit, Traurigkeit und Hoffnung gezeigt wird. Es ist aber wichtig, dass die Bedrohung selbst auch vor Ort ist und man sich ausmalen kann, wie es den Geflüchteten erginge, wenn diese auch in Casablanca nach Gutdünken verfahren könnte. Irgendwie ist die „Niedersingen-Szene“ auch schmerzlich, aber vor allem deswegen, weil die Marseillaise nicht gerade das Vorbild für eine humanistische, demokratische Nationalhymne ist, sondern eher den Ton des jahrhundertelang schwierigen deutsch-französischen Verhältnisses spiegelt. Sie begleitete mit dem wohl blutrünstigsten Text aller Nationalhymnen, die einen Text haben, die Nationalismen und wurde im Zweiten Weltkrieg zu einer Art Widerstandslied umgewidmet, wie es in „Casablanca“ zu sehen ist, was aber ihrem Geist durchaus zuwiderläuft.

Die Marseillaise wurde von Claude Joseph Rouget de Lisle in der Nacht auf den 26. April 1792 während der Kriegserklärung an Österreich im elsässischen Straßburg verfasst. Sie hatte zunächst den Titel Chant de guerre pour l’armée du Rhin, d. h. „Kriegslied für die Rheinarmee“, und war dem Oberbefehlshaber und Gouverneur von Straßburg, dem im Jahr zuvor zum Marschall von Frankreich ernannten Grafen Luckner, gewidmet. (…)

Es ist ohnehin keine gute Idee, wie es in Frankreich so gerne getan wird, dieses Verhältnis zweier Nachbarn auf den Zweiten Weltkrieg zu reduzieren und sich als pures Opfer darzustellen. Wenn man im Sinne der Dokolonisierung und Vergangenheitsaufarbeitung einen Tipp gen Westen senden will, dann diesen: Für diese Hymne zumindest einen zeitgemäßeren Text zu verfassen. Doch aus amerikanischer Sicht, und die ist es, die in „Casablanca“ zählt, ging es um die Mobilisierung einer auch nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs immer noch zum Teil isolationistisch eingestellten Bevölkerung. Ob der japanische Angriff auf Pearl Harbour dazu wirklich notwendig war oder es auch anders zum Kriegseintritt der USA gekommen wäre, ist eine interessante Frage, aber die Japaner erwiesen damit den Gegnern der Nazis letztlich einen großen Gefallen. Die Hollywood-Filme alleine hätten sicher nicht ausgereicht, um die Stimmung komplett zu drehen, denn auch, wenn „Casablanca“ ein erfoglreicher Film war, ein „Game Changer“ war er damals sicher nicht. Ab 1942 erhielt Hollywood dann Hilfe vom offiziellen Propagandabüro namens  United States Office of War Information. Diese Hilfe wurde vermutlich auch beim Dreh von „Casablanca“ in Anspruch genomen.

Bei den Warner Brothers rannte man damit jedoch offene Türen ein, denn dieses Studio galt als das patriotischste von allen. Auch MGM bemühte sich um die Rechte für vie Verfilmung des zugrundeliegenden Stücks und eine weitere interessante Frage wäre es gewesen, wenn dieses den Film gemacht hätte, dann auch mit anderen Darsteller:innen. Da „Casablanca“ ein Glücksfall ist und als solcher nicht planbar, weil unzählige Umstände zusammenkomme müssen, damit ein solcher Klassiker entsteht, muss man froh sein, dass es gelaufen ist, wie es gelaufen ist, wenn man ein Fan von „Casablanca“ ist. Planbar ist ein solcher Erfolg nicht, obwohl es immer wieder zu Ansagen kommt, gerade im heutigen Blockbuster-Kino. „Casablanca“ ist zwar ein A-Film, das belegt die sehr reichhaltige Besetzung, aber selbstverständlich ist er sparsam im Hollywoodstudio gedreht, es gibt nicht einen „Shot on Location“ oder wenigstens eine richtige Außenaufnahme und er ist, anders als Großprojekte wie „Vom Winde verweht“ nicht gemacht worden, um die Kinowelt zu erobern, sondern nur, um seine Rolle als Mischung aus Abenteuer, Liebe und politischer Propaganda zu erfüllen.

Die Karrieren von Ingrid Bergman und Humphrey Bogart standen damals auch noch nicht für etwas anderes. Bogart war nach vielen schattigen bis dunklen Rollen erst im Vorjahr durch „Die Spur des Falken“ zum Star geworden und Ingrid Bergman war erst 1939 (aus Deutschland übrigens, wo sie ebenfalls gefilmt hatte) nach Hollywood gekommen, galt als besonders vielversprechend, aber hatte noch keinen „großen“ Film gemacht. Dass die beiden Hauptdarsteller perfekt funktionieren würden, war also nicht abzusehen. Einige Darsteller aus dem Cast wurden aus dem „Falken“ übernommen, auf Sidney Greenstreet und Peter Lorre als Gegenspieler bzw. zwielichtige Figur konnte man sich verlassen, aber nicht auf die nie zuvor erprobte gigantische Chemie zwischen Bogie und der Bergman. Ihre Unsicherheit in einer für sie äußerst unangenehmen Lage und sein Zynismus, den er sich nach „Paris“ angeeignet hatte und den er am Ende wieder auf seinen früheren Kampf für die gute Sache (spanischer Bürgerkrieg auf der Seite der Republik u. a.) zurückdrehen kann, sind unschlagbar. Nach meiner Ansicht wird er durch den Verzicht auf die große Liebe richtiggehend erlöst. Hätte er Ilsa nämlich in Casablanca behalten, wozu sie bereit schien, dann hätte das private Glück sich vor die wichtige Sache des Anti-Nazi-Widerstandskampfes geschoben und bei allen Schwierigkeiten, die man hatte, das richtige Ende des Films zu finden, das vorhande ist die Lösung. Nie wäre „Casablanca“ ohne diesen Schlussakkord, der dem romantischen Prinzip folgt und außerdem moralisch absolut korrekt ist, so erfolgreich geworden. 

Dass Ingrid Bergmanns Spiel so authentisch wirkte, wird übrigens auch der Tatsache zugeschrieben, dass sie den Film nach eigener Aussage nicht verstand und dass niemand am Set wusste, wie er ausgehen wird. Das hat man zurückgehalten bzw. das Drehbuch war eben noch nicht fertig, weil man mit dem richtigen Schluss gerungen hatte. Durch ihn reiht sich „Casablanca“ in die Reihe der äußerst beliebten Filme ein, die einfach kein Happy-End haben dürfen, um wirklich zu Tearjerken werden zu können. Die Authentizität hat aber eine weitere Fundierung: Viele aus dem Einflussbereich des NS-Regimes Geflüchtete spielen in diesem Werk mit, für kleines Geld, wie man annehmen darf, denn das Budget war „normal“, nicht außergewöhnlich, auch Bogart und die Bergman erhielten lediglich ca. 33.000 bzw. 25.000 Dollar für ihre Rollen. Ein weiterer Beleg dafür, dass sie nicht zu den Superstars zählten, bevor dieser Film sie dazu machte. Man war während des Krieges sparsamer als ausgerechnet in der Depressionsära zuvor, in der Marlene Dietrich als zeitweilig bestverdienender Hollywood-Star bis zu 400.000 Dollar pro Film erhielt; für damalige Verhältnisse eine aberwitzige Summe, aber der gesamte Cast von „Casablanca“ dürfte nicht mehr als 250.000 Dollar an Gagen erhalten haben, obwohl es doch wichtig war, die vielen Neuankömmlinge in den USA und in Hollywood zu unterstützen. Dass einige von ihnen Juden sind, kann man sich denken, aber der Film stellt keinen von ihnen diesbezüglich heraus. Nicht nur, weil der Holocaust in seiner Hauptphase erst ab 1942 einsetzte und man in den USA das ganze Ausmaß des Genozids 1942 noch nicht im Blick haben konnte, sondern vor allem, weil viele Amerikaner antisemitisch eingestellt waren und die Kenntlichmachung jüdischer Schicksale den Mobilisierungseffekt, den man mit Filmen wie „Casablanca“ erzielen wollte, eher geschadet als genützt hätte. 

Diese Menschen mussten aber, ganz wie es in Casablanca gezeigt wird, oft ihre letzten Mittel hergeben, um die Flucht finanziell stemmen zu können und waren vielfach auf die Hilfe von Freund:innen angewiesen, die es bereits geschafft hatten. Auch dieses Geschacher um Wertgegenstände zu Billigpreisen, weil es sich um Notverkäufe handelt, stärkt die höchst ambivalente Atmosphäre in Rick’s Café Américain. Dessen Eigner lässt diesen Schwarzmarkt um Visa für die Weiterreise zwar zu, tut aber zunächst nichts, um den Geflüchteten zu helfen, das ändert sich erst im Verlauf, nach der Ankunft Ilsas, als er erstmals einen jungen Paar aktiv hilft und man darf diese Aktion als Hinweis auf das Ende ansehen, denn die Situation dieser jungen Leute ist eine ähnliche wie die von Ilsa und Viktor Laszlò, nur, dass die beiden Jüngeren nicht prominent sind. Aber Ilsa und Laszlò gegenüber kann er noch nicht so nobel sein, zu tief sitzt die Kränkung über die verlorene Liebe. Bogart spielt das so intensiv, dass es auch zeitgenössische Kritiker:innen gab, die es etwas übertrieben fanden:

Humphrey Bogart ist so hart, dass er an einem bestimmten Punkt aussieht wie Buster Keaton, der Paul Gauguin spielt.“ – Time, November 1942[29]

Es hat aber nicht dazu geführt, dass die Kinogänger:innen es als unfreiwillig komisch empfanden. Bei mir war das in ein oder zwei Szenen durchaus so, dass ich mich beherrschen musste, zumal Bogart vielen als der männlichste Hollywood-Schauspieler aller Zeiten gilt und deswegen auf dünnem Eis geht, wenn er verzweifelt den Kopf in die Hände nimmt und das Gesicht senkt. In der Tat mag ich seine Darstellung in einigen anderen Filmen mehr, wie etwa in „Der Schatz der Sierra Madre“ oder auch in „African Queen“, wenn es um die romantische Seite geht, die sich aber ohne zu große Sentimentalität entwickeln darf, sondern auch gewollt witzige Momente nicht ausschließt. In „Casablanca“ gibt es sie aber auch. Sie beziehen sich niemals auf Momente zwischen Rick und Ilsa, aber sie wirken ausgleichend und spielen sich vor allem ab, wenn Captain Renault und Rick miteinander kommunizieren. Dieser sozusagen als Prototyp angelegte Franzose und der typische Amerikaner haben haben eines der interessantesten ambivalenten Verhältnisse der Kinogeschichte zueinander und am Ende kommt es zum Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Und damit zu etwas, das diesen Film herausragen lässt und ebenfalls notwendig war, um seinen Kultstatus zu fundieren: Die Zitate und die Musik. Das American Film Institute listet nicht weniger als sechs Zitate aus „Casablanca“ unter den Top 100 amerikanischer Filme bis zum Jahr 2007, das ist ein einsamer Rekord.

Auf der Liste der besten Filmzitate ist Casablanca sechsmal vertreten („Ich seh dir in die Augen, Kleines“, Platz 5, „Louis, ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“, Platz 20, „Spiel es, Sam. Spiel ‚As Time Goes By’“, Platz 28, „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen“, Platz 32, „Uns bleibt immer Paris“, Platz 43, „Von allen Kaschemmen der ganzen Welt kommt sie ausgerechnet in meine“, Platz 68)

Weitere Ehrungen, die das AFI „Casablanca“ hat zukommen lassen:

1998 wählte das American Film Institute Casablanca auf den zweiten, 2007 auf den dritten Platz der besten amerikanischen Filme aller Zeiten. Der Film ist auch auf anderen Bestenlisten des AFI vertreten: Casablanca belegt den 37. Platz der besten Thriller, den ersten Platz der besten Liebesfilme, den vierten Platz der größten Filmhelden (Rick Blaine), den zweiten Platz der besten Filmsongs (As Time Goes By) und den 32. Platz der inspirierendsten Filme.

Nicht zu vergessen die drei „Major Oscars“, die er Film bei der Verleihung von 1944 errang: Bester Film, bestes Drehbuch, beste Regie. Die nominierten Darsteller:innen, auch Humphrey Bogart, gingen leer aus. Bogey verlor gegen Paul Lukas, der in einem ebenfalls wichtigen Anti-Nazi-Film die Hauptrolle innehatte: „Die Wacht am Rhein“; dessen Titel dem Lied gewidmet ist, das in der berühmten „Niedersingszene“ von „Casablanca“ gegen die stimmgewaltig intonierte Marseillaise verliert. Auch Claude Rains war für seinen wunderbaren Louis Renault nominiert, musste sich aber Charles Coburn in „The More, the Merrier“ beugen.

 

Finale

Die Mischung aus großer Liebe, die entsagt für ein großes Ziel und die moralische Eindeutigkeit führen zusammen zur anhaltenden Kultstatus des Films. Dass derlei heute nicht mehr nachkommen kann, versteht sich von selbst, denn die moralische Eindeutigkeit wäre, gleich, wer sie propagiert, eine glatte Lüge. Das konnte man im weltweiten Kampf gegen die Nazis anders sehen und deshalb werden immer noch Filme gemacht, die sich lieber auf jene Zeit beziehen, als sich der heutigen, gleichermaßen komplexen wie verfahrenen Situation zu stellen. Held:innen des Widerstands kann man noch in sozialen Zusammenhängen finden, wenn es also um Menschen geht, die den Klassenkampf noch wagen, aber was ist mit der romantischen Komponente? Die fehlt immer und immer und daher ist es unmöglich, eine Story wie „Casablanca“ auf der Basis heutiger gesellschaftlicher Kämpfe zu kreieren. Der Aufstieg der Grünen in Deutschland, das Wirken der ersten Generation, ist, zwei der damaligen Politiker:innen betreffend, mit einer Story verbunden, die etwas von all dem hat, wenn man von der tödlichen Bedrohung absieht, aber dies bedeutet bereits eine Einschränkung und es ist nun auch schon lange her. 

„Auch wenn man den Film Jahr für Jahr immer wieder sieht, so wird er doch niemals zu vertraut. Es ist wie bei dem Lieblingsmusikalbum, je besser man es kennenlernt, desto mehr schätzt man es.“ – Roger EbertSeptember 1996[33]

Roger Ebert trägt mit zu dem 100-Prozent-Score bei, den der Film auf „Metacritic“ heute innehat. Was aber nicht bedeutet, dass alle Kritiken mit „100/100“ eingestuft werden. Die IMDb-Nutzer:innen sehen den Film derzeit auf Platz 43 der besten Filme aller Zeiten und dies mit einem Durchschnitt von 8,5/10.

So weit wie bei Ebert ist es bei mir noch nicht, und da ich mir den Film sicher nicht jedes Jahr einmal ansehen werde (die aktuelle Sichtung für die Rezension war die dritte oder vierte) und weil es ein paar Kleinigkeiten gibt, die von anderen Effekten überlagert werden und die man durchaus diskutieren kann, etwa die Nazi-Rollen, die viele vor den Nazis Geflüchtete in diesem Film spielen, besonders der Topschauspieler Conrad Veidt, der den Major Strasser gibt und ein Jahr nach dem Dreh dieses Films bereits verstarb, der homophobe Ansatz, der sich in den Rollen von Peter Lorre in den USA ausdrückte etc., kommt es bei uns nicht zu einer ganz so herausragenden Wertung. Auf der Plusseite steht wiederum, dass der Barpianist Sam quasi den Weisen und das Ruhezentrum des Films darstellt und Rick in seinen Gefühlsnöten stabil und unauffällig beistehen möchte. Eine für damalige Verhältnisse sehr erwachsene Rolle für einen Afroamerikaner. Vielfach wird „Casablanca“ als Produktion des Jahres 1943 gelistet, darauf würde auch die Teilnahme am Wettbewerb der Academy of Motion Pictures im Jahr 1944 hindeuten, aber die öffentliche US-Premiere fand bereits 1942 statt. Was man nach meiner Ansicht auch nicht tun wollte, obowhl ich den Guardian als eher lichtgebendes Element im zuweilen furchterregend düsteren britischen Medienwald schätze: 

Seventy years on, this great romantic noir is still grippingly powerful: a movie made at a time when it was far from clear the Nazis were going to lose. –  The Guardian Peter Bradshaw

Man sollte den Film nicht auch noch als Heldenepos auf Seiten der Macher ansehen, als ob es hätte passieren können, dass sie sich eines Tages vor den siegreichen Nazis rechtfertigen müssen. Es reicht, dass die wichtigen Figuren am Ende Helden sind, gleich, ob schon als solche nach Casablanca gekommen oder im Verlauf der Handlung geläutert. Er zeigt das Casablanca von Ende 1941, kurz vor dem amerikanischen Kriegseintritt, Es wird an einer Stelle geäußert, dass man keine Prognose über den Ausgang des Krieges tätigen wolle, aber Rick betreffend, ist das auch Ausdruck seiner zu dem Zeitpunkt noch egoistischen Einstellung und man darf diese Aussagen von fiktionalen Figuren nicht mit dem gleichsetzen, was man als Sachlage zum Zeitpunkt des Drehs festhalten muss. Als „Casablanca“ entstand und vor allem, als er veröffentlicht wurde, war längst klar, dass die  Wehrmacht der materiellen Überlegenheit der Alliierten nicht würden standhalten können, die durch das Mitwirken der USA offiziell manifestiert wurde. Dass Ingrid Bergman und Humphrey Bogart ihre Oscars etwas später für ihre Leistungen in anderen Filmen erhielten, finde ich stimmig, trotz des ikonischen Zusammenwirkens in „Casablanca“, aber das Zusammenwirken aller Charaktere, die Ensembleleistung, die herausragenden Dialoge und auch der Musik, die wir hier nur kurz im Zusammenhang mit den AFI-Bestenlisten erwähnt haben,  ließ ein Werk von besonders großer Dichte und Atmosphäre in einer Zeit entstehen, in der ohnehin der Film noir die bis heute besten Stimmungsfilme hervorbrachte. Ist „Casablanca“ auch ein Film noir, weil es kein Happy-End für Rick und Ilsa gibt? Ich meine, nein. Für alle Fans haben wir einen Moment der berührenden Schlussszene als Titelfoto gewählt.

87/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Michael Curtiz
Drehbuch Julius J. Epstein,
Philip G. Epstein,
Howard Koch
Produktion Hal B. Wallis,
Jack L. Warner
für Warner Bros.
Musik Max Steiner
Kamera Arthur Edeson
Schnitt Owen Marks
Besetzung

 

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