„Bekleidungsindustrie unter Druck“ + Kommentar: „Der Pulli ist politisch“ | #Frontpage Statista Weltwirtschaft | #Wirtschaft #Industrie #Textilindustrie #China #SouthEastAsia #Africa #EU #Germany #Economy #WTO

Frontpage | Wirtschaft | Bekleidungsindustrie, Umsatz und Beschäftigte

Vielleicht haben wir ja Glück und es handelt sich bei den folgenden Zahlen nur um diejenigen für bedruckte Kleidung, vor allem T-Shirts. Natürlich nicht. Wir erklären kurz, was man auf Basis der Grafik von Statista und des Begleittextes für Überlegungen anstellen kann und haben ein wenig weiterrecherchiert. Die Ergebnisse im Kommentar unterhalb der Fakten.

Die Grafik „Bekleidungsindustrie unter Druck“ weist aus, dass die deutsche Bekleidungsindustrie zwischen 2005 und 2020 rund 40 Prozent ihres Umsatzes und ihrer Beschäftigten verloren hat. Interessanterweise gab es von 2010 bis 2015 einen leichten Anstieg, aber Corona hat die Lage noch einmal verschärft. Der Rückgang nach 2005 ist hingegen vor allem darauf zurückzuführen, dass Schutzbestimmungen für „sensible Bekleidungsprodukte“ 2005 endeten, das hatte die WTO so beschlossen. Das Folgende galt bereits vorher, hat sich seitdem aber weiter verstärkt:

Deutschland ist ein Nettoimporteur von Textilien und Bekleidung. Die Produktion der heimischen Textil- und Bekleidungsindustrie deckt nur einen relativ kleinen Teil der Nachfrage. Der Großteil kommt heute aus Niedriglohnländern vor allem in Asien. China, Bangladesch und die Türkei waren im Jahr 2019 die wichtigsten Herkunftsländer für den deutschen Bekleidungsmarkt. Technologische Entwicklungen begünstigen jedoch eine Rückverlagerung der Produktionsstandorte bis 2025 nach Europa.

Halten wir also fest:

  • Die neoliberale Freihandelsideologie hat in Deutschland seit 2005 fast die Hälfte der damals schon nicht mehr so hohen Zahl von Arbeitsplätzen in der Bekleidungsindustrie vernichtet. Der von uns oben verwendete Begriff Textilindustrie ist weiter gefasst und umschließt die Bekleidungsindustrie.
  • Eine Rückholung von Produktion unter veränderten technologischen Bedingungen heißt nicht, dass dadurch viele neue Arbeitsplätze entstehen, denn eine fast vollständig automatisierte Produktion ist gerade die Bedingung dafür, dass es sich wieder lohnt, in Europa zu produzieren und lange Transportwege dadurch einzusparen. Ökologisch ist es dadurch ebenfalls besser, inklusive der höheren Standards bei der Materialauswahl und bezüglich der Arbeitsbedingungen für die Menschen, die nicht mehr selbst an der Nähmaschine sitzen und sich kaputtschuften müssen, wie das in den gegenwärtigen Herstellungsländern häufig der Fall ist.
  • Es wird, wenn es so kommt, Wertschöpfung weitgehend ohne Erwerbstätigkeit entstehen. Dadurch werden nur wenige Einnahmen entstehen, die auf Arbeitsverhältnissen abhängig Beschäftiger fußen (Lohnsteuer, Sozialabgaben). Wie muss also besteuert werden, damit diese Wertschöpfung nicht ausschließlich in den Taschen des vagabundierenden Kapitals verbleibt?
  • Was wird aus den Menschen, die gegenwärtig unter miserablen Bedingungen für uns die Klamotten nähen, im erwähnten südostasiatischen Raum? Vor allem in Ländern, die sich (noch) nicht technologisch upgraden konnten? Das sind diejenigen, in denen die Sportkleidung mit deutschen Labels derzeit gefertigt wird. Was wird aus den Menschen in Afrika, das China gerade wirtschaftlich kolonisiert, um eine noch günstigere Arbeitskräfte-Reserve zu erschließen, als es sie in den südostasiatischen Ländern derzeit schon aktiviert hat? Wir werden viele von ihnen als Geflüchtete aus wirtschaftlichen Gründen aufnehmen müssen. Die EU sorgt dafür jetzt schon, indem sie unfaire Handelspraktiken mit Afrika etabliert hat.
  • Das oben Dargestellte ist exemplarisch und betrifft auch andere Industriezweige. Im produzierenden / verarbeitenden Bereich verliert Deutschland seit vielen Jahren per Saldo Arbeitsplätze, trotz des sogenannten Jobwunders, das im Wesentlichen eine Umverteilung vorhandener Arbeit auf mehr Menschen und mehr Bullshit-Jobs im Dienstleistungsbereich beinhaltet. Die nächste Zäsur wird die Automobilindustrie betreffen, die durch die Umstellung auf E-Motoren weniger Arbeitskräfte benötigt als bisher. Da ein wesentlicher Bestandteil des deutschen Technologie-Renommees auf dem Bau (übertrieben) starker Verbrennungsmotoren fußt, müssen außerdem die Marktanteile durch andere Vorzüge gehalten werden. Die deutsche Autoindustrie produziert allerdings bereits seit 2016 mehr Fahrzeuge mit den bekannten Markenlabels im Ausland als im Herkunftsland der Unternehmen. Dieser Trend lässt sich kaum umkehren.

Und wo kommt der Pulli her?

Die deutsche Modehauskette C&A steht womöglich vor dem Verkauf an chinesische Investoren. Das wäre insofern passend, als die meiste nach Deutschland eingeführte Kleidung auch aus China kommt. Wie unsere Infografik zeigt, wurde im Jahr 2016 laut des Statistischen Bundesamtes Kleidung im Wert von etwa 8,13 Milliarden Euro aus China importiert.

Erst mit Abstand folgt dann Bangladesch, wo die Textilindustrie gemessen an der Wirtschaftskraft des Landes einen überproportional großen Stellenwert hat. Auch die Türkei spielt eine wichtige Rolle als Kleidungsproduzent und Exporteur (kursiv = Begleittext von Statista).

Aus der Türkei kommt vor allem „Marktware“ und No-Name, in Kambodscha lassen Nike und Adidas Sportklamotten fertigen. Die Grafik zeigt nicht den aktuellsten Stand, ist aber noch sehr aussagekräftig. Zum Vergleich: Die deutsche Textilindustrie machte insgesamt im Jahr 2020 noch ca. 4 Milliarden Euro Umsatz. Das ist die Hälfte von dem, was alleine China 2016 nach Deutschland importiert hat. Der Umsatz beim Klamottenverkauf ging 2020 zurück, aber wird 2021 wieder in jedem Sinne des Wortes anziehen.

  • Die heimische Produktion macht nicht einmal mehr 20 Prozent dessen aus, was an Bekleidung nachgefragt wird.
  • Fast alles, was wir kaufen, kommt aus Ländern, die sowohl bei der Materialverwendung und -verarbeitung wie auch bei den Arbeitsbedingungen wesentliche niedrigere Standards haben, als das bei hiesiger Produktion der Fall ist, ungeachtet der Tatsache, dass auch hierzulande nicht alles in der guten sozialen Ordnung ist.
  • Kaum eines dieser Länder ist gesellschaftspolitisch fortgeschritten, Diktaturen überwiegen, Rückwärtsentwicklungen in Sachen Demokratie wie in der Türkei und sogar innerhalb der EU, wie in Polen, eingeschlossen. Die meisten Importe kommen aus einer der rigidesten Einparteiendiktaturen weltweit, die außerdem eine zunehmend imperialistische Ausrichtung erkennen lässt.
  • Wir machen diese undemokratischen Systeme durch unsere Klamottenkäufe und den Kauf vieler anderer Produkte immer stärker. Diejenigen, die sich hierzulande als „liberal“ im Sinne von freiheitlich geben, fördern gleichzeitig diese Tendenz dadurch, dass sie weltweit Schutzinstrumente im Handel abbauen und Konzernen Sonderrechte jenseits nationaler oder wenigstens EU-seitig installierter rechtsstaatlicher Standards einräumen wollen, beschönigend „Freihandelsabkommen“ genannt. Es geht diesen politischen Kräften nur um mehr Profit durch (noch) mehr Entfesselung des Kapitals, nicht um Freiheit im Sinne der Bürgerrechte und dergleichen.
  • Die Diktaturen hingegen, insbesondere die größte von allen, schützen ihre eigene Wirtschaft, indem sie von ausländischen Partnern Technologietransfers erzwingen, ansonsten kein Marktzugang, während sie selbst ungehindert weltweit verkaufen, produzieren und Unternehmen schlucken dürfen. Besonders in Deutschland ist wg. nicht vorhandener wirtschaftsstrategischer Politik alles erlaubt.
  • C & A ist noch nicht in chinesische Hände übergegangen, aber das ist eher eine Ausnahme. Chinesische Investoren setzen sich in der Regel durch, auch aufgrund der sehr hohen Preise, die sie für Übernahmeziele zu zahlen bereit sind. Diese expansive Wirtschaftspolitik wird wiederum von der KPCh mit billig verliehenem Geld und einfachem Zugang zu den Kapitalmärkten gefördert. Nahezu 30 Prozent einer (weiteren) deutschen Schlüsselindustrie, des Maschinenbaus, sind bereits in chinesischer Hand oder haben chinesische Investoren an Bord.

Der Pullover ist also politisch, wie jedes Konsumprodukt. Dass die meisten Verbraucher:innen das nicht im Blick haben, ist evident, sonst würden zumindest diejenigen, die nicht aus wirtschaftlichen Gründen nur billigst kaufen können, mehr über ihr Konsumverhalten nachdenken, wenn sie gute Demokrat:innen und außerdem ökologisch progressiv sein wollen. Dass wiederum Billigprodukte unter miserablen Bedingungen hergestellt werden, um bei uns die Shops zu überschwemmen, ist Teil des menschenfeindlichen neoliberalen Deals: Dadurch hat die immer größere Schar der Armen in Europa das Gefühl, dass sie noch am Wirtschaftsleben teilnimmt, obwohl die soziale Schere immer weiter auseinandergeht.

Einen Verbrauchertipp haben wir aber auch noch gefunden, in einer weiteren Statista-Grafik: Kaufen Sie Ihre Outdoor-Anziehsachen im Mai oder im August, dann sind sie am billigsten.

TH

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