Auskünfte in Blindenschrift – Polizeiruf 110 Episode 82 #Crimetime 1006 ::: 50JahrePolizeiruf110 ::: #Polizeiruf #Poliziruf110 #DDR #Hübner #Blindenschrift #blind #Auskunft

Crimetime 1006  - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Sehen ohne Augenlicht als Erkenntnisprozess

Einige Arbeiten des Regisseurs Peter Vogel zählen für mich zu den Highlights der Reihe Polizeiruf 110, wie etwa „Im Kreis„, der von einer ungewöhnlich aktiven Inszenierung lebt, kleine Drehbuchschwächen kann man bei einem derart kraftvoll gestalteten Film auch mal hintanstellen. „Auskünfte in Blindenschrift“ ist viel leiser, lebt ebenfalls von der Figurenzeichnung und es gibt die eine oder andere Frage zu dem Film, die nicht so leicht zu beantworten ist. Was damit gemeint ist und mehr zum Polizeiruf Nr. 82 steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Auf einer Baustelle kommt es zu einem Unfall, als ein verbauter Podestbalken zerbricht und Teile des Gebäudes einstürzen und einen Arbeiter unter sich begraben. Oberleutnant Jürgen Hübner wird mit den Ermittlungen betraut. Es ist bereits das zweite Mal, dass auf einer Baustelle ein derartiger Unfall geschieht. Beim ersten Mal wurde Arbeiter Gernot Siebenkorn verletzt und verlor in der Folge sein Augenlicht. Ermittlungen ergeben, dass die Podestbalken das Betonwerk geprüft verlassen haben. Die Podestbalken, die verbaut worden sind, waren Fälschungen, deren Bewehrungsstücke zu kurz gegossen wurden. Woher die Fälschungen kamen, weiß keiner.

Gernot hat einen Verdacht, ist jedoch nicht bereit, ihn offen auszusprechen, zu sehr ist er mit seiner eigenen Situation beschäftigt. Mithilfe der ebenfalls blinden Anna Möller lernt er, sein Leben neu zu meistern. Er beginnt, wieder Gitarre zu spielen, und lernt auf einer Maschine Blindenschrift zu schreiben. Auch das Lesen der Blindenschrift eignet er sich langsam an. Zu den Besuchern in seinem Haus gehört neben Anna auch Erwin Kampe, der ein Materiallager gleich neben Gernots Wohnung leitet, aus dem auch die fehlerhaften Podestbalken geliefert wurden. Im Lager wird zwei Mal hintereinander eingebrochen. Unter anderem werden Sanitäreinrichtungen im Wert von mehr als 40.000 Mark gestohlen. Gernot hat immer mehr den Eindruck, dass Erwin schuldig ist, doch kann er seinen Freund nicht bei der Polizei anzeigen. Als anonym 1000 Mark an Gernot geschickt werden, spricht dessen Frau Marion Erwin an, ob er ein schlechtes Gewissen habe. Mit dem Hinweis, jeder habe ein schlechtes Gewissen, versucht sich Erwin an Marion heranzumachen, doch weist sie ihn empört ab.

Die polizeilichen Ermittlungen haben unterdessen Erwin als Täter nachweisen können. In seinem Lager fanden sich weitere gefälschte Podestbalken. Die Meldung eines ABV führt die Ermittler schließlich zu einer Scheune, in der Erwin die aus seinem Lager gestohlene Ware unterbringen ließ. Auch die Gussstücke für die Podestbalken lagern hier. Erwin hat in großem Stil die für das staatliche Wohnungsbauprogramm benötigte Ware einem anderen Bauvorhaben zugeschanzt und daran gut verdient. Als die Ware für den eigentlichen Bau benötigt wurde, fälschte er Bauteile und gefährdete damit das Leben seiner Mitarbeiter. Gernot hat unterdessen Gespräche, die auf der Baustelle liefen und Erwin belasten, mitgeschrieben und die Notizblätter an Anna übergeben, die sie zur Polizei bringt. Die Ermittler nehmen Erwin fest.

Rezension

Es gibt gleich zwei Knackpunkte, die für mich nicht so einfach zu überspringen sind: Der eine ist die Herstellung minderwertiger Stahlbetonelemente (hier: Podestbalken) im quasi Heimwerkerverfahren. Der andere ist noch wichtiger: Warum schreibt Gernot Siebenkorn seine Notizen in Brailleschrift mit einer Punktschriftmaschine? Er müsste auch nach der Erblindung durch einen Unfall noch in der Lage sein, handschriftlich aufzuzeichnen. Anders sieht es natürlich mit dem Lesen aus, das neu erlernt werden muss. Damit Schreiben und Lesen wieder zusammengeführt werden, erlernt man also mit der Zeit auch das Schreiben in Blindenschrift, das nicht handschriftlich vorgenommen werden kann, sondern eine Punktschriftmaschine erfordert.

Zumindest von der Logik lässt sich die Betonteilangelegenheit erklären: Da die hochwertigen Teile bei Schwarzbauten verbraucht werden und der Bestand stimmen muss, müssen zusätzliche weitere Elemente gefertigt werden, die aber nicht die Qualität maschineller Produktion aufweisen. Die Materialknappheit und der Materialklau sind ein geradezu legendäres DDR-spezifisches Krimithema. Letzteren gibt es überall, wo es Baustellen gibt, aber in der DDR kamen zwei Besonderheiten hinzu: Die Materialknappheit zwang allgemein zu erfinderischen Methoden und es notabene gab keine Baustoffmärkte für Private – also musste alles aus offiziellen Beständen abgezweigt werden. Da man in den 1980ern vermutlich so weit war, dass man die Transportwege einigermaßen sichern konnte und Baustoffteile wohl auch nummeriert wurden, um den Schwund zu begrenzen, konnte die Verschiebung vor allem dadurch stattfinden, indem man eine Form von Ersatz produzierte.

Trotzdem wirkt das nicht ganz schlüssig, denn der Einbruch in Baustoffhöfe wäre in der Tat die wesentlich unkompliziertere Variante und könnte ebenso vorgetäuscht sein, wie wir das hier sehen, wo der Betreiber des Hofes mitverdient. Es werden bei diesen gefakten Einbrüchen z. B. auch Heizkörper gestohlen, die man nicht durch Eigenbauten ersetzt und wohl auf die Weise auch nicht ersetzen kann – und es ist ein erheblicher Unterschied, ob man etwas mitgehen lässt, das eine Nachlieferung erfordert, oder ob man unzählige Menschen dadurch in Gefahr bringt, dass man minderwertige Falsifikate von Bauteilen erstellt, die zudem leicht erkennbar sind. Der offizielle Hersteller in „Auskünfte in Blindenschrift“ kann ohne Probleme nachweisen, dass diese Elemente nicht aus seiner Produktion stammen. Kein Wunder, dass Oberleutnant Hübner sich immer wieder fragt, was er eigentlich ermitteln soll – dazu in einem Fall, der normalerweise Sache der Spezialisten von der Bauaufsicht ist.

Die beste Erklärung für die Verwendung der Blindenschrift durch Gernot Siebenkorn ist wohl die philosophische: Er lernt als Blinder erst richtig sehen. Zuvor hat er sich, ohne sich Gedanken über die Herkunft der Materialien zu machen, mit Schwarzarbeit das eine oder andere Sümmchen nebenbei verdient, wie so viele Bauhandwerker. Auch hier: Nicht nur in der DDR, selbstverständlich, aber während in der BRD durch Schwarzarbeit vor allem Geld gespart wurde, war es in der DDR oft gar nicht anders möglich, privat zu bauen, als dass Mitarbeiter der PGHen (Produktionsgenossenschaften des Handwerks) das nebenbei machten. Insofern musste man sich, nachdem das gang und gäbe war, einen Plot einfallen lassen, der ein Verhalten zeigt, das wesentlich verwerflicher ist als der mehr oder weniger notgedrungene Klau am Bau und das – im Kleinen selbstverständlich – eher an die Methoden der italienischen Mafia in ihrem Heimatland erinnert. Dort sind weite Teile der Bauwirtschaft mafiös durchsetzt und es wird auch gerne dadurch ein Schnitt gemacht, dass minderwertige Materialien verwendet werden.

Die Kritik stellte fest, dass sich der Film ganz auf die Figur des Opfers Gernot konzentriere, da der Täter Kampe dem Zuschauer schnell bekannt werde. „Die Spannung verlagert sich [daher] ganz auf den Selbstfindungsprozeß des Gernot Siebenkorn, der nicht nur im wörtlichen, sondern auch im bildhaft übertragenen Sinn in seiner Blindheit ‚sehen‘ lernen muß, und der Hauptdarsteller Dieter Mann führt diesen Prozeß auf geradezu beklemmende Weise vor, zwischen neuem Lebensmut und Verzweiflung pendelnd.“[3]

Ein weiteres Problemfeld stellt die Beteiligung von Erwin Kampe dar: Wieso wechselt die Richtung des Verdachts von Gernot Siebenkorn, wie er selbst sagt, nach einiger Zeit? Er weiß doch aufgrund der früheren Zusammenarbeit, dass sein bester Freund das Material für den Schwarzbau organisiert, dass die Transportfahrer im Bunde sein müssen und dass der Werkstoffhof von Kampe die Umschlagstelle ist. In dem Moment, in dem er erfährt, dass auch sein eigener Unfall auf nicht sachgemäß hergestellte „Schwarzbauteile“ zurückzuführen ist, müsste er die Zusammenhänge erahnen. Aber wir wissen ja, er hat sich vorher nicht viel Gedanken gemacht und lernt erst, Zusammenhänge begreifen, nachdem ihm das Augenlicht verloren gegangen ist.

Gut austariert ist hingegen das Verhältnis des Falls zur Betrachtung von Gernots Problemen, sich in einem Leben zurechtzufinden, in dem er ohne den wichtigsten Sinn, das Sehen, auskommen muss. Dieser Part ist von Peter Hoff im obigen Zitat gut beschrieben worden. Was uns überrascht hat, ist, dass der Mann, der eher wie ein Kopfarbeiter wirkt, als Werktätiger ohne Leitungsfunktion im Hochbau beschäftigt war, bevor er diesen Job durch seine Erblindung nicht mehr ausüben konnte, während seine neue Freundin und Leidensgefährtin, die vor zehn Jahren erblindete Lehrerin Anna, weiterhin beruflich tätig ist. Das Dreiecksverhältnis zwischen Siebenkorn, seiner Frau, die sich mit ihm ins Schicksal findet, der neuen Begleiterin, das dann zum Viereck wird, als Kampe immer wichtiger wird, ist das eigentlich Spannende an dem Film, denn von dessen Funktionieren hängt es ab, ob Siebenkorn die neue Situation meistert. Das wird vorbildlich gelöst, indem die Frauen zusammenwirken und ihre mögliche Eifersucht in Grenzen halten – während Kampe sich nicht nur am Bau, sondern auch hier als Gefahr erweist und damit die frühere berufliche Konstellation sich im Privaten spiegelt. Das Böse dringt bis in Siebenkorns Wohnung vor, wenn man es überspitzt betrachten möchte.

Allerdings hat Kampe nicht, wie befürchtet vor, Siebenkorn umzubringen, weil er ein Mitwisser ist. Auch Kampe ist nicht undifferenziert gezeichnet, einige seiner freundschaftlichen Aktionen sind echt, wie zum Beispiel, dass er Siebenkorn zum Schwimmen mitnimmt. Diese Situation ist hübsch spannungsgeladen. Idyllische Lagen eigenen sich bekanntlich besonders gut dazu, subtilen Suspense aufzubauen. Und wie war es mit dem Gitarrenspiel? Hat Kampe deswegen für Stimmung gesorgt, damit niemand vernehmen kann, was auf dem Grundstück gegenüber vor sich geht? Im Verlauf des Films gewinnt Siebenkorn ein besonders gutes Gehör, das wird durch die Tongestaltung hervorgehoben. Aber da sich auf dem Werkstoffhof fast jede Nacht etwas tut, ist eher davon auszugehen, dass es sich nicht um eine Inszenierung handelt, sondern dass die Inszenierung des Films das nur ein wenig suggeriert. Diese Vagheit, die dem Zuschauer etwas mehr Nachdenken abringt und Interpretationsspielraum lässt, als eine ganz eindeutige Gestaltung, ist bei Peter Vogel ausgeprägter als bei einigen anderen Regisseuren, die für die Reihe Polizeiruf 110 gearbeitet haben.

Finale

Zweifellos ist „Auskünfte in Blindenschrift“ ein interessanter Film mit besonderen Aspekten, aber Fragen an die Handlung bleiben, sie werden auch durch das Spiel von Jürgen Frohriep als Jürgen Hübner verkörpert, der ziemlich genervt ist vom Herumstochern nach den Ursachen des Murkses am Bau, der dafür verantwortlich ist, dass mehrfach und in gewissen Abständen Gebäudeteile einstürzen. Dafür dreht Hübner hier etwas mehr auf als in manchen anderen Filmen und muss seine dafür nicht besonders gut geeignete Stimme auf laut stellen.

7/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Peter Vogel
Drehbuch Peter Vogel
Jens Bahre
Produktion Hans-Erich Busch
Musik Hermann Anders
Kamera Günter Jaeuthe
Schnitt Brigitte Koppe
Besetzung

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